« Kapitel B 7 Beschreibung des Oberamts Leonberg Kapitel B 9 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Hausen (an der Würm),
Gemeinde III. Kl. mit 346 Einw. a. Hausen, Pfarrd., 340 Einw., b. Frohnmühle, 6 Einw. – Ev. Pfarrei; die Frohnmühle ist nach Heimsheim eingepfarrt.

Das kleine 33/4 Stunden westlich von der Oberamtsstadt auf der Grenze gegen Baden gelegene, ziemlich unansehnliche Pfarrdorf ist an einen gegen das Würmthal auslaufenden Bergabhang angebaut; die Gebäude, welche mit wenigen Ausnahmen sich auf der linken Seite der Würm befinden, sind meist klein und die Ortsstraßen lassen noch Manches zu wünschen übrig. Trinkwasser liefert nur 1 Zugbrunnen, der noch überdieß zur großen Beschwerde der Gemeinde außerhalb des Orts sich befindet.

Die Würm, über die am Ort eine schöne, steinerne Brücke führt, tritt zuweilen aus und wird nicht nur dem unteren Theile des Dorfs gefährlich, sondern schadet häufig auch den Thalwiesen.

Am nordwestlichen Ende des Orts liegt auf einer Anhöhe, zu der steinerne Treppen führen, die Pfarrkirche, deren Unterhaltung der Stiftungspflege zusteht; das Langhaus derselben wurde 1739 neu erbaut, jedoch ohne Rücksicht auf die an Thurm und Chor noch sichtbare früh germanische Bauweise. Das unterste Stockwerk des an der Ostseite stehenden, massiven, viereckigen, jedoch nicht hohen Thurmes, bildet den Chor, dessen Schluß in der Form eines halben Sechsecks noch über die | Ostseite des Thurmes hinausreicht. Das Netzgewölbe des Chors hat in der Richtung von Westen nach Osten auf den Schlußsteinen folgende Figuren: 1) das Wappen des Klosters Herrenalb, 2) ein aus Wolken herausreichender Arm, welcher ein Kreuz hält, und 3) ein Abt. Die drei schmalen, spitzbogigen Fenster haben in den Bogentheilen schöne Füllungen, auch einige im Chor stehende Chorstühle sind nicht ohne Kunstwerth. An der südlichen Innenseite des Langhauses ist ein aus Stein gearbeiteter Ölberg angebracht. Von den vorhandenen zwei Glocken ist die eine 1557 gegossen, und die andere, deren Schriftzüge nicht mehr zu entziffern sind, wohl die älteste im Bezirk.

Das 1567 erbaute und 1824 renovirte Pfarrhaus, dessen Unterhaltung dem Staate obliegt, bildet mit dem Ökonomiegebäude und dem ummauerten Hofraum einen wohlerhaltenen Pfarrsitz. Der mit einer Mauer umfriedigte Begräbnißplatz liegt um die Kirche. Das Schulhaus mit Lehrerwohnung steht auf einem freien Platze in der Mitte des Orts.

Neben der Volksschule, an welcher nur 1 Lehrer unterrichtet, besteht auch eine Industrieschule. Das 1609 erbaute, gut erhaltene Rathhaus wurde vor etwa 30 Jahren einem Ortsbürger abgekauft.

Die etwas unebene kleine Feldmarkung hat im Allgemeinen einen ziemlich unfruchtbaren Boden; im Thale und an den Thalabhängen, wo die oberen Schichten des bunten Sandsteins zu Tage gehen, ist derselbe sandig-thonig, über diesen folgen die sehr unergiebigen Verwitterungen des Wellenmergels, auf den Höhen aber lagert ein leichter, kalkhaltiger, etwas fruchtbarer Boden. Dinkel und Hafer gedeihen in etwas nassen Jahrgängen am besten. Die Luft ist ziemlich feucht, jedoch nicht ungesund; Frühlingsfröste und schädliche Thaue wirken häufig nachtheilig, daher auch das Obst nicht gerne gedeiht. Hagelschlag kommt selten vor, da der nahe gelegene Schwarzwald als Ableiter zu betrachten ist.

Bei diesen ungünstigen Verhältnissen ist es erklärlich, warum die Einwohner, deren Erwerbsquellen auf Feldbau und Viehzucht sich beschränken, trotz ihres Fleißes und ihrer eingezogenen Lebensweise, in den Vermögensumständen sehr zurück sind und die Zahl der Armen die der Bemittelten übersteigt.

Namentlich steht die Landwirthschaft wegen der ungünstigen klimatischen und Bodenverhältnisse auf einer niedern Stufe; in Ermangelung von Waldstreu zu Vermehrung des Düngers wird zur Besserung des düngerbedürftigen Bodens außer dem gewöhnlichen Stalldünger der Pferch, etwas Gyps, Asche, Kompost und ziemlich viel Jauche angewendet. Im üblichen Dreifeldersystem baut man Dinkel, Hafer, Roggen und nur wenig Gerste; im Haferfeld auch Kartoffeln und Futterkräuter. In der nur zu 1/10 angeblümten Brache werden Futterkräuter und Kartoffeln | gezogen. Von Handelsgewächsen baut man Hanf und etwas Reps, welcher jedoch einen unbedeutenden Ertrag liefert. Auf den Morgen rechnet man zur Aussaat durchschnittlich 1 Schfl. Dinkel, 5 Sri. Hafer, 3 Sri. Roggen und 3 Sri. Gerste; der Ertrag wird im Durchschnitt zu 4 Schfl. Dinkel, 3 Schfl. Hafer, 1 Schfl. 6 Sri. Roggen und 2 Schfl. Gerste angegeben. Die geringsten Ackerpreise sind per Morgen 2 fl., die mittleren 100 fl. und die höchsten 200 fl. Die Wiesen, von denen etwa die Hälfte bewässert werden kann, sind ergiebiger und liefern durchschnittlich per Morgen 20 Centner Heu und 10 Centner Öhmd; ein Morgen kostet 80–400 fl.

