Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Laroche, Johann
Band: 14 (1865), ab Seite: 163. (Quelle)
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La Roche, Karl (k. k. Hofschauspieler, geb. zu Berlin 14. October, nach Einigen 1796, nach Anderen 1798). Seine Eltern – der Vater war königlicher Beamter – lebten in günstigen Vermögensumständen in Berlin.. Die Schauspielkunst erfreute sich zu jener Zeit in Berlin einer besonderen Pflege. Mit Iffland zugleich, der die Leitung des Theaters führte, glänzten Künstler wie Bethmann, die Crelinger, und der junge La Roche, der längst ein fleißiger Theaterbesucher war, fand sich gar bald zu dieser Kunst mächtig hingezogen. Der Besuch Iffland’s, der ein Freund des Hauses war und den Jüngling in seinem Enthusiasmus förderte, that das Seinige und als unerwartet La Roche’s Vater durch einen Unfall fast die Hälfte seines Vermögens verlor, stand dem jungen Manne, der sich nun selbst und bald eine unabhängige Existenz schaffen wollte, auch von Seite seines Vaters nichts mehr im Wege und L. wurde Schauspieler. Am 10. Juni 1811 betrat L. als Mitglied der Seconda’schen Truppe in Dresden zum ersten Male und mit glücklichem Erfolge die Bühne. Seine erste Rolle war der Rochus Pumpernikel, die er rasch einstudirte, weil gerade der dafür bestimmte Darsteller fehlte. Von Dresden kam L. zur Bühne nach Danzig, wo er bald der Liebling des Publicums wurde. Hier sei bemerkt, daß L. in seinen jungen Jahren einen sonoren Baß sang und also in der ersten Periode seiner Künstlerlaufbahn vorzugsweise als Sänger wirkte, dem sein gewandtes Spiel und die angenehme äußere Erscheinung trefflich zu Statten kamen. Im Jahre 1817 spielte er – jedoch nur kurze Zeit – in Berlin und kehrte dann wieder nach Danzig zurück, wo er sich mit der Tochter eines Collegen, Wagner, vermälte und nun ein Engagement in Lemberg annahm, wo damals das deutsche Theater unter Bulla’ s und Kratter’s [Bd. XIII, S. 144] Direction allgemein für ein vortreffliches, gut geleitetes Institut galt. Schon in Lemberg hatte La Roche die Regie übernommen und bereits mehrere Charakterrollen gespielt, in welchen er jene Eigenthümlichkeit in Auffassung und Ausführung beurkundete, die ihn dann zum Meister seines Faches erhoben. Auf einem Ausfluge nach Warschau war L. nahe daran, der Bühne Lebewohl zu sagen. Schon wollte er den Antrag, als Officier der polnischen Armee in russische Dienste zu treten, annehmen, als es einem Danziger Kaufmann glücklich gelang, dem jungen Künstler diesen Gedanken auszureden. Im Jahre 1819 folgte L. einem Rufe nach Königsberg, wo er bis zu Ende des Jahres 1822 blieb, in der Zwischenzeit aber, 1821, auf einen Gastrollencyklus nach Leipzig reiste, der von einem so günstigen Erfolge begleitet war, daß ihm der damalige Director Hofrath Küstner die vortheilhaftesten Anträge machte. Im Jahre 1822 nahm L. den Antrag der Weimarer Bühne an, welcher für ihn sehr günstig lautete und in welchem ihm die Versicherung gegeben [164] wurde, daß er in kürzester Frist das Decret als pensionsfähiger Hofschauspieler erhalten werde, was auch schon nach vier Monaten geschah. In Weimar wehte damals noch der Geist jener hohen Kunstbildung, den die Koryphäen der deutschen Dichtung: Schiller, Goethe, Wieland und Herder geweckt. In Weimar fand La Roche’s Künstlerstreben die wahre Richtung und dort begründete L. jenen Künstlerruf, der heut, nach mehr als vierzig Jahren, unverringert mit seinem Namen verbunden ist. Unter den Augen Goethe’s, in dessen Hause der junge Künstler ein gern gesehener Gast war, feilte L. an seiner künstlerischen Ausbildung. Der Altmeister der deutschen Dichtung ließ sich von Zeit zu Zeit von ihm vorlesen, und die Bemerkungen, welche er anfänglich darüber nicht dem jungen Künstler in’s Gesicht machen wollte, theilte er Riemer mit, der sie dann La Roche hinterbrachte. Später studirte Goethe selbst mit ihm ganze Rollen ein, wie z. B. den