Das Mädchen ohne Hände (1819)

Textdaten
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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Das Mädchen ohne Hände
Untertitel:
aus: Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe.
S. 158–166
Herausgeber:
Auflage: 2. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1819
Verlag: G. Reimer
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
seit 1812: KHM 31
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Begriffsklärung Andere Ausgaben unter diesem Titel siehe unter: Das Mädchen ohne Hände.


[158]
31.

Das Mädchen ohne Hände.

Es war ein Müller nach und nach in Armuth gerathen, daß er nichts mehr hatte, als seine Mühle und einen großen Aepfelbaum dahinter. Einmal war er in den Wald gegangen, Holz zu holen, da trat ein alter Mann zu ihm und sprach: „was quälst du dich da mit Holzhacken, ich will dich reich machen und [159] du versprichst mir dagegen, was hinter deiner Mühle steht; nach drei Jahren komm ich und hols ab.“ Was kann das seyn, dachte der Müller, als mein Aepfelbaum, sagte ja und verschrieb es dem Manne. Der lachte dazu und ging fort, und der Müller ging auch heim, da trat ihm seine Frau entgegen und sprach: „ei, Müller, woher kommt der große Reichthum in unser Haus, alle Kisten und Kasten sind voll und kein Mensch hats hereingebracht.“ Der Müller antwortete: „ein alter Mann begegnete mir im Wald, von dem kommts; ich hab ihm dafür verschrieben, was hinter der Mühle steht.“ „Ach Mann, sagte die Frau erschrocken, das wird schlimm werden, das ist der Teufel gewesen, der hat unsere Tochter damit gemeint, sie stand gerade hinter der Mühle und kehrte den Hof.“

Die Müllerstochter war ein gar schönes und frommes Mädchen, und lebte die drei Jahre in Gottesfurcht und ohne Sünde. Als nun der Tag kam, wo sie der Böse holen wollte, da wusch sie sich rein und machte mit Kreide einen Kranz um sich. Der Teufel erschien ganz früh, aber er konnte sich ihr nicht nähern. Zornig sprach er zum Müller: „thu ihr alles Wasser weg, damit sie sich nicht mehr waschen kann und ich Gewalt über sie habe.“ Der Müller fürchtete sich und that es. Am andern Tag kam der Teufel wieder, aber sie hatte auf ihre Hände geweint und sie waren ganz rein. Da konnte ihr der Teufel wiederum nicht nahen. Wüthend sprach er zum Müller: „hau ihr die Hände ab, damit ich ihr etwas anhaben kann.“ Der Müller aber entsetzte sich und antwortete: „wie könnt’ ich meinem Kinde die [160] Hände abhauen!“ Da drohte ihm der Böse und sprach: „wo du es nicht thust, so bist du mein und ich hab dich selber.“ Nun ward dem Vater Angst und er versprach dem Teufel zu gehorchen. Darnach ging er zu dem Mädchen und sagte: „mein Kind, wenn ich dir nicht beide Hände abhaue, so führt mich der Teufel fort, und in der Angst hab ichs ihm versprochen, ich bitte dich um Verzeihung.“ Sie antwortete: „Vater, macht mit mir, was ihr wollt, ich bin euer Kind.“ Darauf legte sie beide Hände hin und ließ sie sich abhauen. Zum drittenmal kam der Teufel, aber sie hatte so lange und viel auf die Stümpfe geweint, daß sie doch ganz rein war; und er mußte weichen und hatte alles Recht an ihr verloren.

