Das Gespenst auf der Superintendentur zu Wiesenthal

Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Das Gespenst auf der Superintendentur zu Wiesenthal
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 434-439
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
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[434]
503) Das Gespenst auf der Superintendentur zu Wiesenthal.
Flader a. a. O. S. 110 sq.

Im Jahre 1675 im Monat October hat sich auf der Superintendentur zu Wiesenthal ein Gespenst sehen lassen, welches einen weißen Trauerhabit anhatte und sich für eine Frau von Adel ausgab, so bei dem zu Glauchau früher befindlichen Nonnenkloster die Stelle einer Aebtissin vertreten habe. Das erste Mal ist dieses Gespenst, welches man später nur die weiße Frau genannt hat, einer hier dienenden Näherin aus Leipzig, Namens Marie Sabine Demantin, erschienen, ist vor das Bett, in welchem sie mit der Kindermagd lag, getreten, hat geächzt und geseufzt, dann hat es die silbernen Eßlöffel, welche in einem Körbchen gelegen, gezählt und, da ihrer nur 11 gewesen, gesagt: „ei des Herrn Löffel fehlt!“ was auch der Fall gewesen. Hierauf hat es des Superintendenten langen Mantel und die mit Pelz gefütterte Schaube seiner Frau, welche an der Wand gehangen, heruntergenommen, den Mantel und die Schaube oben darauf umgenommen und ist so in der Stube herumspazirt, als aber das Kindermädchen darüber gelacht und gesagt, „was macht denn der Narr!“ ist es ihr schlecht bekommen, denn sie hat augenblicklich im Munde und Gesicht heiße Blasen bekommen und deshalb 14 Tage das Bett hüten müssen. So oft aber als das Gespenst erschienen, hat es einen hellen Glanz und Schimmer um sich verbreitet, daß man einen Pfennig auf der Erde erkennen konnte. So haben denn zwei Männer, G. C. Müller und A. Flader, sich, nachdem die beiden Mädchen aus der Kammer weggebettet worden waren, in dieselbe niedergelegt, um das Gespenst abzulauern, es ist aber nicht von ihnen wahrgenommen worden, sondern hat sich nur durch Geräusch kundgegeben, hat auch mit einem schweren Steine in die Kammer geworfen, daß darüber Alles erschüttert worden ist, darauf ist es in den Stall gegangen und hat daselbst einer alten Ziege den Hals umgedreht, auch in dem Hühnerhause gegenüber eine Henne erdrückt. Seit dieser Zeit ist das Gespenst [435] fast alle Nächte zu der Näherin gekommen und hat sich mit traurigen Geberden vor ihr Bett gestellt, auch öfters bitterlich geweint, da denn die herabfallenden Thränen wie weiße Milch ausgesehen, welche das Gespenst mit einem schönen weißen Schnupftuch abgewischt hat. Ob nun gleich der Superintendent dem Mädchen verboten, sich mit dem Gespenste in ein Gespräch einzulassen, hat sie es doch nicht lassen können, sondern gefragt, was es denn wolle, worauf es mit einer ganz ungewöhnlichen Stimme geantwortet, sie solle mit ihm gehen und einen Schatz heben, der gehöre zwar dem Superintendenten, allein sie solle davon Allen im Hause soviel bringen, daß sie Alle genug hätten.

