Textdaten
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Autor: Johann Heinrich Lehnert
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Titel: Das Himmelsschäfchen
Untertitel:
aus: Mährchenkranz für Kinder, der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise, S. 38–43
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1829]
Verlag: J. G. Hasselberg
Drucker: Gebrüder Unger
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg = Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: [1]
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[38]
7.
Das Himmelsschäfchen.

Eine Mutter hatte ein kleines Töchterchen, mit diesem ging sie spazieren, hinaus auf das grüne Feld. Die Sonne [39] aber schien gar warm, und der Himmel war mit tausend und tausend silberweißen Wölkchen bedeckt.

„Was sind denn das für Schäfchen?“ fragte das Kind.

„Das sind Himmelsschäfchen,“ sagte die Mutter, „die treibt ein freundlicher Hirte auf die Weide, und wenn es vorher lange geregnet hat, und die Silberschäfchen kommen an den Himmel, so scheint gewiß die liebe Sonne bald wieder.“

„Ach Mutter,“ sagte das Kind, „kauf mir doch ein Silberlämmchen.“

„Das kann ich nicht,“ sprach die Mutter, „denn auf der Erde giebt es keine solche schöne Schaafe, die giebt’s nur am Himmel, und der Hirte, der sie weidet, hat alle seine Schäfchen gezählt, und giebt keines davon her.“

„Ach, bitte ihn einmal darum,“ sagte das Kind. – Da versprach die Mutter, den Hirten darum zu bitten, und sie gingen mit einander heim.

Das Kind aber konnte die Himmelsschäfchen nicht vergessen, und wenn auch die Mutter, um es zu beruhigen, sagte, sie hätte den Schäfer vergeblich darum gebeten, so verlangte es nur um so begieriger ein Schläfchen, und ward endlich krank vor Sehnsucht und Bekümmerniß. „Ich will ja gewiß recht gut und brav seyn,“ sagte das Kind, „aber gieb mir nur ein Himmelsschäfchen.“

Da ward aber die Mutter um ihr Kind sehr besorgt, und sie ging hin zu einem Manne, der verfertigte ihr ein ganz kleines Schäfchen von Holz mit einem goldenen Halsbändchen, und strich es an mit Silberfarbe. Das brachte die Mutter dem Kindchen, und sagte: „Hier hast du ein Himmelsschäfchen, das hat mir ein Mann gebracht.“ Aber das Kindchen sprach: „Das ist kein Himmelsschäfchen; die Himmelsschäfchen sind viel größer und schöner; gieb mir ein Himmelsschäfchen!“

[40] Da ging die Mutter wieder zu demselben Manne, der machte ihr ein anderes Schäfchen, so groß als die Schaafe gewöhnlich sind, und bedeckte es ganz mit weißer Wolle, in die waren Silberflittern gewoben. Die Mutter aber brachte ihrem Töchterchen dies Schäfchen, und sagte: „Da hat mir der Mann ein anderes Schäfchen gebracht, das wird wohl ein Himmelsschäfchen seyn; sieh, wie es groß ist, und welch schöne Wolle es hat!“

Aber das Kind weinte, und sagte: „Das ist kein Himmelsschäfchen. Die Himmelsschäfchen haben durchsichtige Wolle; gieb mir ein Himmelsschäfchen, oder ich sterbe!“

Da ward die gute Mutter sehr betrübt, denn ihr Kindchen wurde kränker und kränker, und sie wußte nicht, wie sie ein Himmelsschäfchen bekommen sollte. Da setzte sie sich des Nachts in das Kämmerlein, wo ihr Töchterchen krank lag, und weinte vor Sehnsucht und Bekümmerniß, und vergoß heiße Thränen.

Als sie aber so traurig vor sich hinsah auf den dunkeln Boden, da kam es ihr vor, als thäte sich die Wand auf, und sie sah hinaus an den weiten, weiten Himmel, und in der Ferne gewahrte sie eine weibliche Gestalt, die trug ein silberweißes Lämmchen auf ihrem Arm, und schwebte, auf Wolken getragen, zu ihr her. Da füllte sich aber das Kämmerlein mit wundersamen Glanze, und die Wände, die vorher dunkel waren, glänzten jetzt, wie das sanfte Licht der Morgenröthe. Die königliche Frau aber stellte das Schäfchen in das kleine Blumengärtchen, das vor dem Fenster war, und sprach: „Ich habe Mitleid gehabt mit deinem Kummer, und habe deinem Töchterlein ein Himmelsschäfchen gebracht.“

Da wachte das Kind in seinem Bettchen auf, und sah die königliche Frau, und das Himmelsschäfchen, das ging im Blumengarten auf und ab. Da ward ihm ganz wohl. [41] Die königliche Frau aber sprach zu ihm: „Ich schenke dir, was du so sehr gewünscht hast, aber gieb Acht, daß du nicht ungehorsam bist, oder eine Unwahrheit redest: denn erfahre ich einen einzigen Ungehorsam, oder eine Lüge von dir, so ist dein Schäfchen verloren.“

