Aus der Glanzzeit Pius des Neunten

Textdaten
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Autor: J. v. U.
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Titel: Aus der Glanzzeit Pius des Neunten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33 und 34, S. 539–541, 554–556
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Privataudienz bei Pius IX. am 26. März 1848
Von einem braunschweigischen Officier
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[539]
Aus der Glanzzeit Pius des Neunten.[1]
Von einem braunschweigischen Officier.


Es war am 26. März 1848. Hoch schlugen bereits überall in Europa die Wogen der Revolution. Frankreich war Republik geworden; Wien hatte den Sturz des allgewaltigen Metternich gesehen; in Berlin hatte Friedrich Wilhelm der Vierte die Revolution erst mit Waffengewalt niedergeworfen, dann aber selbst anerkannt. Auch Italien stand in Flammen, ja es war der eigentliche Herd der revolutionären Bewegung gewesen. Und an der Spitze der Freiheits- und Einheitsbewegungen Italiens befand sich das Oberhaupt der katholischen Kirche selbst, der Papst Pius der Neunte. Es war ein wunderbares Schauspiel: ein liberaler Papst, damals der Abgott des ganzen italienischen Volkes. Und doch wie natürlich! Noch mächtiger als in der deutschen Nation lebte in der italienischen der Drang nach Einheit. Denn noch lastete auf zweien der schönsten Länder der Halbinsel, der Lombardei und Venetien, die Fremdherrschaft und wurde vom Volke, namentlich den höheren Ständen, als eine unerträgliche Schmach empfunden. Und darum richteten sich Aller Augen auf den Mann, von dem sie hofften, er könne und werde die Einheit herbeiführen: auf Pius den Neunten. Diese Hoffnung erschien damals keineswegs so thöricht. Die Vereinigung der einzelnen Länder Italiens zu einem Bunde, ein Haus der italienischen Fürsten unter dem Ehrenpräsidium des Papstes und eine gemeinschaftliche Vertretung des italienischen Volkes – das waren die Wünsche und Pläne des Papstes und der Italiener, die verhältnißmäßig geringe Anzahl der Republikaner ausgenommen. Pius der Neunte war Italiener und Patriot; er trat an die Spitze der Bewegung, um sie zu leiten, in Schranken zu halten und den Strom der Revolution zu hindern, die Dämme zu durchbrechen und sich verheerend über das Land zu ergießen. Darum war er auch der Auserwählte der ganzen italienischen Nation. Man sang Hymnen auf ihn, man gab ihm die schönsten, die hochtrabendsten Namen, und wo er sich zeigte, war er der Gegenstand begeisterter Huldigungen. Freilich hatte mir schon am Schlusse des Jahres 1847 in Civita Castellana ein feiner Jesuit bei einer Flasche Orvieto gesagt: „Wenn Sie morgen nach Rom kommen, werden Sie sehen, daß Alles nur ein Possenspiel ist, welches zu gar Nichts führen kann und wird.“ – Dennoch war es unmöglich, daran zu zweifeln, daß Pius der Neunte so warm und aufrichtig, wie je ein Fürst, das wahre Beste Italiens auf dem Wege der freiheitlichen Reform suchte. An dem Tage, von welchem ich rede, erschien die Lage Italiens auch noch durchaus hoffnungsvoll. Man prophezeite der französischen Republik nur kurze Dauer und fürchtete von ihr keinerlei Eingriffe; man wußte, daß Oesterreich am Rande des Zerfalles stand und daß Mailand sich bereits erhoben hatte; von den Ereignissen der Berliner Märztage aber hatte man in Rom noch keine Kunde.

Auch wir deutschen Touristen waren aus der Ruhe aufgeschreckt. Bis jetzt hatten wir die italienische Revolution, welche sich seit mehreren Monaten in liebenswürdiger und heiterer Weise vor unsern Augen vorbereitete und abspielte, als ein ergötzliches Schauspiel betrachtet, welches uns selbst nur wenig anginge. Der Sturz Metternich’s war von uns mit Freuden begrüßt – Deutschland war ja von dem Alp befreit, der so unsäglich auf ihm gelastet hatte. Aber daß das tapfere österreichische Heer nach dreitägigem Straßenkampfe Mailand und die Lombardei hatte räumen müssen, das griff uns trotz aller Sympathien für Italien tief an’s Herz. Bellona begann ihre Locken zu schütteln, und unseres Bleibens war nicht länger in dem „Schmuck der Städte“. Jeder rüstete sich zur Heimkehr und war froh, wenn Torlonia noch den deutschen Creditbrief honorirte, und nicht ein gar zu unsinniges Agio für die französischen Goldstücke berechnete. Auch kleine Conflicte hatte es schon gegeben. Das übliche „Morte ai Tedeschi“ war freilich ein durchaus harmloser Ruf, und mehr als einmal, wenn wir während des Carnevals auf dem Corso mit unsern Damen fuhren, furchtlos die deutschen Farben zur Schau tragend, ertönte aus denselben Kehlen ein freudiges „Evvivano le donne Prussiane!“ Als wir aber am 21. März, wo beim Eintreffen der Nachricht von der Wiener Revolution das Volk vom Palaste der österreichischen Gesandtschaft das kaiserliche Wappen herabriß, hinter einem Esel den Corso hinabschleifte und auf der Piazza di Popolo verbrannte, als wir da im deutschen Künstlerclub zum Zeichen entrüsteter Mißbilligung plötzlich unsere prachtvolle Fahne einzogen, da drohte man uns mit gewaltsamem Angriff auf unser Casino und die dort vorhandenen Kunstschätze, und nur die bestimmte Erklärung, wir würden den Palazzo Ruspoli mit bewaffneter Hand vertheidigen, bewog die Leiter der Volksbewegung, von ihrer bösen Absicht abzustehen.