Nun hat das Gespenst sein Begehren alle Nächte wiederholt, endlich ist die Näherin mitgegangen, und wie sie durch des Superintendenten Studirstube gehen, und zwei angezündete Unschlittlichter in den Händen haben, thut sich auf einmal die Thüre auf den Saal hinaus von selbst auf, worauf ihr ein ziemlicher Haufe von schwarzgekleideten Mönchen entgegenkommt, unter welchen ein sehr langer war, der sich nach ihr hinneigte und beide Lichter ausbließ, daher sie seufzte: „ach Jesus!“ aber diese Worte zogen einen solchen Tumult nach sich, daß es schien, als wolle Alles zu Grund und Boden gehen. Hierauf ist sie vor Schreck davongelaufen, hat sich aber verirrt, und ist in das Schlafgemach des Superintendenten gekommen, der von dem Lärm aufgewacht war und gemeint hatte, es sei ein großer Stein in seine Studirstube geworfen worden. Als er aber die Näherin erblickt, hat er ihr zugerufen zu beten, und selbst angefangen zu singen, das Mädchen aber hat gesehen, wie die ganze Kammer nach und nach durch das Absingen der geistlichen Lieder von den schwarzen Mönchen, mit denen sie angefüllt war, leer ward. In der nächsten Nacht ist das Gespenst zu der Näherin, die mittlerweile krank worden war, wiedergekommen und hat gesagt, sie hätte sich nicht fürchten sollen, denn die schwarzen Männer würden ihr nichts gethan haben, der Schatz stehe schon außen und bestehe aus Kirchenkleinodien, [436] welche vor etlichen 100 Jahren dorthin gebracht worden seien, sie möge nur nachsuchen lassen, so würden sich gewiß Vorzeichen finden. Als man nun nachgesucht, haben sich verschiedene Gefäße von Zinn und etliche Lampen von Thon gefunden, welche noch so neu und weiß waren, als wenn sie erst gestern hineingelegt worden wären. Unter der Grundmauer hat man auch ein mit Ziegelsteinen ausgemauertes Behältniß, und am Ende desselben starke Pfosten von Eichenholz und nach denselben schöne Schiefertafeln gefunden, mit welchen das Behältniß oder die Kästen zu den Kleinodien bedeckt gewesen waren, die letzteren sind aber nicht mehr zu sehen gewesen, sondern waren, wie man meinte, verrückt worden. Aber über den Ziegeln hat ein großer Ziegelstein, ein Quadrat, gelegen, auf welchem ein Crucifix ganz kenntlich geprägt gewesen ist. Während dem hat sich auch das Gespenst sehen lassen und außen an der Mauer über der Erde ist ein ziemliches Getöse bemerkt worden, wie wenn Bergleute da arbeiteten und etwas bewältigen wollten, allein als man zum Fenster hinabgesehen, hat man nicht das Geringste wahrgenommen. Während des Grabens hat man auch etliche Todtenknochen gefunden, welches vermuthlich Reliquien von diesem und jenem Heiligen gewesen, so zu diesem Schatz gelegt worden, daß er sich nicht verrücken möchte. Es hat auch das Gespenst bei dem Ausfüllen des gemachten Loches nicht wenig Widerwillen, zum Theil auch Spötterei sehen lassen, denn nachdem man lange Bratspieße genommen und an dem Orte, wo die Ziegelsteine herausgegangen waren, herabwärts in den Erdboden gefühlt, ob sich etwa die Kästen gesenkt, hat es bei der Nacht auch einen Bratspieß mitgebracht und hin und wieder in der Kammer mit solchem gegen den Boden gefühlt. Da man nun wirklich anfing, den Berg wieder einzufüllen, hat es nicht allein mit Ziegeln und Steinen um sich geworfen, daß die Arbeitenden davonliefen, sondern es hat auch in der folgenden Nacht die Betten des Frauenvolkes mit Schutt und Erde bestreut, daß darüber etlichen, zumal den Mägden, [437] der Mund mit Erde angefüllt ward, den sie im Schlafen offen gehalten.

