BLKÖ:Würzburg, Zerline

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 58 (1889), ab Seite: 258. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Zerline Gabillon in der Wikipedia
Zerline Gabillon in Wikidata
GND-Eintrag: 116333316, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Würzburg, Zerline|58|258|}}

Würzburg, Zerline (k. k. Hofschauspielerin, geb. in Hamburg um 1835). In ihrer Vaterstadt machte sie 1850 ihren ersten theatralischen Versuch als Parthenia in Halm’s „Der Sohn der Wildniß“. Der Erfolg, bei dem ihre reizende anmuthvolle Erscheinung mithalf, war ein so glücklicher, daß sie sofort von der Direction auf zwei Jahre für jugendlich heroische Partien engagirt wurde. „Ihre den Typus des Südens tragende Schönheit, ihr volles Organ, ihr unverkennbares Talent hatten rasch alle Herzen in Bann gethan“, schrieb damals ein Beurtheiler dramatischer Leistungen. Es war kaum ein Jahr ins Land gegangen, als die Darstellerin sich zu einer solchen dramatischen Bedeutenheit hinaufgespielt hatte, daß man ihren Namen neben einer Wilhelmi, Fuhr, Heußer, Damböck, Beyer nannte, welche in den Fünfziger-Jahren unter den tragischen Liebhaberinen die berühmtesten waren. Der große Ruf, den sich Zerline Würzburg erspielte, zog denn auch bald viele Gastspiel- und Engagementsanträge von den bedeutendsten Bühnen nach sich. Als dann im Herbst 1852 ihr Hamburger Contract abgelaufen war, entschied sie sich für die Hoftheater in Dresden und in Wien. In Dresden gastirte sie als Deborah, Gretchen (in „Faust“), Julia (in „Romeo und Julie“, Judith (in „Uriel Acosta“) und als Jungfrau von Orleans. Anfangs November 1853 trat sie dann auf dem Wiener Burgtheater als Parthenia, Jungfrau von Orleans und Donna Diana auf, besonders mit letzterer Rolle, welche ihrer ganzen Spielweise am nächsten lag, einen durchschlagenden Erfolg feiernd. Ihr wurde nun ein sehr günstiges Engagement an dieser Bühne angeboten, welches sie denn auch gerne annahm, und in welchem sie noch zur Stunde sich befindet, nachdem sie im Jahre 1878 ihr fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum als k. k. Hofschauspielerin gefeiert. Die Künstlerin hat alle Directionen und Intendanzen: Laube, Halm, Wolf, Dingelstedt, Wilbrandt überdauert und war aus dem Fach der Liebhaberinen und Heroinen in das Charakterfach, und zwar besonders der ränkevollen Frauen und Salondamen übergegangen. Sie hat namentlich die schweren Tage der Direction Laube’s überlebt, welche, wie wir aus dessen „Geschichte des Burgtheaters“ erfahren, für sie mit geringen Annehmlichkeiten verbunden waren. Ein Bühnen-Berichterstatter jener Tage schreibt aus diesem Anlasse: „Fräulein Würzburg war in den letzten Jahren (1857 u. f.) der Spielball einer experimentirenden Regie, welche ihrerseits wieder durch die wechselvollen Launen der Wiener Kritik in der Verwendung dieser Schauspielerin irregeführt wurde. Nachdem dieselbe jahrelang neben einer Seebach im [259] tragischen Fache – freilich mit wechselndem Erfolge – gewirkt hatte, wollte man plötzlich entdecken, daß es ihr an Empfindlichkeit, an Innerlichkeit gebreche, daß sie dagegen für die Repräsentation von Salondamen wie geschaffen sei. Nun gehörten bekanntlich derartige Garnisonswechsel zu den Passionen Heinrich Laube’s, und wie mancher ein Vergnügen darin findet, alle vier Wochen die Meubles in seinem Zimmer umzustellen, wenn auch – der Abwechslung halber – einmal ein Schrank vor das Fenster und ein Divan vor die Stubenthür zu stehen kommt, so liebte es der artistische Leiter des Burgtheaters mit seinen Bleisoldaten (der Vergleich ist nicht so gewagt, wie er auf den ersten Blick erscheint), die wunderlichsten Manoeuvres auszuführen. Es liegt auf der Hand, daß solche Versuche nicht immer mißlingen: denn ein guter Schauspieler ist eben ein guter Menschendarsteller, und er wird darum noch keinen Competenzconflict erheben, weil er eine Rolle zugetheilt erhält, für welche eigentlich seine Statur fünf Zoll länger sein oder sein Geburtstag um zehn Jahre früher datiren sollte. Aber für die künstlerische Entwicklung der Einzelnen und die Herstellung eines harmonischen Zusammenspiels förderlich sind solche Versuche darum keineswegs, und wenn es ein Gesetz gäbe, welches den fahrlässigen Mord junger Talente bestraft, möchte ich nicht in Laube’s Haut stecken. Wie viel „seltene Vögel“ hatte er nicht von seiner Suche nach Künstlerinen mitgebracht, die er nach einem Jahre als ganz gemeine Sperlinge wieder fliegen ließ! Oft durften sich die armen Thierchen gar nicht einmal vor dem Publicum sehen lassen oder höchstens ein Lied nach der Melodie pfeifen: „Gnädige Frau, der Wagen ist vorgefahren“. An solchen Aufgaben wird freilich das größte Talent zu Schanden.“ Diese Worte treffen – wir wollen damit dem Directionstalente Laube’s übrigens nicht nahe treten – auf diesen ganz, auf die Würzburg zum großen Theile zu. Und so ist denn auch in und mit ihnen die Stellung dieser Darstellerin an der Hofbühne während Laube’s Gewaltherrschaft gekennzeichnet. Gewiß aber ist es, daß die Darstellerin in rhetorischen Rollen wirksamer hervortrat als in gefühlvollen; daß ihr Salondamen, namentlich jene Gattung Frauen, wie sie uns die neueren französischen Bühnendichter in ihrer ganzen Eigenart vorführen, vortrefflich gelingen und sie in solchen Rollen auf der Höhe ihrer Kunst steht. Bei einer Umschau in ihrem Repertoire führen wir außer den schon genannten Rollen aus ihrer ersten Zeit noch an: das Blumenmädchen im „Fechter von Ravenna“, welche Rolle sie geschaffen, und welche ihr Keine mit der Vollendung, mit welcher sie dieselbe gab, nachspielte; Margarethe in Scribe’s „Erzählungen der Königin von Novarra“, die Herzogin von Marlborough in desselben „Ein Glas Wasser“; die Virginia Blassac in der Frau von Girardin „Lady Tartuffe“; die Elisabeth in „Maria Stuart“; die Gräfin Julia in „Fiesco“; die Eboli in „Don Carlos“; die Adelheid in „Götz von Berlichingen“; vor Allem aber die Marwood in Lessing’s „Miß Sarah Sampson“; und um auch eine ihrer episodischen Rollen anzuführen, nennen wir noch die Armgard in Schiller’s „Tell“, wo die Scene mit dem Landvogt, von dem sie ihres Mannes Freiheit fordert, zu einem Meisterstücke der Wahrheit und Leidenschaft wird. Fräulein Würzburg hatte sich in Wien [260] 1856 mit dem Hofschauspieler Gabillon verheiratet und erschien dann im Theateralmanach nur noch als Frau Gabillon. Um die Eigenart ihres nicht ungewöhnlichen Talentes zu kennzeichnen, faßte man in den ersten Jahren ihrer Bühnenthätigkeit ihr dramatisches Talent in den Ausspruch: „Man pries in ihr eine junge Rachel, und sie wurde eine Gabillon.“

