Aus dem Leben einer jüdischen Familie/Aus dem Lazarettdienst in Mährisch-Weisskirchen

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[231]
VIII
Aus dem Lazarettdienst in Mährisch-Weisskirchen


1.

Bald nach der Prüfung richtete ich eine Anfrage an das Rote Kreuz in Breslau, ob ich jetzt in den Sanitätsdienst eintreten könne. Da keine Antwort kam, beschloß ich, bis zum Ende des Semesters in Göttingen zu bleiben, die Vorlesungen fertig zu hören und im übrigen die Zeit für die Doktorarbeit zu verwenden. Ich begann auch wieder etwas Griechisch zu treiben, da ich nun doch möglichst bald das Graecum machen wollte. Vor der Abreise schickte ich aber diesmal alle meine Sachen nach Hause, weil ich es für ungewiß hielt, ob ich wiederkäme.

In Breslau reichte ich bald beim Provinzialschulkollegium die Meldung zur Ergänzungsprüfung im Griechischen ein; ich wollte sie im Herbst machen. Als ich einige Wochen zu Hause war, wurde ich ans Telephon gerufen. Es war eine Dame vom Roten Kreuz, die mich sprechen wollte. In Deutschland sei immer noch keine Nachfrage nach Schwestern, aber in Österreich sei große Not; wenn ich dorthin gehen wollte, so sollte ich mich bereit machen, Anfang April nach Mährisch-Weißkirchen zu fahren. Ich war sofort entschlossen.

Rose Guttmann hatte von dem Lazarett in Weißkirchen schon gehört, da eine Breslauer Studentin seit Monaten dort pflegte. Nun war diese Studentin – Grete Bauer – gerade auf Urlaub daheim. Ich suchte sie auf, um Näheres zu hören. Mährisch-Weißkirchen lag halbwegs an der Bahnstrecke Oderberg - Wien, von uns aus mit dem D-Zug in 5-6 Stunden zu erreichen. Es hatte eine große Kadettenanstalt, die als Seuchenlazarett eingerichtet war: 4000 Betten, zur Etappe der Karpathenfront gehörig. Die kleine Studentin, ein frisches, natürliches Menschenkind, hatte sehr gern dort gearbeitet; sie sollte auch vor meinem Transport wieder zurückkehren und freute sich darauf.

Bei meiner Mutter stieß ich auf heftigen Widerstand. Daß es sich um ein Seuchenlazarett handle, sagte ich ihr gar nicht. Sie wußte wohl, daß sie mich mit dem Hinweis auf Lebensgefahr nicht umstimmen konnte. Darum sagte sie mir als äußerstes Schreckmittel, die Soldaten kämen alle mit Kleiderläusen aus dem Feld, ich würde [232] mich davor auch nicht schützen können. Das war freilich eine Plage, vor der mir sehr graute – aber wenn die Leute im Schützengraben alle darunter leiden mußten, warum sollte ich es besser haben als sie? (N.B. Die Entlausung in Weißkirchen war so gut organisiert, daß mir diese Prüfung erspart blieb. Ich habe nur gelegentlich auf der Wäsche der Leute – und zwar auf frischer Wäsche, die gerade aus dem Schrank ausgegeben wurde, einige Tierchen zu sehen bekommen). Als dieser Angriff gescheitert war, erklärte meine Mutter mit ihrer ganzen Energie: „Mit meiner Einwilligung wirst du nicht gehen“. Ich entgegnete ebenso bestimmt: „Dann muß ich es ohne deine Einwilligung tun“. Meine Schwestern fuhren förmlich zusammen bei dieser schroffen Antwort. An einen solchen Widerstand war meine Mutter nicht gewöhnt. Arno oder Rosa hatten ihr wohl oft schon viel schlimmere Worte gesagt. Aber das geschah in Zornesausbrüchen, in denen sie sich selbst nicht kannten, und war schnell wieder vergessen. Hier aber ging es wirklich hart auf hart. Meine Mutter sagte nichts mehr und war einige Tage sehr schweigsam und bedrückt – eine Stimmung, die sich immer auf das ganze Haus zu legen pflegte. Als ich aber dann anfing, meine Vorbereitungen zu treffen, übernahm sie es wie selbstverständlich, für die erforderliche kleine Schwesternaussteuer zu sorgen. Frieda, die sich am besten darauf verstand, mußte die nötigen Einkäufe und Näharbeiten machen.

Ehe ich mit meinem Kriegsdienst begann, mußte ich noch einen Besuch im Provinzialschulkollegium machen, um meine Meldung zum Graecum zurückzuziehen, oder vielmehr zu sagen, daß ich den Termin auf ungewisse Zeit verschieben müsse. Der Dezernent für die humanistischen Gymnasien, Geheimrat Thalheim, war ein gefürchteter Mann, ernst und streng. Als er den Grund der Verschiebung hörte, war er sichtlich unzufrieden, sagte aber zunächst nichts. Erst als ich schon im Hinausgehen war, rief er mich noch einmal zurück. „Sind denn Ihre Eltern einverstanden?“ „Mein Vater ist schon lange tot. Meiner Mutter ist es nicht recht“. Jetzt fuhr er lebhaft auf. (Er hatte selbst eine Tochter in meinem Alter. Ich kannte sie von der Schule her). „Freilich ist es ihr nicht recht. Ich habe Ihnen ja nichts zu sagen. Aber da Sie keinen Vater mehr haben, fühle ich mich doch verpflichtet, Sie zu warnen. Wissen Sie denn, wie es in den Lazaretten zugeht?“ Ich wußte es nicht; aber wenn es war, wie er es andeutete – daß man sich sittlichen Gefahren aussetzte und daß die Schwestern in einem schlechten Ruf standen – dann war das ja furchtbar traurig, und ich fand es nun erst recht nötig, daß Menschen mit einer ernsten Auffassung in diese Stellen kämen. So dankte ich dem Herrn Geheimrat mit aufrichtiger [233] Herzlichkeit – es verriet doch eine große Herzensgüte, daß er so um mich besorgt war – ließ mich aber in meinem Entschluß nicht im mindesten beirren.

Nicht lange vor meiner Abreise traf ich einmal bei Nelli Courant mit Susanne Mugdan zusammen. Sie war mit Richard befreundet; ihre Mutter hatte ihn während seiner Studienzeit wie einen Sohn bei sich aufgenommen, obgleich sie selbst zwei Söhne und zwei Töchter hatte. Bertha, die ältere, hatte später Richards Freund, den Altphilologen Julius Stenzel, geheiratet. Er und Suses Zwillingsbruder Albrecht waren jetzt im Feld. Sie selbst war ein ernster und grüblerischer, überaus zart und tief empfindender Mensch. Sie hatte das Lehrerinnenexamen gemacht und einige Zeit unterrichtet. Da es sie aber nicht ganz befriedigte, hatte sie das Abitur nachgeholt und studierte jetzt Chemie an der Technischen Hochschule in Breslau. Als sie hörte, was ich vorhatte, faßte sie es sofort als eine Mahnung für sich auf, sich auch zur Verfügung zu stellen. Wenige Wochen nach meiner Abreise folgte sie mir nach Weißkirchen.

Ehe ich abfuhr, ließ mich Erna in die Frauenklinik kommen und machte mir die Schutzinjektion gegen Typhus und Cholera. Viele Leute reagierten darauf einige Tage lang mit richtigen, fieberhaften Erkrankungen, aber mir machte es nichts.

Die Lazarette in Böhmen und Mähren waren überwiegend in der Hand der deutschen Schwestern. Die Berufsorganisation deutscher Krankenschwestern hatte es übernommen, sie einzurichten, und das schlesische Rote Kreuz versorgte sie mit Helferinnen. Eine Dame in Breslau, Fräulein Gertrud Stein, hatte diese Vermittlung in der Hand. Sie kam zur Bahn, als ich am 7. April 1915 früh um 6 Uhr abreiste, machte mich mit zwei andern Helferinnen bekannt, die aus Sachsen kamen und mit mir zusammen nach Weißkirchen fahren sollten und überreichte uns unsere Abzeichen: Die Helferinnenbrosche aus Email, ein schwarzes Schleifchen mit einem roten Kreuz auf weißem Feld in der Mitte. Die beiden Gefährtinnen aus Sachsen waren junge Mädchen, die eine aus guter Bürgerfamilie, die andere etwas einfacher, beide – wenn ich mich recht erinnere – Haustöchter ohne Beruf. Natürlich waren wir alle gespannt auf unser neues Betätigungsfeld. In der Mittagsstunde waren wir am Ziel. Wir nahmen am Bahnhof einen Wagen und fuhren zum Lazarett. Es lag ziemlich weit außerhalb der Stadt. Mährisch-Weißkirchen war ein nettes Städtchen. Am Marktplatz steinerne „Lauben“ (Arkaden), wie ich sie aus alten Städten in Schlesien und Böhmen kannte; unter den Bogen Verkaufstische, die aus den dahinterliegenden Läden herausgeschoben waren. Vor dem Tor eines langgestreckten Gebäudes hielt unser Wagen. Drei große Häuser [234] lagen unmittelbar aneinander anschließend an der Landstraße. Um an der ganzen Front entlang zu gehen, brauchte man etwa zehn Minuten. In Friedenszeiten waren hier eine Kavalleriekadettenanstalt, das dazugehörige Offiziersgebäude und eine Oberrealschule. Nach hinten schlossen sich eine große und eine kleine Reitschule an. Außerdem waren Baracken für Lazarettzwecke neu hinzugebaut (ich erinnere mich nicht mehr genau, ob 10 oder 20). Jede enthielt zwei Krankensäle mit je 50 Betten.

Wir wurden zunächst in den Speisesaal geführt und erhielten ein kräftiges Mittagessen. Die meisten Schwestern hatten schon gespeist, nur ein paar Nachzügler waren noch da. Sie fragten uns, ob wir ihnen Post mitgebracht hätten. Tatsächlich hatte uns Fräulein Stein Briefe mitgegeben. Wir legten sie auf den Flügel, wo sich dann die Empfängerinnen das Ihre heraussuchten. Diese Briefbeförderung durch hin- und herreisende Schwestern war eine stehende Einrichtung, weil auf dem gewöhnlichen Wege viel verloren ging oder wochenlang aufgehalten wurde. Es war allerdings streng verboten, auf diese Weise die Zensur zu umgehen, die zwischen den verbündeten Staaten bestand. Aber offenbar kümmerte sich niemand um dieses Verbot.

Wenn ich mich recht erinnere, wurde uns nach dem Mittagessen eine Schlafstätte angewiesen. Irgendeine Helferin auf dem Gang wurde gerufen, sie solle mich mitnehmen. Sie zeigte mir in einem großen Schlafsaal ein freies Bett. Das sollte ich mir zurechtmachen. Außerdem sagte sie mir noch in den wenigen Minuten, die sie für mich übrig hatte, ich würde wohl bald die Angina bekommen, die bekämen alle am Anfang. Es schien mir wenig verlockend, in dieser Umgebung krank zu werden. Freundlicher war der Eindruck, als endlich Schwester Oberin Zeit fand, uns zu begrüßen. Sie ließ uns in ihr Amtszimmer rufen. Das war ein heller, großer Raum, der mit seinem soliden Schreibtisch und Blumenschmuck ganz friedensmäßig aussah. Schwester Margarete war ein kleines, aber kräftiges Persönchen, wenig über 30 Jahre alt; das Gesicht unter dem weißem Häubchen war gut und freundlich, ihr Wesen einfach, natürlich und anspruchslos, aber fest und bestimmt. Vor dem Krieg war sie Gemeindeschwester in einer ländlichen Gemeinde in Schlesien. Wie die meisten Schwestern hier gehörte sie der Berufsorganisation an. Sie hatte das Lazarett unter den schwierigsten Verhältnissen mit wenigen Hilfskräften eingerichtet. Ehe sie noch das Nötigste zur Hand hatte, kam schon der erste Transport von Cholerakranken. Nun hatte sie eine Schar von 150 Schwestern und Helferinnen zu leiten, dazu den schwierigen Verkehr mit einem tschechischen Direktor, den Ärzten, der Militärkanzlei. Bei der Bevölkerung [235] fand man keinerlei Unterstützung. Sie war fast ganz tschechisch und deutschfeindlich. Wenn wir auf der Straße jemanden auf Deutsch nach dem Weg fragten, bekamen wir keine Antwort. Das Lazarett erhielt höchst selten von Einheimischen Liebesgaben, weil deutsche Schwestern darin pflegten. Wir waren auf das angewiesen, was uns aus der Heimat geschickt wurde. Während wir ihre Verwundeten pflegten, saßen die Weißkirchener Mädchen schön geputzt auf der Kurpromenade beim Konzert.