Auch heute ging es in der Siebenhügelstadt wieder lustig her. Irgendwo war „Revolution“, wie fast täglich, d. h. man zog unter Anführung populärer Demagogen mit Fahnen und Musik vor das Haus eines Mißliebigen, tobte dort eine Zeitlang, verfügte sich darauf zum Quirinalischen Palaste, sang die Nationalhymne, brachte Pius dem Neunten ein Vivat, ließ sich seinen Segen ertheilen und ging dann ganz vergnügt nach Haus, fest überzeugt, wieder einmal das Vaterland gerettet zu haben.

[540] Dieses Treibens müde, waren wir aus dem Corso über den capitolinischen Berg und das Forum zum Colosseum gegangen. In dem mächtigen Rundbau, dessen Boden unter den römischen Kaisern allein das Blut von zweihundertsechszigtausend Christen getrunken hat, herrschte so tiefe Ruhe, als stände die Zeit still. Warm ergoß die Frühlingssonne ihren Strahl von oben; blühender Goldlack kleidete allenthalben das zertrümmerte Gemäuer in wundervolle Farbe und verhauchte entzückenden Duft. Lange saßen wir dort, um Abschied zu nehmen von dieser Stätte, die eindringlicher als irgend eine andere von Menschenhand geschaffene die Vergänglichkeit alles Irdischen predigt. Und wie bedeutungslos und nichtig erschien Das, was an diesem Tage Hunderttausende von Herzen so leidenschaftlich bewegte, gegen die großen Ereignisse, welche seit dritthalb Jahrtausenden sich auf diesem classischen Boden abgespielt hatten! Endlich mußten wir uns losreißen. Ich stieg zur Casa Tarpeja hinauf, dem höchsten Punkte des capitolinischen Berges und Roms, wo ich beim Organisten der preußischen Gesandtschaft ein freundliches Zimmer bewohnte, mit entzückender Aussicht über die im schönen Bogen vom Tiber durchschnittene Stadt, die Campagna, das Sabiner- und Albanergebirge und den schneehäuptigen Soracte.

Da lag auf dem Tische ein zusammengefaltetes Papier, mit einer Oblate versiegelt und der einfachen Aufschrift: Al Signor Barone di N. .. Casa Tarpeja, welches ich im ersten Augenblick für nichts Anderes halten konnte, als die Rechnung der Angela Bianchi über die gestern zum Mitbringen eingekauften seidenen römischen Shawls und Schärpen. Rechnungen zu eröffnen, ist stets unangenehm. Indeß es war Zeit, meine Angelegenheiten zu ordnen; daher griff ich tapfer nach dem Papier. Da las ich:

 „Aus dem päpstlichen Oberhofmeisteramt im Quirinal, 25. März 1848.

Der Herr Baron N. .. (natürlich war der Name falsch geschrieben) wird benachrichtigt, daß Seine Heiligkeit die Gnade haben wird, ihn morgen, am 26. d. M., Abends 7½ Uhr zur Audienz zuzulassen.

 Aufgang über die große Treppe.

 Der Oberkammerherr Seiner Heiligkeit

 de Medici.“

Ich traute meinen Augen nicht. Es war zu jener Zeit für einen Fremden, selbst einen Protestanten, nicht schwer, zu den häufig stattfindenden großen Audienzen Zutritt zu bekommen, wo Pius hundert und mehr Personen auf einmal sich vorstellen ließ und an Viele von ihnen huldvolle Worte richtete. Aber sowohl der hannoversche als der preußische Gesandte, meine beiden natürlichen Beschützer, hatten mir erklärt, bei einer derartigen Cour mich nicht vorstellen zu können, weil ich die Uniform zu Hause gelassen hatte und der schwarze Frack zu bescheiden für solchen welthistorischen Moment erschien. Auf den Rath eines Freundes, welcher in römischen Hintertreppen wohlbewandert war, hatte ich indeß eines Tages en passant meinen Namen nebst Adresse auf dem Bureau des päpstlichen Oberhofmeisteramtes in ein dickes Anmeldungsbuch eingezeichnet, mehr im Scherz als im Ernst, und ohne die geringste Hoffnung, durch diesen schwachen Versuch etwas zu erreichen. Und nun sollte ich nicht etwa in der großen Herde mitlaufen, welche dem Statthalter Christi vorbeigetrieben zu werden pflegte, sondern ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen und mit ihm reden. Ich gestehe, daß in meine Freude sich allerlei schwere Besorgniß mischte. War ich im Stande, in den wenigen Stunden, die mir noch blieben, mich in den Besitz einer etiquettemäßigen Toilette zu setzen? Denn ich stand ja schon mit einem Fuße in der Kalesche des Couriers, der mich nach Ancona befördern sollte. Und mehr noch: mein Italienisch reichte wohl aus, mich mit Wirthen, Facchinos und Custoden herumzuschlagen, auf meinen Streifereien im Gebirge in einladenden Klöstern beim Wein vom besten Fasse die Mönche auf meine Kosten zu amüsiren und mich noch besser auf die ihrigen, oder Abends im Café irgend einem modernen Horatius Cocles von meinem deutschen militärischen Standpunkte aus zu demonstriren, der Wunsch des „morire per la patria“ (für’s Vaterland sterben) könne ihm leichtlich erfüllt werden, aber es sei verzweifelt wenig Aussicht vorhanden, damit die tapfere österreichische Armee zum Weichen zu bringen, und was dergleichen Scherze mehr waren. Aber dem vielgeliebten Pius meine tiefgefühlte Ehrfurcht und meine aufrichtige Bewunderung auszudrücken, ohne mittelst eines bösen Sprachverstoßes vielleicht etwas sehr Unpassendes an den Tag zu fördern, das traute ich mir keineswegs mit Sicherheit zu. Ich wollte doch auch ihm gegenüber eine andere Form wählen, als kürzlich jener Pole gethan, zu dem Pius mit freundlichem Klopfen auf die Schulter gesagt: „bravo Polacco“, und der sich kurz und bündig dadurch revanchirt hatte, daß er die Hand des heiligen Vaters ergriff, sie tüchtig schüttelte und dreimal „bravo Papa“ ausrief. Schon begann ich ernstlich den Vorwitz zu bereuen, mit dem ich meinen Namen in das dicke Buch im Quirinal hineingekritzelt hatte. Indeß die Sache konnte doch auch gut ablaufen, und was hatte ich dann in der Heimath zu erzählen!

