Textdaten
<<< >>>
Autor: Kurt Tucholsky
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Breslau
Untertitel:
aus: Mit 5 PS Seite 65-66
Herausgeber:
Auflage: 10. – 14. Tausend
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1928
Verlag: Ernst Rowohlt
Drucker: Herrosé & Ziemsen
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Aus dem Zyklus: Über Land
Erstdruck in: Weltbühne, 10. November 1921
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[65]
Breslau

Der richtige Berliner stammt entweder aus Posen oder aus Breslau. Man muß also wohl unterscheiden zwischen dem breslauer Breslauer und dem berliner Breslauer. Der breslauer Breslauer ist ein ganz eignes Lebewesen. Wenn man so harmlos die Schweidnitzer Straße in Breslau herauf- und heruntergeht, merkt man erst gar nicht, daß man unter einem sonderbaren Volksstamm weilt. Roda Roda hat einmal gesagt, er habe in seinem sündevollen Leben nur einen Wunsch: er möchte noch einmal in Breslau als Dichter anerkannt werden. Das ist in der Tat noch keinem beschieden gewesen. Der breslauer Breslauer ist von seiner eignen Liliputanerhaftigkeit viel zu überzeugt, als daß er seinesgleichen anerkennt. „Wie kann der Kerl ein Dichter sein, wenn er noch gestern neben mir über den Tauentzien-Platz gelaufen ist –!“ Der Breslauer weiß alles besser und kann es auch schöner. Die Eigenliebe der Bewohner dieser Stadt steht im graden Verhältnis zur Schwingenweite des Nebbichvogels, der über ihr rauscht. Das hat mir ein berliner Breslauer selbst gesagt, und der muß es doch wissen.

Der breslauer Breslauer hat einen durch Frechheit gemilderten Respekt vor den Berlinern, schimpft auf sie und bewundert sie maßlos. Das hindert ihn aber nicht, ein stolzes Selbstbewußtsein zur Schau zu tragen – nie habe ich eine solche Ansammlung von Fürstensöhnen und spanischen Hidalgos in Zivil gesehen wie bei Liebich, Breslaus feinstem Tanzlokal. Da geht es hoch her, man ist ganz unter sich, liebt sich, [66] kennt sich, und jeder junge Mann tanzt wie der kleine Giampietro, der das Pech hatte, nicht aus Breslau zu sein.

Nun leidet es aber sehr viele Breslauer nicht zu Hause, sie wandern aus – und da wird die Sache finster. Ein gut Teil des berliner Debetkontos in der Welt geht auf die Breslauer, die viel forschere Berliner sind als die richtigen. Aus Breslau zu stammen, das ist keine ethnographische Bestimmung: das ist eine Weltanschauung. Ich kann Ihnen im Dunkeln alle Breslauer aus einer Gesellschaft heraussuchen. Der berliner Breslauer ist eine gradlinige Natur – er fragt dich einfach, wieviel du verdienst, ob du deine Frau liebst, wie oft und warum – er schätzt das Geld, besonders das der andern – und ist überhaupt mächtig geschäftstüchtig. Er paßt, wie man so sagt, in seine Zeit. Er hat in die große gepaßt, und er hat sich auch in die jetzige ganz hübsch hineingefunden.

Der berliner Breslauer hat eine Eigentümlichkeit: unter aller weltmännischen Größe sitzt eine ganz provinzielle Kleinheit. Es kann sein, daß ein solcher Aktienbeherrscher plötzlich beginnt, seinem Portier vorzurechnen, daß er für jedes Türschließen drei Mark achtzig bekommt. Das ist dann wieder die Schweidnitzer Straße.

Aber nun habe ich es wohl mit der Berliner Haute Finance, mit dem größern Teil der Literatur, dem Berliner Film und dem Theater auf Jahre hinaus verdorben. Man könnte das reparieren, indem man die Breslauer Messe lobte. Sie sind so stolz darauf …

Aber das werde ich wahrscheinlich auch nicht tun, und jetzt werden sie alle die „Weltbühne“ abbestellen, S. J. wird verfemt, ich bekomme keine Kritiken mehr, und wenn alles nichts hilft, verknacken sie mich. Zu zwei Jahren schwerem Breslau.