Das amerikanische Sturmsignalcorps

Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Das amerikanische Sturmsignalcorps
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 19
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[019] Das amerikanische Sturmsignalcorps. Vor zwei Jahren bewilligte der Vereinigte-Staaten-Congreß die nöthigen Gelder zur Gründung eines Sturmsignalcorps, dessen Aufgabe es sein soll, dem Schiffer zeitige Kunde von nahenden Stürmen zu geben. Um die hier nöthige Disciplin in Anwendung zu bringen, wurde das Corps unter die Controle des Kriegsministeriums gestellt. Zum Chef wurde Albert J. Myer ernannt.

Schon nach kurzer Zeit erwies sich diese Anstalt auch dem Landmanne von Nutzen; denn nicht nur Stürme, sondern auch Regen, Schnee und Frost werden jetzt mit großer Genauigkeit vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden im Voraus prophezeit. Das Ganze beruht auf folgendem Plane: Ueber das weitläufige Gebiet der Vereinigten Staaten liegen die meteorologischen Stationen, fünfundsechszig an der Zahl, zerstreut; vorzugsweise in den größeren Städten. Jede Station steht in telegraphischer Verbindung mit Washington, der Centralstation. Von allen diesen Stationen werden drei Mal täglich (alle im selben Momente) Berichte über den Stand der Instrumente und den Charakter des Wetters per Telegraph nach Washington gesandt; aus diesem Material werden dann die Prophezeiungen componirt und zwei Mal täglich an die Presse im ganzen Lande geliefert. Außerdem werden täglich Karten gedruckt, auf welchen man mit einem Blicke die Beschaffenheit des Wetters übersieht. Beim Anzuge heftiger Stürme wird der Seefahrer durch Signale gewarnt, welche längs den Küsten aufgehißt werden; dieselben bestehen aus rothen Fahnen mit schwarzem Centrum am Tage, und rothen Lichtern in der Nacht.

Jede Station ist mit den folgenden Instrumenten versehen: ein Barometer, ein Thermometer, zwei registrirende Thermometer, ein Hygrometer (Feuchtigkeits-, oder Nässemesser), ein Anemometer (Windmesser), ein Anemoskop (Windweiser), ein Regenmesser und eine Windfahne. Das Observatorium befindet sich gewöhnlich auf dem Dache irgend eines günstig gelegenen Gebäudes und wird von einem Beobachter und einem Assistenten besetzt; Ersterer bekleidet den Rang eines Sergeanten. Die Sergeanten, welche eine gewöhnliche Schulbildung besitzen müssen, werden, ehe sie diesen Dienst antreten, in Fort Whipple im Gebrauche der Instrumente etc. unterrichtet. Wenn sie sich nun nach einer zweiten Examination als fähig bewiesen, wandern sie nach ihren Posten, um in manchen Fällen ein monotones Einsiedlerleben zu führen; z. B. auf dem sechstausendzweihundertneunzig Fuß hohen Mount Washington, wo das Thermometer zuweilen -35 Grad Kälte zeigt, oder in den Wildnissen des fernen Westens. Ihr Jahresgehalt beträgt nur achthundertsiebenundfünfzig Dollars.

Der praktische Geist der Amerikaner hat der Meteorologie, durch nützliche Anwendung derselben, in diesem Lande mehr Popularität zugewandt, als dieses in Europa heute der Fall ist; obgleich die europäischen Systeme älter als das amerikanische sind. Die Formation und Ausdehnung des Landes trägt aber auch wesentlich zur günstigen Entwicklung der Witterungskenntniß bei, denn fast alle Störungen im Luftmeere schreiten von West nach Ost vorwärts und gebrauchen oft drei bis vier Tage, um die Tausende von Meilen zu durchreisen, welche die telegraphische Warnung in eben so vielen Minuten durcheilt.

Die Gebäulichkeiten der Hauptstation in Washington zeichnen sich durch echt republikanische Einfachheit aus. Das Ganze besteht aus weiter nichts als einem kleinen Hause, zwei Stockwerke hoch, welches vormals als eine Privatwohnung gedient hatte. Beim Eintreten gewahrt man zwei Unterofficiere und einen Assistenten mit Schreibereien beschäftigt; in einer Ecke steht der Telegraphenapparat, welcher unaufhörlich Depeschen aus den entferntesten Gegenden auf einen sich entwickelnden Papierstreifen druckt. Eine Seitenthür öffnend, tritt man in ein ähnliches, aber noch kleineres Gemach: einige Landkarten an den Wänden, verschiedene Bücher und ein paar altersschwache Stühle bilden so ziemlich die ganze Einrichtung. An einem kleinen Pulte sitzt der „Chief Signal Officer of the Army“. General Myer, der das ganze Signal-Departement der Armee unter sich hat. Kurz, aber höflich werden hier alle Besucher abgefertigt. Im oberen Stockwerke, wo die schon vorher beschriebenen Instrumente aufgestellt sind, befinden sich die Professoren Abbe und Maury, welche das wissenschaftliche Material liefern.