Glücklicherweise lag der Palazzo Caffarelli, wo die preußische Gesandtschaft sich befindet, nur wenige Schritte von der Casa Tarpeja entfernt. Dort verscheuchte ein befreundeter Attaché meine Toilettensorgen durch die Mittheilung, daß ein einfacher schwarzer Anzug mit weißer Cravatte für die Audienz genüge; auch in Betreff der zu beobachtenden Formen, welche für Protestanten andere sind als für Katholiken, erhielt ich von ihm einige Anweisung und wurde im Uebrigen auf die Eingebung des Augenblicks vertröstet. Dann hinterließ ich beim preußischen Gesandtschaftsprediger, wo heute Abend ein kleines Abschiedsfest für mich angeordnet war, die Nachricht, daß ich vielleicht etwas später erscheinen würde, und benutzte die wenige noch übrige Zeit zu einem Spaziergange in dem reizend auf einer Anhöhe am Tiber gelegenen Garten des Priorats von Malta und zum Bewundern des Sonnenunterganges von der Loggia auf dem Dache der Casa Tarpeja. Guten Muthes bestieg ich Abends den pünktlich gekommenen Wagen, und fünf Minuten vor der festgesetzten Zeit stand ich am Aufgange der großen Treppe im Quirinalischen Palaste, den Pius damals bewohnte.

Von den beiden Schweizern, welche unten in der Halle Wache hielten, mit gelb und roth gestreiften mittelalterlichen Wämsern und Pluderhosen, lange Hellebarden in der Hand, fragte mich der eine nach meinem Begehr. Ich eröffnete ihm sofort auf gut Deutsch, was mich hergeführt; er erkannte in mir den norddeutschen Landsmann, denn er war ein ehrlicher Westphale aus dem Münsterlande, und begleitete mich nun sehr dienstfertig die Treppe hinauf bis zum dienstthuenden Kammerherrn. Diesem, einem feinen jungen Italiener in geistlicher Tracht, überreichte ich meine Karte; er ersuchte mich darauf, ihm die Citation zur Audienz vorzuzeigen, überzeugte sich, daß ich kein frecher Eindringling sei, auch Tag und Stunde richtig innegehalten habe, und führte mich oben in eine Art Galerie, welche durch mehrere, von der Decke herabhängende Ampeln ziemlich schwach beleuchtet war.

„Nehmen Sie Platz – man wird Sie rufen“ – damit war er verschwunden.

Ich befand mich ganz allein in der Galerie; es kam auch weiter Niemand, und ich erkannte bald, daß ich die Ehre haben sollte, unter vier Augen von Seiner Heiligkeit empfangen zu werden. Um so besser! – Es war genau halb acht Uhr. Ich wiederholte in Gedanken rasch Alles, was ich zu thun hatte und zu sagen beabsichtigte; denn ich hatte mir doch der Sicherheit wegen beim Abendspaziergange noch einige schöne Redensarten zurechtgelegt, knöpfte den Knopf des rechten Glacéhandschuhes zu und war nun völlig bereit, dem höchsten Gebieter in der Christenheit entgegenzutreten. Indeß, eine Viertelstunde verging, und nichts unterbrach das tiefe Schweigen. Da öffnete sich leise die Thür; ein Geistlicher huschte herein, mit flüchtigem Kopfnicken an mir vorüber und verschwand. Wieder verging eine geraume Zeit. Ich wurde ungeduldig. Die Fürsten pflegen sonst von größter Pünktlichkeit bei Audienzen zu sein. Ich begann die Galerie auf den weichen Teppichen auf- und abzuwandeln und mir die großen Landkarten und die wenigen Bilder an den Wänden zu betrachten. Wieder ein Herr in geistlicher Tracht. Diesmal war ich kühn – ich vertrat ihm den Weg und sagte ihm, weshalb ich hier sei. Er antwortete sehr höflich: „Ja, mein Herr, ich weiß“ – und fort war er.

