BLKÖ:Chezy, Wilhelm Theodor von

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 2 (1857), ab Seite: 338. (Quelle)
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Chezy, Wilhelm Theodor von (Schriftsteller, geb. zu Paris 21. März 1806).[BN 1] Sohn des berühmten Orientalisten Anton Leonhard von C. (gest. 1832) und der Dichterin Helmine (gest. 1856). Helmine trennte sich von ihrem [339] Gatten 1810, ging mit ihren beiden Söhnen nach Heidelberg, 1816 nach Berlin, 1817 nach Dresden, 1823 nach Wien, wo Mutter und Sohn bis zum Jahre 1829 blieben. Wilhelm genoß eine gelehrte Erziehung in Dresden und Berlin, trieb in Wien Philologie unter Stein, bezog 1829 die Münchner Hochschule, um die Rechtswissenschaft zu studiren, welche er jedoch bald wieder aufgab, um sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Seine ersten Erzählungen erschienen in Spindlers Wochenschrift „Zeitspiegel“ (1831). Als Spindler 1831 nach Baden-Baden übersiedelte, zog C. mit ihm und blieb bis 1847, wo er nach Freiburg in Breisgau ging, um die Redaction der katholischen und conservativen „Süddeutschen Zeitung“ zu übernehmen. Im J. 1848 ward er von einer Actiengesellschaft nach Köln a. Rh. berufen, um die „Rheinische Volkshalle“ zu gründen, deren Leitung er jedoch nach wenigen Monaten niederlegte. 1850 kam er nach Wien zurück, wo er sich bei der Redaction der „Oestr. Reichszeitung“, später der „Presse“ betheiligte und noch zur Zeit daselbst lebt. C. hat eine bedeutende Anzahl von Erzählungen geschrieben, die in verschiedenen Zeitschriften erschienen, von denen Spindlers „Zeitspiegel“, Lewalds „Europa“, „Fliegende Blätter“ und vor allen das „Stuttgarter Morgenblatt“ zu nennen sind. Im Morgenblatt finden sich von 1836 an seine vorzüglichsten Leistungen, oft ohne Namen. Von selbständigen Werken C.’s, die häufig seiner Mutter zugeschrieben werden, seien hier der Zeitfolge nach angeführt: „Wanda Wielopolska oder das Recht der Gewaltigen“ (Stuttgart 1831, Hallberger, 8°.); – „Der fahrende Schüler. Roman“ 3 Thle. (Zürch 1835, Orell, Füßli u. C., 8°.); – „Petrarca. Künstlerdrama“ (Baireuth 1832, Grau); – „Camoens. Trauerspiel“ (Ebenda); – „Die Martinsvögel“ (Carlsruhe 1836, Creuzbauer); – „Der fromme Jude“ 4 Thle. (Stuttgart 1845, Frankh); – „Das grosse Malefizbuch“ 3 Thle (Landshut 1847, Rietsch); – „Fräulein Luzifer“ und „Die Strasse Quincampoix“ (Wien 1853, Zang); als Fortsetzungen des von Montepin in Paris herausgegebenen Romanen-Cyclus: „Die Strolche der Regentschaft“, dessen Uebersetzung Chezy ausgeführt, und als Montepin den Cyclus nicht vollendete, denselben ergänzt hat; – „Der letzte Janitschar“ (Wien 1855, Zang), zuvor im Journal „Presse“ abgedruckt – und als freie Bearbeitung nach Jokai: „Die Türkenwelt in Ungarn“ (Ebendaselbst). Eine Anzahl von C.’s Erzählungen ist unter Spindlers Namen erschienen und den gesammelten Werken des Letzteren einverleibt, u. z.: „Der Hexenzaum“; – „Der schwarze Herr Gott von Kaltenbrunn“; – „Der Klosterhirt“; – „Das wällische Kraxenmandl“; – „Benzenweiler“; – „In de drie jonge Italiaanders“; – „Die Alraune von Gmunden“; – „Der französische Cavalier“; – „Das Wirthshaus zum Judas“; – „Der alte Wallanscher. Werbergeschichte“; – „Die kleine Offka“; – „Alte und neue Zeit“. Den Roman „Meister Kleiderlein“ arbeitete C. gemeinschaftlich mit Spindler. Außer diesen Romanen und Erzählungen, welche C.’s Namen in weiten Kreisen bekannt gemacht haben, erschienen von ihm: „Die noblen Passionen“ (Stuttgart 1842, Crabbe), seinem Titel entsprechend, ein Festgeschenk für junge Cavaliere, welche darin mit den täglich mehr in Verfall gerathenden ritterlichen Uebungen und adeligen Neigungen, als Jagen, Reiten, Fechten u. s. w. in pikant anregender Weise bekannt gemacht werden; – „Der Ehrenhold“ (Stuttgart 1848, Cast), ein Leitfaden der Heraldik; – „Das Alterthum in Bild und Wort“ (Ebenda), ein Bilderbuch mit Erklärungen, worin sich als Beigabe des Verlegers, um das Buch voluminöser aber nicht gehaltreicher zu machen, einige Erzählungen von fremder Hand befinden – und „Rundgemälde von [340] Baden-Baden“ (Carlsruhe 1835, Marx), wovon mehrere Auflagen und auch eine französische Ausgabe erschienen ist. In neuester Zeit enthält das „Morgenblatt“ von C. Mittheilungen aus dem Leben seiner Mutter. Als Erzähler gehört C. zu den beliebtesten Autoren der Gegenwart; seine Schilderungen aus dem mittelalterlichen und modernen Volks- und Cavalierleben sind lebendig, voll Humor, der öfter an Ironie streift. C. hat die geschichtliche Richtung in seinen erzählenden Arbeiten eingeschlagen und in denselben nie eine specielle Tendenz durchgeführt, vielmehr durch seine ganz objective Haltung versetzt er den Leser gerade in die Zeit, in welcher seine Erzählung spielt.

