Das Staatsgefängniß Mazas in Paris

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Das Staatsgefängniß Mazas in Paris
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 194–196
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Das Staatsgefängniß Mazas in Paris.[1]

Flanirt man in Paris südwärts nach den Quais, so ist es leicht möglich, dort einen vergitterten Omnibus zu treffen, welchem zwei mobile Gensd’armen zu Pferde folgen. Dies ist an und für sich schon ein auffallendes Ereigniß; für den Fremden aber noch mehr, da er die Bestimmung dieses fahrenden Käfigs nicht kennt. Doch auch der Einheimische, der Pariser, bleibt neugierig stehen; denn – es ist der Omnibus Mazas.

Mit einem Wort, ein eiserner Zellenwagen, in welchem die Gefangenen transportirt werden. Es hat darin ein Jeder anderthalb Quadratfuß Zelle, gerade so viel, um auf einem Brett sitzen zu können und sich die Knieen wund zu stoßen. Statt der Fenster sind es eiserne Jalousien, als wenn ein neugieriger Blick des Vorübergehenden so furchtbar wäre!

Von dem Augenblicke an, wo der Gefangene in diesem modernen Vehikel Platz genommen, hat er auf die Welt nicht eher wieder Anspruch, als bis er frei ist. Von diesem Augenblicke an ist er Maschine, Werkzeug, Gegenstand, – über welchen nur ein Gericht sitzt, das ihn verdammt oder wieder Mensch werden läßt – Der Gefangene wird pensylvanischer Bewohner.

Jetzt hält der Zellenwagen, gegenüber dem Lyoner Bahnhof, vor einem aus hartem Mörtel gemauerten Gebäude von langer, strahlenförmiger Ausdehnung.

Hier ist das Zellengefängniß Mazas, welches von dem Abbé den Namen führt, der unter Louis Philipp den Plan dazu entwarf.

Das hohe, eisenbeschlagene Thor öffnet sich knarrend und der Wagen holpert, die Wache vorbei, in den Hof, wo ihn der Inspector und die Kerkermeister empfangen. Mit dem Thore, welchen sich jetzt dröhnend wieder schließt, wird die ganze Welt für den Gefangenen abgeschlossen; es ist der Sargdeckel, welcher auf das letzte Kastengestell geworfen wird und was ihn jetzt erwartet, ist ein lebendiges Grab.

Einzeln steigt der Mann aus dem Zellenwagen, wird in den breiten, hellen Corridor geführt und in eine sogenannte Wartezelle gebracht. Das System der Einsamkeit beginnt und der Gefangene sieht Niemanden mehr als seinen Wärter. Das christliche Werk des Abbé Mazas macht den Menschen hier wider Willen zum Eremiten. Man hätte dies Gebäude auch das Kloster Eremitage sans volonté taufen können.

Er tritt darauf durch einen Irrgang in das Bureau des Zellenhauses, wo er seine Arme entblößt und der Schreiber ein genaues Signalement von ihm aufnimmt. Dann kehrt er in den ersten Corridor zurück und vor einer Glasrotunde, welche die sechs immensen Flügel dieser Einsiedelei beherrscht, giebt man ihm eine Nummer.

Der Gefangene sagt der Welt nun vollends Lebewohl, denn er hat jetzt nur noch eine Nummer, wie ein Bild im Museum; nur mit dem Unterschiede, daß man ein Bild höher schätzt, als einen nummerirten Gefangenen. Dennoch sind alle diese Nummerirten nur erst Verdächtige, meist leichte Verbrecher oder politisch Gravirte, welche erst verurtheilt werden sollen; denn in Mazas sitzt kein Verurtheilter, nur erst der Inkulpat.

Der Unglückliche hat nun also seine Nummer. Man schickt ihn im Trabe nach seiner Abtheilung, das heißt, nach einem von den sechs Flügeln. Ein Wärter empfängt ihn und führt ihn in eine Badezelle, um den Menschenschmutz hier in die Seine fließen zu lassen und wo möglich auch die Seele auszuwaschen, obgleich das jetzt vollkommene Nebensache wäre. Das wird Jedem selbst überlassen. – Man führt ihn alsdann endlich nach seiner Zelle, ohne daß er nur einen Menschen gesehen hat. Der Riegel schließt sich auch hier, um der neuen Nummer ihren engeren Wirkungskreis zu überlassen.