Schwester Margarete überlegte einen Augenblick, wo sie die neuen Helferinnen hinschicken sollte. Mich bestimmte sie für die Typhusstation. Sie telephonierte nach der Großen Reitschule, um mich dort anzukündigen. Wer mich hinführte, weiß ich nicht mehr. Wir gingen zum Hoftor hinaus und kamen an der Kleinen Reitschule vorbei zur Großen. Das war ein einstöckiges Gebäude, eigentlich nur eine geräumige Baracke. Links von der Haustür lag am Hausgang zunächst ein kleines Zimmer für den Arzt, der jeweils Nachtdienst hatte. Dahinter kam ein Schwesternzimmer. Auf der rechten Seite befanden sich das Badezimmer und ein kleiner Raum, in dem Patienten untergebracht wurden, die wegen einer andern Infektionskrankheit von den übrigen abgesondert werden mußten. Dem Eingang gegenüber führten zwei Türen in die beiden vorderen Krankensäle. Dahinter lagen noch zwei andere und je ein kleines Verschreibzimmer für den Oberarzt und die Oberschwester. Zu jedem Saal gehörte noch eine kleine Teeküche. In den beiden vorderen Krankensälen lagen je 60 schwer Typhuskranke, in den hinteren je 58. Die Genesenden wurden in die Baracken verlegt. Jeder Saal hatte einen eigenen Arzt, zwei Berufsschwestern und zwei Helferinnen; außerdem für die häuslichen Arbeiten noch zwei Wärterinnen (einheimische Mädchen) und einen Landsturmmann. Chef der ganzen Typhusabteilung war Geheimrat Boral, Schwester Anna war die Oberschwester. Ich wurde in den ersten Saal geführt, in dem ich als Helferin arbeiten sollte, und mit den Schwestern bekannt gemacht.

Schwester Loni war eine kleine, rundliche Rheinländerin mit stark gerötetem Gesicht und etwas verschwommenen Zügen, gutherzig und gesprächig. Schwester Emma war groß und schlank, meist gut beherrscht, aber von manchmal hervorbrechender Leidenschaftlichkeit. Die Schwestern begrüßten mich freundlich. Ich bekam über mein Schwesternkleid und die weiße Latzschürze noch einen weißen Ärztemantel gezogen. Den legten wir ab, wenn wir die Typhusstation verließen, um möglichst wenig Bazillen mit hinauszutragen. Außerdem stand in jedem Saal eine Schüssel mit Sublimatlösung. Darein tauchte man die Hände nach jeder Berührung mit den Kranken. Auch sonst wurde mit Desinfektionsmitteln nicht gespart. [236] Die gebrauchte Wäsche kam sofort in große Bütten mit Lysollösung. Man war stolz darauf, daß sehr selten eine Hausinfektion vorkam. Und von der Oberschwester sagte man, wenn sie sich anstecken würde, dann würde sie nicht am Typhus, sondern an der Scham sterben. Denn die Typhusbazillen werden nicht durch den Atem, sondern nur durch die Ausscheidungen der Kranken übertragen. Es ist zwar bei der Pflege nicht zu vermeiden, damit in Berührung zu kommen. Aber wenn man sich sofort wäscht, kann man sich schützen; Ansteckung ist also ein Zeichen mangelnder Sauberkeit.

Die zweite Helferin, Steffi, war eine kleine Polin, zart und blond und traurig. Es waren mehrere Polinnen im Lazarett, Flüchtlinge aus dem galizischen Kriegsgebiet oder „Soldaten“ aus der polnischen Legion. So war im Nachbarsaal ein kleiner weiblicher Korporal. Sie war verwundet und danach zum Lazarettdienst bestimmt worden, obgleich sie keine Ausbildung in Krankenpflege hatte. Auch Steffi war eine ungeschulte Hilfskraft. Dem gegenüber hatte ich manches voraus. Aber immerhin: unser Kursus hatte nur einen Monat gedauert, dann hatte ich noch sechs Wochen praktisch gearbeitet. Und das lag nun schon ein halbes Jahr zurück. Einen Typhuspatienten hatte ich noch nie gesehen; ich kannte nur aus unserm Lehrbuch Ursachen, Anzeichen und Verlauf der Krankheit. Natürlich mußte ich mich erst einarbeiten und habe mir wohl manches Stückchen geleistet. In Erinnerung ist mir nur eines. Ich sah im Vorbeigehen einen Kranken, dem vor Frost die Zähne aufeinanderschlugen. Schnell füllte ich eine Bettflasche mit heißem Wasser und legte sie ihm an die Füße. Da mußte selbst der Patient lächeln: er lag nämlich in einer kalten Packung.

Schwester Loni führte mich nach meiner Ankunft im ganzen Saal herum, zeigte mir alle Einrichtungen und sagte mir Bescheid über die Kranken. Vor allem machte sie mich auf den damals schwersten Patienten aufmerksam. Es war ein junger italienischer Kaufmann aus Triest. Man nannte ihn nur mit dem Vornamen; der Name will mir nicht mehr einfallen, ich will ihn Mario nennen. Die Krankheit war bei ihm mit ungewöhnlicher Heftigkeit aufgetreten. Sein Mund war beständig mit einem oft mit Blut untermischten Schleim gefüllt. Schwester Loni wies mich an, ihm jedesmal, wenn ich vorbeikäme, mit einem Läppchen den Mund zu reinigen. Für diesen Liebesdienst dankte er immer mit einem Blick. Sprechen konnte er überhaupt nicht; er hatte die Stimme ganz verloren. Bei jeder Visite wurde er gründlich untersucht. Arzt und Schwestern sprachen dann an seinem Bett von ihm, als ob er nichts verstünde. Aber ich sah es seinen großen, glänzenden Augen an, daß er bei völlig klarer Besinnung war und gespannt auf jedes Wort hörte. [237] Meist lag er ganz still da, folgte uns aber mit den Blicken. Die andern Fieberkranken waren fast alle schwer benommen und merkten nichts von dem, was um sie herum vorging. Man besorgte sie wie kleine Kinder und war erstaunt, wenn sie nach Wochen zu sich kamen und sich wie richtige Menschen benahmen. Bei manchen war der Typhus schon im Abklingen, aber sie hatten noch an Begleiterscheinungen zu leiden. Lungen- und Rippenfellentzündungen waren häufig auftretende Komplikationen und forderten mehr Opfer als der Typhus selbst. Einige hatten aus dem Karpathenwinter erfrorene Füße mitgebracht und mußten daraufhin behandelt werden.

Während wir unsern Rundgang durch den Saal machten, kam der Arzt zur Visite und wurde mir vorgestellt. Er war noch recht jung, klein und untersetzt, hellblond und rosig. Nach einigen freundlichen Worten erklärte er: „Die Schwester wird von der Reise ermüdet sein. Wir wollen sie für heute eliminieren“.

Indessen war in einem andern Saal ein Fall von Flecktyphus festgestellt worden. Das galt als etwas sehr Schlimmes. Der Verlauf war meist tödlich und die Ansteckungsgefahr groß; man konnte sich auch kaum davor schützen, weil der Erreger noch nicht entdeckt war. Schwester Oberin gab die Weisung, daß die Schwestern der Typhusstation möglichst wenig mit andern zusammenkommen und alle in der großen Reitschule schlafen sollten. So mußte ich mein Gepäck schon wieder aus dem großen Schlafsaal wegholen, wo ich es vor einigen Stunden hingebracht hatte. Ich fand in dem weitläufigen Gebäudekomplex nur mühsam den Weg. Es war mir aber sehr recht, daß ich nicht dort zu schlafen brauchte und früh nicht über lange Gänge und mehrere Treppen hinauf- und heruntergehen mußte, um an meine Arbeitsstätte zu gelangen. Das Schlafzimmer in der Reitschule teilte ich mit drei andern: unserer Schwester Emma, Schwester Sophie vom III. Saal und ihrer Helferin Marga. Diese beiden waren ein Herz und eine Seele, obgleich Marga erst 18 Jahre und ihre Vorgesetzte wohl fast zehn Jahre älter war. Das junge Kind schien mir in dieser Umgebung recht gefährdet. Schwester Sophie war – wie die meisten von der „B.O.“ – tüchtig in ihrem Beruf und sorgfältig in der Arbeit; aber Kopf und Herz waren angefüllt von Liebeskummer – natürlich der Stationsarzt – und davon handelten die Gespräche hier im Zimmer. Ich verschloß meine Ohren, so gut ich konnte, und in der dienstfreien Zeit, die ich im Zimmer verbringen mußte, saß ich auf meinem Bett, als ob das ein abgesonderter Raum sei; dort las und schrieb ich meine Briefe und erledigte, was ich sonst zu tun hatte.

Die Mahlzeiten nahmen wir trotz der Schließung unserer Station [238] im allgemeinen Speisesaal. Dort sah ich – wohl schon am ersten Abend – Grete Bauer, die Breslauer Studentin. Es war mir eine rechte Wohltat, mit ihr ein paar Worte sprechen zu können. Sie machte mich auch mit ihrer Freundin, Schwester Alwine, bekannt, auch eine Berufsschwester von der B.O. Sie war erheblich älter als wir, aber jugendlich-frisch in ihrem Wesen. Blonde Löckchen guckten unter ihrem Häubchen hervor, und die großen, blauen Augen lachten vor Lebensfreude. Es war aber auch gleich zu merken, daß man einen gescheiten und tatkräftigen Menschen vor sich hatte.

Mit den Schwestern kam ich gut aus. Sie waren tüchtig und eifrig in ihrem Dienst, wenn es auch den Eindruck machte, daß sie dabei mehr von Ehrgeiz als von Menschenliebe bestimmt waren. Es schien, daß sie mich gern mochten. Ich war ja froh über jede Arbeit, die man mir anvertraute, sprang auch gern für die andern ein, wenn sie etwas vorhatten. Es war feste Einrichtung, daß wir vier abwechselnd zwischen Mittagessen und Kaffee – eine Zeit, in der gewöhnlich nicht viel zu tun war, Freizeit hatten. Ich legte keinen Wert darauf, denn ich war ja gekommen, um zu arbeiten, nicht um spazieren zu gehen oder zu schlafen. Aber im allgemeinen hielt Schwester Loni darauf, daß auch ich meine Erholungszeit bekam. Allmählich merkte ich auch, daß man sie brauchte: Briefe zu schreiben, seine Sachen in Ordnung zu halten, kleine Besorgungen in der Stadt zu machen u.s.w. Wenn ich aber gewahr wurde, daß Steffi Kopfweh hatte – das kam häufig vor – dann erbat ich mir Erlaubnis, sie zu Bett zu schicken und an ihrer Stelle Dienst zu tun. Sie machte nicht viel Worte, aber sie war dankbar, daß sich jemand freundlich um sie annahm. Sie war ja eine heimatlose Vertriebene. Als ich während des großen deutschen Vormarsches in Galizien öfters freudestrahlend mit einer Siegesbotschaft in den Krankensaal kam, sagte sie in ihrem etwas hart klingenden Deutsch: „O Schwester Edith, Sie bringen immer so gute Nachrichten“. Einmal konnte ich auch melden, daß ihre Heimatstadt Tarnow von den Russen befreit sei. Weniger Widerhall fanden meine Freudebotschaften bei den Soldaten. Sie schüttelten ungläubig den Kopf. Sie hatten die Niederlagen und das dauernde Zurückweichen miterlebt und konnten an den Umschwung nicht glauben. Ich war ganz empört darüber.