(Brockhaus) Conversations-Lexikon (10. Aufl.) IV. Bd. S. 91. – Nouvelle Biographie générale … publiée sous la direction de M. le Dr. Hoffer (Paris 1853) X. Bd. Sp. 290. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für gebildete Stände (Hildburghausen 1843, Bibl. Inst., Lex. 8°.) II. Suppl. Bd. S. 943. – Univ.-Lexik. von Pierer (Altenburg 1841 u. f.) VI. Bd. S. 409. Suppl. I. Bd. S. 295.

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Chezy, Wilhelm von [s. d. Bd. II, S. 338], gestorben zu Wien 14. März 1865. Am 14. März g. J. 6 Uhr Abends hatte Ch. wohlauf das Kaffeehaus Daum verlassen. Auf dem Kohlmarkte, nur einige Schritte von Daum, stürzte er plötzlich besinnungslos zusammen. Er wurde, da man nicht wußte wer er sei, sogleich in das allgemeine Krankenhaus gebracht, wo er um 10 Uhr Abends verschied. Er war einem wiederholten Schlaganfalle – einige Monate früher war er bereits vom Schlage berührt, aber leidlich wieder hergestellt worden – erlegen und nicht mehr zur Besinnung gekommen. Aus einer bei ihm gefundenen Visitenkarte wurde er erkannt. Der schriftlich hinterlassene Wunsch des Dahingeschiedenen, als katholischer Christ und als „armer Mann“, der er sei, begraben zu werden, ging in Erfüllung. Er wurde auf dem Währinger Friedhofe beigesetzt, ein kleiner Kreis von Freunden gab ihm das letzte Geleite, eine Frauenhand, welche liebevoll bemüht gewesen, dem alternden, schon etwas unbehilflich gewordenen Poeten, das Dasein möglichst auszuschmücken, hatte für den schlichten Sarg, als sinnigen Schmuck, einen Lorberkranz gespendet. Als Ergänzung zu der im [415] zweiten Bande dieses Lexikons enthaltenen Lebensskizze Chezy’s noch das Folgende: Ch. arbeitete bis wenige Jahre vor seinem Tode bei der „Presse“, für die er vornehmlich mit der Uebersetzung von Romanen beschäftigt war. Als bald nach dem Tode seiner Mutter Helmine (gest. zu Genf 30. Jänner 1856) ihre Gesellschafterin die Memoiren derselben herausgab und in tactloser Weise viele den lebenden Sohn verletzende Stellen darin stehen gelassen hatte, die bei der Eigenthümlichkeit des Charakters dieser sonderbaren Frau nicht immer gerade die Signatur der Wahrhaftigkeit an sich tragen, gerieth Ch. auf den Gedanken, seine eigenen Erlebnisse aufzuzeichnen. Die schonungslose Weise, mit der er in denselben gegen seine eigene Mutter auftrat, die freilich ihn zuerst angegriffen, ist, vom sittlichen Standpuncte betrachtet, nimmermehr zu billigen. Die Entrüstung aber, die einige Hypermoralisten bei dieser Gelegenheit zur Schau trugen, beweist noch immer nicht, daß diese berechtigt waren, auf Ch. den ersten Stein zu werfen. Wie sehr Ch.’s Verhältnisse in den letzten Jahren sich auch zu seinem Nachtheile geändert hatten, er war bis zu seinem letzten Athemzuge ein achtbarer Charakter – fast möchte man sagen, bei aller Armuth, ein echter Cavalier – den leider das Mißgeschick zum Schriftsteller gemacht, geblieben. Von seinen Denkwürdigkeiten, die, wie Herausgeber, der mit Ch. seit Jahren befreundet war, aus Ch.’s eigenem Munde weiß, im Ganzen sechs Bände umfassen sollten, sind nur vier Bände unter dem Titel: „Erinnerungen aus meinem Leben. Erstes Buch: Helmina und ihre Söhne“, 2 Bände (Schaffhausen 1863, Hurter, 8°.); „Zweites Buch: Helle und dunkle Zeitgenossen“, 2 Bände (ebd. 1864), erschienen. Das erste Buch schließt mit dem Jahre 1829 ab und enthält Ch.’s Jugendgeschichte, eine in der Weise niederländischer Meister ausgeführte Zeichnung seiner Mutter, viele