Nun sprach der Müller: „ich habe so großes Gut durch dich gewonnen, ich will dich Zeitlebens aufs köstlichste halten.“ Aber sie antwortete: „hier kann ich nicht bleiben, ich will fortgehen; mitleidige Menschen werden mir schon so viel geben, als ich brauche.“ Darauf ließ sie sich die verstümmelten Arme auf den Rücken binden und mit Sonnenaufgang ging sie fort und ging den ganzen Tag bis es Nacht ward. Da kam sie zu einem königlichen Garten und beim Mondschimmer sah sie, daß schöne Bäume voll Früchte darin standen, aber es war ein Wasser darum. Und weil sie den ganzen Tag nichts genossen hatte und so hungerig war, dachte sie, ach wäre ich darin, damit ich etwas von den Früchten äße, sonst muß ich verschmachten. Da kniete sie nieder, rief Gott den Herrn an und betete. Auf einmal kam ein Engel, der machte eine Schleuße in dem Wasser zu, so daß der [161] Graben trocken ward und sie hindurch gehen konnte. Nun ging sie in den Garten und der Engel ging mit ihr. Sie sah einen Baum mit Obst, das waren schöne Birnen, aber sie waren alle gezählt. Da trat sie hinzu und aß eine mit dem Munde vom Baum ab, ihren Hunger zu stillen. Der Gärtner sah es mit an, weil aber der Engel dabei stand, fürchtete er sich und meinte, es wär ein Geist und hatte nicht gerufen, auch nichts gesagt. Als sie aber die Birne gegessen, war sie satt davon und versteckte sich in das Gebüsch. Der König, dem der Garten gehörte, kam am andern Morgen herab, da zählte er und sah, daß eine der Birnen fehlte und fragte den Gärtner, wo sie hin wäre? sie liege nicht unter dem Baum und sey doch weg. Da antwortete der Gärtner: „in dieser Nacht kam ein Geist herein, der hatte keine Hände und aß eine mit dem Munde ab.“ Der König sprach: „wie ist der Geist über das Wasser hereingekommen, und wo ist er hingegangen?“ Der Gärtner antwortete: „es kam einer im schneeweißen Kleide vom Himmel, der hat die Schleuße vorgezogen und das Wasser gehemmt; und weil das ein Engel muß gewesen seyn, habe ich mich gefürchtet, nicht gefragt und nicht gerufen. Darnach ist der Geist wieder zurückgegangen.“ Der König sprach: „künftige Nacht will ich bei dir wachen.“

Als es nun dunkel ward, kam der König in den Garten und hatte einen Priester mitgebracht, der sollte den Geist anreden. Sie setzten sich alle drei unter den Baum und gaben acht. Um Mitternacht kam sie aus dem Gebüsch gekrochen, trat zu dem Baum und aß mit dem Munde wieder eine Birne ab. Neben [162] ihr stand der Engel im weißen Kleide. Da ging der Priester hervor und sprach: „bist du von Gott oder der Welt gekommen? bist du ein Geist oder ein Mensch?“ „Nein, antwortete sie, ich bin kein Geist, sondern ein armer Mensch, von allen verlassen nur von Gott nicht.“ Der König sprach: „wenn du von aller Welt verlassen bist, so will ich dich nicht verlassen.“ Darauf nahm er sie mit in sein Schloß, ließ ihr silberne Hände machen, und weil sie so schön und fromm war, liebte er sie von Herzen und nahm sie zu seiner Gemahlin.

Nach einem Jahr mußte der König über Feld ziehen, da befahl er seiner Mutter die Königin und sprach: „wenn sie ins Kindbett kommt, so haltet und verpflegt sie wohl und schreibt mirs eilig.“ Nun gebar sie einen schönen Sohn, da schrieb es die alte Mutter eilig und meldete ihm die frohe Nachricht. Der Bote aber ruhte unterwegs an einem Bach und schlief ein, da kam der Teufel, welcher der frommen Königin immer zu schaden trachtete und vertauschte den Brief mit einem andern, darin stand, daß die Königin einen Wechselbalg zur Welt gebracht hätte. Als der König den Brief las, erschrak er und betrübte sich sehr, doch schrieb er zur Antwort, sie sollten die Königin wohl halten und pflegen, bis zu seiner Rückkunft. Der Bote ging mit dem Brief heim, ruhte an der nämlichen Stelle und schlief wieder ein, da kam der Teufel abermals und legte ihm einen andern Brief in seine Tasche, darin stand, sie sollten die Königin mit ihrem Kind tödten. Als die alte Mutter den Brief erhielt, erschrack sie heftig und schrieb dem König noch einmal [163] dasselbe, aber sie bekam keine andere Antwort, da der Teufel dem schlafenden Boten jedesmal einen falschen Brief untergeschoben hatte und in dem letzten Brief des Königs stand noch, sie sollten zum Wahrzeichen der Königin Zunge und Augen aufheben.

Aber die alte Mutter weinte, daß so unschuldig Blut sollte vergossen werden, ließ in der Nacht eine Hirschkuh holen und schlachten, und schnitt ihr Zunge und Augen aus und hob sie auf. Dann sprach sie zur Königin: „ich kann dich nicht tödten lassen, aber länger darfst du nicht hier bleiben, geh mit deinem Kinde in die Welt hinein und komm nimmer wieder hierher.“ Darauf band sie ihr das Kind auf den Rücken, und die arme Frau ging mit weiniglichen Augen fort in einen großen wilden Wald. Da setzte sie sich auf ihre Knie und betete zu Gott und der Engel des Herrn erschien ihr und führte sie zu einem kleinen Haus, daran war ein Schildchen mit den Worten: „hier wohnt jeder frei.“ Aus dem Haus kam eine schneeweiße Jungfrau, die sprach: „willkommen Frau Königin!“ und führte sie hinein. Da band sie ihr den kleinen Knaben vom Rücken und hielt ihn an ihre Brust, damit er trank, und legte ihn dann auf ein schönes gemachtes Bettlein. Da sprach die arme Frau: „woher weißt du, daß ich eine Königin war?“ die weiße Jungfrau antwortete: „ich bin ein Engel von Gott gesandt, dich und dein Kind zu verpflegen.“ Da blieb sie in dem Haus sieben Jahre, und war wohl verpflegt, und durch Gottes Gnade wegen ihrer Frömmigkeit wuchsen ihr die abgehauenen Hände wieder.