Indeß hatte, wie es schien, mein Wagstück doch einige Frucht getragen; der dienstthuende Kammerherr trat gleich darauf ein.

„Sie werden sich noch etwas gedulden müssen,“ sagte er „es sind gegen Abend politische Nachrichten von größter Bedeutung [541] eingetroffen, welche Seine Heiligkeit sehr in Anspruch nehmen; aber geben Sie die Hoffnung nicht auf, daß die Audienz stattfinden wird.“

Da stand ich nun! Es war im Grunde eine Lächerlichkeit, zu erwarten oder gar zu verlangen, daß der Mann, welcher in diesem Augenblicke vielleicht über das Schicksal eines ganzen Landes entschied, sich im nächsten dazu hergeben sollte, die Neugierde eines hergelaufenen Touristen zu befriedigen, der nicht gern in Rom gewesen sein wollte, ohne den Papst gesehen zu haben. Und doch, wie würde es mich zeitlebens geschmerzt haben, unverrichteter Sache zurückkehren zu müssen, nachdem ich so nahe am Ziele gewesen!

Ich begann meine Wanderung die Galerie auf und ab von Neuem, aber schon in Aufregung; die schönen Redensarten waren alle vergessen. Mehrmals schritten wiederum eiligen Schrittes Geistliche mit ernsthaften und erregten Mienen an mir vorbei. Ich merkte wohl, daß etwas Außergewöhnliches vor sich ging; mit jeder Viertelstunde des Wartens sank meine Hoffnung. Es schlug zehn Uhr. Von den nahen Kirchen ertönten die Glocken – mir war, als wäre es das Grabgeläute meiner Wünsche und Hoffnungen. Rasch berechnete ich, ob es möglich sei, noch einige Tage in Rom zu verweilen, um eine neue Audienz zu erwarten; aber mein Urlaub war abgelaufen, und die Rückkehr nach Deutschland wurde mit jedem Augenblicke dringender. Kaum hatte ich indeß voll Resignation den Entschluß gefaßt, unter allen Umständen Rom jetzt zu verlassen, da erschien der Kammerherr und sagte freundlich:

„Entschuldigen Sie das lange Warten – ist es Ihnen jetzt gefällig, mir zu folgen?“ – Dann führte er mich durch eine lange Reihe von Zimmern, stieß eine Flügelthür auf und blieb an derselben stehen mit den Worten: „Belieben Sie hier hereinzutreten.“

Ich trat über die Schwelle, die Thür schloß sich hinter mir; ich stand in einem kleinen schwach erleuchteten Gemache mit rothen Seidentapeten, von dessen Inhalte ich im ersten Augenblick durchaus Nichts erkennen konnte. Ich erwartete, wie bei Audienzen in Deutschland üblich, Se. Heiligkeit würde nach einigen Augenblicken durch eine andere Thür hereintreten. Aber noch ehe ich mich dazu in angemessene Stellung setzen konnte, sprach eine Stimme von unendlichem Wohlklange: „Approchez, Monsieur“ (Treten Sie näher, mein Herr). Nun bemerkte ich, daß ich nur fünf Schritte von dem Statthalter Christi auf Erden entfernt stand. Pius der Neunte saß auf einem kleinen Lehnstuhl vor seinem Arbeitstische; ein dichter Lichtschirm von grüner Seide hinderte den Schein der beiden auf dem Tische stehenden Arbeitslampen, auf ihn zu fallen. Er schob den Schirm zur Seite; nun erkannte ich sein edles Gesicht, welches ich schon bei so vielen Gelegenheiten stets mit dem größten Interesse betrachtet hatte. Rasch trat ich näher; er streckte mir die feine mit Ringen gezierte Hand entgegen. Ich beugte, der empfangenen Belehrung gemäß, in angemessener Weise das Knie und küßte die Hand. Dann trat ich ehrerbietig einige Schritte zurück und er wartete, daß Se. Heiligkeit das Wort an mich richten würde.

[554] Der Papst schwieg einen Augenblick, indem er mich voll Wohlwollen anblickte. Ich glaube, es ist unmöglich, herzgewinnender zu lächeln, als er that. Bei diesem Lächeln schwand rasch alle meine Befangenheit; ich hatte das Gefühl eines unendlichen Wohlbehagens, als ich in das milde Antlitz sah und den Blick der klugen und doch so gütigen Augen auf mir ruhen fühlte. Und diese Empfindung steigerte sich noch, als Pius mit ruhigem und sanftem Tone zu mir sagte:

„Sie kommen aus Deutschland, und werden vermuthlich bald dahin zurückkehren. Ich wollte Sie nicht gern wieder abreisen lassen, ohne Ihren Wunsch erfüllt zu haben, von mir empfangen zu werden.“

Weg waren alle meine schönen Redensarten! Aber sie waren auch gar nicht nöthig. Dieser einfachen Humanität gegenüber durfte ich wirklich ohne Bedenken der Eingebung des Augenblicks folgen.

