Aus dem nordamerikanischen Bürgerkriege

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Titel: Aus dem nordamerikanischen Bürgerkriege
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[744]
Aus dem nordamerikanischen Bürgerkriege.
Von einem deutschen Freiwilligen.

Ich sprang an’s Land – vor mir New-York. Das freie Amerika donnerte mir seine Festgrüße entgegen. Es war der 4. Juli 1860. Was mich getrieben hatte, Deutschland, mein Vaterland, Sachsen, meine Heimath, Leipzig, wo meine Wiege gestanden, wo liebe Verwandte und Freunde meiner mit Bangen gedachten, zu verlassen, „drüben“ meine Kraft zu üben, meine Kenntnisse zu bereichern, meine Anschauungen zu erweitern, zu – leben? O fragt mich nicht darum! Ich war 21 Jahre alt und [745] – die deutsche Jugend drängt es in’s Weite, das deutsche Herz pflegt erst ruhig in der Heimath zu schlagen, wenn seine Pulse die Mattigkeit beschleicht, wenn der Verstand ihm predigt, daß viele Dinge nicht zu ändern sind.

Was ich drüben suchte, das hatte ich noch nicht, das Uebrige, was ich dort zu finden glaubte, vielfach anders gefunden. Ein Jahr später, am Unabhängigkeitsfeste, donnerten die Kanonen wieder, diesmal in zwei feindlichen Kriegslagern der – Union, die keine Union mehr war. Bald mordeten sich die, welche sich bereits seit Jahrzehnten gehaßt, wie eben nur entzweite Brüder sich hassen können, innig, grimmig, bis zur Vernichtung.

Auch ich focht mit. Auf welcher Seite? Der Deutsche haßt die Sclaverei, muß es. Die deutschen Freiwilligen schaarten sich in New-York. Unter Blenker rückte das achte Regiment – nur Deutsche – unter ungeheurem Jubel am 27. Mai 1861 aus, 1040 Mann mit 15 Hunden, die ihre Herren nicht verlassen wollten, wie die Herren sie nicht. Deutsche Treue! Ich zog mit.

Was ich in diesem fürchterlichsten der Bürgerkriege erlebt, davon Einiges.




1. Deutsche Feldjustiz.

Von Straßburg (Virginien) bis acht Meilen hinter Harrisonsburg, unter fortwährenden Gefechten und Neckereien zwischen seiner Arrière- und unserer Avantgarde, hatten wir den Feind vor uns hergetrieben, begierig zur Schlacht. Er stand nicht. Fast brach am 7. Juni 1862 die Nacht herein, als mein Regiment, an diesem Tage der Nachtrab, nach mühevollem, langem Marsche das Lager bezog. Vor uns, so weit uns Waldung und Hügel Ausschau gönnten, glühten und blitzten die Wachtfeuer der Unserigen; darüber hinaus, kaum einige hundert Schritte spiegelten sich die der Armee Stonewall Jackson’s in den Gewässern des Shenandoah. Die Gewehre waren in Pyramiden gestellt. Bald loderten auch unsere Feuer. In den Kesseln brodelte der Kaffee. Ein heißer Schluck feuchtete den trockenen Schiffszwieback an. Dies unsere letzte Thätigkeit, unser einziger Genuß. Die Müdigkeit warf uns hin. Fest in die Decken gehüllt lag bald schweigend und regungslos die – Kaffeegesellschaft. O Heimath! – Schwere Athemzüge ringsum, nur hier und da leises Murmeln und Flüstern, ein gedämpftes Lachen, ein halblauter Soldatenfluch. „Sie werden doch nicht ewig laufen.“ – „Bis ihnen die Beine zu kurz sind, eher kriegen wir sie nicht.“ – „Hoho! morgen haben wir sie – der Shenandoah ist angeschwollen, wie der übermüthige Frosch, er platzt aber nicht – hinüber können sie nicht, da platzen wir sie!“ – „Stille dort, laßt mich schlafen wenigstens, wenn ich nicht essen kann!“ – „Willst Du etwas voraus haben? seit vier Wochen habe ich meine Zähne nur zu Zahnschmerzen.“ – „Blas’ den Dampf auf die andere Seite, Heilbronner – Dein verdammter Pfälzer könnte die Alligators vertreiben.“ – „Deshalb qualmt er immer im Gefecht, selbst die Kugeln nehmen Reißaus davor, und die Wolken zerhaut kein Säbel.“ – „Schwatzt, was Ihr wollt, besser schmeckt er doch, als Eure Witze, und vertreibt den Appetit.“ – „Und den Schlaf – verdammt, nun fängt der Leipziger auch noch an, Stötterico zu rauchen – na, morgen könnt Ihr mich zum Frühstück genießen, so gut wie geräucherter Lachs muß ich schon um Mitternacht schmecken, nicht, Hamburger?“ – „Ich werde mich an Deine Zunge halten und dabei Hamburg nicht vermissen.“ – „Ruhe dort!“ gebot der Sergeant. Auch das Flüstern verstummte, die Pfeifen verglühten, die Gedanken verschwammen. Tiefer Schlaf auf Aller Sinne, nicht gestört durch das Rauschen des Windes, durch den Ruf der Nachtvögel, die Schritte der Schildwachen, das Anrufen der Vorposten und einzelne weit durch die nächtliche Stille hallende Schüsse.

