BLKÖ:Riotte, Philipp Jacob

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Rint, Joseph
Band: 26 (1874), ab Seite: 171. (Quelle)
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Riotte, Philipp Jacob (Componist, geb. zu St. Wendel bei Trier 16. August 1776, gest. zu Wien 20. August 1856). Ueber Riotte’s Jugend- und Bildungsgeschichte liegen keine Nachrichten vor. Das Folgende ist das erste ziemlich vollständige Material eines, wenngleich nur elementaren Lebensumrisses, theils aus meinen Sammlungen, theils aus Mittheilungen meines werthen Freundes Dr. Aug. Schmidt. Riotte scheint, wofür schon der Name spricht, aus einer französischen Emigrantenfamilie abzustammen. In der Musik war A. André in Offenbach sein Lehrer. In die Oeffentlichkeit trat er zum ersten Male als Clavier-Virtuose und Componist im Februar 1804 zu Frankfurt a. M. Bald darauf erscheint er in Gotha als Musikdirector, denn so nennt er sich selbst auf zwei Claviersonaten, welche bei André in Offenbach im Jahre 1806 erschienen sind, und auf zwei anderen, ebenda im Jahre 1807 herausgegebenen, die er „seiner“ Herzogin Karoline von Sachsen-Gotha, der zweiten Gemalin des Herzogs Emil Leopold August, widmete. Im Jahre 1808, zur Zeit des berühmten Fürstencongresses zu Erfurt, den Napoleon vom 27. September bis 14. October um sich versammelt hatte und auf welchem außer vielen Fürsten und Großen des Reiches der Kaiser von Rußland, die Könige von Bayern, Sachsen, Württemberg und Westphalen nebst ihren Gemalinen und Prinzessinen zugegen waren, dirigirte R. vor dem „Parterre von Königen“ die französischen Opernvorstellungen. Im folgenden Jahre ist er bereits in Wien, denn im April 1809 brachte er im Kärnthnerthor-Theater seine später oft wiederholte Operette: „Das Grenzstädtchen“ persönlich zur Aufführung, und einige seiner damals erschienenen Compositionen, darunter: „Amusements pour le beau monde sur le Pf.“, Op. 6, und „Concert pour le Fl., avec accomp.“ , Op. 22, fanden eine sehr beifällige Aufnahme. In Wien nahm er nun seinen bleibenden Aufenthalt und wirkte daselbst viele Jahre als Capellmeister an den verschiedenen Vorstadt-Theatern der Residenz. Im Februar 1818 kam er an die Stelle J. Kinky’s[WS 1] [Bd. XI, S. 274], der an das Kärnthnerthor-Theater war berufen worden, als Capellmeister zum Theater an der Wien. Die weitere Thätigkeit [172] R.’s läßt sich nun nur in einer chronologischen Aufzählung seiner in den Theatern Wiens zur Aufführung gebrachten Opern, Operetten, Singspiele, Melodramen u. dgl. m. darstellen. So schrieb er im Jahre 1809: die Musik zu der schon erwähnten Operette: „Das Grenzstädtchen“; – 1812: zu F. L. Z. Werner’s Tragödie: „Wanda. Königin der Sarmaten“, am 16. Mai g. J. im Theater an der Wien zum ersten Male aufgeführt; – 1818: zu Horschelt’s Kinderpantomime: „Die Redoute“, ebenda aufgeführt im Februar d. J.; – theilweise die Musik zu desselben Zauberpantomime: „Der Berggeist Rübezahl“, nach Musaeus 1. Legende, ebenda aufgeführt am 7. Mai g. J.; – zur allegorischen Operette: „Kasem, oder die Launen des Glücks“, ebenda im Juni g. J. gegeben; – 1819: zu „Azondai“, komisches Melodrama, gegeben am 31. Juli g. J.; – zu „Die Drillingsschwestern, oder welche ist die beste Frau“; – zu „Elisene“. Kinderballet, gegeben am 29. März g. J.; – 1820: die Musik zum Kinderballet: „Die Wildschützen“, gegeben im Theater an der Wien im Jänner g. J., zwei Jahre später (1822) in München; – zu „Die Witwe und ihre Freier“, komische Operette, gegeben ebenda im Juli g. J.; – die Cantate: „Die Farben“, in zwei Abtheilungen aufgeführt im Theater an der Wien als Mittagsconcert am 12. Mai; – 1821: die Musik zum Ballet: „Das Zauberglöckchen“, ebenda im October g. J.; – und gemeinschaftlich mit dem Grafen Gallenberg zum Ballet: „Die Feuernelke“, ebenda im Mai