„Ich erkenne die Gnade Ew. Heiligkeit mit tiefstem Danke an, denn ich will gestehen, es würde mich tief geschmerzt haben, in die Heimath zurückzukehren, ohne persönlich den Segen des Mannes erhalten zu haben, auf den ganz Deutschland mit Ehrfurcht und voll großer Erwartung blickt.“

Dies war keine Redensart, sondern die reine Wahrheit. Mir kam es vor, als hätte ich ein Mandat von ganz Deutschland in der Tasche, Sr. Heiligkeit dies zu sagen, und eben deshalb brachte ich es auch über Erwarten fließend heraus.

„Sie werden in Deutschland Vieles verändert finden,“ fuhr Pius fort. „Die deutsche Frage ist jetzt die erste und wichtigste, welche der Lösung bedarf. Denn davon, welche Gestalt die Dinge in Deutschland annehmen, hängt das Geschick der Welt ab. Eine völlige Umgestaltung muß jetzt dort eintreten. Das bisherige Verhältniß von Oesterreich und Preußen wird sich binnen Kurzem durchaus umwandeln, und dann wird sich auch Italiens Schicksal entscheiden. Oesterreich war Italiens größter Widersacher – es ist dahin; bald wird sich zeigen, ob das übrige Deutschland Italien in seinen Bestrebungen unterstützen kann und wird.“

„An den Sympathien des deutschen Volkes für Italien wird es nicht fehlen,“ erwiderte ich; „und wenn Deutschland das Ziel erreicht, einig zu werden, so wird es voll Dankbarkeit Ew. Heiligkeit vor Allen zu Denjenigen zählen, welche dieser Idee zum Siege verholfen haben.“

„Ich bin Werkzeug in Gottes Hand,“ sagte Pius. „Die Geschichtsschreiber werden einst richten, was ich gethan habe; aber Gott wird richten, was ich gewollt habe: das Beste meines Volkes und aller Völker. Ich liebe die Deutschen. Im Mittelalter zogen sie mit den Waffen in der Hand nach Italien; ihre Kaiser ließen sich von meinen Vorgängern krönen, und zum Danke dafür verwüsteten sie oft das schöne Land. Jetzt kommen die Deutschen nicht mehr als Feinde, sondern um unsere Monumente, unsere Kunst, die Schönheit unserer Gegenden zu bewundern. Sie bringen uns dafür ihre Bildung und Wissenschaft, ja Viele bleiben hier, um nicht wieder nach dem Norden zurückzukehren. Ich weiß wohl, daß die Deutschen in weit höherem Grade Italien und sein Volk lieben, als die Italiener es ihnen zurückgeben.“

Während Pius so sprach, hatte ich Muße, ihn genauer zu betrachten. Er war von mittlerer Größe, eher etwas zur Fülle geneigt als mager. Der feine Schnitt seines edlen Gesichtes ist Jedem aus Tausenden von Abbildungen bekannt. Er hatte nichts von dem blassen, oft olivenartigen Teint der schwarzen Italiener. Ueber die glatten und weichen Wangen war vielmehr eine Frische, ich möchte sagen, anmuthige Röthe ergossen, wie man sie sonst nur bei Nordländern zu finden pflegt. Noch hatten die Sorgen und die Last des hohen Amtes von Pius’ Antlitz nicht die Rosen und den so äußerst wohlwollenden Ausdruck verscheucht. Unter dem kleinen rothen Sammtkäppchen hervor drängten sich einige braune Locken, in denen man keine Spur von Grau entdeckte, obgleich Pius damals sechsundfünfzig Jahre alt war. Er trug einen Ueberwurf von schwerer weißer Seide und darunter einen faltigen bis auf die Füße herabreichenden Rock mit weiten Aermeln, gleichfalls von weißer Seide; die Füße steckten in weißseidenen Strümpfen und Pantoffeln. Seine kleinen, aber gleichfalls etwas rundlichen weißen Hände ließ er beim Sprechen ruhig auf der Lehne des Sessels liegen, während sonst die Italiener lebhaft damit zu gesticuliren pflegen. Die Lippen waren anmuthig geschnitten, aber nicht so schmal, wie sonst häufig bei den Italienern. Um den Mund lag eine bezaubernde Herzensgüte und Freundlichkeit. Das kleine Unterkinn paßte vortrefflich zu dem Ganzen. Von welcher Farbe die Augen waren, vermochte ich nicht zu erkennen; aber sie glänzten so von Güte, Ernst und Klugheit, daß man sie stundenlang mit Entzücken hätte betrachten können. Ich glaubte vor mir das Ideal des Seelenhirten zu sehen, zu dem Christus gesprochen: „Simon Johanna, weide meine Schafe!“ Aber auch das hätte ich mir, wäre ich unbefangen gewesen, in jenem Augenblicke sagen können: dies ist nicht der Mann, der Italien zur Einheit und zur Freiheit zu führen vermag. Daß überhaupt ein Nachfolger Petri ein solches Werk nicht unternehmen konnte, ohne in den schneidendsten Widerspruch mit dem Princip der katholischen Kirche und sich selbst zu gerathen und hieran entweder als Papst oder als Fürst zu scheitern, das begriff ich zu jener Zeit ebensowenig wie das italienische Volk, so einfach es war.