Als nun die Näherin nicht wieder mit dem Gespenst allein gehen wollte, hat dieses ihr vorgeschlagen, das 3jährige Söhnlein des Superintendenten mitzunehmen, von welchem die weiße Frau gesagt, sie habe sich gefreut, als es geboren worden, denn es werde sie erlösen. Wirklich hatte man bemerkt, daß seit der Geburt dieses Kindes sich das Gespenst sehen ließ, es kam auch mit einem großen Bund Schlüssel in die Kammer, wo die Schwester des Superintendenten schlief, und sagte, „nun ist der geboren, der mich erlösen wird!“ Als später die Kindermagd einmal das Knäblein mit sich in’s Bett genommen, ist das Gespenst gleich darauf losgegangen und hat es aus dem Bette reißen wollen mit den Worten: „harre, harre, Du bist mein!“ Darüber ist die Magd aufgewacht, hat aber das Kind so fest an seinem Hemdchen gehalten, daß dasselbe entzweiriß, das Gespenst hat aber das Kind fahren lassen und ist auf die Magd gefallen und hat solche dermaßen gedrückt, daß sie kaum mehr Athem holen können. Von dieser Zeit an hat sich das Gespenst aber auch in der eigenen Schlafkammer des Superintendenten, wo dessen Söhnlein in einem Gitterbettlein schlief, eingefunden, hat dasselbe öfter beunruhigt, die Flügel in dem Bettchen aufgemacht und es gereizt, es solle aufstehen und mitgehen, sie wolle ihm schöne gelbe Pfennige geben, es hat auch dergleichen Goldstücke mitgebracht und dem Kinde gezeigt. Während dem ist aber die Näherin einmal über das andere von dem Gespenste genöthigt worden, sie möge doch nur einmal mitgehen, weil auch das Kind mitkommen werde, es solle weder ihr noch diesem etwas zu Leide geschehen und sie werde so viel finden, daß sie für ihre Lebtage davon genug haben werde. Daher hat sie eines Tages ihre Zeit und Gelegenheit abgesehen, ist auf das Geheiß des Gespenstes aufgestanden und in die Studirstube gegangen und hat dort so lange geharrt, bis die weiße Frau das Knäblein aus seinem Bettchen genommen, auf den Arm gehoben und hineingebracht [438] hat, welches in der Nacht zwischen 1 und 2 Uhr geschehen ist. Nachdem sich aber mit der Thüre ein großes Gerassel erhoben, auch der Wachsstock, den das Gespenst nebst einem langen Briefe, mit Mönchsschrift beschrieben, in der rechten Hand gehabt, sehr helle, wie wenn des Morgens die Sonne aufgeht, geleuchtet, ist das Knäblein gleich darüber aufgewacht und hat dem Gespenste eine Ohrfeige nach der andern gegeben, daß sie es endlich vom Arme herabgelassen und mit der linken Hand fortgeführt, weil es nicht weiter hat mitgehen wollen. Da denn der ganze Saal zur rechten und linken Hand voller schwarzer und weißer Mönche gestanden, mitten durch ist ein enger Durchgang geblieben, und haben sich auf beiden Seiten Musikanten gefunden, welche mit Geigen, Posaunen und Trompeten auf’s Lieblichste musicirt, wie solches Alle im Hause gehört. Als nun das geängstigte Kind sammt der Näherin an die Treppe kömmt, sieht es daselbst einen großen schwarzen Hund sitzen, der eine feurige Zunge aus seinem Rachen reckt, ist aber davon noch mehr erschrocken und fängt an zu schreien: „ach! Hund beißt, Hund beißt!“ worauf es sich aus den Händen des Gespenstes gerissen und wieder in die Studirstube gelaufen ist. Da nun die Näherin Solches gesehen, entfällt ihr der Muth auch, sie kehrt also ebenfalls um, allein es ist ihr wie das erste Mal nicht wohl bekommen, sondern die bösen Geister haben sie bei den Haarzöpfen ergriffen, zurückgezogen und etliche Male wider den Boden gestoßen, wobei es ihr vorgekommen ist, als wenn neben ihrem Kopfe lauter Pistolen losgeschossen würden. Indem sie nun noch mit großer Mühe in die Studirstube gekommen und niedergesunken, nicht wissend, wo sie sei, noch wie ihr geschehen, da hat sich das Knäblein umgewendet, sie bei der Hand genommen und vollends in seines Vaters Schlafkammer geführt, wohin die Frauenzimmer aus der andern Kammer gelaufen kamen und sie hier zu erquicken suchten. Der Superintendent hat nun die ganze Zeit hindurch mit seiner ganzen Familie und Gesinde Morgens und Abends seine Andacht gehalten, die [439] Näherin aber, weil sie ihm zum andern Male nicht gefolgt, wegziehen heißen. Kaum ist sie jedoch fortgewesen, so hat das Gespenst sich die folgende Nacht darauf in der Kammer, wo die Näherin sonst gelegen, mit vernehmlicher Stimme hören lassen: „wo Ihr mir die Marie Sabine nicht wieder herschafft, so will ich auf den dritten Abend im Hause so turniren, daß Ihr nicht sollt darinnen bleiben können.“ Worauf der Herr des Hauses, der solches gehört, geantwortet: „der Teufel ist ein Lügner, er wird’s auch diesmal bleiben!“ und wirklich ist es in der darauf folgenden Nacht ganz still geblieben und hat sich seit der Zeit nichts wieder von dem Spuke hören lassen.