Auch mit Dr. Pick war gut zu arbeiten. Er kam von der Prager Universitätsklinik, war Internist von Fach und wünschte in unserm Saal ebenso tadellose Ordnung wie in seiner Klinik. Er freute sich über mein medizinisches Interesse und hielt mir gern am Krankenbett belehrende Vorträge, wie es sein Chef bei der großen Visite tun mochte. Auch praktisch habe ich manches von ihm gelernt. Eine sehr angenehme Entdeckung war ihm, daß er sich mit mir, wie mit [239] einem Kollegen, auf Lateinisch verständigen konnte. Freilich war es ein recht barbarisches Latein, das die Mediziner radebrechten.

Bei weitem am liebsten war mir der Verkehr mit den Patienten, wenn er auch manche Schwierigkeiten bot. Es waren ja in unserem Lazarett alle Nationen der österreichisch-ungarischen Monarchie vertreten: Deutsche, Tschechen, Slowaken, Slovenen, Polen, Ruthenen, Ungarn, Rumänen, Italiener. Auch Zigeuner waren nicht selten. Dazu kam noch manchmal ein Russe oder Türke. Zur Verständigung des Arztes mit den Kranken gab es ein Büchlein, das die notwendigsten täglichen Fragen und Antworten in neun Sprachen enthielt. Damit machte auch ich mich vertraut. Als ich einmal gerade auf dem Weg zu unserer kleinen Teeküche war, hörte ich Dr. Pick in ziemlicher Entfernung an einem Krankenbett zu Schwester Emma sagen: „Passen Sie auf, sie weiß es bestimmt!“ Dann rief er mir über den ganzen Saal hinweg zu: „Schwester Edith, was heißt ,schwitzen’ auf Ungarisch?“. Ich rief ihm die fehlende Vokabel zurück, ohne mich aufzuhalten. Mit diesen paar Brocken und mit Zeichensprache half man sich durch. Es hätte wohl noch mehr Schwierigkeiten gemacht, wenn die Leute Bedürfnis nach Unterhaltung gehabt hätten. Aber die meisten waren ja in einem Zustand, in dem das gar nicht in Betracht kam. Ihre völlige Hilflosigkeit und Pflegebedürftigkeit machte mir die Arbeit besonders lieb. Sehr bald lernte man die Unterschiede der Nationen kennen. Wir hatten keinen einzigen Reichsdeutschen auf der Station. Später habe ich einige als Patienten gehabt. Wir deutschen Schwestern jubelten, wenn wir einen Landsmann bei einem Transport entdeckten. Hatten wir ihn aber ein paar Tage in unserm Krankenzimmer, dann wurden wir meist recht kleinlaut. Sie waren anspruchsvoll und kritisch, unsere Landsleute, und konnten einen ganzen Saal in Aufruhr bringen, wenn ihnen etwas nicht paßte. Die „wilden Völkerschaften“ waren demütig und dankbar. Sie taten mir so leid, die armen Slowaken und Ruthenen, die man aus ihren friedlichen Dörfern herausgerissen und ins Feld geschickt hatte. Was wußten sie von den Geschicken des Deutschen Reiches und der Habsburger-Monarchie? Nun lagen sie da und litten, ohne zu wissen, wofür.

Die Ungarn, wegen ihrer Tapferkeit im Felde viel gerühmt und uns gegenüber ritterlich-liebenswürdig, waren die wehleidigsten Patienten. Wenn ein Neuangekommener beim ersten Verbandwechsel im Operationssaal laut jammerte, rief man ihm zu: „Nem sabot, Magyar!“ (Es ist nicht erlaubt, Magyar). Dann verstummte das Wehgeschrei für einige Augenblicke. Man hatte sich in der Nationalität nicht getäuscht. Die Tschechen, die wegen ihres „Verrates“ an der deutschen Sache so verhaßt waren, lernten wir als die [240] geduldigsten Kranken und auch als die hilfsbereitesten kennen. Einmal mußte ich einen besinnungslosen Patienten von großem Körpergewicht auf ein anderes Bett hinüberlegen, um das seine sauber zu machen. Leute, die bei klarer Besinnung und nicht zu schwer waren, trug ich gewöhnlich allein auf das Nachbarbett. Das ging ganz gut, wenn man richtig anfaßte. Aber in diesem Fall war es nicht möglich. Da keine Schwester in der Nähe war, bat ich einen jungen Deutschböhmen, mir zu helfen. Es ging ihm schon gut, und er spazierte müßig im Saal herum. Er war immer freundlich wie ein Kind und mir sehr ergeben. „Schwester“, sagte er jetzt verlegen, „ich tät’s gern Ihnen zulieb. Aber ich kann nicht, ich ekle mich zuviel“. Da kam ein Tscheche freiwillig herbei. Er stand noch lange nicht so fest auf den Füßen wie der andere. „Es ist mir auch nicht leicht“, sagte er, „aber einem kranken Menschen muß man helfen“.

Ein Slovak, daheim ein wohlhabender Bauer, hatte einen großen Abszeß am Bein, weigerte sich aber trotz heftiger Schmerzen, ihn öffnen zu lassen, weil er sich vor dem Schneiden fürchtete. Der Arzt ärgerte sich so darüber, daß er gar nicht mehr an sein Bein gehen mochte. Da ging ich einmal während der Mittagsstunden zu ihm und redete ihm so lange zu – mit meinen paar Brocken Tschechisch und in Zeichensprache – bis er sich zur Inzision bereit erklärte. Vor der Visite stellte ich neben dem Bett alles Notwendige zurecht. Die Schwestern zuckten die Achseln; sie waren überzeugt, daß Dr. Pick sich weigern werde. Als er kam und wie gewöhnlich fragte, ob es etwas Besonderes gäbe, sagte ich ruhig, es sei eine Inzision zu machen. Er ging an die Arbeit, ohne ein Wort zu verlieren, und der gute Wessely war von seiner Qual befreit. („Wessely“ und „Sumtery“ - Fröhlich und Traurig - waren häufig vertretene Namen).

Manchmal kam ein Feldgeistlicher in Uniform in den Saal und ging durch die Reihen. Ich muß sagen, daß er wenig vertrauenerweckend aussah; ich habe auch nicht bemerkt, daß er sich längere Zeit bei jemanden aufgehalten hätte. Nie habe ich es erlebt, daß einem Kranken die hl. Kommunion gebracht oder die hl. Ölung gespendet wurde. Leider war ich so völlig unwissend in diesen Dingen, daß es mir gar nicht einfiel, danach zu fragen oder dafür zu sorgen.

Ein anderer Gast, der bisweilen kam, war der Oberleutnant, dem die Militärkanzlei unterstand. Er war immer überaus höflich und schärfte den Leuten ein, sie hätten den Schwestern zu gehorchen wie ihm selbst. Nötiger als bei den Patienten war das bei den Landsturmleuten, die wir zur Hilfe hatten. Anfangs war ich ganz entsetzt, daß man es Soldaten zumutete, die allerniedrigsten und schmutzigsten Dienste zu tun. Sie lehnten sich nicht offen dagegen [241] auf. Aber die Polen und Tschechen unter ihnen übten passiven Widerstand, indem sie sich stellten, als ob sie die deutschen Befehle nicht verstehen. Wenn man seinen Saal gekehrt haben wollte, mußte man so einen Mann bei den Schultern packen und ihm einen Besen in die Hand drücken. Dann bequemte er sich wohl, die Arbeit anzufangen. Aber wenn man den Rücken drehte, mußte man darauf gefaßt sein, daß der Besen bald wieder in der Ecke stand. Wir hätten die faulen Leute dem Oberleutnant anzeigen sollen. Aber die Österreicher hatten so abscheuliche Strafen – Anbinden oder gar Prügel. Dem wollte man doch niemanden aussetzen.

Als ich zwei Wochen auf der Typhusstation war, bekam ich Nachtdienst. Wir hielten ihn abwechselnd in unserm Saal. Dann kam man 14 Tage lang nur nachts auf die Station – von abends 7 bis früh um 7 – und hatte den Tag zum Ausruhen. Um 9 Uhr früh gab es für die Nachtwachen Mittagessen, dann sollten sie bis etwa 6 Uhr abends schlafen, um 17 ihr Nachtessen nehmen und dann auf die Station gehen. Für die Nacht bekamen sie ein Kännchen Kaffee, ein dickes doppeltes Butterbrot und ein Ei mit. Es gab für sie einen eigenen Schlafsaal; in den siedelte auch ich jetzt über. Wenn man gute Freundinnen hatte, die einem für das Mittagessen sorgten, konnte man es sich zur gewöhnlichen Stunde holen und ans Bett bringen lassen. Dann brauchte man nicht schon um 9 Uhr zur Stelle sein, sondern konnte etwas länger im Freien bleiben. Denn nach Licht, Luft und Sonne hatte man noch mehr Verlangen als nach Schlaf.

Als ich am ersten Abend mit meinem Kaffeekännchen zur Reitschule ging, begegnete mir Dr. Pick mit einem Kollegen. Er wünschte mir Glück für die Nacht und sagte zu dem andern: „Seit zwei Wochen ist sie da und übernimmt schon die Verantwortung für 60 Typhuspatienten“. Es erwartete mich aber noch mehr. Die Oberschwester ließ mich rufen und fragte mich, ob ich Spritzen geben könne. Ich hatte es gelernt, wenn auch noch nicht oft getan. Sie bat mich, auf den II. Saal etwas mit achtzugeben; die Polin, die dort Nachtdienst hätte (der kleine Korporal!), verstünde sich nicht auf Spritzen. Auch in den III. Saal sollte ich manchmal sehen, denn dort sei nur eine Wärterin. Schließlich übergab sie mir noch das kleine Absonderungszimmer: dorthin war ein Patient aus unserm Saal verlegt worden, weil bei ihm Diphterie festgestellt war. Es war ein Zigeuner, der uns schon viel Sorge gemacht hatte, weil er jede Nahrungsaufnahme verweigerte. Er war erschreckend abgemagert, und sein braunes Gesicht war erdfahl geworden. Die Diphterie hat ihm den Rest gegeben. Er starb aber nicht während meiner Nachtwache. Dagegen holte mich die kleine Polin voller Angst [242] gleich in der ersten Nacht zu einem Sterbenden. Der Arme konnte sich ihr in seiner Todesnot nicht einmal verständlich machen: es war ein Deutscher, und sie verstand kein Deutsch. Ich schickte sie schnell um den Arzt, der bei uns Nachtdienst hatte, und richtete indessen eine Spritze. Der Arzt kam bald, aber es war nichts mehr zu helfen. Er konnte nur noch den Tod abwarten und feststellen.