Dieser für das Wohl der Nummer berechnete Aufenthalt ist [195] eine längliche, schmale Zelle, von etwa zehn Fuß Länge und sechs Fuß Breite. Der Thür gegenüber befindet sich ein großes viereckiges Fenster von geringeltem Glas, um den Gefangenen weder den Himmel, noch die Wolken, noch die Vögel sehen zu lassen; – denn er soll von der andern Welt abgezogen werden, und man hätte ihm gern Pechpflaster über die Augen geklebt, damit er fromm werde in der steten Finsterniß.

An der einen Seitenwand befindet sich ein Holztisch, über welchem eine Gasröhre modernes Licht herausbrennen läßt, freilich nur im Winter, wo man von fünf bis sieben Uhr, oder auch wohl noch länger, den Gefangenen nicht in Dunkelheit zu lassen beliebt.

An der andern Ecke, neben der Thür, befindet sich ein Schap, auf welchem das gute Bett, gerollt und gewickelt, steht. Unter diesem ist das nothwendige Uebel für das menschliche Geschlecht praktisch angebracht; es ist dies eine Art Stuhl, welchem man durch Ventilisation den unausbleiblichen Geruch genommen. – Ich habe schon gedacht, daß man in Paris nicht in Verlegenheit sein könnte und die Cabinets inodorés, wie man aus diesem Detail sieht, ganz billig, gratis, bekommen kann. Neben diesem Möbel befindet sich ein Besen und alle Nothwendigkeiten zur weiteren Reinigung.

Mit einem Blick hat der Neueingetretene seine stille Behausung überschaut – er ist nun entweder erbaut oder verzweifelt darüber. Darin läßt man ihm vollkommene Freiheit. Doch Beides ist ohne Erfolg: denn er ist und bleibt hier König in seinem Zellenreiche und hat die Freiheit, sechs Schritte auf- und abzugehen.

Punkt sechs Uhr des Morgens ertönt die große Glocke und man hört das geheimnißvolle Summen, welches anzeigt, daß man sich die Glieder gereckt hat. Der Detinirte muß nun aufstehen. Wenn er nun, gern oder ungern, sich erhoben hat, so muß er sein Bett von den Haken in der Mauer losmachen, es sauber rollen und die Decken vorschriftsmäßig zusammenfalten. Dann kehrt er den steinernen Fußboden seiner Zelle und stellt neben dem Kehricht auch seinen blechernen Wasserbehälter an die Thür.

Der Wärter kommt; – er fegt den Schmutz hinaus und nimmt den Wasserbehälter, – dann schließt sich die Thür, ohne daß der Gefangene Zeit hatte, Bon jour zu sagen. Bald darauf stellt ihm eine unsichtbare Hand sein frisches Wasser für den Tag in die Zelle und schon um sieben Uhr sind die achtzehnhundert Zellen nach vorschriftsmäßiger Ordnung besorgt, gereinigt und versehen.

Das Staatsgefängniß Mazas in Paris.

Jetzt schlägt es acht Uhr! – Zum zweiten Male leutet die große Glocke und ein Blechgeklapper läßt sich erst fern, dann immer näher und näher vernehmen. Das viereckige Loch in der Thür öffnet sich und die flüchtige Hand des Wärters nimmt das leere Blechgeschirr hinaus und stellt dafür einen Blechnapf mit Suppe und eine Portion tägliches Brot auf das kleine Brettchen hinter der Thür-Oeffnung. – Einen Moment später ist Alles besorgt.

Der Gefangene verzehrt nun mit einem Holzlöffel seine gute Suppe, welche ihm die Liberalität des Gerichts bestimmt, und er ist sicher, daß er vor drei Uhr nichts weiter bekommt.

Doch halt! – Kaum ist die Suppe verzehrt, so öffnet sich die Oeffnung seiner Thür von Neuem und mit dem Ruf: Cantime! frägt der Wärter nach seinen Bedürfnissen. Diese Einrichtung ist sehr liberal; denn Alles, was der Gefangene wünscht, Wein, Brot, Fleisch, Frühstück, Mittag, Käse, Butter, Taback, Tinte, Feder u. s. w., wird ihm für sein Geld eben so billig, wie im Laden verabfolgt und überdies ist dies der Moment, wo er sich Alles wünschen kann, den Besuch des Arztes, des Direktors, des Priesters; eben so Bücher aus der christlichen Bibliothek des Mazasgefängnisses und sonstige Bedürfnisse, welche nach der Hausordnung nicht verboten sind. Der Wärter schreibt Alles auf und bringt es ihm nach einiger Zeit – das heißt Cantime oder Marketenderei!