Carlos in seinem „Clavigo“. Die Klarheit, womit Goethe oft nur sehr kurz seine Ansichten mitzutheilen verstand, war, wie La Roche selbst erzählt, von bewunderungswürdig überzeugender Kraft, so daß es oft schien, als habe er ihm plötzlich Schuppen von den Augen weggezogen. Auch von Weimar machte L. mehrere Kunstreisen; im Jahre 1824 nach Hannover, Hamburg, Breslau; im Jahre 1827 nach Berlin, wo ihm nach 22 mit dem entschiedensten Beifall gespielten Gastvorstellungen ein Engagement an der königlichen Bühne angeboten wurde; im Jahre 1828 in Königsberg und Danzig, wo bekannte Gönner und Freunde aus der ersten Zeit des dortigen Aufenthaltes den Künstler hochwillkommen hießen; im Jahre 1831 in Dresden, wo es gleichfalls nicht an günstigen Anträgen fehlte; im Jahre 1832 in Wien, wo seine mit einstimmigem Beifall abgespielten acht Gastrollen so vortheilhafte Anerbieten zur Folge hatten, daß sich L. entschloß, dieselben anzunehmen, worauf er im April 1833 als Mitglied dieser Bühne zu wirken begann und zu deren Zierden seit dreiunddreißig Jahren zählt. Mit Anschütz, Fichtner, Ludwig Löwe bildete er bis vor Kurzem die „alte Garde“ der Wiener Hofburg, ein männliches Künstlerkleeblatt, wie es zur Zeit keine deutsche, vielleicht überhaupt keine andere Bühne aufzuweisen hat. Anschütz tritt krankheitshalber seit Monaten nicht auf, Fichtner hat, als er noch in ungeschwächter Kraft wahre Triumphe der Künstlerschaft gefeiert, der Bühne Lebewohl gesagt, Ludwig Löwe grollt seit Jahren über Unbeschäftigtheit, nur La Roche erquickt noch mit seinem unversiegbaren Humor und einer an Fichtner’s ewige Jugend mahnenden Unveränderlichkeit seiner edlen äußeren Erscheinung durch den Zauber seines Spieles, in welchem Kunst und Natur auf das innigste verschmolzen sind. Im Drama wie im Lustspiel wird er in den verschiedensten[WS 1], aber immer bedeutenden Rollen verwendet. Als Held, Intriguant, zärtlicher Vater, Geck, Lebemann oder Dümmling, stets weiß er eine Kunstleistung zu schaffen, die ihres Sieges gewiß ist. Getreu der Tendenz jener Schule, aus der er hervorging – der Iffland’schen – blieb Natur, realistische Lebenswahrheit immer das Erste und Letzte, wonach L. in allen seinen Darstellungen strebte, indem er sie stets zugleich mit dem Adel der Kunst auszustatten wußte. Ein wenngleich nur flüchtiger Blick auf sein Rollenrepertoire, von der ersten Zeit, als er als [165] Sänger und Schauspieler zugleich thätig war, bis auf die Gegenwart, in der er ältere Rollen, aber von allen Farben spielt, wird am leichtesten erkennen lassen, mit welch’ einem Künstlergenius seltener Art wir es zu thun haben. Noch in Weimar, wo er mit Genast in den meisten ersten Baßrollen alternirte, sang er den Don Bartolo im „Barbier von Sevilla“, – den Kaspar im „Freischütz“, – den Leporello im „Don Juan“, – den Figaro in „Figaro’s Hochzeit“, – den Lord in „Fra Diavolo“, – den Thomas im „Geheimniß“. In Schau- und Trauerspielen gab er aber zu jener Zeit den Carlos in „Clavigo“, – den Wurm in „Kabale und Liebe“, – den König Philipp in „Don Carlos“, – den Lorenz Kindlein im „armen Poeten“, – den Geßler in „Wilhelm Tell“, – den Franz in den „Räubern“, – den Burleigh in „Maria Stuart“, – den Lear im gleichnamigen Stücke, – den Shylok im „Kaufmann von Venedig“, – den Fallstaff in „Heinrich V.“, – den Jago im „Othello“, – den Schewa in Sheridan’s „Jude“, – den Paul Werner in „Minna von Barnhelm“, – Hofrath Wacker in „Porträt der Mutter“; Rollen, von denen er mehrere wie vor dreißig Jahren auch noch heut spielt; in Lustspielen: den Ferdinand in den „Drillingen“, – den Herrn von Götze in Töpfer’s „Zurücksetzung“, – den Brand in „Onkel Brand“, – den Herzog im „Tagesbefehl“, – den Tartüffe im gleichnamigen Stücke, – den Lämmermayer in „Künstlers Erdenwallen“, – den Magister im „Hofmeister in Tausend Aengsten“. Als er vor dreiunddreißig Jahren im Hoftheater seinen Gastrollencyklus gab, spielte er den Daniel im „Erbvertrag“, – den Ossipp in „Isidor und Olga“, – den Mephisto in Goethe’s „Faust“, – den Pfeffer in „Nr. 777“. – den Oberförster in den „Jägern“, – den Posert im „Spieler“, – den Hassan im „Fiesco“, – den Anwalt in den „Quälgeistern“, und als er zur Benefice für Madame Lukas im Theater an der Wien spielte, den Elias Krum im Lustspiel „Der gerade Weg ist der beste“. Von seinen späteren Leistungen sind – wir bemerken, daß wir nur die Cabinetsstücke aus den Kunstgemälden nennen, welche dieser Genius schafft – anzuführen: Cromwell in Raupach’s gleichnamigem Stücke, – Just in „Minna von Barnhelm“, – der Klosterbruder in „Nathan der Weise“, – Ambrosius in „Viel Lärm um Nichts“, – Dorfrichter Adam im „Zerbrochenen Krug“, – Bloom in „Rosenmüller und Finke“, – Piepenbrink in den „Journalisten“, – Birnbaum in „Birnbaum und Sohn“, – Gellert in „Gottsched und Gellert“, – Rohrbeck in „Geadelter Kaufmann“, – Brömser in „Ein Lustspiel[WS 2]“, – Reisland in „Alter Magister“, – Hartmann in „Die Neuberin“, – Kammerrath in „Die Verwirrungen“, – Malvolio in „Was Ihr wollt“, – Commerzienrath in „Zur Ruhe setzen“ – und den älteren Klingsberg in den „beiden Klingsberg“. Ueberhaupt ist das Rollen-Repertoire dieses Künstlers sehr groß und umfaßt bloß während seiner Thätigkeit auf der Wiener Hofbühne über 270 Rollen. So scharf L. zu charakterisiren versteht, mit seinem Humor schleift er alle Kanten und Spitzen ab und legt ein gemüthliches Element in seine Rollen, das unwiderstehlich wirkt. Ebenso im Niedrigkomischen wie im Bereiche der feinen [166] Komik leistet er Außerordentliches, und obgleich bereits im höheren Alter, so versteht er es wie kein Anderer graziös zu sein. Wie als Künstler einzig in seiner Art, so ist er im Privatleben voll heiteren Sinns und geistvoller Aperçu’s, ein sehr gesuchter Gesellschafter und überall gern gesehener Gast. Seine ungewöhnlich starke Aehnlichkeit mit Goethe kam ihm in früheren Jahren bei einem geistreichen Scherze trefflich zu Statten. Mehrere Künstler, darunter die Stuttgarter Hofschauspieler Moriz und Dessoir hatten sich zusammengethan, das literarische Treiben des jungen Deutschland in improvisirten Szenen darzustellen. Moriz gab den Heine, mit dem er während seines Aufenthaltes in Paris viel umgegangen und ihn also genau kannte; Dessoir übernahm es, den damaligen (1838) Redacteur der Zeitung für die elegante Welt darzustellen, ein Dritter übernahm die Rolle Menzel’s, La Roche gab den Goethe. Nun begannen die Debatten und wurden mit solchem Witz und naturgetreuer Charakteristik geführt, daß die Heiterkeit der Zuseher von Secunde zu Secunde wuchs. Goethe-Laroche saß in einem Fauteuil stolz und majestätisch, Heine ihm gegenüber auf einem Divan, faul die Knie von sich streckend, und homerisches Gelächter erscholl, wenn Heine’s weinerlich-quickende Stimme zwischen den diktatorischen Reden Goethe’s oder den polternden Philippiken Menzel’s mit beißendem Spotte hineinfuhr. Dabei erregten La Roche und Moriz mit der Literaturkenntniß, welche sie bei diesen Controversen offenbarten, allgemeine Bewunderung. Am 10. Juni 1861 feierte L. den fünfzigsten Jahrestag des Beginnens seiner theatralischen Laufbahn. Unter den mannigfachen Beweisen der Liebe und Verehrung, welche ihm an diesem Tage von Collegen und Freunden in der Nähe und aus der Ferne wurden, sei nur bemerkt, daß ihm durch die königl. preußische Gesandtschaft die bei Gelegenheit der Goethe-Schillerfeier in Berlin geprägte Medaille in Gold mit einem huldvollen Schreiben Sr. Majestät des Königs übergeben wurde; der Großherzog von Weimar, dessen Hausorden vom weißen Falken L. schon früher erhalten hatte, sandte ihm ein gnädiges Beglückwünschungsschreiben und die Familie Goethe eine werthvolle wenig bekannte Büste des großen deutschen Dichters. [Ueber seine Porträte, die ihm dargebrachten poetischen Huldigungen und seine Charakteristik als Künstler vergleiche das Nähere in den Quellen.]