Das war das erstemal, daß ich jemanden sterben sah. Den zweiten Todesfall hatte ich in unserm Saal: als ich nach einigen Tagen Nachtdienst abends auf die Station kam, empfingen mich die Schwestern mit der Nachricht, daß ein Sterbender eingeliefert worden sei; sie hätten ihn mir noch für die Nacht aufgespart. Ich bekam die Weisung, ihm jede Stunde eine Kampferspritze zu geben. Mehrere Nächte fristete ich so das Lebensfünkchen bis zum nächsten Morgen. Es war ein großer, kräftiger Mann; er lag immer völlig regungslos und ohne Bewußtsein da. So war er schon angekommen. Niemand von uns hat ihn einmal die Augen öffnen sehen oder ein Wort sagen hören. In der letzten Nacht hatte ich ihm auch noch einige Spritzen gegeben. Dazwischen horchte ich von meinem Platz aus auf den Atem – auf einmal setzte er aus. Ich ging zu dem Bett hin: das Herz schlug nicht mehr. Nun mußte ich tun, was uns für solche Fälle vorgeschrieben war: die wenigen Gegenstände, die sich aus seinem Privatbesitz bei ihm fanden, zusammennehmen, um sie in der Militärkanzlei abzugeben (die meisten Sachen wurden den Leuten gleich bei der Ankunft abgenommen und bis zur Entlassung aufbewahrt); den Arzt rufen und mir einen Totenschein ausstellen lassen; mit dem Schein zur Torwache gehen und Männer bestellen, die den Toten auf einer Tragbahre abholten; schließlich alles Bettzeug entfernen. Als ich die paar Habseligkeiten ordnete, fiel mir aus dem Notizbuch des Verstorbenen ein Zettelchen entgegen: es stand ein Gebet um Erhaltung seines Lebens darauf, das ihm seine Frau mitgegeben hatte. Das ging mir durch und durch. Ich empfand jetzt erst, was dieser Todesfall menschlich zu bedeuten hatte. Aber ich durfte mich nicht dabei aufhalten. Ich raffte mich auf, um den Arzt zu holen. Ich mußte ins Zimmer hineingehen, um ihn zu wecken. Das Bett stand hinter einer Spanischen Wand. Dahinter kleidete er sich an und kam dann hervor. Es war Dr. Andersmann, ein junger Pole von der chirurgischen Station. Er sah mich an und sagte mitleidig: „Schwester, setzen Sie sich doch, Sie sehen ja ganz bleich und erschöpft aus“. Er stellte den Totenschein gleich nach meinen Angaben aus und ging dann erst mit mir, um den Tod festzustellen. Dann blieb ich wieder allein und erledigte die weiteren Geschäfte. Ganz unheimlich wirkte es, als die Träger den Toten so bei Nacht abholten. Ich wünschte nur, daß keiner von den [243] Kranken es bemerken möchte; es mußte doch einen schrecklichen Eindruck auf sie machen. Am Morgen konnte ich feststellen, daß tatsächlich niemand etwas gesehen hatte. Selbst die Nachbarn waren erstaunt über das leere Bett.

Wenn ich abends in den Saal kam, machte ich zuerst einen Rundgang. In der Teeküche fand ich gewöhnlich die Ungarn, denen es schon gut ging, zusammen. Sie begrüßten mich freudig und lachten, wenn ich sagte: „Da ist wohl der ungarische Klub wieder versammelt?“ Der Anziehungspunkt, der sie dort hinlockte, war der große Topf mit der Rotweinlimonade. Der „deutsche Klub“ tagte am Bett jenes jungen Deutschböhmen, der damals noch nicht aufstehen konnte. Man erzählte sich Stückchen aus dem Feld und schimpfte über die politischen Zustände. „Nach dem Krieg laß ich mich in Deutschland einschreiben“, sagte der junge Bursche. Er war nicht weit von der bayrischen Grenze daheim.

Ich ging durch die Reihen und überzeugte mich, wie es um die Schwerkranken stand. Wenn die Schlafenszeit für die Leute kam und nichts Besonderes zu tun war, setzte ich mich an das kleine Verschreibtischchen, schrieb Briefe oder las. Ich hatte nur zwei Bücher nach Weißkirchen mitgebracht: Husserls „Ideen“ und den Homer.

Dicht hinter mir in der ersten Reihe lag ein Tscheche, ein Mann in mittleren Jahren, klein und schwächlich. Seine Füße waren so erfroren, daß einige Zehen wie verkohlt aussahen und abgenommen werden mußten. Er schlief fast nie und hatte fast die ganze Nacht seine Pfeife im Mund. Ich ließ es ruhig zu, obgleich es den Leuten verboten war, im Bett zu rauchen. Ich mochte ihm diesen Trost nicht nehmen.

Auch Mario lag meist schlaflos, mit großen glänzenden Augen da. Einmal winkte er mir und gab durch Zeichen zu verstehen, daß er mir gern einen Brief diktieren würde. Wahrscheinlich hatte er beobachtet, daß ich manchmal schrieb. Ich holte Papier und Feder und kniete neben seinem Bett nieder. Nun formte er die Worte mit den Lippen – er konnte nicht einmal flüstern – ich sah ihm mit gespannter Aufmerksamkeit auf den Mund, las jedes Wort ab, schrieb es auf und zeigte ihm jeden Satz, den ich fertig hatte, zur Nachprüfung. So brachten wir einen ganz guten italienischen Brief an seine Schwestern zustande. Es war sicher die erste Nachricht, die man seit seiner Krankheit daheim bekam. Nicht lange danach berichtete ihm Dr. Pick bei der Visite, daß seine Schwestern geschrieben hätten. Die viele Mühe, die wir uns mit Mario gegeben hatten, wurde reichlich belohnt. Nach einer Reihe von Wochen wich die hartnäckige Krankheit, er bekam seine Stimme wieder – sogar eine [244] recht kräftige Stimme – und konnte mit Appetit essen, schließlich auch aufstehen. Als er so weit war, wurde er in eine Baracke verlegt, zusammen mit seinem Freund, einem andern jungen Kaufmann aus Triest. Bei diesem war die Krankheit von Anfang an nur leicht aufgetreten. Er war Sanitäter, ein sehr freundlicher und gutmütiger Mensch; er hatte sich gern nützlich gemacht, indem er gewaschene Mullbinden kunstgerecht wickelte und andere kleine Dienste für uns verrichtete. Die beiden jungen Burschen besuchten uns öfters von ihrer Baracke, sie wurden zusehends kräftiger, und der romantische Mario entpuppte sich schließlich als ein rechter Lausbub.

Einige Nächte machte mir ein schwer delirierender Patient viel zu schaffen. Er war auch schon ohne klares Bewußtsein eingeliefert worden, schien zwar gutherzig zu sein, aber von Angstbildern geplagt. Wenn ich zu ihm kam, klammerte er sich an meinen weißen Mantel und rief: „Schwester, helfen Sie mir, helfen Sie mir!“ In einer Nacht wollte er beständig davonlaufen. Es blieb mir nichts übrig als ihn festzubinden. Ich spannte ein Leintuch über das ganze Bett und knüpfte die Zipfel an den Bettpfosten fest. Der unruhige Kranke guckte nur noch mit dem Kopf heraus, war aber sonst gefangen. Allerdings, wenn er eine Zeitlang gearbeitet hatte – es war ein starker Mann – dann lockerten sich die Knoten, und ich mußte die Arbeit von neuem beginnen. Dabei überraschte mich einmal der Arzt, der in dieser Nacht Dienst hatte und nachsehen wollte, was auf der Station los sei. Es war ein friedlicher Landarzt, der wohl noch nie einen Typhusfall gesehen hatte. Er entsetzte sich, daß ich allein im Saal und bei diesem schwer zu bändigenden Kranken sei. Als er sah, daß ich das Bett sauber machte, rief er erschrocken: „Schwester, Sie werden sich anstecken!“ Ich wies lächelnd auf unsere Sublimatschüssel hin. Um dem Kranken und mir Ruhe zu schaffen, gab er ihm schließlich eine Morphiumspritze. Die Wirkung war aber nicht ganz die erwünschte. Der Mann lag allerdings jetzt friedlich da, aber er fing an, laut zu singen, und weckte mir damit die andern auf. Sie sagten am nächsten Morgen, es sei so gemütlich gewesen, wie die Schwester am Bett saß und Wiegenlieder gesungen wurden.

Der Nachtdienst war mir besonders lieb, weil man dabei nur mit den Kranken zu tun hatte, nicht mit andern Schwestern und sonstigem Personal. Auf einer chirurgischen Station, auf der ich später arbeitete, war als Helferin eine Wiener Bildhauerin, die nur Nachtdienst tat, um sich ungehindert durch unliebsame Zusammenstöße den Verwundeten widmen zu können. Ich hielt mich an die gewöhnliche Ordnung und begnügte mich mit meinen zwei Wochen.

Natürlich atmete man auf, wenn man morgens den Saal mit der [245] verbrauchten Luft von 60 Kranken verlassen durfte. Mein erster Weg war dann immer ins Badezimmer der Station. Nach diesem Morgenbad fühlte ich mich einigermaßen von den Bazillen gereinigt. Dann verließ ich die Reitschule, nahm schnell im großen Speisesaal mein Frühstück und eilte ins Freie. Gewöhnlich fand sich eine Gefährtin zu einem kleineren oder größeren Spaziergang.

Einmal, als ich im Nachtwachezimmer von meinem Tagesschlaf erwachte, fand ich auf meinem Bett Briefe und Päckchen von daheim. Suse Mugdan war angekommen und hatte mir diese Grüße leise hingelegt, ohne mich zu wecken. Wie froh war ich, als ich sie dann begrüßen konnte! Wir hatten uns nur ein einziges Mal in Breslau gesprochen und waren beide zurückhaltend, so daß wir uns anderswo sicherlich nicht sehr schnell nahegekommen wären. Aber hier waren wir bald miteinander vertraut. O was war es für eine Wohltat, zu wissen, daß ein Mensch von solcher Herzensreinheit, von so lauterer Gesinnung, so zartem und tiefem Gefühl im Haus war! Auch für sie bedeutete es eine große Stütze, daß sie mich vorfand. Sie hätte sich allein wohl noch schwerer zurechtgefunden als ich. Suse war ein Pechvogel. Richard Courant, der sie sehr gut kannte und gern hatte, sagte, es sei ausgeschlossen, daß bei Suse Mugdan etwas ohne alle nur erdenklichen Schwierigkeiten vor sich ginge. Das zeigte sich auch jetzt. Es war ein großes Opfer, daß sie ihr spät begonnenes Studium nach wenigen Semestern wieder unterbrach; ihre Angehörigen waren keineswegs damit einverstanden. Sie tat es rein aus vaterländischem Pflichtgefühl und erwartete natürlich, jetzt ihre Kraft voll einsetzen zu können. Stattdessen kam sie auf eine damals wenig belegte Station in der Oberrealschule – zu Schwester Susi; die Helferin wurde zum Unterschied „Schwester Susanne“ genannt – und mußte das zunächst völlig leere Offizierszimmer betreuen. Als es endlich einen Bewohner erhielt, war es ein gonorrhoekranker Apotheker. Suse besorgte mit der größten Gewissenhaftigkeit erst die Möbel und Blumen des Offizierszimmers und später den jungen Mann mit der peinlichen Krankheit; (er brauchte keine eigentliche Pflege von Seiten der Schwester; man mußte ihm nur das Essen bringen und ihn etwas unterhalten und aufmuntern); aber es bedrückte sie doch, daß sie nicht vor größere Aufgaben gestellt wurde. Als später große Verwundetentransporte kamen, wurde es anders.

