Das „Tänzelfest“ in Kaufbeuren

Textdaten
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Autor: B. W.
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Titel: Das „Tänzelfest“ in Kaufbeuren
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 603-605
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1898
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das „Tänzelfest“ in Kaufbeuren.

Mit Illustrationen von Fritz Bergen.

Der fünfknöpfige Turm und der
Neptunsbrunnen in Kaufbeuren.


Die Zeiten sind glücklich vorüber, in welchen man auf Volks- und Jugendspiele mit Geringschätzung herabblickte und selbst die Polizei zu Hilfe rief, um die „ruhestörenden“ Aufzüge zu verbieten. Damals hat man viel gesündigt und manchen schönen Brauch für immer erstickt. Heute ist man zu der besseren Einsicht gekommen, daß Volksfeste, wenn nur Auswüchse bei ihnen verhütet werden, einen großen erzieherischen und moralischen Wert haben, und nun sucht man, die entschwundene Lust von neuem zu beleben, Volks- und Jugendspiele zu schaffen. Die Förderer dieser Bestrebungen können nur langsam und mühsam Erfolge erzielen, denn das Neue wird nicht mit einem Schlage volkstümlich. Unter diesen Umständen sollten wir mit verdoppeltem Eifer den noch vorhandenen Schatz an alten Volksspielen hüten und namentlich der Jugend die noch hier und dort üblichen Festspiele erhalten.

Vor allem sollte man auf die Kinderfeste seine Aufmerksamkeit richten; denn wo Kinder im festlichen Aufzug erscheinen, da stellen sich auch die Eltern und Erzieher und deren Freunde ein, und unmerklich erweitert sich ein Kinderfest zu einem wahren Volksfest. Und wenn solche Veranstaltungen auch nur einmal im Jahre stattfinden, so ist ihr Wert in erzieherischer Hinsicht doch groß; denn die Vorbereitungen zum Feste füllen Wochen aus. Sind dann die Kinderfeste mit Vorführungen, mit Märchen, Reigen, Ballspielen u. dgl. verbunden, so bieten sie Anlaß zur fleißigen Pflege leiblicher Uebungen, die in unserem nervösen Zeitalter so sehr erwünscht scheinen.

Es giebt in Deutschland noch eine Reihe von Städten, die den altüberlieferten Brauch nicht nur treu gehütet, sondern auch fortentwickelt und den Bedürfnissen der Neuzeit angepaßt haben. Zu ihnen zählt auch die malerisch an der Wertach gelegene Stadt Kaufbeuren im bayrischen Regierungsbezirk Schwaben.

Das Fahnenschwingen.

Wer sich dem Orte von Buchloe her mit der Eisenbahn nähert, der gewinnt schon einen Einblick in die Reize der an dichtbewaldeten Hügeln reichen Landschaft, deren Hintergrund das Hochgebirge mit der Zugspitze, Hochplatte und dem Säuling geradezu großartig abschließt. Von der Stadt selbst winken aber allerlei wetteralte Zinnen herüber, denn Kaufbeuren, ehemals Freie Reichsstadt, ist noch zum Teil mit den festen Mauern und Türmen umgeben, die einst der Bürger Schutz und Wehr bildeten. Unter ihnen fällt der „fünfknöpfige Turm“ als ein originelles Bauwerk ganz besonders ins Auge. Betritt man die Straßen der etwa 8000 Einwohner beherbergenden Stadt, dann begegnet man so manchem ehrwürdigen Gebäude. Aus dem Jahre 1444 stammt die katholische Stadtpfarrkirche zu St. Martin, und die rundgetürmte St. Blasikirche mit einem sehenswerten gotischen Altar ist noch älter. An dem hübschen Neptunsbrunnen wandern wir vorüber und sehen neben den Zeugen einer glücklichen Vergangenheit weitere Bauten, welche die rüstig schaffende Bürgerschaft in der Neuzeit errichtet hat. Vor allem ist das schöne neue Rathaus zu nennen. Im Stil der Renaissance wurde es in den Jahren 1879 bis 1881 von Hauberisser erbaut und von Ludwig Herterich mit historischen Oelgemälden sowie von Lindenschmit mit Fresken verziert. Namentlich das Hauptbild von Lindenschmit im Sitzungssaal fesselt unsere Aufmerksamkeit. Es versetzt uns in die Zeit der Schwedennot und zeigt uns den Vorgang, wie die von dem Feinde bezwungene Stadt durch Fürbitte ihrer Kinder von schwerer Brandschatzung und Plünderung verschont wird. Nicht eine geschichtlich verbürgte Thatsache, sondern eine sagenhafte Ueberlieferung wird durch das Bild verherrlicht. Aehnliche Sagen sind in verschiedenen anderen deutschen Städten verbreitet. So sollen z. B. die Naumburger Kinder am 28. Juli 1432 durch einen Bittgang ihre Vaterstadt an der Saale von der Plünderung durch die Hussitenscharen Prokops gerettet haben. Die Naumburger halten zum Andenken an dieses Ereignis am genannten Tage ein Kinderfest ab. In ähnlicher Weise wird in Kaufbeuren die Erinnerung an die erfolgreiche Fürbitte der Kinder durch eine gegen Jakobi (den 25. Juli) stattfindende Belustigung, das sogenannte „Tänzelfest“, wachgehalten.