I. Zur Biographie. Wiener Jahrbuch für Zeitgeschichte, Kunst und Industrie und österreichische Walhalla (Wien 1851, A. Schweiger, Taschenbuchform.) S. 81 [nach diesem geb. im J. 1796]. – Pietznigg, Mittheilungen aus Wien (kl. 8°.) Jahrg. 1833, 1. Heft, S. 107: Biographie [nach dieser ist La Roche im Jahre 1766 geboren; würde also im nächsten Jahre seinen hundertsten Geburtstag begehen! Wahrhaftig, Herr La Roche hat sich trefflich conservirt!!!]. – Der Zwischen-Act (Wiener Theaterblatt), II. Jahrg. (1859), Nr. 61 u. 62: „Karl La Roche. Biographische Skizze“, von Adolph Schirmer. – Wiener Theater-Chronik, II. Jahrg. (1860), Nr. 8: „Daguerreotypen aus der Künstlerwelt. III. Karl La Roche“. – Männer der Zeit. Biographisches Lexikon der Gegenwart (Leipzig 1862, Karl B. Lorck, 4°.) Zweite Serie, Sp. 283 [nach diesem geb. im Jahre 1796]. – Fremden-Blatt (Wien, 4°.) Jahrg. 1861, Nr. 176 u. 178. – Das Vaterland (Wiener Parteiblatt, Fol.) Jahrgang 1860, Nr. 35.
II. Porträte. 1) Unterschrift. Facsimile des Namenszuges Karl La Roche. Jos. Kriehuber 1855 (lithogr.) (Wien, Neumann, Halb-Fol.); – 2) Kriehuber (Wien, Spina, Halb-Fol.); – 3) Costumbild zu Raupach’s Drama: „Cromwell’s Ende“. La Roche als Olivier Cromwell und Mad. Rettich als Lady Elisabeth Claypole. Schöller del., [167] Zechmayer sc. (Wien, 4°.), colorirt und schwarz; – 4) Costumbild. La Roche als „König Philipp“ in Schiller’s „Don Carlos“ und als „armer Poet“. Schmutzer del., A. Bogner sc. (Wien, 4°.); – 5) Kriehuber del. (Wien, Artaria u. Comp., Halb-Fol.); – eine vortreffliche, in Farben ausgeführte Photographie, den Goethekopf des Künstlers in natürlicher Größe und in voller Lebenswahrheit darstellend, hat der Maler und Photograph Kramolin in Wien im Jahre 1865 vollendet; – in der k. k. Aerarial-Porzellanfabrik befindet sich unter dem Cyklus achthalbzölliger Biscuit-Büsten berühmter österreichischer Poeten und darstellender Künstler, als z. B. Grillparzer, Halm, Zedlitz, Fichtner, Ludwig Löwe u. A., auch jene von La Roche, welche eine der bestgetroffenen dieser Suite ist.
III. Poetische Huldigungen. Die Poesie hat zahllose Huldigungen diesem Meister der deutschen darstellenden Kunst dargebracht, hier sei nur der durch ihren Inhalt bemerkenswerthen gedacht. Als im Jahre 1855 La Roche in Gratz gastirte, richtete ein anonymer Poet (–X–) ein vortreffliches Sonett an den Künstler, aus welchem die folgende Stelle:

„Wo sie vergötternd Flitter und Grimasse
Als Ideale auf den Altar heben
Da rufst du kühn, der Wahrheit eine Gasse,
Ich will der deutschen Kunst ihr Recht noch geben“.