Große Sorge hatte Suse um ihren inniggeliebten Zwillingbruder Albrecht, der im Felde stand. Und dann gab es noch eine Belastung, an der sie immer schwer trug: Mugdans waren der Abstammung nach Juden, aber Frau Mugdan hatte nach dem Tode ihres Mannes alle ihre Kinder protestantisch taufen lassen: aus einer merkwürdig [246] irregeleiteten mütterlichen Fürsorge, um ihnen ein besseres Fortkommen zu sichern. Ich habe sie später als eine gütige und wohltätige Frau kennen gelernt, die für sich selbst keineswegs auf den äußeren Vorteil bedacht war. Suse hat ihrer Mutter jene Maßnahme niemals gedankt, Ihrer reinen und aufrichtigen Seele widerstrebte ein Übertritt, der nicht aus innerster Überzeugung kam. Seit sie erwachsen war, hatte sie oft darüber nachgegrübelt, ob sie den Schritt nicht rückgängig machen sollte. Aber wie konnte sie zum Judentum zurückkehren, da es ihr ganz fremd war? Außerdem war sie in der Schule protestantisch erzogen, und wenn sie auch nicht positiv-gläubig war, so hatte sie doch eine gewisse christliche Prägung mitbekommen und es war ihr manches liebgeworden. Natürlich bekamen wir im Lazarett manchmal eine antisemitische Äußerung zu hören. Suse beneidete mich förmlich darum, daß ich dann einfach mit dem Bekenntnis, ich sei Jüdin, hervortreten konnte. (Es weckte übrigens jedesmal großes Erstaunen, denn niemand hielt mich dafür). Wenn sie zu einer solchen Bemerkung schwieg, kam sie sich feige vor; und wenn sie etwas sagen wollte, mußte sie eine umständliche Erklärung abgeben, die befremdete und nicht verstanden wurde.

Über all diese Fragen sprachen wir in aller Aufrichtigkeit und Herzlichkeit miteinander. Wir nannten uns aber nicht „Du“, solange wir in Weißkirchen waren. Die plumpe Vertraulichkeit, mit der die andern Schwestern sich gegenseitig duzten, ohne innerlich etwas miteinander gemeinsam zu haben, ließ uns das „Sie“ als Zeichen gegenseitiger Achtung beibehalten. Es geschah ganz selbstverständlich; wir haben kein Wort darüber gewechselt.

Als ich einige Zeit in Weißkirchen war, erkrankte Grete Bauer und mußte zur Behandlung nach Hause gehen. Die „kleine Gemeinde“ bat mich, an ihre Stelle zu treten, damit man ihnen kein störendes Element ins Zimmer lege. Ich willigte mit großer Freude ein; ich hatte mich im Schwesternzimmer der großen Reitschule ja immer höchst unbehaglich gefühlt. In dem täglichen Zusammenleben mit den neuen Zimmergefährtinnen freundete ich mich besonders mit Schwester Alwine an.

Auf der Typhusstation nahmen indessen die schweren Fälle ab. Zweimal mußten wir noch dem Tod ein Opfer überlassen. Das eine war ein kleiner Kellner, ein gebrechlicher, lungenkranker Mensch. Er starb bei Tag und Dr. Pick und alle Schwestern standen an seinem Bett. Da rief mich ein anderer Kranker zu sich. „Schwester, wenn jetzt ich das wäre!“ flüsterte er aufgeregt. Ich redete ihm gut zu, aber ich wußte, daß auch für ihn nicht mehr viel Hoffnung war. Es war ein 20jähriger Maurer mit einer schlimmen Rippenfellentzündung. [247] Er hatte schon lange gar keinen Appetit mehr und nahm von seiner Krankenkost fast nichts mehr zu sich. Einmal fragte ich ihn, ob er denn auf gar nichts Lust habe. Da äußerte er den Wunsch nach einer Orange. Gott sei Dank – die waren in der Kantine zu haben. In jenen Tagen bekam ich auch ein Feldpostpaket mit Lindt-Schokolade. Ich bot ihm davon an, und es schmeckte ihm gut. Seitdem fütterte ich ihn mit Orangen und Schokolade. Das hatte ihn wohl zutraulich gemacht. Denn vorher war er meist mißmutig und schweigsam – kein Wunder bei seinem schlimmen Zustand. Ein paar Tage nach jenem Todesfall merkten wir, daß es auch mit ihm zu Ende gehe. Als ich hörte, daß es nachts im Hause unruhig wurde, wäre ich gern hinübergegangen, um dem Armen beizustehen. Aber das sollten wir ja nicht – es hatte jemand anders Nachtdienst. Er bat, daß man Dr. Pick zu ihm rufe. Der junge Arzt kam bereitwillig, obwohl er keinen Nachtdienst hatte. Er berichtete mir am nächsten Morgen noch ganz erschüttert: „O, Schwester Edith, wenn Sie das gesehen hätten!“ Er machte mir vor, wie der junge Mensch den Kopf in beide Hände gelegt und gerufen hätte: „Nur nicht sterben, nur nicht sterben!“ Die Leiche wurde geöffnet, um die Todesursache festzustellen. Wieder sagte Dr. Pick: „Wenn Sie das gesehen hätten!“ In der Brusthöhle hatten sich dicke pleuritische Schwarten gebildet, die auf die Organe drückten. Kein Wunder, daß der Magen nichts mehr aufnehmen mochte!

Nach einiger Zeit wurde uns auch unser Arzt in ein anderes Lazarett weggeholt. Er nahm von uns allen herzlichen Abschied und schickte uns schöne Blumen für unseren Saal. Ehe er ging, übergab er sein kleines Reich seinem Freunde Dr. Flusser, der bisher schon den III. Saal hatte und nun den I. hinzunahm. „Ich mache dich besonders auf unser Stationstagebuch aufmerksam. Es ist tadellos in Ordnung, Schwester Edith hat es geführt“. Er hatte es selbst angefangen, aber die Eintragungen oft vergessen. Darum war es ihm sehr willkommen, als ich es übernahm, die Krankengeschichten einzutragen.

Dr. Flusser kannte ich bisher nur vom Sehen und vom Hörensagen; danach hatte ich keinen günstigen Eindruck. Aber in der gemeinsamen Arbeit fand ich keinen Grund zur Klage. Er war gut gegen die Patienten und ließ sich auch uns gegenüber nichts zuschulden kommen.


[248]
2.

Indessen leerte sich die Typhusstation mehr und mehr. Die alten Patienten wurden geheilt entlassen, und es kamen kaum noch neue hinzu. Das war ja an sich sehr erfreulich. Ich schrieb es der Wirkung der Schutzimpfung zu, die nun wohl auch in Österreich allgemein durchgeführt war, während es anfangs daran offenbar sehr gefehlt hatte. Wir entließen von der Station keinen Soldaten zum Abtransport, ohne ihn noch einmal gegen Typhus, Cholera und Pocken geimpft zu haben. Nachdem ich Dr. Flusser ein paarmal dabei geholfen hatte, ließ er es mich gern auch selbst machen.

Für mich aber hatte die Entvölkerung unseres Saales zur Folge, daß ich nicht mehr genügend Arbeit hatte und mich unbefriedigt fühlte. Drei Monate hatte ich auf der Typhusstation gearbeitet. Eigentlich hatte ich nun Anrecht auf 15 Tage Urlaub. Man redete mir auch zu, mir jetzt eine Ausspannung zu gönnen. Aber ich fand, daß ich dafür noch nicht genug geleistet hätte. Ich hatte mir allerdings auch die Entwürfe zu meiner Doktorarbeit nachschicken lassen. Wahrscheinlich war es mein Bruder Arno, der sie mir brachte. Er hatte mich nämlich zu Pfingsten besucht. Er kam in seiner Sanitäteruniform und brachte vom Breslauer Roten Kreuz eine ganze Menge Liebesgaben für unsere Leute. Schwester Oberin stellte mir am Pfingstsonntag Wagen und Pferde des Lazaretts für einen Ausflug nach dem Helfenstein zur Verfügung. Und auch den Montag bekam ich frei, um Arno bis Olmütz zu begleiten und mit ihm diese schöne Stadt anzusehen.

So hatte ich einen dicken Stoß Manuskripte da und guckte auch manchmal hinein. Außerdem las ich öfters eine Stunde in meinem Homer. Aber dazu war ich ja nicht hergekommen. Ich beschloß, Schwester Oberin um Versetzung zu bitten. Wir luden sie für einen Abend in die kleine Gemeinde ein. Da konnte ich ihr ungestört meinen Wunsch vortragen. Sie war keinen Augenblick in Verlegenheit. „Gehen Sie zu Schwester Anni in den kleinen Operationssaal. Die barmt ja so über zuviel Arbeit!“ Solche Weisungen wurden sofort ausgeführt. Schon am nächsten Tage nahm ich von der Typhusstation Abschied. Die Schwestern waren wohl ein bißchen verwundert, daß ich es nicht aushielt, ein paar gute Tage bei ihnen zu verbringen. Ich ging von einem Bett zum andern und reichte jedem meiner Schützlinge die Hand. Manche waren traurig. Ich kam zu einem baumlangen jungen Tschechen, der noch nicht lange da war. Er war mit hohem Fieber gekommen, wir hatten noch kaum ein Wort von ihm gehört oder ein Zeichen der Teilnahme wahrgenommen. Nur daß er hungrig war und sehr darauf aus, sich [249] etwas Verbotenes zu verschaffen, hatten wir gemerkt. Ich erwartete kaum, daß er verstehen würde, was ich wollte, und war daher sehr erstaunt, als er sagte: „Systra briz – Ao nie dobre!“ (Die Schwester geht weg? Das ist nicht gut!).

Der kleine Operationssaal befand sich in der Kavallerie-Kadettenanstalt. Man nannte uns daher die „Kavalleristen“. Schwester Anni war ein kleines weißblondes Persönchen, flink und beweglich, gutherzig und redselig. Ihr kleines Reich war der Operationssaal mit drei Operationstischen, Instrumentenschrank und Instrumententisch, der danebenliegende Sterilisierraum und ein kleines dunkles Vorzimmer nach dem Gang hin. Dort hockte, wenn nichts zu tun war, in einer finstern Ecke unser Landsturmmann Max und bewachte den Eingang wie ein bissiger Hund. Er unterschied sich von seinen Kameraden dadurch, daß er flink und geschickt und zu manchem zu gebrauchen war. Er drehte uns die schönsten Tupfer und fabrizierte aus kleinen Stäbchen und ein wenig Watte Jodpinsel. Wenn wir viel zu tun hatten und ihm während der Arbeit freundlich zuriefen: „Max, bitte, schnell dies oder das! Sie können das ja so gut“, dann flog er nur so hin und her und überbot sich selbst. Aber vor und nach solchen Glanzleistungen stärkte er sich gern durch reichlichen Alkohol, und wenn er in der Kantine nichts mehr kaufen konnte, dann ging er an unsere Vorräte. Wir mußten unsern 70% Spiritus sorgfältig verschlossen halten, wenn er nicht auf wunderbare Weise abnehmen sollte.

Jeden Morgen wurden die Schwerverwundeten von der angrenzenden chirurgischen Station bei uns verbunden. Bei der Visite wurde außerdem festgestellt, wer zu operieren sei. Zur bestimmten Zeit mußten wir dann alles bereithaben: steriles Verbandzeug, Instrumente u.s.w. Gewöhnlich reichte Schwester Anni die Instrumente zu; ich löste die Verbände, hielt die Patienten fest, wenn das nötig war, und legte am Schluß wieder den Deckverband an, damit die Ärzte nichts Unsteriles anzurühren brauchten.