g. J.; – 1823: die Musik zu dem Schauspiele: „Der Leopard und der Hund“, am 25. September im Theater an der Wim aufgeführt; – die Operette: „Euphemie von Avogaro“, im Kärnthnerthor-Theater[WS 2] gegeben am 3. October g. J.; – die Oper: „Prinz Nuradin“, zuerst gegeben in Prag und am 1. Februar 1825 im Theater an der Wien; – 1824: die Musik zu „Die Gaben des eisernen Königs“, komisches Feenmärchen mit Musik, aufgeführt am 24. April g. J. im Theater an der Wien; – zur Pantomime: „Die Fee und der Harlekin“, aufgeführt am 26. Mai ebenda; – und in Gemeinschaft mit Blumenthal und Seyfried zum Feenspiel: „Der kurze Mantel“, von Johann Gabriel Seidl, aufgeführt am 6. November ebenda; – 1825: die Musik zum Ballet: „Der Berggeist“, aufgeführt im Jänner ebenda; – zu dem Singspiele: „Der Kopf von Eisen, oder der Flüchtling“, aufgeführt am 19. September ebenda; – zum komischen Singspiele: „Die Prise Tabak, oder die Vettern als Nebenbuhler“, aufgeführt am 15. Juli im Kärnthnerthor-Theater; – 1826: zusammen mit Röth die Musik zum Zauberspiele: „Staberl als Freischütz“, aufgeführt am 23. Jänner im Theater an der Wien; – die Musik zum militärischen Schauspiele: „Pansalvon“, gegeben am 21. April im Theater an der Wien; – zur Pantomime: „Policinello todt oder lebendig“, eigentlich eine Neuinscenesetzung von „Redoute“, aufgeführt am 12. December im Theater in der Josephstadt; – 1827: die Musik zu Raimund’s Zauberspiel: „Moisasurs Zauberfluch“, am 25. September ebenda; – Entreacts und Märsche zu dem Schauspiele: „König Richard in Palästina“, am 18. August ebenda, – die Musik zu dem melodramatischen Schauspiele: „Zwei Uhr“, aufgeführt im October ebenda; – und zu dem romantischen Spectakelstücke: „Der Felsenthurm auf Rabenhorst“, am 17. November [173] ebenda; – 1828: die Musik zum Zauberspiele: „Das goldene Kleeblatt, oder Männertreue auf der Probe“, aufgeführt am 25. April im Theater in der Josephstadt; – zu dem neu einstudirten Zauberballet: „Rübezahl“, am 18. Juni ebenda; – zu der neu nach Dittersdorf’s „Hieronymus Kniker“ bearbeiteten[WS 3] Oper: „Vetter Lucas von Jamaica“, gegeben am 18. Juli ebenda, und zu dem neu in Scene gesetzten Singspiele: „Welche ist die beste Frau?“, gemeinschaftlich mit Clement zur Zauber-Pantomime: „Die goldene Feder“, aufgeführt im Februar ebenda; – 1830: die Musik zur parodirenden Posse: „Die geschwätzige Stumme von Nußdorf“, aufgeführt im Juni im Theater in der Leopoldstadt; – 1831: zum phantastischen Märchen: „Fee Rosenschritt und Zauberschritt“; – 1832: zum phantastischen Zauberspiele: „Moralis, oder Untergang des bösen Zeitgeistes“; – zur Pantomime: „Rovinando’s Sturz“, alle aufgeführt im Theater in der Leopoldstadt; – 1833: zusammen mit W. Müller Musik zur Zauberburleske: „Der Geist des Widerspruchs“; – zum Zauberspiele: „Liebenau, oder Wanderung nach einer Frau“; – zur Operette: „Die Lieb’ auf der Alm“ (1837 neu in die Scene gesetzt); – 1834: die Musik zur Operette: „Die Lieb’ in der Stadt“; – zum Zauberspiele: „Hymens Zauberspruch“; – zur komischen Zauberpantomime: „Die Doppelgestalten“; – 1835: die Musik zum Zauberspiele: „Kupferschmied, Koch und Kappelmacher“, alle im Theater in der Leopoldstadt aufgeführt; – 1838: zur Parodie: „Der Postillon von Stadelenzersdorf“, Parodie auf Adam’s „Postillon von Lonjumeau“; – 1840: die Musik zur Parodie: „Der Kampf der Eilfer mit den Zwölfern, oder von halb acht bis dreiviertel eilf“; die beiden letzten aufgeführt im Theater in der Josephstadt. Nach einer längeren Pause brachte dann im Jahre 1852 der damals 76jährige Meister seine große Cantate: „Der Sieg des Kreuzes“ am 29. November im großen Redoutensaale mit Beifall zur Aufführung. Aber auch in Kammermusik, namentlich in früheren Jahren war R. und nicht ohne Erfolg thätig. Von diesen sind anzuführen außer seinen zwei