Das „Indische Dorf“ im Albert-Palast zu London

Textdaten
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Autor: Wilhelm Ferdinand Brand
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Titel: Das „Indische Dorf“ im Albert-Palast zu London
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 100
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: „Völkerschau“ von indischen Menschen in London
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Das „Indische Dorf“ im Albert-Palast zu London.

Der Schaulust unsrer verwöhnten Großstädter scheinen die wandernden Truppen der Indianer, Lappländer, Kalmücken, Singhalesen etc. nicht mehr zu genügen, seit einiger Zeit ist es Mode geworden, daß aus den fernsten Zonen nicht allein einzelne Familien, sondern ganze Dörfer nach Europa importirt werden und hier zur Ausstellung gelangen. London besitzt in diesem Augenblick nicht weniger als drei solcher „Dörfer“, das „Japanische“, welches sich schon lange im Herzen von London eines äußerst regen Zuspruchs des Publikums erfreut; das der „Erdmänner“ aus Central-Afrika, wobei indessen die Bezeichnung „Dorf“ insofern kaum zulässig ist, als dieselben hinsichtlich ihrer Behausungen mehr als primitiven Ideen huldigen; und als drittes Dörflein ist nun das „Indische“ hinzugekommen, das gleich dem letzteren in dem erst vor Kurzem vollendeten Albert-Palast aufgeschlagen wurde.

In möglichst getreuer Nachahmung indischer Häusereinrichtung, bei der indessen die Außenwände für den Einblick des Publikums offen gelassen sind, gehen hier in der heimathlich gewohnten Weise 45 Indier, unbekümmert um die Zuschauer, ihrem Gewerbe nach. Daß dieselben die verschiedensten Klassen und Stände ihrer Heimath im Allgemeinen repräsentiren, erhellt schon aus dem Umstande, daß sie nicht weniger als 27 verschiedenen Kasten angehören; ein Umstand, der aber auch seine ganz besonderen Unzuträglichkeiten für eine gedeihliche Dorfgemeinschaft im Gefolge haben muß. Wähnen doch einzelne Kasten schon durch bloße Berührung mit Zugehörigen anderer Kasten, schon indem deren Schatten auf sie fällt, sich schrecklich verunreinigt zu haben. Diese biedern Indier weigerten sich entschieden, als sie bei ihrem Eintreffen in England vom Lord Mayor gastlich auf das Mansion House entboten wurden, mit diesem an ein und demselben Tische zu essen. Die tägliche Speisung der vielen verschiedenen Kasten muß darum umständlich genug sein. Doch was auch diese Kasten-Unterschiede für Rangstreitigkeiten verursachen mögen, wir bekommen keinen Einblick in das, was hinter den Koulissen vorgeht, und vor denselben herrscht eine Eintracht und Friedfertigkeit, die durch nichts gestört wird. Ja Friedfertigkeit und Herzensgüte sind gerade diejenigen Ausdrücke, die auf einzelnen Gesichtern ganz besonders deutlich geschrieben stehen. Daneben mangelt es auch nicht an Intelligenz in den im allgemeinen wohlgebildeten, in einzelnen Fällen unleugbar schönen Zügen. Die verschiedensten Künstler und Handwerker sind hier vertreten, die mit Hilfe der primitivsten Geräthschaften – genau solcher, wie ihre Altvordern vor Jahrtausenden sie besaßen – die kunstvollsten Dinge zu Stande bringen. Da sitzt zunächst der Bildhauer, dessen Portrait der Zeichner unsern Lesern vorführt, und daneben der Drechsler und Tischler, die allesammt, in Ermangelung einer Hobelbank und derartiger Vorrichtungen, ihr Material mit den nackten Füßen fest halten, während sie mit den Händen daran arbeiten. In dem nächsten Gehäuse sitzt der Töpfer, der mittelst eines einfachen Drehrads und einiger anderen Geräthschaften dürftigster Art, vornehmlich durch die Geschicklichkeit seiner Hände, thatsächlich „im Handumdrehen“ recht hübsche Thongefäße fertigt.

Besonders kunstvolle Werke liefern auch die Männer, die Stickereien in Gold, in Silber und in Seide ausführen. Frauen wirken bei all diesen Arbeiten nicht mit; sie sind leider in dem eigentlichen Dorfe gar nicht vertreten. Nur in einem Nebengebäude, wo Tanz und aller Art Zauberkünste geboten werden, treten auch zwei Mädchen als Bajaderen auf. Eröffnet werden diese Vorstellungen durch verschiedenartige Taschenspielerkünste, die aber auf jedem europäischen Jahrmarkte mit derselben Geschicklichkeit vorgeführt werden. Die Schlangenbeschwörer haben ihre Thiere so abgerichtet, daß dieselben, durch einige Töne eines musikalischen Instruments hervorgelockt, aus ihren Körben kriechen und sich jenen um Brust und Hals schlingen. Obwohl sich darunter einige der gefürchteten Brillenschlangen befinden, ist das Spiel doch harmlos, da den Unthieren vorsichtiger Weise die Giftdrüsen entfernt wurden.

Die Leistungen der Bajaderen haben Manche enttäuscht. Eine der Tänzerinnen „sang“ auch, freilich nach unseren Begriffen von Musik entsetzlich falsch, indem sie zugleich tanzende Bewegungen machte, mit den Händen gestikulirte und ein beredtes Gebärdenspiel ausführte. Sie sang von der Schönheit ihres Geliebten, von dem wunderbaren Zauber seiner Augen, die größere Wunder verrichteten, als die bedeutendsten Zauberer. So sagte wenigstens das Programm, indessen sehr deutlich auch ihr Gebärdenspiel.

Können wir auch nicht Alles unbedingt bewundern, was uns hier geboten wird, so ist doch Alles mehr oder weniger neu und im Allgemeinen ein Besuch bei den Indiern ebenso lehrreich wie unterhaltend. Es steht daher zu hoffen, daß dieselben, ehe sie in ihre Heimath zurückkehren, ihr „Dorf“ für einige Zeit auch in Deutschland aufschlagen werden. Wilh. F. Brand (London).