Auch ich schlief traumlos – eine halbe Stunde. Ein derber Stoß in die Seite ermunterte mich. Mein Freund und Camerad Moritz hatte mich geweckt. „Reich ist fort, weißt Du wohin?“ fragte er mich leise. „Nein! Du?“ erwiderte ich ebenso. „Wo wird er hin sein? Wie gewöhnlich!“ – „Aber hier, wo Alles zu den Secessionisten hält! Statt Hühner und Ferkel wird er eine Kugel haben, wenn er überhaupt wieder kommt.“ – „O, er ist schlau, Du kennst ihn doch – ihn fängt man nicht, und trifft ihn auch nicht.“ – „Weiß, weiß! hol’s der Kuckuk, mir läuft das Wasser schon im Munde zusammen, und das Lachen kitzelt mich in der Kehle über seine Fahrt – aber ich wollte doch, er wäre wieder da! sonderbar, ich habe Angst um ihn, wie noch nie.“ –

„Geht mir eigentlich auch nicht anders.“ – „Hilft uns und ihm nichts – laß uns hoffen und schlafen!“

Wir legten uns zurecht. Mit dem Schlaf aber war es nichts. Reich war „der Dritte in unserem Bunde“, ein wackerer, rühriger Bursche unseres Alters, trotz seiner Jugend ausgewettert durch manchen Lebenssturm, voll unerschöpflich heiterer Laune, der Liebling, der Schatz der Cameraden und ihr „Proviantmeister“. Wie Säbel und Haubajonnet und Kugel ihm nichts anhatten, so kannte auch sein schlanker breitbrustiger Körper und sein Geist keine Ermüdung. Gefecht oder Marsch, wenn sie vorbei waren und wir Uebrigen erschöpft da lagen, schienen nur da gewesen zu sein, die Lebendigkeit seiner Augen, die Stärke seiner Nerven und Sehnen, die Beweglichkeit seiner Glieder zu erproben und zu erhöhen. Kaum einige Minuten warf er sich hin und sah in den Himmel, dann sprang er sicherlich auf, lächelte verschmitzt, nickte uns freundlich zu und verschwand. Wenn er wieder kam, geschah dies nicht allein. Er kam stets in Begleitung, lebendiger oder todter. Gar oft hatte er ein Rind am Horn zu uns bugsirt, ein Schwein hinter sich hergeschleift, einige Ferkel auf dem Rücken, Geflügel aller Art unter den Armen oder über der Schulter, kurz, er brachte uns Etwas für unsere ausgehungerten Magen. Woher? Das war ihm und uns gleichgültig, wie das Soldatenmagen im Feld, aller sonstigen Moral zum Hohn, wohl immer zu sein pflegt, wenn harter Zwieback und ein Schluck Kaffee nur kärglichen Ersatz für verlorene Kräfte bieten und „Feinde ringsum“ sind. Nicht gleichgültig war es dem Obersten unseres Regiments. Diese Art Fouragiren hatte er streng verpönt. Schon zwei Mal hatte er deshalb Reich mit Löhnungsabzug bestraft und für das dritte Mal arg bedroht. Reich lachte, trieb es fort und verließ sich, mit Recht, auf die Verschwiegenheit der Cameraden. Sein gutes Herz, seine „Strategetik“ ließ ihn nicht ruhen. Er selbst bedurfte des Fouragirens nicht, kaum einen Bissen genoß er von seiner Beute, und „hätte ich die Engländer in der Krim und die Oesterreicher in Italien verpflegt,“ äußerte er öfters, „Sebastopol hätte sich nur vier Wochen halten sollen, und auf einen Herzog von Magenta hätte die Welt noch zu warten. Essen, gut essen, das ist die Hauptsache, die Mutter des Sieges für – Euch armen Kerle, die Ihr es Euch nicht abgewöhnen könnt.“ Sie hatten ihn Alle lieb, außer dem Obersten in diesem Punkte.

Was Wunder, wenn die Besorgniß um ihn uns nicht schlafen ließ. – „Vielleicht liegt er verwundet, hülflos im nahen Gestrüpp, hofft auf uns, und – verblutet, ehe es lebendig wird!“ – Kaum gesprochen erhoben wir Beiden uns, wie ein Mann. Wir krochen, schlichen und glitten umher, wie die Rothhaut auf der Kriegsfährte – stundenlang. Umsonst, keine Spur von Reich. Erschöpft, todtmüde kehrten wir endlich zu unserer Lagerstelle zurück. Dort tyrannisirte uns der Schlaf.

Appell! – Wir sprangen auf, die Ersten. Der Platz zwischen uns – Reich’s Platz – war leer. „Reich fehlt, mindestens seit Mitternacht – weiß keiner von ihm?“ Keiner hatte sein Gehen bemerkt, Keiner wußte von ihm. „Ist nicht zu verwundern, daß endlich einmal ein Ochse seine Brüder gerächt hat – wer weiß, wo er ihn hingeschleudert!“ – „Das thut ihm nichts, er kommt immer wieder auf die Beine.“ – „Wenn’s gar so hoch gewesen, hat er sich noch ein Bischen höher geschnellt, und wir werden ihn heute Abend an den Hörnern des Mondes hängen und uns auslachen sehen.“ – „Wird ihm auch nichts helfen! wenn er beim Verlesen fehlt, läßt ihn der Oberst auch dort herunterholen, und dann mag ich seine Suppe nicht essen.“ – So die Cameraden. Keiner glaubte an einen ernstlichen Unfall. So fest trauten sie seiner Kraft, seiner Gewandtheit und List. Ihre Scherze machten auch uns, seinen Freunden, Muth, ebenso der Tag.

Auch beim Verlesen fehlte Reich. Es mußte dem Obersten gemeldet werden, allein – es kam nicht dazu. Unsere ganze Armee begann langsam vorzurücken. Von der Avantgarde her hörte man bereits starkes Gewehrfeuer, dann und wann einen Kanonenschuß. „Hurrah, es geht los!“ „Vorwärts!“ „Hurrah!“

Obergeneral Fremont hatte in seiner Begleitung gegen dreißig Kundschafter (scouts), meist Halbindianer, Texaner, Californier, verwegenste, schlaueste Gesellen, darunter auch einige Frauen, fast noch verwegener, die Schlauesten. Eben rückte das Achte – eine halbe Stunde vom Lagerplatz – einen Hügel herunter, an dessen Fuße vor einer einsamen Farm Stellung zu nehmen, da jagte in Carriere, die Beine nach Männerart über dem Rosse, [746] eine diese Kundschafterinnen an unseren Oberst heran. „Dort bei der Farm liegt ein Soldat Eures Regiments erschossen. Der Farmer wird so eben deshalb dem Obergeneral vorgeführt.“ Fort brauste das Mannweib. Bald umstanden wir die Leiche. Es war Reich. Durch die Brust hindurch, unter dem Schulterblatt wieder heraus, war die tödtliche Kugel gegangen. Der Oberst strich sich den Bart: „verdammter Proviantmeister! – braver Soldat! – begrabt ihn in Ehren, den armen lustigen Burschen!“

Unter einer uralten Ceder wölbte sich bald der Hügel über den so jungen Sohn der Mutter, die früh oder spät alle ihre Kinder in ihrem Schooße sammelt. Die dreimalige Ehrensalve war verklungen. Traurig, manches Auge naß, traten wir, Todtengräber und Geleit, den Rückmarsch zum Gros des Regiments an. – Heute mir, morgen Dir!