Das Kind aber gelobte seiner Mutter, Alles zu thun, was die königliche Frau verlangt hatte. Diese aber verschwand, wie sie gekommen war; der Lichtglanz verblaßte allmählig; aber statt dessen stieg die Sonne über die blauen Berge hervor, und schien in’s Kämmerchen und in’s Blumengärtchen, wo das Himmelsschäfchen weidete. Es hatte silberglänzende Wolle, die war ganz durchsichtig, wenn die Sonne darauf schien, und um den Hals hatte es ein Band, das hatte sieben glänzende Farben, wie der Regenbogen. Es blöckte aber nicht, wie die andern Schaafe, sondern es sang zuweilen mit wunderschöner Stimme. Da lief das Kind zu ihm hinaus, und streichelte es, und brach ihm frischen Klee ab; aber es wollte nichts fressen, sondern roch zuweilen an den süß duftenden Rosen und den weißen Lilien – das war seine Speise.

Das Kindchen hatte nun seine große Freude an dem schönen Lämmchen, und rief alle seine Gespielinnen herzu, und zeigte ihnen das Himmelsschäfchen. Es folgte ihr auf ihren Ruf, wenn sie es hinausführte auf die Wiese, wo die duftenden Kräuter wuchsen, und ging mit ihr, wenn sie nach Hause zog; des Nachts aber schlief sie bei ihm in einem Bettchen. Wenn sie dann des Morgens aufwachte, stand das Schäfchen schon wieder im Blumengarten vor dem Fenster, und roch an den Rosen und Lilien.

Eines Tages ging das Mädchen mit dem Himmelsschäfchen wieder hinaus auf eine schöne, große Wiese, durch die Wiese aber floß ein silberklares Bächlein, und über den Bach ging eine kleine Brücke. Die Mutter aber sagte: [42] „Gehe mir ja nicht weiter, als bis an die Brücke, ich fürchte, das Himmelsschäfchen möchte in den Bach fallen und ertrinken.“

Das Mädchen ging nun mit dem Schäfchen auf die Wiese, und spielte mit ihm, wie sie immer gethan hatte. Da kamen ihre Gespielinnen zu ihr, die sagten: „Komm, wir wollen einmal dort über den Bach gehen auf jenen Berg, dort ist’s gar schön.“ Das Mädchen aber entgegnete: „Nein, das darf ich nicht thun, meine Mutter hat mir’s verboten.“ – „Ei, warum denn;“ sagten ihre Gespielinnen, „wir können ja dort viel schöner spielen, als hier.“ – „Ja,“ sagte das Mädchen, „ich fürchte, wenn wir über die Brücke gehen, so möchte mein Schäfchen in den Bach fallen und ertrinken.“ – „Dafür laß uns sorgen;“ erwiederten die Gespielinnen, „wir wollen’s schon halten, daß es nicht hineinfällt.“ Da gab das Mädchen nach, und ging mit ihren Gespielinnen an den Bach. Als sie aber an die Brücke kamen, dachte das Mädchen an die Worte der königlichen Frau, da sie ihr gesagt hatte, sie solle ihrer Mutter nicht ungehorsam seyn. Darum sagte sie: „Nein, ich darf meiner Mutter nicht ungehorsam seyn, sonst wird mir mein Himmelsschäfchen genommen.“ – „Ei, wer wird dir das nehmen?“ sagten ihre Gespielinnen; „das hat die königliche Frau nur so gesagt. Und damit es ja nicht in den Bach fällt, so nimm es in den Arm, und trage es hinüber.“

Da nahm das Mädchen das Himmelsschäfchen auf den Arm, und trug es hinüber. Wie sie aber auf die Mitte der Brücke kamen, da brach die Brücke, und die Mädchen, die vor ihr gingen, fielen alle in den Bach; sie selbst aber erschrak so sehr, daß sie das Himmelsschäfchen fallen ließ. Es fiel aber nicht in den Bach, sondern in dem Augenblicke tauchte dieselbe königliche Frau, die es ihr gebracht hatte, aus dem Wasser hervor, und fing es mit den Armen auf;

[42a]

DAS SILBERSCHÄFCHEN.

[43] dann aber erhob sie sich, und ein Paar Wolken trugen sie hin an den Himmel, und sie setzte das Lämmchen wieder zu den andern Himmelsschäfchen, wo es früher gewesen war. Das Mädchen aber weinte sich die Aeuglein roth, und bat ihre Mutter, sie möchte ihr ein anderes Himmelsschäfchen verschaffen; aber die Mutter sagte: „Das ist die Strafe des Ungehorsams!

Ihre Gespielinnen aber, die sie zu dem Ungehorsam verleitet hatten, kamen dies Mal mit dem bloßen Schrecken davon. Ihre Kleider waren jedoch ganz naß und schmutzig geworden, und sie mußten so nach Hause gehen. Da wurden sie von Allen ausgelacht und verspottet. Deshalb gingen sie in sich, und bereueten, was sie gethan hatten, und haben nachher niemand mehr zum Ungehorsam verleitet. –