Charlotte von Lengefeld (Schiller-Galerie)

Textdaten
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Autor: Friedrich Pecht
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Titel: Charlotte von Lengefeld
Untertitel:
aus: Schiller-Galerie. Charaktere aus Schiller’s Werken, gezeichnet von Friedrich Pecht und Arthur von Ramberg. Funfzig Blätter in Stahlstich mit erläuterndem Text von Friedrich Pecht
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: F. A. Brockhaus
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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Charlotte von Lengefeldt.

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CHARLOTTE VON LENGEFELD.


Als „ein blühend Kind, umspielt von Grazien und Scherzen“ erschien Lotte dem jungen Dichter, da er in Begleitung seines Freundes Wolzogen, des nachherigen Gatten der ältern Schwester Karoline, zuerst nach Rudolstadt und in das Lengefeld’sche Haus kam. Sie selbst sagt später von sich, dass sie ganz wie ein junges Mädchen, in Gesellschaft wenig sprechend, zu Hause im vertrauten Kreise um so toller war. Das Heitere, Rasche, Gutmüthige des Naturells tritt in dem ersten Jahre des Briefwechsels der beiden, der uns neuerlich durch Schiller’s Tochter, Freifrau von Gleichen-Russwurm, geschenkt worden ist, immer hervor; im Anfang ist’s sogar nichts als diese Jugendfrische und das Graziöse des Wesens, was uns an ihr interessirt.

Schiller trifft sie bald nach jenem flüchtigen Besuch in Rudolstadt wieder in Weimar, wo er sich schon entschieden zu ihr hingezogen fühlt, und sich der uns vorliegende Briefwechsel bei Gelegenheit des Austausches von Büchern entspinnt. Nach der Rückkehr der beiden Schwestern nach Rudolstadt wird derselbe dennoch fortgesetzt und führt im nächsten Sommer zu einem mehrmonatlichen Aufenthalt Schiller’s erst in der Nachbarschaft von Rudolstadt, wo beide auf Spaziergängen und tagtäglichen Besuchen sich immer mehr gewöhnen, er geistig zu geben, sie zu nehmen. Dies geschieht gegenseitig mit solcher Lust und solchem Eifer, dass man das eben noch so muthwillige, frische und sehr ungelehrte Mädchen förmlich von Brief zu Brief wachsen, an Bedeutung zunehmen zu sehen meint. In dieser Zeit der schönen Sommerspaziergänge im anmuthigen thüringer Hügelland, wo die Liebenden, täglich einander entgegengehend, sich in Wiese und Wald treffen, hat der Künstler Lotten aufgefasst, in der schönen Zeit der ersten Liebe, wo der bald träumend in sich gekehrte, [Ξ] bald schwärmerische und hinreissende, von geistigem Reichthum übersprudelnde Jüngling mit dem Glanz des Genie auf der bleichen Stirn Herz und Sinn des erwachenden Mädchens gleich sehr gefangen nimmt. Aeusserlich schien freilich die Sache gerade umgekehrt zu sein; das junge, lebensfrohe und muthwillige Fräulein, durch den täglichen Verkehr am Hof und in den adelichen Cirkeln der Nachbarschaft gesellig viel gewandter und weltläufiger, als der scheue, leichtverletzte Dichter, scheint ihn zu lenken, ihn um so mehr am Schnürchen zu haben, als das ganze Verhältniss eine officiell blos freundschaftliche Form hat, und sich die beiden ihre Neigung schwerlich auch nur selbst gestanden haben. Eigentlich hätte ihn die ältere Schwester Karoline, die Begabtere und Talentvollere der beiden, fesseln müssen, da er bei ihr und ihrem starken Bildungstrieb mehr Anknüpfung und reifes Verständniss fand; aber man sucht ja nie, was man selber schon hat, und so trug denn auch die frische Natur in der Person der Jüngern einen Sieg über die Cultur der Aeltern in seinem Herzen davon. Nicht als ob Lotte nicht auch eine für die damalige Zeit sehr auffallende feinere Bildung genossen, viel mehr gelernt und gelesen hätte, als sie jetzt noch verstand; aber das Wissen hatte noch keine sonderliche Wirkung auf sie ausgeübt, es war noch nicht lebendig geworden, die Reflexion hat noch wenig an dem jugendlich heitern Naturell geändert, das alles noch im goldenen Morgenschein des eigenen warmen Gefühls sieht und in seiner Weise idealisirt wie der Denker Schiller, der sich sogar bewogen findet, ihr einmal zu sagen: „Ein Geist wie der Ihrige sucht die Dinge in einer gewissen Entfernung, in einem schönern Lichte als sie wirklich haben – Sie finden aber selten solche Menschen wie Sie.“

Durch die Liebe zu dem Dichter erwacht aber nun ihr Bildungstrieb gewaltig, sobald der Winter ihn wieder weggeführt hat; sie will seiner würdig werden, und es macht einen drolligen Eindruck, wie sie dabei nun nach Mädchenart zunächst vom Hundertsten aufs Tausendste kommt: in einem Briefe lustig von Schiller zu Gibbon hüpft, von ihm auf die christliche Religion gebracht wird, diese verlässt, um Plutarch [Ξ] zu besprechen, Pompejus und Cäsar dann leise antippt, von ihnen sich den Portugiesen und ihren Verdiensten um die Geographie zuwendet, dann neue französische Romane die Revue passiren lässt – und mit Mirabeau schliesst.