Vor dem Obergeneral hatte der Farmer zur That sich bekannt. „Ich habe mein Eigenthum geschützt – ich habe keinen Soldaten erschossen, nur einen Dieb, wie die Gesetze es gestatten bei Nothwehr dem Bürger der Civilisation – ich war im Recht, gebt mir mein Recht!“ Das war die Rechtfertigung des Angeklagten. – „Macht mit ihm, was Ihr wollt!“ Das war sein Urtheil, dessen Vollstrecknug Fremont seinen Kundschaftern überließ.

Unserm Trauerzuge kam ihre Schaar, von der Farm her, entgegen, wir stumm, sie lärmend; in ihrer Mitte, die Arme auf den Rücken gebunden, verhöhnt, vermaledeit, von rohen Fäusten den wankenden Gang beschleunigt, ein bleicher Mann, neben ihm sein jammerndes, verzweifelndes Weib und seine beiden kleinen laut weinenden Kinder. Der wilde Haufe hatte lange geschwankt und gestritten, endlich sich entschieden. „Begrabt den Hund lebendig!“ Das war die Entscheidung, so theilten sie uns mit. Uns wendete sich das Herz in der Brust. Wir protestirten heftig dagegen. Höhnisches Lachen war ihre Entgegnung. Jubelnd ergriffen sie Hacke und Spaten, mit höllischem Triumphgeschrei begannen sie ihr scheußliches Werk. Angesichts des aufmarschirten Regiments hatten sie sein furchtbares Grab fast fertig. Da stürzte das Weib, während die Kinder den vor Entsetzen stier in die Grube starrenden Vater umklammerten, athemlosen Laufes zu unserem Obersten hin, warf sich auf die Kniee und rang flehend in herzbrechender Wehklage die Hände gegen ihn empor: „Rettet, o rettet, um Gottes Barmherzigkeit – Gnade! Gnade!“ Gott erbarmte sich ihrer Qual – eine tiefe Ohnmacht nahm ihr das Bewußtsein.

„Major Pokorny, ordnen Sie die Angelegenheit!“ befahl Oberst Wutschel.

In weiten Bogensätzen trug sein Roß den Major mitten in den Schwarm der Kundschafter, mit denen wir noch vergeblich capitulirten. „Was soll hier werden?“ herrschte er sie an.

Mit militärischem Gruß trat der Sprecher vor: „Dort liegt der begraben, den der Rebell hier erschoß – das hier ist sein Grab.“

„So fertigt ihn schnell ab mit Kugel oder Strick, verlängert seine Strafe nicht mit unnützer Unmenschlichkeit durch diese Vorbereitung, zu der es dann Zeit ist.“

„Hoho, Major! Kugel und Strick ist er nicht werth – lebendig soll er Erde kauen.“

„Solche Barbarei geschieht nicht, so lange mein Arm den Degen führt – ein Soldat mordet nicht und läßt nicht morden.“

„Der Oberbefehlshaber hat ihn uns überlassen – wir thun, was wir wollen.“

Das nicht, so lange ich es hindern kann.“

Die Bande umringte das fertige Grab, der Sprecher ergriff das unglückliche Opfer an den zusammengeschnürten Händen und riß den Wehrlosen zur Grube.

„Schlagt an!“ tönte das Commandowort des Majors, und niemals schneller flogen unsere Büchsen an die Backe. „Wie ich gesagt, hängt oder erschießt ihn – wo nicht, so ist der Gefangene unter meiner Obhut – Widerstand, und ich lasse feuern!“ donnerte der Major. Die Kundschafter flüsterten unter einander, dann Murren, Geschrei, Flüche. Der Sprecher, ein riesiger Texaner, trat wieder vor: „wenn der verdammte Hund nicht unsere Strafe haben soll, so mag er laufen, wohin er will – mag er Euch selber erschießen!“ Damit schnitt er die Bande des Gefangenen durch und stieß ihn hart zwischen die Schulter. „Lauf zur Hölle!“ brüllte er und schritt hinweg, trotzig lachend in verbissener Wuth. Die Uebrigen folgten. Rasch waren sie im Walde verschwunden.

Vor der Front des Regiments stand nach kurzer Weile der Gefangene, umklammert von Weib und Kindern. Durch den Donner der Kanonen tönte die Stimme des Majors weithin schallend:. „Hier, Cameraden, steht der Mann, der Euern armen Proviantmeister erschossen hat. Obergeneral Fremont hat seine Strafe den Kundschaftern überlassen. In gräuelvoller Heidenweise wollten sie ihn lebendig begraben. Ich konnte das nicht dulden. Strick oder Kugel wollten sie nicht gegen ihn gebrauchen – sie haben ihn uns überlassen. Ist Einer unter Euch, der einen Schuß für ihn hat, so trete er vor!“

Wieder stürzte das Weib händeringend und um Gnade jammernd vor dem Pferde des Majors in die Kniee, mit ihr die Kinder.

Tiefste Stille lagerte über dem ganzen Regiment. Keiner trat vor.

Hart an den regungslosen Gefangenen hin, dessen Gesicht der Todesschweiß überperlte, ritt der Major und legte ihm die Hand auf die Schulter. Wohl erst diese Berührung brachte ihm die Sinne zurück – er zuckte zusammen. Das Blut strömte aus dem erbebenden Herzen wieder belebend durch seine Glieder, denn er hörte den Major sagen. „Ihr seid frei, Mann! hier findet sich kein Henker für Euch – geht – Gott vergebe Euch!“

„Hurrah! Hoch Major Pokorny!“ Die Stimme des Regiments übertönte mächtig hallend das Getöse der sich näher wälzenden Schlacht.