           [Gratzer Telegraf 1855, Nr. 120]

der kurzen und treffenden Charakteristik des Künstlers wegen hier einen Platz verdient. – Im Jahre 1856 richtete Karl Holtei, als La Roche wieder in Gratz gastirte, ein längeres Gedicht an La Roche, in welchem eine Strophe sinnig lautet:

„Sei willkommen! Dein Erscheinen
Laßt mich wähnen, läßt mich meinen:
Abendroth sei Morgenröthe,
Und es blicke Vater Goethe
Mild noch einmal auf uns nieder
Bess’re Zeiten kehrten wieder“.

Holtei’s Gedicht war ursprünglich im Gratzer „Aufmerksamen“ (1856, Nr. 160) abgedruckt, stand aber auch in (Nr. 160) der Bäuerle’schen „Theater Zeitung“ nachgedruckt. – Als La Roche im Jahre 1857 in Prag gastirte, improvisirte der alte Castelli auf gegebene Endreime bei einem fröhlichen Mahle ein Gedicht voll treffender Gedanken, unter diesen auch den: „Du gibst das Leben dem, was Dichter träumen“. – Und in ähnlicher Weise richtete ein anderer Poet eine Apostrophe an den Künstler, als dieser im Jahre 1859 im Wallner-Theater in Berlin mehrere Gastrollen gab, indem er sang:

Das Götzenbild des Virtuosenthums
Steht prahlend in der Kunst geborst’nem Tempel,
Für Kind und Kindeskinder ein Exempel
Von falschem Nimbus angemaßten Ruhms;
Du aber trittst wie Moses groß herein,
In fester Hand die ewigen Gebote
Der wahren Muse, setzest die bedrohte
Natur und Wahrheit in ihr Recht Du ein.
            [Freischütz 1859, Nr. 54.] –

IV. Zu La Roche’s künstlerischer Charakteristik. La Roche ist vielfach – mit Seidlmann und Eßlair am häufigsten – verglichen worden; das Richtigste hat aber – wenn Herausgeber nicht irrt – Dr. Töpfer über den Künstler geschrieben, als er ihn Iffland gegenüber stellte und treffend darthut: „Karl La Roche ist der Iffland unserer Tage. Iffland würde der Gegenwart zu scharf im Komischen, zu gesucht im Tragischen erschienen sein. Diese Bemerkung soll kein Blatt von dem Kranze wegnehmen, der das Haupt des hinübergeschlummerten Meisters ziert. Seiner Zeit war er die höchste Vollendung. Aber die Schauspielkunst wie die Sprache unterliegt einer verfeinernden Entwickelung. Der Schauspieler, welcher jetzt Charaktere zeichnet, darf nicht über das hinausgehen, was im wirklichen Leben möglich ist. Jetzt verlangt man vor Allem Glaubwürdigkeit. Der Mann, den wir durch den Künstler darstellen sehen, muß irgendwo in Deutschland leben – er ist uns nur nicht zu Gesichte gekommen. Dieß eben ist La Roche’s unvergleichliches Verdienst um die Dichter und um die Schauspielkunst. Seine Gestalten sind lebendige Gestalten, nicht Hoffmann’sche [WS 3]Automaten, die das Leben täuschend copiren. An seinen Gestalten fühlt man den Schlag des Herzens und die Blutwärme. Er macht sich des Dichters Schöpfung so ganz zu eigen, er amalgamirt sie mit seiner inneren Wahrheit so durch und durch, daß jene in ihm aufgeht und er in ihr. Daß er aber die außerordentliche Wirkung hervorbringt allein mit der Natur-Wahrheit, ohne Beihilfe erkünstelter Züge, macht ihn zum Iffland unserer Tage. Gibt es nicht in jeder größeren Stadt einen Klingsberg, wie La Roche ihn darstellt? Ist nicht La Roche’s „reicher Mann“ überall aufzufinden, wo reiche [168] alte verzärtelte Männer wohnen? Iffland’s „Kaufmann Herb“ war unwiderstehlich komisch; aber es war eine feine Carricatur des Lebens, nicht das Leben selbst. Sein „Geiziger“ erregte Jubel, eben weil Iffland in seiner Gliederbeweglichkeit ein Ausnahme-Mensch war – er gab Bild über Bild, eines treffender als das andere. Aber einen solchen Geizigen, das fühlt man jetzt, besaß nur die Bühne, nicht die Wirklichkeit. Bei La Roche überraschen uns