Das Fischspeeren der Indianer

Textdaten
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Titel: Das Fischspeeren der Indianer
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aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 600–602
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Das Fischspeeren der Indianer.

Die Indianer wissen, welch einem Schicksale sie entgegengehen; sie wollen eben lieber untergehen, als sich civilisiren lassen. Der Häuptling Chicito, welcher vor einigen Jahren mit den amerikanischen Generalen Houston und Nusk in Austin in Texas eine Zusammenkunft hatte, sagte: „Es ist wahr, bald werden wir kein Pferd mehr haben, um unsere Todtengräber zu bezahlen, und die Zeit scheint zu nahen, da Niemand mehr da sein wird, den Letzten unseres Stammes zu beweinen. Wir müssen den Weißen weichen.“

[601] Die Indianer lieben ihre Heimath, das Land, auf dem sie geboren. Gleichwohl zeigen sie wenig Lust, sich deswegen unter die Herrschaft der blassen Gesichter zu begeben. Sie betrachten das von ihnen bewohnte Land als ein Geschenk des „großen Geistes“ und empfinden das Eindringen der Einwanderer in ihren Herzen ebenso bitter, wie ein civilisirtes Volk, wenn es eine andere Nation ohne seine Erlaubniß durch sein Land hindurchziehen sieht. Sie glauben, daß der Büffel ein ihnen angeerbtes Gut sei, nicht weil er zum Wild gehöre, sondern weil sie meinen, die Vorsehung habe ihnen denselben zu ihrem Lebensunterhalte gegeben. Wenn daher ein Einwanderer einen Büffel schießt, so sieht der Indianer dies als eine von dem Fremdling begangene Zerstörung seines Privateigenthums an. Erlegt er eine den Weißen gehörige Kuh oder stiehlt er ein Pferd, so betrachtet er dies daher als bloße Wiedervergeltung für erduldete Unbill und als eine thatsächliche Schadloshaltung für erlittenen Verlust.

Das Fischspeeren der Indianer.

Die Regierung zu Washington hat in neuerer Zeit mit einer großen Anzahl von Indianerstämmen Verträge abgeschlossen, so mit den Stämmen der Comanchen, Kiowas, Apaches, den Cow-Creeks, den Rogue-River-Indianern, den Omahas, den Ottawas, den Tschippewäern, den Sacs und Foxes, den Sioux, den Cherokees, den Seminolen und vielen andern. Dadurch erhielten die Vereinigten Staaten das Recht, in ihren Gebieten Wege zu bauen, Militairposten anzulegen und Verordnungen für den Schutz von Personen und Eigenthum zu erlassen. Die Indianerstämme machten sich verbindlich, für künftig vorkommende Verletzungen und Raub an Personen oder Eigenthum der Weißen Genugthuung zu geben, wogegen die Regierung der Vereinigten Staaten sich zur Zahlung von Entschädigungssummen anheischig machte und sie vor den Angriffen der weißen Bewohner der Vereinigten Staaten zu schützen versprach. Kommen die Stämme ihren Verpflichtungen nicht nach, so bleiben die stipulirten Jahrgelder ganz oder nach Umständen wenigstens zum Theil ihnen vorenthalten, bis die Differenz ausgeglichen ist.

Speer zum Fischfang.

Zu den Stämmen, welche mit besonderer Vorliebe an ihren von Alters her überkommenen Stammessitten hängen, gehören die Sacs und die Foxes. Sie bewohnten früher während eines Zeitraumes von 180 Jahren den jetzigen Staat Iowa und den nördlichen Theil von Missouri oberhalb des Flusses gleiches Namens. Während jener Zeit waren sie sechszehn Mal bald ostwärts, bald westwärts gezogen, wahrscheinlich um größere Jagdbeute zu machen. Seitdem sie mit der Regierung zu Washington Verträge abgeschlossen hatten, wurden sie in ihre jetzigen Wohnplätze gewiesen, [602] die sich am Missouri befinden und nördlich vom Great Nemahaw River und südlich und südwestlich vom Wolf River begrenzt werden.

Nach dem Bericht der Delegation, welche 1852 in Washington erschien, zählen die Sacs etwa 1300 und die Foxes ungefähr 700 Köpfe. Sie leben fast einzig und allein von Jagd und Fischfang, obwohl sie einen Landstrich bewohnen, der sich trefflich zum Ackerbaue eignet, und sie wollen nichts mit Schulen, Missionären und der ganzen Civilisation zu thun haben. Die Mehrzahl fühlt sich nicht wohl in den gegenwärtigen Wohnsitzen, sondern möchte lieber weiter nach Westen ziehen, um neue Jagdreviere, welche an Büffeln und anderem Wild ergibiger sind, aufzusuchen. Nahmen sie, wie andere Indianerstämme, auch nichts von den Tugenden der Weißen an, so finden doch deren Laster unter ihnen eine um so größere Verbreitung. Namentlich haben sie sich dem Trunke sehr ergeben. Folge davon ist steigende Demoralisation, und Mord und Blutvergießen sind bei ihnen ganz an der Tagesordnung. Die Stämme werden dadurch natürlich bedeutend decimirt, und es steht zu erwarten, daß sie in einiger Zeit ganz aussterben werden. Sie leben in beweglichen Wigwams (Zelten) und sie besitzen ein Vermögen von ungefähr 30,000 Dollars, der Rest jener Summen, welche sie für die Abtretung ihrer früheren Wohnsitze erhalten haben.