2. Auf Vorposten.

Als das achte Regiment unter siegahnendem Zujauchzen der Bevölkerung aus New-York ausrückte, erregte vor Allen ein Mann durch seine äußere Erscheinung fast bacchantischen Donnerjubel. Nicht gerade seine eigene Person zog Aller Blicke auf sich, er hatte wenig an sich, das dazu geeignet gewesen wäre; was ihn so hervorstechen ließ, war das, was er unter sich hatte, ein feuriger, glänzend schwarzer Hengst von edelstem Blut. Bäumen und furchtbare Sprünge und Sätze – so bewegte das prächtige Thier sich vorwärts. Alle seine Raserei aber konnte den marmorfesten Sitz seines Reiters nicht erschüttern, ließ dessen düsteres Auge nicht höher leuchten, veränderte keine Miene dieses finstern Bronzegesichts – wohin er wollte, gerade dahin sprang das schäumende gebändigte unbändige Roß; zornsprühend mußte es gehorchen dem Zugel in dieser Faust von Stahl. Der Name dieses Reiters, obschon nicht sein eigentlicher, charakterisirte dem deutschen Ohre schon diesen ehernen Mann: den Oberstlieutenant Stahel. Durch Sümpfe und Wälder, über die weiten Pußten seines Heimathlandes, durch die Brandungswogen der Schlachten hatte er bereits sein Roß getummelt, als der Magyar dem Habsburger den Handschuh hinwarf. So unerschütterlich fest aber, wie Stahel im Sattel saß, eben so fest saß in ihm selbst ein Leiden, so oft belächelt und bespöttelt, und dennoch eins der furchtbarsten Plagen des menschlichen Geschlechts: die Harpyie der Hypochondrie. „Post equitem sedet atra cura!“ Deshalb war er stets finster, in sich gekehrt, wortkarg, zum Zorn geneigt, kleinlich peinlich auch gegen kleinste Dienstversehen. Diese waren aber besonders häufig beim achten Regiment. Deutsche Freiwillige, mit wenigen Ausnahmen Repräsentanten der Intelligenz ihres Mutterlandes, nach dessen öfters noch nicht ganz klaren Begriffen nach Freiheit strebend, viele alte Volkskämpfer, fügten sie sich wohl willig und im Bedeutenden der nothwendigen militärischen Disciplin, achteten aber für unnütz, Soldatenzuchtjoch zu tragen. So oft Stahel und so gern er ihnen das Letztere auflegen wollte, es gelang ihm nicht, nicht einmal so weit, daß es nöthig gewesen wäre, es wieder abzuschütteln. Er war daher in fortwährendem Aerger über das zuchtlose Regiment, obschon er wieder mit Stolz und Begeisterung dessen sich bald und oft bewährende Tapferkeit pries. Sein Aerger, seine Hypochondrie blieb aber immer sein Sieger, und er rächte sich für diesen Aerger an dem Achten, wo er nur konnte, auch noch, als er, vom Obersten zum Brigadegeneral vorgerückt, nicht mehr so häufig in tägliche directeste Berührung mit ihm kam. Er hielt uns fortwährend in Athem. Wenn andere Regimenter Ruhe hatten, wir mußten gewiß Schanzen bauen oder exerciren. Wir waren Arrièregarde oder Avantgarde, gleichviel, Abends beim Lagern mußten wir die Vorposten beziehen. Der Deutsche verträgt Viel, er ist das so gewohnt, seine Geduld ist sprüchwörtlich, er macht aus der Noth eine Tugend, allem er ist eben so – erfinderisch.

Im October 1862 lag Stahel’s Brigade, das Achte darunter, bei Centreville, wir natürlich auf Vorposten. Wir waren abgelöst [747] und hatten nun, dem Rechte nach, drei Ruhetage vor uns. Kaum so viel Stunden waren vergangen, da kam der Befehl: „auf Vorposten!“ Es hieß: bei den andern Regimentern sei der Zahlmeister eingetroffen. „Also die Geld – wir Vorposten!“ Das Regiment war mit Sack und Pack aufgestellt zum Abmarsch. Finstere Gesichter, mürrische, auch drohende Blicke. Da ging ein Murmeln durch die Glieder, von Mann zu Mann, von Mund zu Munde – kein meuterisches Murren, nur ein flüsterndes Murmeln: das Losungswort, das das Regiment sich selbst gab – und auch das grämlichste Gesicht verzog sich zum Lächeln. Heiter und vergnügt, wie selten, marschirten wir ab und auf die Posten.

Die Nacht war etwas stürmisch, aber nicht sehr finster; man konnte auf hundert Schritt mit klaren Augen ziemlich deutlich sehen. Wir sahen lange nichts. Gegen Mitternacht, auf dem rechten Flügel ein Schuß, noch einer, bald ein Rottenfeuer, die ganze Vorpostenkette entlang unaufhörliches Feuern; es war, als ab unsere Büchsen Kanonenladung hätten, so krachte und donnerte es unablässig. Wir hatten’s Ursach. Feindliche Cavallerie, einzelne Reiter erst, schwadronenweise, ein ganzes Regiment, brachen aus der Waldung heraus, stürmten auf uns ein. „Der liegt!“ „Der hat’s!“ – „Der steht nicht wieder auf!“ – „Hurrah! den links nehm’ ich!“ – „Wart, Bursche, komm wieder!“ – „Der war gepfeffert!“ – „Grüß mir Dein Lottchen!“ – Solche und ähnliche Ausrufe erschollen aus unsern Reihen und verkündeten die Treffer, zugleich den kaltblütigen Muth, die Zuversicht der Freiwilligen. „Nehmt sie nur tüchtig auf’s Korn!“ – „Nur gehörig gegeben, Jungens!“ – „Zusammengehagelt und wenn die Büchsen springen!“ – So ermunterten Officiere. Es war unnöthig. Wir schossen, wie in der schönsten deutschen Neujahrsnacht. In Centreville ward es lebendig – die Trommeln rasselten – die Signalhörner tönten – Generalmarsch. Es war ein furchtbarer Lärm. Augenblickliche Pause. Galoppschlag auch hinter uns. Ein einzelner Reiter auf schwarzem Hengst flog auf uns zu. „Hurrah! noch eine Salve!“ Sie krachte. „Das war der Letzte – weg, wie sie gekommen!“ – General Stahel hielt den Renner bei uns an; hinter ihm stürmte eine Abtheilung Reiterei daher – zwei Regimenter Infanterie rückten nach. „Was giebt’s?“ – „Feindliche Cavallerie griff an, General! zurückgeschlagen.“ Stahel lüftete den Hut: „Eljen das Achte!“ Wir blieben stumm, wir wußten, warum – er auch. Er wußte, daß wir wußten, daß er uns „drängelte“. Er recognoscirte an der Spitze der Reiter. Alles ruhig. „Kein Todter, kein Verwundeter auf dem Platze – schlecht geschossen, Achtes!“ – „Oho! mitgenommen, General!“