Chef der Station war ein tschechischer Chirurg, ein älterer Herr, sehr tüchtig und gewissenhaft. Darum schätzte ich den „Pan Primarius“ hoch, obwohl er sehr wortkarg war und uns nicht mit Freundlichkeit verwöhnte. Sehr unangenehm waren mir zwei tschechische Assistenten: ein älterer, der offenbar wenig von Chirurgie und noch weniger von Asepsis verstand; und ein jüngerer, dem ich sichtlich ein Dorn im Auge war. Er vermied es nach Möglichkeit, sich von mir helfen zu lassen, und rief stattdessen unsere böhmische Wärterin herbei, ein dunkeläugiges Mädchen, das an seinen Blicken hing und auf seinen Wink flog. Einmal traf ich ihn in der Mittagsstunde im Garten. Wider Erwarten grüßte er freundlich und fragte, [250] was für ein Buch ich da hätte. Ich reichte es ihm: es waren Husserls „Ideen“. Ganz erstaunt rief er aus: „O, Sie sind philosophisch?“ Seitdem war das Eis gebrochen. Es war ihm also die vermeintliche Fachkollegin unbehaglich gewesen. Er wußte nicht, daß auch die Philosophin den Ärzten scharf auf die Finger sah. Es kam vor, daß ich einen Patienten wiedererkannte, der auf den Tisch gelegt wurde. Wir hatten ihn erst einige Tage zuvor hier gehabt. Neulich hatte es sich um eine saubere Wunde gehandelt, und heute war am selben Bein ein großer Abszeß zu öffnen – das ging doch nicht mit rechten Dingen zu! Wenn ich nachher allein war, sah ich in das Operationsbuch, in das die Namen der Patienten und alle Eingriffe eingetragen wurden. Ich hatte mich nicht getäuscht. Solche Entdeckungen regten mich sehr auf. War es nicht empörend, daß die Leute von dem Ort, wo sie geheilt werden sollten, den Keim zu neuen Leiden mitnahmen? Und man konnte kaum etwas dagegen tun. Es war ja nicht nachzuweisen, daß der Abszeß durch eine Unsauberkeit des Operateurs entstanden war. Wir konnten nichts machen als selbst so gut wie möglich für Asepsis sorgen.

Ein einziger deutscher Arzt war bei uns tätig: Dr. Scharf, ein freundlicher Österreicher. Er arbeitete gut, und ich war immer froh, wenn ich ihm helfen durfte. Er sprach auch gern ein paar Worte mit mir, wenn die Arbeit erledigt war. Bald hatte er es heraus, was ich „in Zivil“ sei. Ich hielt es durchaus nicht mehr geheim. Seit jenen Erfahrungen auf der Typhusstation hatte ich gemerkt, daß es wie ein Schutzwall war. Wenn ein Arzt mich dem andern als „Schwester Edith, in Zivil Philosophin“ vorstellte, war ich von vornherein vor Zudringlichkeiten sicher. Dr. Scharf erkundigte sich, warum ich denn meine wissenschaftlichen Arbeiten unterbrochen hätte und hierhergekommen sei. (Darüber schienen sich alle zu wundern). Ich erklärte ihm, meine Studiengefährten seien alle im Feld und ich sähe nicht ein, warum ich es besser haben sollte als sie. Das schien ihm Eindruck zu machen. Wenn ich ihm aber vorschlug, sich für den Frontdienst zu melden und dann auch mir Beschäftigung in einem Feldlazarett zu verschaffen, so konnte er sich dafür nicht begeistern. Trotzdem wurden mir diese kleinen Unterhaltungen lieb. Ich begann auf den täglichen Besuch zu warten und war betrübt, wenn er ausblieb.

Eines Morgens begegnete mir Schwester Alwine im Gang und rief mir zu, es sei ein Transport von 1000 Verwundeten gemeldet. Sie erfuhr das immer zuerst, weil sie das Bad unter sich hatte; dorthin wurden alle Ankömmlinge sofort gebracht. Und vom Bad kamen sie in den Operationssaal zum Verbinden. Ich tat einen Luftsprung vor Freude, daß wir Arbeit bekamen. Schwester Anni und ich [251] setzten sofort unseren Sterilisierapparat in Bewegung und machten uns schlachtbereit. Um 10 Uhr kamen die ersten Verwundeten; von da ab arbeiteten wir mit einer späten und sehr kurzen Mittagspause durch bis gegen 10 Uhr abends, wenn ich mich recht erinnere. Außer den Ärzten, die täglich bei uns arbeiteten, kamen noch mehrere aus den Baracken zu Hilfe, die in Chirurgie gänzlich ungeübt waren. Schwester Anni sollte mit beim Verbinden helfen. Mir wurde das Instrumententischchen anvertraut; ich mußte allen zureichen, was sie brauchten. Es war keine kleine Aufgabe, für so viele Leute immer das Rechte bereitzuhalten. Ich durfte gar nicht abwarten, bis etwas verlangt wurde, sondern mußte beständig herumschauen, was für Wunden es gab, um für jede das Nötige vorzubereiten. Eine junge Ärztin, die noch gar nichts verstand, stellte sich in meine Nähe, um sich von mir die nötigen Weisungen geben zu lassen. Ich hatte in den Wochen, seit ich im Operationssaal arbeitete, die einfachen Mittel der Kriegschirurgie schon genügend kennengelernt. Der Landsturmmann Max und die Wärterin Helene waren meine Hilfstruppen: wenn meine Vorräte an Tupfern, Pinseln, Jod, Wasserstoff, u.s.w. auszugehen drohten, dann rief ich ihnen ein bittendes Wort zu, und sie sorgten diensteifrig für Ersatz. Offenbar verdoppelte die Aufgabe unsere Kräfte, und ich fühlte mich bei dieser Höchstanspannung so wohl, daß der Tag mir immer als der schönste aus meinem ganzen Lazarettleben in Erinnerung geblieben ist. Als einmal eine kleine Pause eintrat, zündeten sich die Ärzte eine Zigarette an und plauderten ein wenig. Ich hörte, wie einer der fremden fragte, was denn das für eine unermüdliche Schwester am Instrumententisch sei. Dr. Scharf erzählte bereitwillig, was er von mir wußte, und ich mußte im stillen lächeln, wie er wortgetreu wiederholte, was er mir abgefragt hatte.

An diesem Tage änderte sich der Charakter des Lazaretts: es waren nun weit mehr Verwundete als Seuchenkranke da. Die meisten Baracken wurden mit Leichtverwundeten belegt. Die schwersten Fälle kamen auf die I. Chirurgische Station im Offiziersgebäude. Dort war auch der Große Operationssaal, wo sie täglich oder so oft es nötig war, verbunden werden sollten.

Nicht lange nach jenem großen Transport wurde wieder einer gemeldet. Wir bekamen sie jetzt nicht mehr aus den Karpathen, sondern aus der Gegend von Warschau. Es war die Zeit des großen Vormarschs in Polen. Die Meldung kam ganz früh am Morgen, ehe wir noch aufgestanden waren. Alwine mußte sich schleunigst ankleiden und von Schwester Oberin den Schlüssel zum Bad holen. Auf ihre Veranlassung ging ich mit hinauf und bat um Erlaubnis, ihr beim Baden zu helfen. Wir mußten Schwester Margarete aus dem [252] Schlaf wecken. Sie rieb sich die Augen und war noch halb benommen, als sie mir ihr Ja zunickte.

Es waren zwei große Baderäume vorhanden, der eine mit mehreren Wannen, der andere mit Brausen. Die Ankommenden mußten sofort alles Zeug ablegen, das sie am Leibe hatten. Es wurde zur Entlausung weggeschafft. Wer gehen konnte, wurde unter die heißen Brausen geschickt und mußte sich da gehörig reinigen. Die Leute, die sich nicht selbst helfen konnten, mußten wir wie die kleinen Kinder in die Wannen setzen und abwaschen. Wer so schwer verwundet war, daß man ihn nicht baden konnte, der wurde auf der Tragbahre gewaschen. Es war ein lustiges Treiben bei diesem Reinigungsgeschäft. Man kann sich kaum vorstellen, welche Wohltat das Bad für diese Menschen war, die meist seit Monaten, manche vielleicht das ganze Jahr keine Möglichkeit gehabt hatten, sich gründlich zu säubern. Wir freuten uns mit ihnen, daß wir ihnen etwas Gutes tun konnten, ohne ihnen wehzutun. Die nächste Station für sie war der Operationssaal, und da ging es doch für die meisten nicht ohne heftige Schmerzen ab. Die Leute, die aus Polen kamen, waren seit 10 Tagen unterwegs, und viele hatten noch den ersten Verband, den man ihnen sofort nach der Verwundung angelegt hatte. Schon das Ablösen war eine Qual. Und wie sahen die Wunden aus! Hier im Bad aber waren sie froh wie Kinder. Ich wusch einen blutjungen westfälischen Bergmann auf der Bahre ab. Er hatte an beiden Oberschenkeln große Verbände. Seine blauen Kinderaugen strahlten mich glücklich an.

Am Abend dieses Tages rief mich Schwester Oberin im Speisesaal zu sich heran. „Schwester Edith, gehen sie morgen früh nach Baracke 6 zu Schwester Marie Luise. Sie sind ein ruhiger Mensch. Ich denke, das wird gehen“. Also eine neue Versetzung und anscheinend keine ganz leichte! Ich kannte Schwester Marie Luise nicht, aber in der kleinen Gemeinde wurde mir kondoliert: sie sei so nervös, daß keine Helferin es bei ihr aushalten könne; alle liefen nach ein paar Tagen wieder davon. Natürlich nahm ich mir vor, mein Möglichstes zu tun, um Schwester Oberin nicht zu enttäuschen.

Die Baracke 6 lag ziemlich weit von den Hauptgebäuden entfernt. Sie war mit Leichtverwundeten von den beiden letzten Transporten voll belegt worden (zwei Säle mit je 50 Leute); die brauchten nicht in den Operationssaal gebracht zu werden, sondern konnten im kleinen Verbandzimmer der Baracke versorgt werden, einige schwerere Fälle im Bett. Schwester Marie Luise empfing mich überaus freundlich. Sie war ein kleines, zartes Geschöpf; die Nervosität sah man ihr schon am Gesicht an. Der Arbeit war sie nicht im mindesten gewachsen, sie war glücklich, Hilfe zu bekommen, und hatte sich offenbar vorgenommen, sich sehr zu beherrschen, um [253] mich nicht wieder, wie meine Vorgängerinnen, zu vertreiben. Es fiel mir auf, daß sie eine „gute Kinderstube“ zu haben schien. Sehr bald hörte ich, daß sie Johanniterin sei; von denen wußte ich schon aus Breslau, daß sie durchwegs aus guten Familien stammen; allerdings sagte man ihnen auch nach, daß sie hochnäsig seien und auf die andern Verbände sehr von oben herabsähen.

Ich sollte einen der Säle übernehmen, aber auch in dem andern den die Schwester selbst unter sich hatte, beim Verbinden helfen. Darin traute sie mir mehr zu als sich selbst, da ich vom Operationssaal kam. Das Assistieren im Verbandzimmer überließ sie mir ganz. Als ich zum erstenmal in ihren Saal kam, leuchteten mir gleich aus einem der ersten Betten ein paar blaue Augen entgegen. Es war der kleine Bergmann, dem ich im Bad geholfen hatte. Er erkannte mich sofort wieder, als ich zur Tür hereinkam und war froh über das Wiedersehen. Er war am schwierigsten zu verbinden, an beiden Oberschenkeln waren tiefe Fleischwunden von einem Granatsplitter. Da aber die Knochen unverletzt waren, galt er noch als leichter Fall und wurde nicht in der Nähe des Operationssaals behalten. Ich mußte ihn auf dem Arm hochhalten, damit der Arzt ungehindert die Binden lösen und wieder anlegen konnte. Dabei schrie er immer laut, worüber der Doktor sehr ungehalten wurde. Es war ein Pole, der jeden Tag aus seinem Lazarett des nächsten Ortes herüberkam, um bei uns auszuhelfen. Die Baracke hatte zwar noch von der Seuchenzeit her eine Stationsärztin, Frau Dr. Seidemann, sie machte auch noch bei uns Visite, hatte aber das Verbinden nicht übernommen.