Trotz dieser Mosaik von Vorstellungen wird aber die beginnende Reife ihres natürlichen Geistes, im Sonnenschein der Liebe eines so hochgestellten Mannes, uns bald durch eine Menge feiner und überraschend eigenthümlicher Bemerkungen und Gedanken sichtbar, von denen früher nichts zu merken war, ehe ihr der Ernst des Lebens klar wurde. So sagt sie einmal: „Die Freundschaft, die blos die angenehmen Dinge theilen mag, ist eigennützig“; ein andermal: „Das Herz findet bei wenigem etwas, der Verstand aber bei vielem.“ – „Man sollte die Gewohnheit als eine der wohlthätigsten Göttinnen verehren.“ – „Man gewinnt unstreitig mehr dadurch, seine Ideen andern mitzutheilen, als sie blos mit sich herumzutragen, denn durch die Mittheilung erhalten sie mehr Klarheit und Bestimmtheit.“

So geht es in anmuthigster Weise fort; wie ihr Urtheil über die Dinge richtiger wird, so wird es auch über die Menschen auffallend feiner, und wir begreifen gut, mit welcher Freude Schiller einmal diese Fortschritte als die Früchte seiner Aussaat stolz und glücklich in Anspruch nimmt. Schiller hat im Herbst 1788 in Jena seine Professur der Geschichte angetreten und dies verhindert im nächsten Sommer ein längeres Beisammensein, die Freunde treffen sich blos in Lauchstädt einige Tage und später wieder in Weimar; hier kommt’s endlich zur Erklärung, und von da an erhielt der Briefwechsel eine Lebhaftigkeit und Wärme, die uns oft innig rührt, da sie uns den grossen Dichter von der menschlich zartfühlendsten, liebenswürdigsten Seite zeigt. Auch bei Lotte tritt jetzt allmählich die Leidenschaft, die grenzenloseste, hingebendste Liebe ausschliesslich in den Vordergrund, verdrängt alle andern Gedanken bei ihr, sodass selbst der Leser des Briefwechsels es als eine hohe Genugthuung empfindet, wenn er beim Schlusse desselben erfährt, dass jetzt die Liebenden am Ziele ihrer Wünsche, am endlichen Schlusse einer Verbindung angelangt [Ξ] sind, die beiden die reichste Quelle ununterbrochenen Glücks und schönster Befriedigung werden sollte, in den sechzehn Jahren, die sie sich noch angehören durften, in denen unsere Lotte all jene aufopfernde und ausharrende Treue und Liebe entfaltete, der nur deutsche Frauen in solchem Grade fähig sind.

Die Verpflichtung zum Dank aber, den die deutsche Nation der liebenswürdigen Frau dafür schuldet, wird um so grösser, wenn wir die Veränderung betrachten, die durch sie im Dichter vorgeht. Bisjetzt hatte ihm offenbar noch das rechte Verständniss für das weibliche Herz gefehlt, alle Frauencharaktere, die er bis dahin geschaffen – mit einziger Ausnahme der vortrefflich nach dem Leben gezeichneten Geigersfrau in „Kabale und Liebe“ –, haben etwas Hartes und Gemachtes; es sind Gestalten, denen die rechte Lebenswärme trotz allem Pathos fehlt; man sieht, der Dichter hat die Frauen bis dahin nur durch das Medium der Phantasie oder der Sinne betrachtet. Von jetzt an aber schafft er uns eine Reihe herrlicher Frauencharaktere. Gräfin Terzky, die Herzogin von Friedland, Gustel von Blasewitz, Maria Stuart, Donna Isabella, Agnes Sorel, die Jungfrau von Orleans, Hedwig, Gertrud (Stauffacher’s Weib) u. a. können es wohl mit den Schöpfungen jedes andern Dichters an Lebensgefühl aufnehmen; es ist in den Beziehungen dieser Frauen zu den Männern, die sie lieben, eine Wahrheit und besonders ist über die Schilderung des ehelichen Verhältnisses eine natürliche Wärme ausgegossen, die bei Tell’s Frau die höchste Poesie erreicht und die wohl als die Frucht des häuslichen Glücks betrachtet werden darf, das der Dichter seiner Lotte verdankte.