Je nachdem nun die Reihe an ihm ist, wird dem Gefangenen eine Stunde Spaziergang erlaubt. Es öffnet sich der verhängvolle Riegel seiner Thür, er hört das Wort Promenade! Mit einer Geschwindigkeit, als stürze er zum Kampf oder zur Lotterie, durchläuft er seine Abtheilung, steigt die Treppe hinunter, rennt durch einen Korridor und ist in seinem Garten, ohne daß er Jemand gesehen oder gehört hat.

Dieser Garten ist ein Theil von einem großen Kreise, welcher durch hohe Mauern in zwanzig oder vier und zwanzig Schnitte getheilt ist. Einen von diesen tortenartigen Schnitten hat der Gefangene inne. Die Radien dieses Kreises münden in einer Rotunde, wo ein Wärter alle zwanzig Gärten übersehen kann und aufpaßt, daß kein Brief über die Mauer geworfen wird, um etwa den Nachbar zur Unterhaltung zu bewegen. Ein anderer Wärter macht vor dem äußern Gitter die Runde und ist beauftragt, jedem [196] Detinirten Auskunft zu geben und seine Fragen zu beantworten. Eine Stunde hat die Nummer Zeit hier, wie ein Thier im Käfig des Jardin des Plantes, umherzugehen, um frische Luft zu schnappen; nach dieser Zeit öffnet man seine Thür und mit derselben Geschwindigkeit wie beim Kommen kehrt er in seine Zelle zurück.

Nur ein flüchtiger Blick war ihm über das Innere des Gebäudes gestattet; aber er überblickt es in einem Monat dreißig Mal, er merkt sich immer mehr davon. Es ist dies ein langer Saal, elegant, breit, rein wie ein Tischtuch. Eine Glasdecke erleuchtet diesen pensylvanischen Tempel. Zwei Gallerien heben sich über das Steinparket empor, welche mit eisernen Gittern versehen sind und also auf jeder Seite drei Etagen Zellen abgeben, welche hier hinaus ihren Eingang haben. Auf der einen Seite blickt ein ungeheures Fenster hinein, auf der andern Seite stößt dieser Corridor-Saal auf die erwähnte Glasrotunde, welche zugleich Sonntags die Kapelle abgiebt.

Um drei Uhr öffnet sich das Thürfenster wieder und das Essen wird hineingestellt. Dann wird der Detinirte nicht wieder gestört. – Um sieben Uhr läutet es zur Ruhe und er kann sich sein Bett machen. In den beiden gegenüberstehenden Mauern seiner Zelle hakt er seine Hängematte ein, legt die Haarmatratze darauf, bedeckt dieses mit einem reinen Laken, während er mit einem anderen Betttuch seine Decken umschlägt. Dann schläft er den Gefangenenschlummer, – unruhig, leise – halb wachend, bis ihn am andern Morgen die Glocke zum Aufstehen mahnt.

Man sieht hieraus, was pensylvanische Einsamkeit ist. Nur Nichts sprechen und Nichts hören. – Beten, arbeiten und spazierengehen, soll den Tag ausfüllen. Aber das ist eben die fürchterliche Strafe, daß der Mensch hier oft ein Jahr sitzt, ohne zu sprechen oder zu hören und ohne arbeiten zu können.

Er kann Nichts aus Wuth zertrümmern, denn Alles ist von Stein oder festem Holz; man sorgt für seine Bequemlichkeit auf das Allerbeste, ohne daß er nöthig hat, sich darum zu bekümmern, denn Alles geht seine regelmäßige Ordnung durch. Da ist es noch ein Glück, lesen oder schreiben zu können, denn man hat den ganzen Tag Muße dazu. Aber unglücklich Derjenige, welcher gar Nichts kann – er könnte nichts Besseres thun, als hier Etwas zu lernen, wenn er nicht ebeben stumpf und dumm würde. Die Bastille ist nicht mehr, aber Mazas ist auch Bastille!


  1. Durch die vielen politischen Gefangenen, welche seit dem Staatsstreich des Kaisers von Frankreich in diesem Gefängniß verweilten, hat dasselbe eine traurige Berühmtheit erlangt. Die Schilderung des traurigen Ortes dürfte deßhalb nicht ohne Interesse für unsere Leser sein.
    Die Redaktion.