Die Nacht verlief fortan ohne weitere Störung. Am Morgen erneute, sorgfältigere Recognoscirung. Vor dem Achten bis zum Walde glatter Boden, nirgends von Pferdehufen zerstampft, nirgends ein Blutstropfen, nirgends eine zurückgelassene Waffe, kein Hut, kein Fetzen – nur Patronenhülsen in Masse. So hatte der Rapphengst noch nicht gefegt, als da er den General nach dieser Recognoscirung an uns vorbei trug. Er ahnte die Wahrheit, als ob er das geflüsterte Losungswort des Achten vom Tage vorher in sein Ohr aufgenommen, jenes Losungswort, das es sich selbst gab und das wir Alle so prächtig verstanden: „Heute Nacht aufpassen – Cavallerie in Sicht – Alles feuern!“

Das achte Regiment kam fürder nur auf Vorposten, wenn die Reihe es traf.



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3. Schuß um Schuß.

Eine Abtheilung meiner Compagnie „berequirirte“ wieder einmal die Farmer in der Umgegend von Fairfax. Diese Farmer waren der Unionssache nicht gewogen, der Armee noch weniger hold. Waren wir da, sahen wir ihnen Auge in Auge, so waren sie loyal. Wendeten wir den Rücken, so rissen sie sicher das beste Pferd aus dem Stalle und, die Büchse über die graue Jacke mit schwarzen Aufschlägen gehangen, galoppirten sie in’s feindliche Lager. Mancher von uns hatte schon beim nächsten Gefecht in dem Rifleman, der auf ihn anlegte, seinen Gastfreund vom nur vergangenen Tage zu erkennen geglaubt. Wenige Wochen, ja Tage nur später saß aber dieser Gegner ganz ruhig und unschuldig wieder auf seiner Farm, wenn diese wieder im Bereiche unserer Macht lag. Ihm war es natürlich nicht eingefallen gewesen, auf uns zu schießen, höchstens, wenn er nicht krank zu Bett gelegen, hatte er einen Geschäftsritt gemacht. Nicht alle Farmer aber waren so kriegerisch und schlagfertig. Die, welche es nicht waren – davon hatten wir sämmtlich die Ueberzeugung – thaten jedoch das Mögliche, dem Feinde durch Lieferungen aller Art, von Reit- und Zugthieren, Lebensmitteln und dergleichen, allermindestens und allermeist aber durch sichere Nachricht über unsere Stärke, Aufstellung, Pläne etc. Vorschub zu leisten und uns Abbruch zu thun. Dieses Spionirsystem war – wir konnten daran nach den Erfolgen nicht zweifeln – auf das Vollständigste organisirt. Der Nachbar ritt zum Nachbar, dieser zu dem weiteren – eine Frau, ein Kind, ein Neger, ja ein Hund stattete den Nachbarsfrauen, Kindern, Negern, Hunden „freundschaftliche Besuche“ ab, und doch dienten eben diese Besuche mündlichem oder schriftlichem Verrathe gegen uns.

Wir saßen im Spinnennetze, wir kannten die Spinnen – allein alle Schlauheit unsererseits war vergeblich, wir konnten keine dieser Spinnen beim Ziehen ihrer Fäden ertappen – sie waren auf steter Hut, sie waren eben schlauer als wir. Wir thaten nur, was wir konnten. Wir „berequirirten“ sie fleißig, fast unablässig, das heißt, wir forderten ihnen eine Quote ihrer landwirthschaftlichen Erzeugnisse jeglicher Art ab für die Union und in deren Namen, für unser dringendes, unabweisbares Bedürfniß. Natürlich erhielten sie dafür eine von dem Oberst oder Major oder den sonstigen Befehlshabern ausgestellte schriftliche Anweisung (Bon) auf Zahlung im Hauptquartiere zu Washington. Allein ihr Schuldbewußtsein – vielleicht auch andere Umstände, die wir schon bei der Aushändigung dieser Bons so gut kannten, wie sie – hielt sie meist davon ab, von diesen Anweisungen Gebrauch zu machen. Im Uebrigen verlautete ziemlich allgemein, daß, wenn Einer einmal doch in Washington den Versuch gemacht, derselbe an irgend einem Formfehler oder sonstigem Mangel des Bons gründlich gescheitert sei. – Soldaten sind eben keine Diplomaten – oder sind sie es dennoch?

Nicht alle Farmer huldigten aber der von mir gedachten politischen Richtung der Mehrzahl. Es gab auch Ausnahmen, und eine solche lernte ich kennen auf dem Eingangs erwähnten Requisitionszuge im October 1862.