Illustrirte Frauenzeitung, V. Jahrg., 2. December 1878; VI. Jahrg, 17. Februar 1879, Nr. 4: „Frau Zerline Würzburg-Gabillon“. – Künstler-Album. Eine Sammlung Porträts (Leipzig 1869, Dürr, 4°.) 5. Lieferung, S. 6: „Zerline Gabillon“. – Monatschrift (später Recensionen) für Theater und Musik (Wien, 4°.). Herausgeber Joseph Klemm (recte Fürsten Czartoryski) II. Jahrg. (1856), S. 327. – Neue böse Zungen (Wien, 4°.) 1871, Nr. 10. – Neue freie Presse, 1867, Nr. 1153 im Feuilleton: „Dramaturgische Berichte von Heinrich Laube“. – Dieselbe 1868, Nr. 1214, ebenda; 1868, Nr. 1267, ebd.; 1868, Nr. 1237 im Feuilleton: „Das Burgtheater von 1848–1867. XVI“, von Heinrich Laube; 1868, Nr. 1244. ebenda in derselben Artikelreihe XVII. – Neue illustrirte Zeitung (Wien, Zamarski, Fol.) 1875, Nr. 22: „Louis Gabillon, Zerline Gabillon“. – Schlesische Zeitung, 1861, Nr. 252 im Feuilleton: „Herren und Damen von der Wiener Hofburg“. – (Stamm’s) Böse Zungen (Wien, 4°.) 1871, Nr. 9, S. 163: „Theaterxenien. Frau Gabillon“. – Wiener Theaterchronik, 1863, Nr. 43 im Feuilleton. Von Emile von Vacano.
Porträts. 1) Unterschrift: Facsimile des Namenszuges: „Zerline Würzburg“. Kriehuber del. 1855. Gedruckt bei Joseph Stoufs in Wien (L. T. Neumann, Fol.). – 2) Unterschrift: Facsimile des Namenszuges. Eduard Kaiser 1854 (lith.). Gedruckt bei Joseph Stoufs (Neumann, Fol.). – 3) Unterschrift: „Zerline Gabillon“. Holzschnitt nach einer Zeichnung von F. W (eiß) in der „Neuen illustr. Zeitung“ 1875, Nr. 22. – 4) Unterschrift: „Zerline Gabillon-Würzburg“. Holzschnitt ohne Angabe des Zeichners und Xylographen. – 5) Unterschrift: „Zerline Gabillon“. Nach einer Photographie. Stich und Druck von Weger, Leipzig (Verlag der Dürr’schen Buchhandlung, 4°.). – 6) Ueberschrift: „Julie (sic) Gabillon“ Gez. von Klič. Joh. Tomassich (sc.) (Fol.) im Spottblatt „Der Floh“ 16. Jänner 1870, Nr. 3 (Charge: Frau Gabillon im Costume mit Spitzen-Stehkragen, zu ihren Füßen kniet Mosenthal). – 7) Unterschrift: „Zerline Würzburg-Gabillon“. Schubert del. in der „Illustrirten Frauenzeitung“ 17. Februar 1872, Nr. 4.