Die Obstzucht ist so unbedeutend, daß sie nicht einmal das Bedürfniß der Einwohner befriedigt; indessen ist eine Baumschule vorhanden.

Die Gemeinde besitzt 88 Morgen mit Forchen bestockte Waldungen, welche jährlich 40 Klafter und 400 Stück Wellen ertragen; hievon erhält jeder Bürger 1/4 Klafter und 10 Stück Wellen.

Etwa 30 Morgen gute Weiden, wie auch die Stoppel- und Herbstweide, werden von den Bürgern des Orts je nach ihrer Steuerpflichtigkeit mit Schafen befahren. Die Pferchnützung erträgt der Gemeindekasse jährlich 225–250 fl.

Der Viehstand ist gut und wird durch Haltung vorzüglicher Farren, gegenwärtig von der Rigirace, immer noch verbessert; mit Vieh wird ein unbedeutender Handel in’s Baden’sche getrieben. Die den Ortsbürgern gehörigen etwa 250 Bastardschafe finden im Ort auch Überwinterung; die Wolle wird meist nach Weil der Stadt abgesetzt. Von geringer Bedeutung ist die Schweinezucht.

Außer den gewöhnlichen Handwerkern, von denen die Maurer und Steinhauer auch auswärts arbeiten, sind noch an Gewerben eine oberhalb des Orts liegende Sägmühle mit Hanfreibe und eine nördlich des Dorfs liegende Öl- und Säg-Mühle vorhanden; ferner bestehen zwei Schildwirthschaften und ein Kramladen.

Etwa 1/4 Stunde nordöstlich vom Ort befinden sich 3 Steinbrüche im bunten Sandstein, welche gute Bau- und Werksteine liefern.

Vicinalstraßen gehen nach Heimsheim, Tiefenbronn und Merklingen.

Die Gemeinde hat außer den schon angegebenen Einkünften noch 18–20 fl. jährliches Pachtgeld aus Gemeindegütern zu beziehen. Über den Gemeinde- und Stiftungshaushalt s. Tab. III.

Die Kirchenstelle hängt von königlicher Nomination und Confirmation ab.

Der Staat, welcher Grundherr ist, hatte auf der Markung auch den großen Zehenten zu beziehen, jedoch waren einzelne Güter der Meßnerei zehentpflichtig. Der kleine Zehente gehörte der Pfarrei, deßgleichen | der Heuzehente, welcher übrigens früher dem Staate zustand. Grundherrliche Gefälle bezogen bisher neben dem Staat die Stiftungspflegen Hausen und Mühlhausen, die Armenfondspflege Weil der Stadt und der Freiherr v. Gemmingen.

Die auf der Ortsmarkung gelegene Frohn-Mühle mit 3 Mahlgängen und 1 Gerbgang, welche von der Würm in Bewegung gesetzt werden, liegt 1/2 Stunde nördlich von dem Mutterort auf der Landesgrenze.

Auf der Anhöhe westlich von Hausen soll ein Ort „Ober-Hausen" gestanden haben, ohne Zweifel lag hier der längst abgegangene Ort „Seltenbach" (s. unten). Unterhalb des Orts kommt die Benennung „Burghalde" vor, an deren Fuß nach der Sage ein Burgstall gewesen seyn soll.

Der hiesige Ortsadel tritt in die Geschichte ein im Jahr 1075 mit Liutbrandus de Husan in einer Urkunde des Klosters Hirschau. Ein Heinricus de Husen veräußerte im 12. Jahrhundert mit Erlaubniß seines Herrn, Hugo von Altingen, sein hiesiges Gut an das Kloster Hirschau, welches um dieselbe Zeit ein gewisser Berward, Anfangs hirschauischer Laienbruder, dann Keller, hierauf Probst, mit seinem hiesigen Besitz beschenkte, wie derselbe dem Kloster hier auch eine Mühle erbaute (Cod. Hirs. 64. 87. 89.),[1] Neben Hausen begabte der obengenannte Berward das Kloster Hirschau auch mit Gütern in Seltenbach (Cod. Hirs. 64. 87.).

Im Verlauf der Zeit – die näheren Umstände sind unbekannt – kam die Hoheit über Hausen an das Kloster Herrenalb, dessen Amt Merklingen der Ort zugetheilt war. Mit dem Kloster Herrenalb kam er an Württemberg, welches auch von Adeligen hier Einzelnes erwarb, wie 1371 Gülten von Maria, Wittwe Reinbolds von Windeck und 1423 Leibeigene von Heinrich von Gärtringen.

Am 10. Februar 1415 wurde von dem hiesigen Schultheiß und Gericht eine St. Martins-Caplanei bewidemt. Eine Pfarrstelle bestund bereits im 15. Jahrhundert (Würdtwein Subs. 10, 339.); später war Hausen längere Zeit Filial von Münklingen, bis es 1568 wieder einen eigenen Pfarrer erhielt.



  1. Irrig wurde nach Trad. Reichenb. bei Kuen Coll. 2, 64 ein angeblicher Ort Betherane neben Hausen gesetzt; dieß ist Betra im Sigmaringischen, unfern des sigmaringischen Ortes Neckarhausen. Auch das Husen in Trad, Reichenb. a. a. O. 41. gehört nicht hieher; vergl. Cod. Hirs. 43.
« Kapitel B 7 Beschreibung des Oberamts Leonberg Kapitel B 9 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).