Ich war von meinen Cameraden abgekommen, als der Abend schon hereinbrach. Mein Ruf erreichte sie nicht mehr. Bald umringte mich dichte Finsterniß. Ich wußte nur, daß ich etwa vier Meilen Weges bis zu meiner Lagerstelle zurückzulegen hatte, in welcher Richtung aber, das war mir völlig unklar. So lange ich noch Kraft hatte, marschirte ich dennoch auf gut Glück weiter. Das einzige Glück, das mir dabei zu Theil wurde, war eine neue wollene Decke, die ich heute Nachmittag requirirt hatte, denn es fing auch noch an zu regnen. Der Boden ward sehr schlüpfrig, er wich förmlich unter meinen immer wankender werdenden Schritten. Ich konnte nicht weiter. Ich blieb unter einem Baume, an dessen Stamm ich so derb angeprallt, daß der Rückstoß mich zu Boden geworfen, liegen. Ich nahm den Unfall für ein Omen, wickelte mich dichter in die Decke und machte mir’s bequem, etwa so, wie ein Hund es sich bequem macht, wenn er nach sechsmaligem Umdrehen und einigem Kratzen auf die harten Dielen sich knurrend auf ihnen weich bettet. Dieser Vergleich kam mir eben in den Sinn und erheiterte mich fast, als ich schnell auffuhr. War ich wirklich ein Hund geworden und hatte eben unwillkürlich nach meiner neuen Art, meine Empfindungen auszudrücken, mich geäußert? Oder träumte ich nur? Dem dumpfen Knurren, so dicht an meinem Ohre, daß es mir eben geschienen, als kämen die Töne aus meinem Innern, folgte, offenbar von einem Hunde, so lauter Anschlag, daß ich den heißen Athem der Bestie spürte und, mich um und um kugelnd, eiligst meine Ohren aus dem Bereich der Zähne des Inhabers dieser fürchterlichen Stimme zu bringen mich bestrebte. Dadurch hatte ich mich aus der Decke herausgerollt und erwartete nun, stehend und zum Schlag mit dem Büchsenkolben bereit, das Weitere. Abermaliges kurzes, dann anhaltendes Gebell, aber in größerer Entfernung als das erste, wie mir schien am nämlichen Platze, wo jenes erschollen war.

Schnell entschlossen rückte ich, die Büchse vor mich hinstreckend, gegen den Hund an. Ich hörte sein Anspringen und sein Abprallen. Er umkreiste mich nicht, sprang immer an einer Stelle und erreichte mich nicht. Es mußte ein Hinderniß zwischen uns sein. Mein Büchsenlauf stieß bald auf dasselbe; seine horizontale Wendung nach rechts und links rief das Geräusch hervor, das der Knabe so gern mit einem Stecken verursacht, wenn er an einem Lattenstaket vorbeigeht. Es war unzweifelhaft: ich stand an einer Fenz. „Die Fenz ist da – wem gehört die Farm? Einem Freunde? Das konnte ich hier kaum hoffen. Einem Feinde? Ja, Einem, dem konnte ich schon trotzen – aber wie, wenn (wie oft der Fall) eine nächtliche Versammlung in der Farm stattfand? Dann lieber zurück in die finstere Nacht, in den Regen!“ Diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, und schon bereute ich, das Dasein eines Menschen verrathen zu haben. – Horch, was war das? In noch nicht fünfhundert Schritt Entfernung Galoppschlag! Schlugen auch die Hufe nicht schallend auf den breiigen Boden, war das Geräusch deshalb auch bald verklungen, dennoch stand es klar vor mir: eine nächtliche Versammlung galoppirte dort hinweg. Ich zog mich langsam von der Fenz zurück. Der Hund schlug wüthender an.

„Halloh, Hiob, was giebt’s, mein Hund?“ Der Ruf schallte kräftig genug durch die Nacht zu mir. Ich verhielt mich ruhig. Der Hund aber – bellte nicht mehr, er schrie förmlich. „Halt, wer ist da?“ Es klang so entschlossen, so kriegerisch drohend, daß ich mein Schweigen zu bewahren für geratener hielt und meinen Rückzug still fortsetzte. „Halt, halt!“ scholl es feldgerecht, und ebenso feldgerecht krachte augenblicklich die Büchse des Anrufers. Ein Zipfel meiner lose umgehangenen Decke flog so ungestüm von mir weg, daß ich einen Ruck fühlte – die Kugel hatte sich in der nassen Wolle gefangen.

„Halloh, Farmer, gut Freund!“ beantwortete ich die Begrüßung in äußerst vernehmbarem Englisch – „müßt Ihr denn einem Verirrten gleich die Knochen entzwei schießen, wenn er sich in der Finsterniß so an einen Baum gerannt hat, daß ihm Hören und Sehen vergangen ist? Weg mit dem Schießprügel, guter Freund, oder Ihr sollt spüren, welchen Pfiff meine Büchse führt!“

„Verirrt und habt eine Büchse und steht an einer Fenz – Mann, warum schießt Ihr denn da nicht, damit der Lärm Euch Einlaß schafft?“

„Könnt Ihr, wenn Ihr es nicht wißt, in solcher Nacht unterscheiden, ob es ein Baum oder eine Fenz ist, an der Ihr Euch um die Besinnung gestoßen habt?“

„Der Hund macht doch aber einen solchen Lärm, daß Todte davon aufwachen müssen – warum antwortet Ihr nicht, Mann, und macht dadurch einen Christen möglicherweise zum Mörder, weil er denken muß, ein Achan strecke seine Hand aus nach dem Eigenthum seiner Kinder?“

„Ei, Farmer, fürchtet Ihr Euch denn so sehr, daß Ihr einen müden und hungrigen verirrten Fremdling in Regen und Finsterniß stehen laßt, während Ihr unter Dach und Fach Betrachtungen anstellt?“

„Dank, daß Du mich an meine christliche Pflicht erinnerst! Joe Zedekiah Salomom hat noch keinen Müden und Hungrigen von seiner Schwelle gewiesen, er wird auch Dich pflegen. Greif Dich nur links an der Fenz hin, ich komme gleich zu Dir – ruhig, Hiob, und her zu mir!“

Bald begegnete der Sprecher mir, und seine Hand leitete mich [799] sicher in ein behaglich durchwärmtes Wohngemach. Augenblicklich stand Speise und Trank in Fülle vor mir, und ich griff wacker zu. Als Hunger und Durst gestillt, kamen mir Gedanken verschiedener Art. Ich sprach sie auch aus, verblümt und unverblümt, gegen den Gastfreund, welcher ab und zu ging. Als der Farmer mich draußen unterm Arme führte, überragte seine Schulter die meinige um ein gut Stück, und ich habe eine ansehnliche Länge. Hier innen war er weit kleiner, als ich. „Der Boden senkt sich, Freund, und ich ging auf der Steigung, Du auf der Senkung.“ – Seine Stimme klang so voll, so mächtig durch die Nacht. Hier innen war sie leise, aus schwacher Brust, näselnd, übereinstimmend mit seiner gebückten Haltung, seiner Kleidung, seinen ruhigen, gelassenen Gebehrden. Er war offenbar ein Quäker. „Beim Anruf erhebt die Creatur ihre Stimme, und es giebt hier einen starken Wiederhall. Aber nicht ich erhob meine Stimme gegen Dich, so wenig, als das Gewehr. Das Gesetz des guten William Penn verbietet mir und meinen Brüdern die Waffen. Beides that mein treuer Elias, mein Diener zwar und schwarz von Farbe, aber nicht mein Sclave, mein Bruder in Christo, den der Herr erleuchtet hat in seiner Gnade, der aber doch heißes Blut hat, und ein Jäger ist mehr, als unser Gesetz es gut heißt.“

