Das Langenbeck’sche Mittel zur Stärkung schwachen Haares

Textdaten
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Autor: Joseph Pohl-Pincus
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Titel: Das Langen­beck’sche Mittel zur Stärkung schwachen Haares
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 668
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[668] Das Langenbeck’sche Mittel zur Stärkung schwachen Haares. Vor einigen Monaten verdeutlichte Professor Langenbeck aus Hannover in dem „Ausland“ ein Verfahren, das nach seiner Meinung zur Regeneration des schwachen Kopfhaares führen sollte; der Gedankengang Langenbeck’s war folgender: „Das Haar wird dünn wegen ungenügender Nahrungszufuhr, diese Nahrung muß hauptsächlich aus Hornstoff bestehen, da das Haar viel Hornstoff enthält; wenn ich also aus Thierhaaren Hornstoff extrahire und diesen in die Kopfhaut einreibe, muß ich die Kahlheit heilen können.“ Ein Auszug aus jenem Aufsatze ist in die verschiedensten Journale und Zeitungen übergegangen, und wie ich aus vielen Zuschriften ersehen, haben sehr viel Halb- oder Ganzkahle das Mittel wirklich angewendet, selbstverständlich ohne allen Erfolg.

Mit Rücksicht auf die mehrfach an mich ergangene Aufforderung theile ich hier meine Meinung über die Sache mit: Professor Langenbeck (von den Meisten verwechselt mit dem hiesigen Professor und Geheimen Medicinalrath Langenbeck) ist offenbar kein Arzt; seine Absichten sind redlich, aber seine Ansichten sind irrig.

Es fehlt dem kreisenden Blute des Kahlköpfigen keineswegs an Hornstoff oder den anderen Materialien, aus welchen das Haar sich aufbaut; sondern die kranke Kopfhaut ist (wie ich bereits in einem Aufsatz über das Ergrauen gesagt habe) außer Stande, diese Materialien aufzunehmen und zu verarbeiten; vollends das äußere Auftragen der Materialien wirkt nur als fremder Ballast. Die menschliche Haut ist keine lockere Erde, deren mangelhafte Zusammensetzung man durch äußere Zuthat beliebig ändern könnte.

Ich bin außerordentlich überrascht gewesen, daß so viele Zeitungen und Zeitschriften den Gedankengang des Professor Langenbeck ohne Kritik wiedergegeben haben; in diesem Fall ist kein Schaden entstanden, da es sich um einen Schönheitsfehler handelt, nicht um ein ernstes Leiden. Aber der Menschenfreund und besonders der Freund naturwissenschaftlicher Bildung ersieht daraus mit Betrübniß, daß wirkliche Naturkenntniß außerordentlich wenig verbreitet ist. Der Langenbeck’sche Rath beweist ebensowenig Naturkenntniß, als wenn Jemand vorgeschlagen hätte, zur Heilung der durch Lähmung geschwächten Muskeln Liebig’sches Fleischextract in die Haut einzureiben oder in die schwachen Muskeln einzuspritzen.[1]

Berlin.

Stabsarzt Dr. J. Pincus, 
Docent a. d. Universität. 

  1. Im Interesse der Aufklärung ersuche ich um möglichst häufigen Nachdruck dieser Zeilen.