Berliner Plaudereien (Die Gartenlaube 1863/26)

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Titel: Berliner Plaudereien
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aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 415
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[415] Berliner Plaudereien. Wenn ein Fremder bei seinem Aufenthalt in Berlin an gewissen Tagen der Woche solche öffentliche Vergnügungslocale wie das Odeum, Sommer’s Salon, die Tonhalle u. s. w. besucht, so wird er nicht wenig überrascht sein, daselbst von einem Orchester die Meisterwerke eines Haydn, Mozart und Beethoven in wahrhaft classischer Vollendung zu hören und zwar für das beispiellos billige Entrée von 2–3 Silbergroschen. Der Dirigent dieser ausgezeichneten Capelle ist der Musikdirector Liebig, ein schlichter Mann, der sich jedoch größere Verdienste um die Kunst erworben hat, als mancher berühmte Musiker. Ohne Uebertreibung darf man von ihm behaupten, daß er der Hauptbeförderer der classischen Richtung in Berlin ist und daß ihm die Residenz hauptsächlich ihre musikalische Bildung zu verdanken hat, indem er die genialen Schöpfungen der großen Componisten zu popularisiren und gleichsam zum Gemeingut Aller zu machen wußte. Von Saal zu Saal, von Garten zu Garten wandert der wackere Musikdirector Liebig mit seiner trefflichen Capelle und verkündigt, gleich einem Apostel, das Evangelium der Kunst nicht nur den Reichen, sondern dem ganzen Volk. Um ihn sammelt sich die andächtige Gemeinde der Musikfreunde, Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen, um den göttlichen Offenbarungen des Genies zu lauschen. Seitdem Liebig seine billigen Symphonie-Concerte veranstaltet, schwindet immer mehr der rohe Geschmack an der sonst allgemein verbreiteten Tanzmusik oder an dem haßlich faden italienischen Melodiengedudel. So hat dieser einfache Mann allmählich in der That eine förmliche musikalische Revolution herbeigeführt und ohne jede Unterstützung und Förderung von oben mehr geleistet, als so manches reich ausgestattete Conservatorium und manche auf ihre Classicität stolze Akademie.

Dasselbe Streben, die Kunst allgemein zugänglich zu machen und zu popularisiren, finden wir in Berlin auch auf dem Gebiete der Malerei und Plastik. Durch den hier immer mehr in Aufnahme kommenden Oelfarbendruck ist es auch dem minder Wohlhabenden gestattet, für einen verhältnißmäßig sehr billigen Preis seine Wohnung mit Bildern auszuschmücken, welche einen wahren Kunstwerth haben. Aus der berühmten Anstalt der Herren Storch und Kramer sind einzelne Blätter, Landschaften und Genrebilder in Oelfarbendruck hervorgegangen, die fast die Schönheit der von den ersten Künstlern herrührenden Originale erreichen. Ebenso liefern die im Verlage der Reimer’schen Sortiments-Buchhandlung erschienenen lebensgroßen Portraits des Herzogs von Sachsen-Coburg-Gotha und des bekannten Geheimen-Ober-Tribunal-Raths Waldeck den Beweis, welchen Aufschwung dieser neue Kunstzweig genommen hat. Beide Bilder zeichnen sich durch ihre täuschende Aehnlichkeit und ihre treffliche Ausführung aus, abgesehen von dem Interesse, welches die dargestellten Personen selbst erregen müssen. Mit welcher Sorgsamkeit die Copie des Herzogs von Coburg nach dem bekannten Originale von dem Maler Lauchert gearbeitet ist, geht schon aus dem Umstand hervor, daß zur Herstellung derselben nicht weniger als 25 Steinplatten benutzt wurden, wodurch allerdings die Copie der Lebensfrische des Originals nahe kommt. Dasselbe Lob gilt für das Bild des berühmten Volksfreundes Waldeck, das der Maler Francke in sprechend ähnlicher Weise vollendet und das Kunst-Institut von Lichtenberg durch Oelfarbendruck vervielfältigt hat. Beide Bilder werden gewiß den Freunden und Verehrern des populären Fürsten und des preußischen Demokraten eine willkommene Gabe sein, zumal der Preis verhaltnißmäßig nur ein unbedeutender zu nennen ist. Auch das Bild eines conservativen Staatsmannes der Gegenwart ist vor Kurzem erschienen; beim Anblick desselben äußerte ein wegen seiner Sprachfehler bekannter Banquier: „Dieser Minister ist der Typhus (Typus) der Reaction.“

Wie die Malerei durch den Oelfarbendruck, so wird die plastische Kunst durch den Zinkguß immer mehr verbreitet und populär gemacht. Architektonische Ornamente und Statuen, welche fast nur die Paläste unserer Fürsten schmückten, findet man jetzt an den Häusern und in den Wohnungen unserer reicheren Privatleute. Die Billigkeit des Materials und die Leichtigkeit des Gusses gestattet jetzt die Vervielfältigung und Anschaffung der bedeutendsten Kunstwerke des Alterthums und der modernen Zeit für einen kaum glaublichen geringen Preis. Statuen, die in Bronze oder Marmor Tausende von Thalern kosteten, werden jetzt für 50–100 Thaler in vorzüglichen Abgüssen geliefert. In dem Institut des Herrn Geiß in Berlin findet man ein völliges Museum der vorzüglichsten antiken Bildwerke, den berühmten Knaben mit dem Dorn, das Knöchel spielende Mädchen, die schöne Diana aus dem Louvre, die herrliche Gewandstatue der Muse, die classischen Götter und Helden Griechenlands nach den berühmtesten Originalen mit einer bewunderungswürdigen Treue und technischen Vollendung gearbeitet. Der Einfluß einer solchen Popularisirung der Kunst auf den Geschmack und die Bildung des Volkes kann nicht ausbleiben, und schon jetzt macht sich der gesteigerte Schönheitssinn in allen Schichten der Gesellschaft bemerkbar. Auch die Kunst, die früher nur das ausschließliche Privilegium der bevorzugten Classen war, wird jetzt demokratisch, das heißt wirklich volksthümlich und populär.