Die Luft des Zimmers war von Tabaksrauch nicht nur geschwängert, sie war durchqualmt. „Dein Bruder hat in Gottes Wort gelesen und seine Seele gestählt, daß er den Rebellen nicht fluche, die den Unsegen über die Union bringen und den Gottesfürchtigen ein Gräuel sind – er hat eine Schwäche, die zu bekämpfen er zu alt ist und der er sich hingiebt, weil sie dem Nächsten nicht schadet und ihm heilsam ist: Dein Freund raucht gern und, wenn sein Geist sich in das Evangelium versenkt, stärker, als er weiß.“

„Ihr seid also Unionist?“

„Wie kann ein Anhänger des guten William Freude haben an Zwietracht und Zerreißung des Zusammengehörigen? Ich darf selbst nicht daran denken, die Canaaniter und Amalekiter zu bekämpfen, allein meine Wünsche und mein Gebet folgen den Waffen, die sich gegen sie erhoben haben. Auch Dir, Freund, werden sie folgen, und vorzugsweise, denn an deinem Kriegskleide erkenne ich, daß Du zu den freiwilligen Schaaren gehörst, die das wackere Deutschland uns gesendet zu desto baldigerer Besiegung des heidnischen Gräuels der Sclaverei. Habe Dank, fremder Freund, für Dein Opfer auf dem Altare der Brüderlichkeit, der Vater im Himmel segne dich tausendfältig!“

Rasch ward die Thüre des Gemachs aufgerissen, und herein stürzte ein riesiger Neger mit dem Ausdrucke des Schreckens in Gesicht und Worten: „O Massa, die Rinder fort, Alle fort, nicht eins mehr da! muß ein Schreck gefahren in sie sein, haben die Fenz durchbrochen – Massa, o Je, was thun nun?“

„Zuerst bitte hier meinen Gast um Verzeihung, daß Dein sündlicher Zorn das Mordgewehr auf ihn losgedrückt!“ der Neger starrte mich an. „Ja, ja, Elias, thue es und lege dein heidnisches Wesen immer mehr ab zu Zebaoth’s Ehre.“ Elias ergriff zerknirscht meine Hand, legte sie auf sein gebeugtes schuldiges Wollhaupt und drückte sie auf seine Lippen, wie die Factur auf einen Ballen Baumwolle. „Und nun, Elias,“ fuhr mein Gastfreund gemächlich fort. „hänge deine langen Beine über den Grauschimmel und reite eiligst zu Nachbar Jonas und bitte ihn, daß er mit Tagesanbruch seine Leute aussende nach Aufgang, ich will mich mit den Unsrigen nach Niedergang aufmachen, auf daß wir eintreiben und fangen das entflohene unvernünftige Vieh.“

Mit freundlichem Grinsen hob sich der Schatten des Fürsten der Finsterniß von dannen. Ich aber schämte mich im Stillen und bat heimlich dem ehrenwerthen Quäker ab, daß ich in meiner Befangenheit das Geräusch der davoneilenden Rinderheerde für den Galoppschlag einer davonsprengenden feindlichen Versammlung gehalten. – Es war Alles klar, zu größerer Klarheit noch führte das weitere Gespräch zwischen uns – ja, Joe Zedekiah Salomon war den Conföderalen ein so grimmiger Feind, als es seine ruhige Natur und sein Glaubensbekenntniß nur immer gestatteten. Ich schlief unter seinem Dache ruhig, wie das Kind am Mutterbusen.

Die Sonne schien hell, als der Farmer mich weckte. „Wolltet Ihr nicht mit Tagesanbruch aufbrechen, nach den Rindern zu sehen?“ fragte ich ihn.

„Sieh dorthin, Freund, das Vieh ist doch nicht so unvernünftig, als wir denken; es hat bald eingesehen, was gut und böse für es ist, Eins nach dem Anderen ist von selbst zurückgekehrt unter das schützende Obdach und zu seiner – Pflicht. Ich aber habe auch noch eine Pflicht zu erfüllen: dich Verirrten zu deinen reisigen Brüdern zu geleiten.“

Wir sattelten im Stalle. Ein hochbeiniger Rothschimmel neben dem für mich bestimmten Falben knusperte eifrig an dem überreich aufgesteckten Heu. Doch was war das? das war nicht Heu, an dem der Gaul zog! – Rasch schoß mir wieder der Argwohn in den Kopf. Der Rothschimmel zog sofort nicht allein, ich zog mit am – schwarzen Aufschlag auf grauem Aermel. Mein kräftiger Ruck riß mit einem Male die feindliche Uniform aus ihrem Versteck. „Halloh, würdiger Gastfreund, wie kommt Ihr dazu?“ rief ich, triumphirend über das Beweisstück.