und interessante Personalien, darunter Hammer-Purgstall, Bauernfeld, Castelli, Grillparzer, Zedlitz, Schlegel; das zweite Buch, welches die Zeit von 1829 bis 1850 umfaßt, bringt gleichfalls mehrere höchst denkwürdige Personalien, darunter jene Spindler’s und des Historikers Gfrörer besonders hervortreten; das dritte, durch seinen Tod unvollendet gebliebene Buch sollte Ch.’s Erlebnisse und Wahrnehmungen in Wien seit 1850 schildern. Es sollen davon nicht unbedeutende Fragmente im Nachlasse vorgefunden worden sein. In jüngster Zeit veröffentlichte „Die Presse“ (in ihrer Beilage: Local-Anzeiger 1865, Nr. 270) aus seinem Nachlasse: „Zur Geschichte der Wiener Tagespresse von Schwarzenberg bis Schmerling“. Chezy’s „Erinnerungen“ charakterisirt ein competenter Schriftsteller, Levin Schücking, wie folgt: „In Chezy’s Erinnerungen liegt uns die fesselndste und unterhaltendste Selbstbiographie vor, welche seit langem dem Publicum geboten ist. Ch. ist ein Autor, welcher vor Jahren der Literatur reiche Beisteuern an Novellen und Erzählungen geliefert hat, deren Verdienst weitaus nicht genug gewürdigt ist. Wir kennen keinen Autor, welcher es so wie er versteht, dem Hintergrunde seiner Sittenschilderungen den richtigen Localton zu geben, die Gestalten einer gewissen Epoche in dem eigenthümlichen Costume dieser Epoche erscheinen zu lassen und die Personen reden zu lassen, wie die Leute ihrer Zeit redeten. Er ist ein Meister in der Anwendung alterthümlicher Redeweisen und in der Hervorhebung [416] des für eine Landschaft, eine Gesellschaftsschichte Typischen. Er ist der Culturhistorischeste sozusagen aller Novellisten. Aus Ch.’s Erinnerungen erfahren wir, daß er viel erlebt und viel gearbeitet und an mehreren unter Spindler’s Namen erschienenen Arbeiten einen größeren Antheil hat, als man vermuthen möchte. Ch.’s Darstellungsgabe ist eine scharf geschliffene; mit wenigen Strichen zeichnet er seine Figuren, sei es durch eine Anekdote, oder durch einen charakteristischen Zug. Sein Urtheil über die Menschen, wenn auch oft sarkastisch und derb, ist im ganzen doch wohlwollend und discret. Was insbesondere die ihm zum Vorwurfe gemachte Indiscretion gegen seine Mutter betrifft, deren schlimme Seiten er so wenig schonend behandelt, und wenn ihm vorgehalten wird, daß er nicht lieber geschwiegen habe so darf wohl nicht vergessen werden, daß Helmina als Schriftstellerin selbst der Oeffentlichkeit angehört und das Interesse des Lesers herausgefordert ist, Näheres und Beglaubigtes zu vernehmen. Sie war eigentlich der extremste Ausdruck des sogenannten Blaustrumpfs und ihr Mangel an Haltung bestätigt Jean Paul’s gelegentliche Bemerkung: „Alle sogenannten genialen Weiber sind egoistisch. Da die Wissenschaft ihrem Geschlechte fremd, so machen sie eine Ausnahme und werden ewig an ihr Ich erinnert“.“ Außer Chezy’s selbstständig erschienenen „Erinnerungen“ hat Ch. für mehrere deutsche Journale, unter anderem für die von ihm in’s Leben gerufene „Deutsche Volkshalle“ und das Stuttgarter „Morgenblatt“ mehrere Jahre hindurch regelmäßig , vornehmlich Correspondenzen aus Wien, gearbeitet. Seine Tochter ist mit dem durch seine fachwissenschaftlichen Schriften bekannten, nunmehr als Baurath in Gratz lebenden Essenwein verheirathet.
    Presse (Wiener polit. Blatt) 1865, Nr. 61: „Wilhelm von Chezy“ (kurzer Nachruf); Nr. 64: „Leichenbegängniß Wilhelm’s von Chezy“. – Wiener Zeitung 1865, Nr. 61, S. 791, u. Nr. 64, S. 831. [Band 14, S. 414–416]