niemals extraordinäre Gliederbewegungen und Körperhaltungen. Wie er geht, wie er steht, so haben wir schon gehen und stehen gesehen; sein Wesen ist nicht das eines Ausnahme-Menschen, sondern das Wesen des pikanten Exemplars aus der lebendigen Gattung, in welche der Dichter griff. La Roche vervollständigt in dieser Art nicht selten die Gestalt des Dichters, der eben oft nur mit Worten anzeigen kann, was der Darsteller mit seinem Spiele erzeugt. Aber nur der in der Schauspielkunst am höchsten stehende Meister vermag ohne alle theatralische Effectmittel einzig mit das Totale vervollständigenden Einzelheiten eine so überraschende Wirkung hervorzubringen – La Roche ist ein solcher Meister – er ist der Iffland unserer Tage. Andere Charakter-Schauspieler ersetzen diese objectiven Einzelheiten durch subjective – wo Charakter-Wirksamkeit stattfinden soll, tritt eine Schauspieler-Wirksamkeit an ihre Stelle. Eine solche Schauspieler-Wirksamkeit ist übertragbar – sie geht von Vorbild auf Nacheiferer über. Auch Iffland’s meisterhafte Schauspielerzüge sind uns von Nachfolgern wiedergegeben worden. Selbst in manchen Rollen des unerreichten Genius Ludwig Devrient’s waren sie aufzufinden. Aber Niemand wird La Roche ersetzen in dessen primitiver Erweckung der Gestalten; er ist uncopirbar, weil man ihn nirgend bei einem Zipfelchen Manier an fassen kann; er entschlüpft in seiner Lebensglätte und scheinbaren naiven Natur allen den Händen, die ihn festhalten wollen Wer den Klingsberg des La Roche copiren will, muß selbst ein La Roche sein, d. h. er muß alle inneren und äußeren Mittel des Künstlers besitzen. Aber diese besitzt nur Er – darum ist er der Iffland unserer Tage. Nichts Subjectives verleiht er den Gestalten außer der persönlichen Grazie, jener Abrundung der Ecken, vor denen die Kunst die Thüre zuschließt und die wir in der feineren Wirklichkeit schon vermeiden. Er kann das Klima der pathetischen Tragik vertragen, aber er befindet sich darin nicht in seinem eigentlichen Elemente – Iffland befand sich ebenso. Dennoch war Iffland’s „Lear“ eine treffliche Leistung und La Roche’s „Cromwell“ ist eine treffliche Leistung. Iffland wurde nicht alt in einem Stücke – La Roche wird nicht alt in seinen Glanzrollen – wenn man sie zehn Mal gesehen hat, so freut man sich darüber bei dem eilften, wie bei dem ersten Male. Iffland wurde nicht alt, aber er starb – La Roche wird auch nicht alt, – aber – er soll noch recht lange alt werden, ohne alt zu werden“. – Cajetan Cerri entwirft in der „Iris,“ 1850 von dem Künstler eine geschriebene Silhouette, aus welcher wir einzelne Züge entlehnen: Ein schöner Kopf mit hoher, intelligenter Stirne, kühner Adlernase und geistvollen Zügen, die ungemein lebhaft an Goethe erinnern; kurzes, weiches, kastanienbraunes Haar; lichte, schelmische Augen, und ein sogenannter Kaiserbart; mittelgroße, behäbige und doch geschmeidige und höchst bewegliche Gestalt; der Ausdruck der Miene lächelnd und satyrisch; herrliches Organ; spricht viel und mit Witz; zeigt sich freundlich mit Allen, ist gewöhnlich guten Humors, und lacht gerne, wo es Spaß gibt; trefflicher Gesellschafter; edler Gang; hat als unzertrennlichen Begleiter einen merkwürdigen Hund, Peter genannt, der bereits von den ersten Künstlern, wie z. B. von Ranftl, gemalt wurde; übt viel Wohlthaten aus, und hilft gerne im Stillen. Als Mensch verständig, gebildet, aufgeweckt; auf der Bühne als Charakteristiker und Komiker unverwüstlich.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: verschieschiedensten.
  2. Vorlage: Luspiel.
  3. Vorlage: Hoffman’sche.