„Und doch,“ fuhr Pius fort, „wird es schwer sein, zwischen der deutschen und der italienischen Nation, die berufen sind, durch feste Freundschaft miteinander verbunden zu sein, den Frieden zu erhalten.“

Hier glaubte ich nun in aller Unterthänigkeit eine Gegenvorstellung machen zu dürfen. „Das deutsche Volk,“ erwiderte ich bescheiden, aber nicht ohne einen Anflug von Festigkeit, „hält für seinen Erbfeind die Franzosen und blickt mit großen Befürchtungen gen Osten nach Rußland; aber einen Krieg mit Italien wird kein Deutscher je wünschen oder befürchten.“

„Der Krieg ist bereits eine vollendete Thatsache!“ begann Pius wieder. „Morgen wird ganz Rom wissen, daß König Karl Albert von Sardinien in die Lombardei eingerückt ist, fest entschlossen, die Oesterreicher bis auf den letzten Mann aus Italien zu vertreiben.“

Das also war es, was heute Abend den Quirinal so in Bewegung gesetzt hatte! Ja noch mehr: am folgenden Tage erfuhr ich, daß Pius, während ich in der Galerie wartend auf- und abwandelte, den Befehl gegeben, das päpstliche Heer sollte zu Karl Albert stoßen, um gemeinsam mit ihm gegen Oesterreich zu kämpfen. Dies geschah dann auch, und die beiden päpstlichen Schweizer-Regimenter schlugen sich am 10. Juni, dem blutigen Tage von Vicenza, unter dem tapfern General Durando zwar unglücklich, aber mit großem Muthe, während die italienischen Truppen großentheils das Weite suchten.

„Ich unterscheide,“ ergriff Pius wieder das Wort, „streng zwischen der österreichischen Regierung und dem deutschen Volke. Aber seit dreißig Jahren hat das deutsche Volk stets gethan, was die österreichische Regierung wollte. Das wird jetzt anders werden. Ich wiederhole, von der Haltung des deutschen Volkes, namentlich Preußens, wird es abhängen, ob wir aus dem entbrannten [555] Kampfe als Sieger oder als Besiegte hervorgehen; in Deutschland wird sich Italiens Schicksal entscheiden.“

Wie wörtlich ist dies, freilich nicht damals, aber im Laufe der Zeit, in Erfüllung gegangen! Nicht Frankreichs Siege bei Magenta und Solferino, sondern Preußens Auftreten verschaffte im Jahre 1859 den Italienern die Lombardei, Sadowa im Jahre 1866 das venetianische Königreich, die Siege über Frankreich im Jahre 1870 die Stadt Rom. Und freilich, wer hätte zu jener Zeit ahnen können, daß derselbe Mann, der jetzt Rom zur Hauptstadt Italiens zu erheben trachtete, zweiundzwanzig Jahre später Diejenigen verfluchen und mit Bann und Interdict belegen würde, die es dann wirklich thaten! Das Ziel ist erreicht worden, dem Pius damals mit Aufopferung aller Kräfte nachstrebte – Italien ist einig – und nun, wie steht er dazu! –

„Die französische Republik,“ fuhr Pius fort, „wird die Freundin Italiens sein. Sie billigt und begünstigt unsere Bestrebungen. Aber sie will den Frieden und wird Italien seinen eigenen Weg gehen lassen.“

Wohl hütete sich Frankreich damals, für Italien gegen Oesterreich aufzutreten. Das „den eigenen Weg gehen lassen“ aber bestand dann, daß schon am 30. Juni 1849 die Rothhosen das damals noch tüchtige Rothhemd Garibaldi aus der Republik Rom vertrieben, sich dann selbst für mehr als zwanzig Jahre in der Siebenhügelstadt festsetzten und fortan Italien nach ihrer Pfeife tanzen ließen.

Ein Prophet war Pius der Neunte somit in diesem Punkte entschieden nicht. Indeß wer hätte damals anders prophezeien können? – Er sprach dann noch eine Zeitlang in ruhiger, klarer und eleganter Rede über das Verhältniß, welches die Republik Frankreich den übrigen Staaten Europas, namentlich Deutschland gegenüber, einnehmen würde, und betonte dabei den im französischen Volke tiefer als in irgend einem andern wohnenden monarchischen Sinn, ohne jedoch die so naheliegende Schlußfolgerung ausdrücklich zu ziehen.

Nun aber sollte mir noch eine unerwartete Ueberraschung zu Theil werden.

„Was sind Sie?“ fragte er nach einer kleinen Pause.