[604] Sein Schauplatz ist das „Hölzle“, eine mit prächtigem Föhrenwalde gekrönte Anhöhe, und die Mitwirkenden sind die protestantischen Kinder Kaufbeurens. Schon am Tage vor dem eigentlichen Feste herrscht im „Hölzle“ ein lustiges Treiben inmitten der zahlreichen Buden, die Gelegenheit zum Schauen und Spielen geben, oder als Wirtschaften die nötige leibliche Erquickung bieten.

Um fünf Uhr morgens am eigentlichen Festtage werden die Langschläfer durch die Klänge einer Reveille geweckt. Sie wird von einer Knabenkapelle veranstaltet, die in blanker Uniform flott durch die Straßen der Stadt marschiert. Inzwischen sammeln sich die „männlichen“ Festteilnehmer vor dem protestantischen Schulhause. Hier ordnet sich eine bunte Schar, deren Anblick jedes Herz erfreuen muß. Im kriegerischen Schmucke erscheint die Kaufbeurer Jugend. Da ist zunächst eine Abteilung Landsknechte in altertümlicher Tracht, in vielfarbigen reichgeschlitzten Wämsern; über ihnen flattert die gelbrote Fahne, die zwei Sterne und den geteilten Adler in ihrem Felde trägt. Neben ihnen sammelt sich bayrische Infanterie aus der Neuzeit um ein weiß-blaues Banner, und es erscheinen auch Artilleristen mit einer ihrer Größe angepaßten Kanone. Umringt von einem Stabe von Offizieren mustert der kleine Feldmarschall mit Federhut und hochgesticktem Kragen die sich stramm ordnende Schar.

Dann setzt sich unter Musikklängen der Zug in Bewegung; er rückt aber langsam vor; denn vor einzelnen Häusern wird Halt gemacht. Die Musik bläst einen Tusch; der erste Fahnenjunker tritt vor und schwingt dreimal mit der Rechten und dreimal mit der Linken regelrecht die Fahne; dann überreicht er sie dem zweiten Fähnrich, der in gleicher Weise das Fahnenschwingen besorgt. Für diese Aufmerksamkeit stiften die Hausbewohner kleine Geschenke, die in die Heereskasse fließen.

Während dieser Zeit haben sich an der Wertachbrücke die Teilnehmerinnen an dem Feste versammelt. Auch sie haben sich festlich herausgeputzt und allerlei Kostüme, vor allem Volkstrachten, angelegt. Natürlich fehlen Marketenderinnen nicht, wie es sich für ein militärisch gefärbtes Fest wohl ziemt. Mädchen und Knaben machen noch vereint einen Umzug durch die Straßen der Stadt und die jungen Landsknechte beziehen die Wache vor dem Rathause.

Landsknechte. 
 Artillerie.
  Marketenderinnen.