ohne Datum erschienenen Erstlingswerken: „Concert für Clarinett“ und „Concert für Pianoforte“ die „Arien und Variationen, gesungen von Mme Catalani“; – „Pièces favorite aus Haydn’s Jahreszeiten, für das Pianoforte eingerichtet“ (Offenbach 1804, André); – „IX variations pour le Pianoforte comp. et dediées a Mme Meline Brentano“ (ebd. 1804); – „Deux grand Sonates pour P. F. ded. a Mr. le Baron Frédéric de Dalberg“ (ebd. 1806); – „Deux Sonates pour le P. F. avec accomp. ded. a son Alt. Sereniss. Caroline duchesse de Saxe Gotha et Altenburg“ (Leipzig 1807, Breitkopf u. Härtel); – „Deux Sonates pour le Pianoforte etc.“, Oeuv. 11 (ebd. 1807); – „Fantaisie et Variations pour le Pianoforte ac. accomp. de l’Orchestre etc.“, Oeuv. 4 (ebd. 1808); – „Amusements pour le beau monde pour le P. F. ded. a Mme de Kleist“, Oeuv. 18 (Offenbach 1808, André); – 1809: „Neuf Variations pour le Pianoforte ded. a Dlle Louise de Wurm“ (Braunschweig 1809, Spehr); – „Trois Quatuors pour 2 Violins, Viola e Vclle.“, Oeuv. 21 (Leipzig 1811, Breitkopf u. Härtel), es waren dieß seine ersten Quartette; – „Grand Trio pour le Pianoforte, Violon et Vclle.“, Oeuv. 26 (Vienne et Pesth 1811, au bureau d’industrie); – [174] „Symphonie“ (C. F. C.) (Leipzig 1812, Breitkopf), wurde in Leipzig an den Meßsonntagen des Jahres 1812 mit großem Beifalle aufgeführt; – „Gesang auf dem Marsche“, Solo mit Chor, wurde am 6. April 1814 im Universitätssaale in einem Concerte vorgetragen, welches die Studirenden der Medicin und Pharmacie der Wiener Universität zum Vortheile der in der Schlacht bei Leipzig verwundeten Krieger veranstaltet hatten; der berühmte Sänger Forti [Bd. IV, S. 293] sang den Solopart; – „Variations pour le Pianoforte sur un thême de l’Opera: „La famille suisse“ (Bonn, Simrok); – „Grand Concerto (C-molle) pour le nouvelle Clarinette“, Oeuv. 36 (Bonn 1818, Simrok). Von anderen zur Aufführung gebrachten Werken des seiner Zeit sehr beliebten Meisters ist noch zu erwähnen das charakteristische Tongemälde: „Die Schlacht bei Leipzig oder Deutschlands Befreiung“. Von seinen zahlreichen kleineren Compositionen ist wohl über ein halbes Hundert im Stiche erschienen, wenigstens trägt eine Sonate in G das Opus-Nummer 52. Die übrigen sind meist Tänze, Sonaten, Rondeau’s, Variationen und ein paar Flötenconcerte. In seinen Compositionen herrscht der melodiöse Charakter vor, sie zeichnen sich auch durch gefälligen harmonischen Fluß aus, entbehren aber, für die Unterhaltung, für den Augenblick berechnet, der Tiefe und höheren Bedeutung. Immerhin aber verdiente es der Meister, in dessen Werken noch lange nicht der musikalische Banalismus des Virtuosenthums der Gegenwart steckt, und der mehrere Jahrzehnde hindurch zu Wiens beliebtesten Theater-Compositeuren zählte, daß ihm ein Musikforscher eine eingehende Studie widmete. R., der an Altersschwäche gestorben, bestimmte die Hälfte seines reinen Nachlasses den seinen Namen führenden Anverwandten, die, da in Wien keine vorhanden waren, aufgefordert wurden, sich bis zum 17. October 1857 bei dem Bezirksgerichte Wieden zu melden.

Gaßner (F. S. Dr.), Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Frz. Köhler, Lex. 8°.) S. 725. – Gerber (Ernst Ludw.), Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1813, A. Kühnel, gr. 8°.) Bd. III, Sp. 877. – Schilling (G. Dr.), Das musikalische Europa (Speyer 1842, F. C. Neidhard, gr. 8°.) S. 283. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Ed. Bernsdorf (Dresden 1857, Schäfer, gr. 8°.) Bd. III, S. 346. – Neue Wiener Musik-Zeitung, V. Jahrg. (1856), Nr. 44. – Vorstadt-Zeitung (Wien, Fol.) 1856, Nr. 235. – Wanderer (Wiener polit. Blatt) 1856, Nr. 505.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: J. Kinsky’s.
  2. Vorlage: Kärthnerthor-Theater.
  3. Vorlage: bearbeiteteten.