Der König aber, als er nach Haus gekommen war, wollte [164] seine Frau mit dem Kinde sehen; da fing die alte Mutter an zu weinen und sprach: „du böser Mann, was hast du mir geschrieben, daß ich die zwei unschuldige Seelen ums Leben bringen sollte!“ und zeigte ihm die beiden Briefe, die der Böse verfälscht hatte und sprach weiter: „ich habe gethan, wie du befohlen hast“ und wies ihm die Wahrzeichen, Zunge und Augen. Da fing der König an, noch viel bitterlicher zu weinen über seine arme Frau und sein Söhnlein, daß es die alte Mutter erbarmte und sie sagte: „gieb dich zufrieden, sie lebt noch: ich habe eine Hirschkuh heimlich schlachten lassen und von der die Wahrzeichen genommen, deiner Frau aber habe ich ihr Kind auf den Rücken gebunden und sie geheißen in die weite Welt gehen, und sie hat versprechen müssen, nicht wieder hierher zu kommen, weil du so zornig über sie wärst.“ Da sprach der König: „ich will gehen, so weit der Himmel blau ist und nicht essen und nicht trinken bis ich meine liebe Frau und mein Kind wiedergefunden habe, wenn sie nicht Hungers gestorben sind.“ Darauf zog er umher, an die sieben Jahre lang und suchte sie in allen Steinklippen, aber er fand sie nicht, und dachte, sie wäre verschmachtet. Er aß nicht und trank nicht in dieser ganzen Zeit, aber Gott erhielt ihn. Endlich fand er in dem großen Wald das kleine Häuschen, daran das Schildchen war mit den Worten: „hier wohnt jeder frei.“ Da kam die weiße Jungfrau heraus, nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinein und sprach: „seyd willkommen Herr König!“ und fragte ihn, wo er herkäme. Er antwortete: „ich bin bald sieben Jahre herum gezogen und suche meine Frau mit ihrem [165] Kinde, ich kann sie aber nicht finden; sie mögen wohl verschmachtet seyn!“ Der Engel bot ihm zu essen und zu trinken an, er nahm es aber nicht und wollt nur ein wenig ruhen; da legte er sich schlafen und deckte sein Tuch über das Gesicht.

Darauf ging der Engel in die Kammer, wo die Königin mit ihrem Sohne saß, den sie gewöhnlich Schmerzenreich nannte, und sprach zu ihr: „geh heraus mit sammt deinem Kinde, dein Gemahl ist gekommen.“ Da ging sie hin, wo er lag und das Tuch fiel ihm vom Angesicht; da sprach sie: „Schmerzenreich, heb deinem Vater das Tuch auf und deck ihm sein Gesicht wieder zu.“ Und er hob es auf und deckte es wieder über sein Gesicht. Das hörte der König im Schlummer, und ließ das Tuch noch einmal gerne fallen. Da sprach sie wiederum: „Schmerzenreich, heb deinem Vater das Tuch auf und deck ihm sein Gesicht wieder zu.“ Da ward das Knäbchen ungeduldig und sagte: „liebe Mutter, wie kann ich meinem Vater das Gesicht zudecken, ich habe ja auf der Welt keinen Vater. Ich habe das Beten gelernt: unser Vater der du bist im Himmel! da hast du gesagt, mein Vater wär im Himmel und wäre der liebe Gott: wie soll ich einen so wilden Mann kennen? der ist mein Vater nicht!“ Nun richtete sich der König auf und fragte, wer sie wäre. Da sagte sie: „ich bin deine Frau und das ist dein Sohn Schmerzenreich.“ Und er sah ihre lebendigen Hände, und sprach: „meine Frau hatte silberne Hände.“ Sie antwortete: „die natürlichen Hände hat mir Gott wieder wachsen lassen“ und der Engel ging in die Kammer, holte die silbernen und zeigte sie ihm. Da sah [166] er erst gewiß, daß das seine liebe Frau und sein liebes Kind war, und küßte sie und war von Herzen froh. Da speiste sie der Engel Gottes noch einmal zusammen und da gingen sie nach Haus zu seiner alten Mutter, da war große Freude überall und der König und die Königin hielten noch einmal Hochzeit, und lebten vergnügt bis an ihr seliges Ende.