Freundlich lächelnd machte er eine abwehrende Gebehrde und sprach ruhig: „Du denkst übel von mir, junger Freund! Du wirst es nicht mehr thun, wenn ich dir sage: ein Gastfreund aus dem Süden, den die Rebellen gezwungen, ihr Kriegskleid anzulegen, entriß sich ihren gottlosen Reihen bei Nacht und eilte zu mir und dann weiter nach Norden zu theuren Verwandten. Er hinterließ wahrscheinlich das verhaßte und nun ihm gefährliche Gewand. Er ritt in meinen Kleidern von dannen, und ich, der Mann des Friedens, habe mich nicht gekümmert um diesen Harnisch des Abfalls. Aber unbesonnen hat er gehandelt und thöricht, denn wenn Andere deiner Gefährten es gefunden, möchten sie böser von mir gedacht haben, als Du, und mir nicht so glauben, wie ich sehe, daß Du es thust.“

Er hatte Recht. Ich glaubte ihm. Und warum nicht? Keine Spur an ihm von Ueberraschung, Verlegenheit, Schuldbewußtsein. So sehr ein Heuchler war er sicherlich nicht, daß er eine Scheinrolle so gut gespielt hätte. Er begleitete mich bis an unsere Lagerstätte und ergötzte dort die lustigen Cameraden gar baß durch sein gesetztes, friedfertiges Wesen, nicht zu seinem Vortheil gerade. Eins indeß flößte ihnen, wie schon mir unterwegs, Respect vor ihm ein: der Mann des Friedens zeigte sich als ein so sicherer, wie wagehalsiger, als unübertrefflicher Reiter.

Acht Tage später lagerte die erste Brigade unserer Division – vier Regimenter Infanterie, zwei Schwadronen Reiterei und vier Geschütze, commandirt vom Brigadegeneral Stahel – etwa zwanzig Minuten von dem Orte meines nächtlichen Abenteuers, in Centreville hinter den Verschanzungen, welche im vorigen Jahre die Südländer errichtet hatten. Unsere Vorpostenkette stand zwei Meilen vor dem Lager. Mein Regiment hatte sie zu stellen, mich mit. Das Piquet, zu dem ich gehörte, zwölf Mann, zwei Corporale, ein Sergeant, war das äußerste auf dem rechten Flügel. Wir bivouakirten auf dem Hofe einer Farm. Ihre Bewohner, der schon bejahrte Eigenthümer, seine Frau, ein junger Verwandter und drei Neger, standen im Geruche der Spionage. Wir hatten die Ordre, diese zu verhindern und Niemanden aus der Farm hinaus, Niemanden herein zu lassen. Das Piquet stellte daher einen Posten an den Eingang der Farm und einen Doppelposten etwa tausend Schritt östlich von ihr an den zu ihr führenden Weg. Dieser verlief zwischen Weizenfeld auf der einen und Wiesengrund auf der andern Seite, an welchen sich nach etwa tausend Schritten dichte Waldung anschloß. Feld und Wiese waren nach dem Wege zu eingefriedigt.

Diesen Doppelposten bezog ich und mein Freund und Camerad Robert Abends um neun Uhr. Es war sternenhell. Kein Lüftchen regte sich, in der ersten Stunde auch sonst nichts, was unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Von der Heimath flüsternd, hatten wir sie auf- und abgehend verbracht. Jetzt schwiegen wir. Ich stand auf der Straße. Sechs Schritte von mir lehnte mein Freund an einer Säule der Einfahrt in die Wiese. „Es kommt Jemand,“ rief er mir leise zu.

Mein erster Blick flog den Weg hinauf, er war rein. Mein zweiter traf die Wiese. Dicht an die Einfriedigung sich haltend, bewegte sich auf ihr ein dunkler Gegenstand langsam nach unserm Standpunkte her. Er kam auf hundert Schritt an uns heran. „Halt, wer ist da?“ riefen wir an. Die Gestalt kam noch immer langsam näher. „Halt, halt!“ – Der Schuß meines Freundes krachte durch die Nacht; unmittelbar darauf sprach auch meine Büchse. Ein Mann erhob sich jetzt zu voller Länge und lief schnellen Schrittes nach dem Walde zu.

Rasch war mein Gewehr wieder geladen. „Bleib auf Posten, Robert!“ und über die Fenz hinweg setzte ich dem Flüchtling nach. Die Jagd war wild, nicht lang. Noch zehn Schritt, und der [800] Schatten der Bäume nahm ihn auf. Es war keine Zeit zu verlieren. Ich stand, zielte, schoß – die Gestalt war verschwunden. Vom Piquet her rannte die Patrouille. Alle Nachsuchungen waren vergebens. Wir hatten drei Mal den Mann gefehlt. Das ward uns oft und deutlich gesagt. Ich glaube es – fast. Dennoch bin ich meines Schusses ziemlich sicher.

Beim Morgengrauen suchte ich daher mit dem diensthabenden Feldofftcier die Gegend nochmals genauer ab. Da, im hohen Grase, hart am Waldrande, entdeckte ich blutige Spuren, erst einzelne Tropfen, bald reichlicher, endlich eine blutige Bahn. Dreißig Schritte davon im Dickicht lag, mit dem Gesicht gegen die Erde lang hingestreckt, ein Mann in virginischer Farmerkleidung in einer Blutlache. Meine Kugel hatte ihm die rechte Seite durchbohrt. Wir wendeten ihn um. Ich fuhr zurück. Es war – Joe Zedekiah Salomon. Wir trugen ihn auf die Wiese hinaus. – Ein Neger mit zwei Pferden am Zügel, von einem Corporal geleitet, schritt von der Straße her eilig an die Gruppe heran, die den Spion umstand. Er blickte ernst und lange in das bleiche, ruhige Gesicht. „O Massa, er todt – Ihr ihm seinen Schuß damals zurückgegeben – bessern, als Er! He! Rinder nun nicht mehr entlaufen auf Pferdehufen, und Elias nicht mehr zu reiten brauchen zu Nachbar Jonas – arm Herr nicht Stimme anders machen nöthig und Dütschman auch nichts vormachen mehr von schwarzgrauer Jacke seiner! Eh! doch angeführt damals, auch von Elias – –!“ Und der arme Kerl lachte zwischen die Thränen hindurch, die seine schwarzen Backen überrieselten. Die Freude über den Streich, den sein Herr und er mir damals gespielt, tröstete ihn über die Gegenwart. Wir überließen ihm den Körper seines Herrn. Ihn vor sich über dem Sattel, verschwand er langsam am Horizonte. Die Karten und Notizen über unsere Aufstellung und Stärke, die wir in Salomon’s Kleidung aufgefunden, nahm er nicht mit fort.

Ich kehrte ernst in unser Bivouac zurück, auf den Hof des Nachbars Jonas. Dieser leistete – gute Miene zu bösem Spiel! – bald den Eid der Treue und zog nach Washington.