Was ihre gesellschaftlichen Einrichtungen anlangt, so sind diese, wie bei allen Indianerstämmen, höchst einfach. Von Familie, Staat und Recht haben sie möglichst wenig, nur eben so viel, als das Naturbedürfniß, die Noth, die zufällige Gewöhnung an einander hervorrufen. Die Anarchie ist der Grundcharakter ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Ehe wird ohne alle Feierlichkeit blos dadurch eingegangen, daß der junge Indianer in die Hütte der Eltern oder Brüder des Mädchens, oder dieses in die Hütte der Verwandten ihres Brautwerbers aufgenommen wird; nach einigen Monaten oder Jahren baut der Mann sich seine eigene Hütte. Diese wird aus dünnen Stangen gezimmert, die in einem Kreise in den Boden gesteckt, oben zusammengebogen, dann zu einer Spitze vereinigt und zuletzt mit langen Stücken weißer Birkenrinde bedeckt werden. Unten schließt sich an die Birkenrinde ein Rand von Cedernholz, auf den bei stürmischem Wetter Steine gelegt werden, um ihn festzuhalten. Der Stock dient zu gleichem Gebrauch, wie der an einer Landkarte, denn wenn die Hütte verlegt werden soll, wird die Rinde um die Rolle gewickelt und in dieser Form zu dem Canoe geschafft, um bei einer neuen wieder als Bedeckung gebraucht zu werden. Diese Hütten sind halbkugelförmig, und man könnte sie wegen ihrer Leichtigkeit und der wie aus Zweigen geflochtenen Bauart fast mit umgekehrten Vogelnestern vergleichen. Die Matten, welche statt der Teppiche nur als Schlafstellen dienen, sind aus großen, glatten Binsen gearbeitet, die in der geeigneten Jahreszeit abgeschnitten und mit einem feinen hänfenen Faden als Einschlag gewebt werden. Die Verfertigung derselben gehört den Weibern zu, welche zugleich Alles zu besorgen haben, was zum Häuslichen gehört, während die Männer der Jagd und dem Fischfange nachgehen. Die Frau verrichtet die häuslichen Arbeiten; dem Manne dagegen kommt es zu, das Gebiet zu beschützen, Eindringlinge und Feinde abzuwehren, die Canoes zu erbauen und die Waffen und Kriegsgeräthschaften zu verfertigen. Letztere dürfen die Frauen, die Squaws, nicht einmal berühren. Diese kochen und bereiten das Wild und Geflügel zu, bauen die Hütten auf und brechen sie ab, flechten Körbe, stricken Netze und machen Kleider.

Wenn die Indianer ausziehen, um Fische zu fangen, so nehmen sie ihre Weiber mit, die dabei Rudererdienste verrichten und sich dabei kurzer, aber breiter Ruder bedienen. Sind sie zu Stellen im Wasser gelangt, welche einen günstigen Fischfang versprechen, so müssen die Weiber auf die Canoes Acht geben, damit sie sich im Gleichgewicht erhalten und nicht umschlagen. Sie fischen auf verschiedene Art: theils legen sie zu dem Zwecke Dämme von Pfählen und Flechtwerk an; theils fischen sie mit Netzen. Eine eigenthümliche Art des Fischfanges ist das Speeren, wozu sie sich verschiedener Arten von Speeren bedienen. Bald sind es Zweizacke, bald Dreizacke. Bei letzteren ist der mittlere Zacken kürzer, während die beiden anderen Zacken lang sind. Manchmal befinden sich auch noch mehrere kurze Mittelzacken dazwischen.

Die interessanteste Art des Fischstechens ist die mittels eines Gabelspeers, wie ihn unsere Abbildung zeigt. Er wird besonders bei den Lachsforellen in Anwendung gebracht und dürfte vielleicht auch in Europa bei den Fischjagden eingeführt werden.

Der Stiel des Speeres, dessen sich die Indianer bedienen, ist 10–20 Fuß lang, die äußersten Spitzen der Gabel sind von Hirschhorn. Sobald der Canot in die Bucht eines fließenden Wassers eingelaufen ist, wo Lachsforellen vermuthet werden, wird vor allen Dingen dafür gesorgt, daß das Fahrzeug ruhig steht und die Fische, dadurch sicher gemacht, wieder aus ihren Schlupfwinkeln hervor an die Oberfläche des Wassers kommen. Der Indianer, hoch aufgerichtet im Canot stehend, hält den Speer zum Stoß bereit. Kleine Fische werden nur mit dem Netz gefangen, und deßhalb bei dieser Art Jagd, die eigentlich mehr als Vergnügen gilt, wenig beachtet. Sobald aber ein fetter Bissen unter der Fläche des Wassers hinschießt, stößt – er wirft durchaus nicht – der Indianer mit beiden Händen dem Fische nach und selten verfehlt die spitze Gabel, deren Spitzen, wie wir schon oben sagten, von Hirschhorn gefertigt sind, ihr Ziel. Diese Spitzen, die durch Leinen an dem Hauptspeer befestigt sind, lösen sich, sobald sie im Fleische des Fisches sitzen, sofort von der Gabel los, wodurch dem zuckenden Gefangenen zwar Spielraum zum Weiterschwimmen, aber doch nicht die Freiheit gegeben wird. Durch diese Manipulation wird das allzuweite Eindringen der Gabel in das Fleisch des Fisches vermieden und der Fisch selbst in seiner ganzen schlanken Gestalt erhalten.