„Officier in Diensten Seiner Hoheit des Herzogs von Braunschweig.“

„Von Braunschweig – in Deutschland?“

„Zu dienen, Ew. Heiligkeit.“

„Dann sind Sie also ein Hannoveraner?“

Da standen die Ochsen am Berge! – Mir war in meiner Kindheit stets gesagt worden, der Papst sei unfehlbar. Dieser Papst, vor dem ich stand, übte einen solchen Zauber auf mich aus, daß ich in jenem Augenblicke fast an seine Unfehlbarkeit zu glauben fähig gewesen wäre, obgleich sie erst zweiundzwanzig Jahre später zum Dogma erhoben wurde. Nun war ich mir freilich bewußt, im Lande Braunschweig geboren zu sein; auch stand in den Briefen, die ich erst gestern aus der Heimath erhalten, kein Wort davon, daß mein Landesherr zu seinen Vätern versammelt worden und der König Ernst August in der alten Welfenstadt das Regiment führe. Ich begann irre an mir selbst zu werden. Klar war mir aber: selbst wenn ich einen Zweifel an Dem hegte, was der heilige Vater eben so apodiktisch behauptete, es wäre völlig unangemessen gewesen, ihm Worte zu leihen oder gar mich zu unterfangen, dem Statthalter Christi eine Belehrung in Betreff der deutschen Geographie zu ertheilen. Aber antworten mußte ich auf die Frage; glücklicherweise besitzt die Sprache des Macchiavelli ein kleines Wort, „altero“, zu Deutsch „etwas Anderes“, welches, gleich dem Kopfe des Janus, nach zwei entgegengesetzten Seiten blickt. Es drückt zuvörderst einen directen und entschiedenen Widerspruch gegen die Meinung des Andern aus und gleicht in diesem Sinne auf’s Haar dem Berliner „I, wo!“ Nicht weniger aber steht es dem Italiener frei, sich mit demselben „altero“ von der Meinung des Andern zu entfernen, indem man ihn in seiner eigenen Richtung überflügelt und hinter sich zurückläßt. In diesem Falle sagt der Berliner: „Na, ob!“

Ich hatte nun freilich ein ganz richtiges Gefühl, daß hier im Quirinal das Wort „altero“ etwa ebenso angebracht sein möchte, als wenn ich im Weißen Saale zu Berlin einem gekrönten Haupte mit „I, wo!“ oder „Na, ob!“ unter die Augen ginge. Indeß ich sah keinen Ausweg. Ich verbarg also meine Verwirrung hinter einer tiefen Verbeugung und sprach im bescheidensten Tone das vieldeutige Wort „altero“ mit der Ueberzeugung, Pius würde unfehlbar den richtigen Sinn errathen.

Wahrscheinlich lächelte er darob. Dann aber richtete er wieder huldvoll das Wort an mich:

„Sie sind Officier?“

„Zu Befehl, Ew. Heiligkeit.“

„Der Infanterie oder der Cavallerie?“

„Der Cavallerie.“

„Das freut mich. Auch ich bin Officier in der Cavallerie gewesen; aber ich habe nur wenige Jahre die Waffen getragen; meine Gesundheit ertrug die Anstrengungen des Dienstes nicht. Auf den Wunsch des Papstes Gregor vertauschte ich den Degen mit dem Brevier. Damals bedauerte ich dies sehr; aber jetzt bin ich völlig zufrieden damit, denn Sie sehen“ (und hierbei lächelte er mit einer wunderbaren Mischung von Güte und liebenswürdiger Heiterkeit), „ich habe es in meinem jetzigen Stande recht weit gebracht, viel weiter, als ich irgend hoffen durfte. Möge es Ihnen in Ihrem Stande ähnlich ergehen!“

Der Statthalter Christi geruhte mit einem Lieutenant zu scherzen, und in solchem Augenblick! Ich war völlig überwältigt. Ich versuchte die Versicherung von mir zu geben, aller militärische Ruhm und Erfolg, der mir etwa beschieden sein sollte, könne das Glück dieser Stunde nicht aufwiegen – es gelang aber nur mittelmäßig, und darob wird Niemand mich verdammen.

Wohl eine Viertelstunde mochte über diesen Unterredungen vergangen sein; schon viel zu viel seiner kostbaren Zeit hatte der Papst an mich verschwendet.

„Haben Sie Rom gründlich gesehen?“ begann er wieder.

„So gründlich, Ew. Heiligkeit, als man in der kurzen Zeit von drei Monaten kann; aber ich habe es unendlich lieben gelernt.“

„Wann reisen Sie ab?“

„Uebermorgen.“

„Nun, wenn Sie Rom so lieben, dann brauche ich Ihnen wohl nicht zu empfehlen, vor der Abfahrt aus Fontana Trevi zu trinken, Sie werden auch ohne das wiederkommen.“

„Rom wiederzusehen wird stets das Ziel meiner brennenden Sehnsucht sein.“

„Wohlan, so wünsche ich Ihnen glückliche Reise, und möge unser Herrgott stets mit Ihnen sein.“

Bei diesem Worte streckte der Papst mir wieder die linke Hand entgegen. Ich verneigte mich von Neuem mit einer Kniebeugung und küßte die Hand. Während dessen legte er die Rechte leise auf meinen Kopf, – ließ sie einen Augenblick da ruhen, um mir seinen Segen zu ertheilen. Als er sie zurückzog, erhob ich mich, machte eine tiefe Verbeugung und schritt rasch der Thür zu, welche sich von selbst lautlos vor mir öffnete. Ich wendete mich nochmals, verneigte mich noch einmal voll Ehrfurcht und Dankbarkeit und schritt über die Schwelle. Dort stand der Kammerherr.

„Ich wünsche Ihnen Glück,“ sagte er. „Selten oder nie pflegt Se. Heiligkeit so spät am Abend Jemand zu empfangen, und gerade heute war er mehr als gewöhnlich von den Geschäften beunruhigt und abgespannt.“ Dann geleitete er mich bis an die große Treppe und verabschiedete sich mit freundlichem Händedruck von mir.

Unten in der Halle sühlte sich in bequemer Lage auf einer Bank mein Freund, der Schweizer aus dem Münsterlande.