Einmal redete ich meinem kleinen Bergmann unter vier Augen ins Gewissen. Ich fragte ihn, ob denn das Verbinden so sehr wehtue. Ach nein, gar so schlimm sei es nicht. Dann sollte er auch die Zähne zusammenbeißen und nicht schreien. Es seien lauter Polen und Tschechen um ihn herum, der Arzt selbst sei ein Pole. Denen müsse er doch zeigen, daß ein deutscher Soldat etwas aushalten könne. So, das seien alles Polen und Tschechen? Er hatte es noch gar nicht gemerkt. Gut, er wollte tapfer sein. Vor dem nächsten Verbandwechsel fragte ich noch einmal: „Also, wenn heute der Herr Doktor kommt...?“ „...Wird nix gesagt!“ war die entschlossene Antwort. Und er hielt Wort.

Von den Patienten sind mir besonders zwei in Erinnerung geblieben: ein großer, junger Tscheche oder Slowak, der die Krätze hatte und den ich jeden Abend von oben bis unten mit Salbe anstreichen mußte; es war ein guter, freundlicher Mensch, der alles geduldig und vergnügt über sich ergehen ließ; sodann ein lustiger Zigeuner, der eine Geige über seinem Bett hängen hatte und sehr [254] schön darauf spielte. Leider spielte er auch gern Karten und ließ sich im Park vom Direktor dabei erwischen, wie er mit andern um Geld spielte. Das war streng verboten, und er wurde dafür mit Haft bestraft. Ich hatte ihn jetzt nicht mehr im Saal, aber er gehörte noch zu uns und mußte mit Kost von uns aus versorgt werden. Wenn ich den täglichen Bestellzettel für die Küche schrieb, ließ ich für ihn immer noch eine „IV. Form“ kommen, weil ich wußte, daß die derbere V. ihm sehr zuwider war. Aus dem Gefängnis kam er gleich zum Abtransport. Es erschien noch einmal bei uns zum Abschied in feldmarschmäßiger Ausrüstung, hielt mir in gebrochenem Deutsch eine temperamentvolle Dankrede und küßte mir ritterlich die Hand wie ein echter Magyar.

Das Essenausteilen hätte mir an sich sehr viel Freude gemacht, denn die Leute hatten gesunden Appetit und standen mit ihren Näpfen erwartungsvoll in Reih und Glied, wenn ich aus den großen Kesseln ausschöpfte. Aber Schwester Marie Luise hatte auch dafür das denkbar umständlichste Verfahren ausgedacht. Damit ja nicht etwas von den Resten ungerecht an die noch Hungrigen verteilt würde, mußten die Kessel mehrmals von einem Saal zum andern getragen werden, und die Schwester schoß selbst hin und her, um jeden Löffel zu überwachen.

Auch sonst hatte ich täglich manches hinunterzuschlucken. Ganz schlimm war es, als gerade in diesen Juliwochen Erna mich besuchen kam. Sie hatte Urlaub und wollte ihn nirgends lieber als bei mir verbringen. Weißkirchen war ja auch ein reizend gelegener kleiner Kurort und an sich zur Erholung recht geeignet. Die erste Sorge war, eine Wohnung für sie zu finden. Ich konnte mich schwer losmachen, um zu suchen, aber einigemal nahm ich mir die Freistunde, auf die ich Anspruch hatte, dafür. Doch es war vergeblich. Wenn ich in den Logierhäusern in deutscher Sprache nach einem Zimmer fragte, bekam ich gar keine Antwort. Schwester Oberin hörte von meiner Verlegenheit und ließ mir sagen, Erna solle selbstverständlich die Mahlzeiten mit mir im Lazarett nehmen, und auch ein Nachtquartier wollte sie uns zur Verfügung stellen, wenn es uns gut genug wäre. Alwine hatte ihr den Vorschlag gemacht. In unsern Wohnverhältnissen hatte sich in der letzten Zeit manches geändert. Als Schwester Alwine in Urlaub ging, wurde Suse Mugdan als „Ferienvertretung“ für sie in die kleine Gemeinde eingeladen. Dann gingen auch Schwester Klara und Lotte für 14 Tage fort, und wir beiden Neulinge blieben allein zurück. Schließlich wurde der Raum als Krankenzimmer in Anspruch genommen. Schwester Susi, bei der Suse arbeitete, nahm uns beide bei sich auf. Sie hatte auf ihrer Station ein großes Schlafzimmer mit drei hohen Offiziersbetten. [255] Von ihrer eigenen Anwesenheit merkte man kaum etwas, wir waren weiter ungestört wie zu zweien. Schwester Alwine bekam ein ganz besonderes kleines Reich. Es wurde ein eigener Bahnhof gebaut und unmittelbar daneben ein Bad – beides leicht aus Holz gezimmert–, Alwine als Bademeisterin bekam ihr Zimmer in diesem Häuschen. Nun schlug sie vor, einen noch freien Raum für Erna und mich einzurichten. Betten, einen Tisch und Stühle hatten sie schnell herbeigeschafft. Ein paar bunte Bauerntücher, die man für wenig Geld in den Lauben am Markt bekam, als Deckchen und selbstgepflückte Wiesenblumen machten das Zimmer freundlich. Natürlich waren wir sehr dankbar für diese Lösung. Erna stellte keine Ansprüche an meine Dienstzeit. Ich stand morgens sehr früh auf und bereitete für uns beide den Kaffee. Wir hatten einen netten Krug mit passendem Karlsbader Trichter und zwei Täßchen gekauft. Vor- und Nachmittag las mein Gast im Park oder ging spazieren; manchmal fanden Suse oder Alwine Zeit, sie zu begleiten. Die freundliche Frau Dr. Seidemann, die von meinem Besuch gehört hatte, bat mich, sie mit meiner Schwester bekannt zu machen, und führte sie im Kasino ein. Man zeigte ihr das Lazarett, sie half auch gelegentlich beim Verbinden. Zu den Mahlzeiten holte sie mich an der Baracke ab, dann gingen wir zusammen in den Speisesaal. War ich noch nicht mit Essenausteilen fertig, wenn sie kam, dann half sie mir in ihrer lieben, freundlichen Weise. Keine von uns zeigte sich dabei im mindesten ungeduldig. Trotzdem stieß sich Schwester Marie Luise daran. Sie erklärte mir, es sei ihr peinlich, wenn sie Erna nur kommen sähe; es erschiene ihr wie eine Mahnung, daß sie mich jetzt gehen lassen müsse.

Kurz vor Ernas Abreise erfuhr wiederum Schwester Oberin (wohl durch Alwine) von meinem Martyrium. Sie schickte mir den kurzen Dienstbefehl, einen Tag ganz freizumachen und mit Erna einen Tagesausflug zu unternehmen. Wir unternahmen bei strahlendem Wetter eine schöne Fußwanderung nach dem Helfenstein, glücklich, meiner Peinigerin entronnen zu sein und einmal ungehindert miteinander reden zu können. Erna hatte wie immer viel auf dem Herzen, und bisher konnten wir nur an den Abenden etwas ausführlicher miteinander sprechen.

Als ich am nächsten Morgen wieder zur Baracke kam, erspähten mich die Küchenmädchen schon vom Fenster aus, und die Lebhafteste begrüßte mich mit einem Jubelschrei: „Unsere Schwester ist wieder da!“ Sie hatten gemeint, ich sei für immer verschwunden. Tatsächlich wurde ich, sobald Erna abgereist war, wieder versetzt: auf die I. Chirurgische Station, wo ich schon einmal ausgeholfen hatte. Dort lagen die schwersten Fälle, für die ärztliche Hilfe nahe [256] bei der Hand. Schwester Margarete, die Stationsschwester, war ruhig und anspruchslos; sie kehrte nicht die Vorgesetzte heraus, allerdings hatte man an ihr auch keinen festen Rückhalt. Sie hatte ein ganzes Stockwerk unter sich: ein Offiziers- und drei Mannschaftszimmer; davon hatte ich die beiden kleineren zu besorgen, das größte war einer zweiten Helferin – Emmi – anvertraut. Emmi war ein bildhübsches Mädchen, still und zurückhaltend. Weil sie sich von den andern fernhielt, nannte man sie hochmütig und sagte dazu, sie hätte gar keinen Grund, es zu sein, denn sie sei bloß Näherin von Beruf; aber wahrscheinlich sei sie stolz darauf, eine Böhmin zu sein. Wir beiden verstanden uns bald sehr gut. Wir wechselten nicht viel Worte miteinander, halfen uns aber gegenseitig, wo wir nur konnten. Die Nachtwache hatte Schwester Else, jene Wiener Bildhauerin, von der ich früher erwähnte, daß sie nur Nachtdienst tat. Der Chef war derselbe „Pan Primarius“, den ich schon vom kleinen Operationssaal her kannte, der Stationsarzt ein junger Tscheche – gut gegen die Soldaten und nicht gerade unfreundlich gegen uns; aber er hatte die unangenehme Gewohnheit, mit den Leuten tschechisch zu sprechen, ohne uns seine Weisungen zu verdeutschen.


3.

Der August 1915, den ich auf dieser Station zubrachte, ist wohl der schwerste Monat in meiner Schwesternzeit gewesen – in ganz anderer Weise schwer als der Dienst auf Baracke 6. Ich hatte nun Menschen, wie ich es liebte. Im größeren Zimmer waren neun Betten; die Leute, die darin lagen, hatten fast alle komplizierte Oberschenkelbrüche und trugen Streckverbände. Während sie im großen Operationssaal zum Verbinden waren, mußte ich schnell ihre Betten machen, und zwar sehr sorgfältig, da sie ja so steif und fest darin lagen; wenn sie wiederkamen, mußten die Gewichte an ihrem Streckverband genau austariert werden, bis das Bein die Lage hatte, in der es am wenigsten Schmerzen machte. Jede Bewegung im Laufe des Tages machte eine Veränderung der Gewichte nötig. Abends ging ich von Bett zu Bett und rieb jeden an den Stellen, wo der Körper am festesten auflag, mit Alkohol und Puder ein, um das Wundliegen zu verhüten. Ein reichsdeutscher Unteroffizier, der uns durch seine Unzufriedenheit und Krittelei sonst viel zu schaffen machte, sagte: „Die Schwester hat mehr Arbeit mit uns als eine Mutter mit neun Kindern“. Am meisten Sorge machte mir hier ein westfälischer Bauer, Terhart, dessen steif geschientes Bein immer wieder eiterte. Er sah wachsbleich aus und hatte gar keine Lust zum [257] Essen. Ich fütterte ihn wie ein kleines Kind und redete ihm immer wieder zu, noch einen Löffel zu nehmen. Dabei ärgerte ich mich immer ein wenig, weil er so ganz energielos war und sich selbst gar keine Mühe gab, wieder zu Kräften zu kommen. Er hat mir später am meisten nachgetrauert und mir noch lange nach meiner Schwesternzeit aus seiner westfälischen Heimat geschrieben.

Das zweite Zimmer, das ich zu versorgen hatte, war ein ganzes Stück vom ersten entfernt. Es waren nur vier Leute darin, aber solche, die besonderer Sorgfalt bedurften.

Da ich fast den ganzen Tag auf den Füßen war, konnte ich abends kaum noch stehen. Manchmal ging ich sofort in unser Zimmer, und Alwine oder eine andere mitleidige Seele brachte mir das Nachtessen ins Zimmer, damit ich gar nicht mehr aufzustehen brauchte. Es war eine Wohltat, wenn ich ins Bett schlüpfen und die müden Füße ruhen lassen konnte. Wenigstens die Füße – denn ich selbst fand bald gar keinen Schlaf mehr. Ich saß hellwach auf dem hohen Bett und sah durch das große Fenster hinaus auf die Beczwa und den Hügelrücken, an dessen Ende der Helfenstein lag. Es war ein liebliches Bild, wenn der Mond schien. Aber ich dachte an meine Kranken und war froh, wenn der Morgen kam und ich mich überzeugen konnte, daß ihnen nichts fehlte.