Nachmittags marschiert man in das „Hölzle“ hinaus, und dort bricht die helle Festfreude aus. Es werden allerlei Spiele ausgeführt, von denen unser Zeichner einige im Bilde festgehalten hat. „Wunderkreis“ heißt eine runde Anlage im „Hölzle“, auf der sich zwischen Rasenstreifen viele Fußpfade im Kreise herumziehen. Auf diesem eigenartigen Platz machen die Knaben und Mädchen allerlei Aufführungen. Die schmucken Kostüme, die Blumenreifen, welche die Mädchen schwingen, die flatternden Fahnen gewähren einen überaus malerischen und bewegten Anblick. Das eine Bild auf Seite 605 zeigt uns die Jugend auf dem eigentlichen „Tänzelplatz“ versammelt, den hohe Waldbäume umrahmen. Die Knaben geben hier Beweise für ihre Kunstfertigkeit im Führen der Waffen und in allerlei Märschen; dabei spielen die kleinen Musikanten unermüdlich auf, und die Fähnriche schwenken lustig ihre Fahnen. Die Mädchen führen Reigen auf, wobei je zwei von ihnen einen Blumenreifen emporhalten. Auf den Kranzreigen folgen Ballreigen, Gesang und Tanz. In den Erholungspausen wird in den Buden Erfrischung eingenommen oder in allerlei Gewinnspielen das Glück versucht. Die Freude währt bis zum Abend, wo die Kinder um 7 Uhr heimkehren.

So ist der erste Festtag verrauscht, und am zweiten sind die Kinder früh auf den Beinen, denn das Fest wird – wiederholt. Am dritten aber tritt die Jugend zurück und die Erwachsenen halten sozusagen eine Nachfeier. Auf dem Tänzelboden wird wieder die weißblaue Fahne geschwungen. Nun weht sie in den Händen zweier Greise, die gerade vor fünfzig Jahren als Fähnriche in dem Knabenheere am Tänzelfest auftraten.

In dieser Weise wird seit alten Zeiten das eigenartige Fest in Kaufbeuren gefeiert. Ueber seinen Ursprung läßt sich heute Bestimmtes nicht mehr ermitteln, und wir können in dieser Hinsicht nur Vermutungen aufstellen. Da, wie schon erwähnt, ähnliche Kinderfeiern auch in anderen deutschen Städten abgehalten werden, wie z. B. in Dinkelsbühl, Landsberg a. L., Aichach, Naumburg a. S. etc., so dürfte es sich um einen Brauch handeln, der einst allgemeiner verbreitet war, dessen ursprünglicher Zweck aber im Laufe der Zeit in Vergessenheit geriet. Vielleicht bilden diese Feste die letzten Ueberreste einer altgermanischen Feier. Wir wissen ja, daß unsere heidnischen Vorfahren Auszüge in den Wald veranstalteten, um dort durch allerlei Zauberkünste feindselige Geister zu bekämpfen. Vielfach wurde auch der Kampf des Sommers mit dem Winter sinnbildlich in Volksspielen dargestellt. Aus solchen Bräuchen mögen sich die erwähnten Kinderfeste entwickelt haben; die kriegerische Ausrüstung der Knaben und der eigenartige Blumenschmuck der Mädchen deuten darauf hin. Mit fortschreitender Aufklärung wurden die Handlungen des heidnischen Gottesdienstes zu Spielen, und man setzte, um dem alten Aberglauben keine neue Nahrung zu geben, an Stelle der bösen Geister andere Feinde, wie z. B. die Schweden oder die Hussiten.

Gerade diese Umwandlung der althergebrachten Spiele erscheint uns bedeutsam. Sie zeigt uns, wie man interessante Volksbräuche erhalten und allmählich der Neuzeit anpassen kann. Mögen die schönen Kinderfeste fortblühen und in gleichem Maße noch spätere Geschlechter erfreuen! B. W.     


[605]

1.0 Der Reigentanz im „Hölzle“. 2. 0Im „Wunderkreis“.
Das „Tänzelfest“ in Kaufbeuren.
Nach dem Leben gezeichnet von Fritz Bergen.