„Was hat denn der heilige Vater so Wichtiges und so Langes mit Ihnen zu reden gehabt?“

„Nichts, was ich wiedersagen dürfte – aber hier etwas für Euch, um auf sein und mein Wohl zu trinken.“

Dabei gab ich ihm einen ganzen Scudo, den er mit treuherzigem „Vergelt’s Gott!“ schmunzelnd in der Hand umdrehte. Und dies ist das einzige Mal, daß ich im classischen Lande der Trinkgelder Freude daran empfunden habe, eins zu geben.

Es schlug halbelf Uhr auf Ara Celi, als ich die breite capitolinische Treppe hinanstieg zum Palazzo Caffarelli, wo eine kleine Gesellschaft von Freunden meiner seit drei Stunden geharrt hatte. Man hatte bereits nach meiner Wohnung geschickt und [556] dort erfahren, ich sei vor langer Zeit im Wagen fortgefahren, ohne zu sagen wohin.

„Wo haben Sie gesteckt, Sie Bösewicht?“ rief die Dame vom Hause mir entgegen.

„Beim Papste.“

„Ach was! scherzen Sie nicht – wir sind genug in Sorge um Sie gewesen!“

Nun zog ich meine Citation zur Audienz hervor, schlug siegreich jeden neidischen Zweifel darnieder und wurde von Allen ob meiner Errungenschaft lebhaft beglückwünscht. Natürlich mußte ich die Einzelheiten meines päpstlichen Besuches berichten, und Alle waren höchlich erfreut von der Liebenswürdigkeit und Humanität des edlen Oberhirten der katholischen Christenheit; dem Dr. theol. Papst aber, welcher damals während der Orientreise des preußischen Gesandtschaftspredigers dessen Stelle vertrat, wurde sein Namensvetter auf dem Stuhle Petri eindringlich als Vorbild aufgestellt. Wir beschlossen den Abend froh und mit der Hoffnung, uns dereinst in friedlicheren Zeiten wieder hier auf dem historisch bedeutendsten Punkte der Erde, dem Capitole von Rom, zu treffen, und dann womöglich Alle Pius die Hand zu küssen.

Und was ist daraus geworden? Von uns, den „Niedriggepflanzten“, spreche ich nicht, aber von ihm und seinem Werke. Er wollte die Einigung Italiens schaffen: mit Hülfe fremder Waffen ist die Einheit gekommen, aber die Einigung ist noch weit; denn diese kann dort, wie überall, nur geschaffen werden durch einen großen Mann auf dem Throne und redliche Arbeit des ganzen Volkes.

Und Pius selbst? – Noch immer weilt er als Statthalter Christi einsam im Vatican. Nur selten durchbrechen mühsam zusammengebrachte Loyalitätsadressen den Kreis, welchen eine fanatische Partei so eng um ihn gezogen, daß er weit mehr ein Gefangener als ein Herrscher der Kirche zu sein scheint. Und nicht einmal der Glorienschein des Märtyrers soll sein Haupt zieren; denn die italienische Regierung zahlt ihm eine wohlbemessene Civilliste von 3,225,000 Franken jährlich. Sie erhält ihn und sie kennt sehr wohl die unerbittliche Macht des Geldes.

Armer Pius! Wie oft magst du in kummervoll durchwachten Nächten voll bitteren Schmerzes geseufzt haben: „O, hätte ich doch nie den Degen mit dem Brevier vertauscht!“

J. v. U.





  1. Die Gegenwart ist durch eine Reihe jesuitisch-hierarchischer Schöpfungen, wie „Unbefleckte Empfängniß“, „Syllabus“, „Encyklica“, „Sanct Arbues“, „Unfehlbarkeit“ etc. so sehr daran gewöhnt, in Pius dem Neunten das Urbild eines religiösen und politischen Reactionärs zu erkennen und zu belächeln, daß es der jüngeren Generation unserer Leser schwer werden wird, an die Wahrheit eines Bildes zu glauben, welches denselben Mann, nur vier- bis sechsundzwanzig Jahre früher, als einen gefeierten italienischen Patrioten, als einen angebeteten römischen Volkstribun im Purpur darstellt. Und doch strahlte dieser Papst in so unerhörtem Glanze des wohlverdientesten Ruhms, daß sein Name damals auch im protestantische Europa, und namentlich in Deutschland, nur mit Verehrung genannt wurde. Er war in der That ein Neuerer im besten Sinne des Wortes, schon als Erzbischof in seinem Sprengel, und als Papst im ganzen Kirchenstaat, ein Reformator allerdings nur in weltlichen Dingen: seine Verbesserungen erstreckten sich auf den Jugendunterricht, auf Steuer-, Post- und Polizeiwesen, auf Erleichterung des Preßzwanges, Hebung des Verkehrs, er zog Laien in den Staatsdienst, sogar in sein Ministerium, gab den Römern eine Stadt- und verhieß seinem Lande sogar eine Staatsverfassung mit Volksvertretung! Letzteres glich einer Drohung für Oesterreich und erregte den Zorn Metternich’s, diesem schlossen sich die Jesuiten an, und später erhob auch der „Präsident“ Louis Napoleon seinen Drohfinger gegen den „liberalen“ Papst. Man zwang ihn auf andere Wege – und wo er auf diesen schließlich angekommen ist, sehen wir heute. Aber gerade deshalb halten wir es für gerecht, einmal auch jener Zeit des Pio Nono wieder zu gedenken, wo er so verehrungswürdig und gewiß in seinem Herzen glücklich war.
    Die Redaction.