Einmal bekamen wir einen frischen Transport und hatten bis zum späten Abend zu tun, bis die Neuankömmlinge richtig in ihren Streckverbänden lagen. Auch das Offizierszimmer, das bisher nur zwei Insassen gehabt hatte, wurde voll belegt. Sehr spät begegnete ich auf dem Gang noch einem sehr merkwürdigen Transport: eine hünenhafte Gestalt lag splitternackt auf dem Krankenwagen; auf der kühnen Hakennase saß ein randloser Kneifer, der Kopf ruhte auf einem rotseidenen Kissen. Es war ein polnischer Rittmeister, der aus dem Operationssaal ins Offizierszimmer gefahren wurde. Er hatte sich kein Hemd anziehen lassen, aber diese beiden Gegenstände wollte er unbedingt bei sich haben.

Als ich sehr spät und noch erschöpfter als sonst in unserm Zimmer beim Nachtessen saß, klopfte es an der Tür, und es kam die Botschaft, daß der Rittmeister eine eigene Nachtwache brauche. Emmi sollte die erste Hälfte der Nacht bei ihm wachen, ich die zweite. Ich hielt mich im Verschreibzimmerchen der Station auf und ging nur ins Offizierszimmer, wenn der Schwerverwundete – er hatte einen Rückenschuß – etwas wünschte. Das war allerdings sehr häufig der Fall. Er war hellwach und gab mit schallender Stimme seine Befehle, so daß die andern Offiziere nicht schlafen konnten und halb belustigt, halb verzweifelt waren. Einmal wünschte er Tee und Keks. Zum Glück war gerade die Kontrollnachtwache bei mir [258] eingekehrt und hatte mir beides angeboten, so daß ich seinen Wunsch erfüllen konnte. Ich sah diese Schwester zum erstenmal. Sie gehörte zum Roten Kreuz. Man sagte ihr nach, sie sei im Felde gewesen und habe sich dort moralisch unmöglich gemacht. Nun wurde sie hier stets für Nachtdienst verwendet, damit sie gar nicht mit andern zusammenkäme. Sie ging von Station zu Station, um zu sehen, ob irgendwo jemand in Lebensgefahr sei und ihrer Hilfe bedürfte. Was an den Gerüchten war, weiß ich nicht. Jedenfalls schien sie froh, einen arglosen Menschen zu finden, mit dem sie ein wenig sprechen konnte.

Mehrmals wünschte mein Patient, daß ich ihm Hände und Arme mit Wasser kühle. Da ich in der Nacht für niemanden zu sorgen hatte, konnte ich ihm alles tun, was ihm einfiel. Als am Morgen die andern Schwestern kamen, durfte ich wohl fortgehen, um mich etwas frisch zu machen. Bei der Rückkehr fand ich alles – vom Chef bis zu den Küchenmädchen – in heller Aufregung. Der Schwerverwundete war ein adliger Herr, Neffe eines Ministers, der sich schon nach seinem Befinden erkundigt hatte. Er war mit nichts zufrieden, äußerte Wünsche über Wünsche, die sich nicht erfüllen ließen, und jagte allen, die ihm nahe kamen, einen großen Schrecken ein. Eben sollte ihm eins der Mädchen das Frühstück bringen. Sie wagte es nicht und bat mich, es für sie zu tun. Während sie die andern Offiziere versorgte, näherte ich mich dem Gefürchteten. „Guten Morgen, Schwesterchen“, rief er mir entgegen. Er hatte mich offenbar noch von der Nacht her in guter Erinnerung. Die Wärterin sagte draußen ganz ehrfürchtig bewundernd zu mir: „Ihnen hat er gern, Schwester, er hat ,Schwesterchen’ gesagt“.

Nach einigen Tagen kamen Bruder und Schwester des Verwundeten, um nach ihm zu sehen. Der Bruder saß stundenlang im Zimmer, ohne viel sagen zu können.

Ich war tagelang im Unklaren, wie es eigentlich um meinen Patienten stand. Die Ärzte fanden es nicht für nötig, uns Bescheid zu sagen. Ich sah seine Kräfte rasch verfallen und war ganz verzweifelt, daß ich nichts dagegen tun konnte. Immer wieder versuchte ich ihm etwas Nahrung oder die verschriebenen Medikamente beizubringen. Als ich einmal wieder mit Tropfen an sein Bett kam, stieß er meine Hand weg und rief: „Fahren S’ ab, Kanaille!“ Der Bruder kam mir nach, als ich das Zimmer verließ, und sagte einige entschuldigende Worte. Natürlich erwiderte ich ihm, man könne doch einem Kranken in diesem Zustand nichts übel nehmen. Aber die aufregende Pflege gab meinen ohnehin schon überreizten Nerven den Rest. Es wurde mir klar, daß es hohe Zeit sei, mir die Erholung zu gönnen, die ich zwei Monate vorher als verfrüht abgelehnt hatte. [259] Aber der Entschluß, fortzugehen, kam doch erst nach heftigen inneren Kämpfen zustande. Bei meinen Überlegungen spielte noch etwas anderes als die nervöse Erschöpfung eine Rolle. Es kehrte jetzt öfters der Gedanke wieder, ob es nicht unklug sei, meine wissenschaftliche Arbeit so lange zu unterbrechen, wo für die Pflege soviel andere Hilfskräfte zur Verfügung standen. Andererseits hatte ich Bedenken, ob das nicht eine egoistische Regung sei. Ich litt sehr darunter, daß Suse Mugdan gerade jetzt auf Urlaub war. Mit ihr hätte ich über meine Zweifel sprechen können. Als ich einmal mittags in unserm Zimmer war, das über einem Portal lag, hörte ich einen Wagen vorfahren und sah vom Fenster aus, wie Suse ausstieg. Ich flog die Stufen hinunter und war schon an der Haustür, bis sie mit dem Kutscher abgerechnet hatte. Ich war glücklich, sie wieder dazuhaben. Nun ging alles leichter. Ich bat Schwester Oberin, mich am 1. IX. heimgehen zu lassen. Sie war sofort bereit, wollte mich auch nicht auf zwei Wochen Urlaub festlegen, sondern es mir überlassen, ob und wann ich wiederkommen wollte. Ich bat sie, mich zu rufen, sobald sie meine Hilfe für notwendig hielt.

Das letzte Ereignis meiner Pflegezeit war der Tod des Rittmeisters. Es kam ein prachtvoller Kranz von seinen Geschwistern. Dann wurde er fortgeholt. Ich brachte noch das Zimmer in Ordnung. Danach war es Zeit zum Abschiednehmen. Ich konnte alle meine Leute reichlich mit Zigaretten beschenken, die Suse mir von daheim mitgebracht hatte. Die Ungarn und Slaven küßten mir dankbar die Hand. Auch die Mädchen nahmen mit Handkuß und ein paar Tränchen Abschied. Schwester Margarete und Emmi versprachen mir schriftliche Berichte über unsere Kranken. Frau Dr. Scharf, eine Cousine des Chirurgen, die seit einiger Zeit bei uns arbeitete, drückte mir kräftig die Hand und sagte: „Leben Sie wohl, Frau Collega von der andern Fakultät“.

Die beiden Helferinnen, mit denen ich gekommen war, fuhren gleichzeitig auf Urlaub (ich glaube, schon zum zweitenmal). Am Abend unserer Abreise stand an der großen Wandtafel im Speisesaal zu lesen: „Es gehen morgen Schwestern nach Deutschland. Wer Briefe mitzugeben hat, möge sie abliefern“. Jede von uns bekam einen dicken Stoß. Ich steckte sie sorglos in meine Handtasche und dachte nicht mehr daran. In Oderberg mußten wir zur Zollrevision. Während die Beamten mit meinen Koffern beschäftigt waren, kam ein deutscher Soldat an uns heran und fragte: „Haben Sie etwa Liebesbriefe bei sich?“ Ich reichte ihm die Handtasche hin; er nahm das ganze Paket heraus und beschlagnahmte es. Ebenso erging es den beiden andern. Ich blieb völlig ruhig. Meine Ermüdung war so groß, daß ich mich gar nicht über die Sache aufregen konnte. Ich erzählte [260] auch nichts davon, als ich nach Hause kam. Aber nach einigen Wochen erhielt ich die Nachricht, daß ich vor dem Kriegsgericht wegen Umgehung der Zensur angeklagt sei. Darauf stand Gefängnisstrafe. Die ganze Familie war in heller Aufregung. Eine erste Vernehmung fand in dem Breslauer Amtsgericht statt. Die zweite sollte vor dem Kriegsgericht in Ratibor sein. Ich wollte hinfahren und wahrheitsgetreu angeben, daß mir die Bestimmung nicht unbekannt gewesen sei, daß ich aber gar nicht daran gedacht hätte, weil das Hin- und Herbesorgen der Post ganz üblich war. Um keinen Preis wollte ich sagen, daß ich von dem Verbot nichts gewußt hätte: lieber ins Gefängnis gehen als lügen. Jemand kam auf den Gedanken, ich sollte an unsern alten Bekannten von Grunwald her, den Bürgermeister Westrum in Ratibor, schreiben und um seine Hilfe bitten. Er antwortete freundlich: er habe mit dem Kriegsgerichtsrat gesprochen, der die Sache zu behandeln habe; der wolle die Verhandlung verschieben, bis ein Gesetz im Reichstag durchgebracht sei, das für solche Fälle Geldstrafe vorsähe. Gleichzeitig machte das Breslauer Rote Kreuz für mich und meine Gefährtinnen eine Eingabe um Freisprechung. Eines Tages kam wieder ein amtliches Schreiben, mit der angenehmen Mitteilung, der Prozeß sei niedergeschlagen. Die Familie atmete auf. Damit war auch dieses Nachspiel meiner Schwesternzeit beendet.

Ich hatte meinen Abschied von Weißkirchen keineswegs als einen endgültigen betrachtet, sondern wartete ernstlich auf eine Rückberufung. Meine Urlaubszeit benützte ich zunächst, um das Hilfsschwesternexamen zu machen, zu dem man nach halbjähriger praktischer Tätigkeit als Helferin zugelassen wurde. Sodann begann ich jetzt mit Volldampf Griechisch zu arbeiten, um nun endlich das Graecum zu machen. Suse hatte mir dringend empfohlen, mir dabei von ihren Geschwistern helfen zu lassen. Ihr Schwager Julius Stenzel war am Johanneum, einem humanistischen Gymnasium, als Lehrer der alten Sprachen tätig, zugleich arbeitete er privat eifrig als Platoforscher, und Bertha, seine Frau, war seine treue und verständnisvolle Mitarbeiterin. An einem Sonntagvormittag suchte ich sie auf. Das Ehepaar war gerade damit beschäftigt, gemeinsam Platos „Staat“ zu lesen. Bertha hörte mein Anliegen an und erklärte sich bereit, einigemal in der Woche mit mir zu arbeiten. Sie ließ mich auch probeweise ein paar Zeilen Plato übersetzen, und da sie fand, daß es gar nicht übel ging, forderte sie mich auf, an ihrer Sonntagslektüre teilzunehmen. Nun versuchte ich mich einige Wochen lang ganz in Plato und Homer; zweimal wöchentlich, wenn ich mich recht erinnere, ging ich zu Frau Stenzel. Sie war damals schon Mutter von drei Kindern (später kam noch ein viertes hinzu) und das jüngste, [261] der kleine Jochen, erst wenige Monate alt, schlief meist in seinem Wagen in dem Zimmer, in dem wir arbeiteten.

Manchmal wurde bei schwierigen Stellen auch der Herr des Hauses zu Hilfe gerufen. Auf seinen Rat hin gab ich in der erneuten Meldung zur Prüfung Plato als Spezialgebiet an und bat, mich dem Johannes-Gymnasium zu überweisen. Geheimrat Thalheim, mein alter Freund mit dem strengen Ton und dem gütigen Herzen, erklärte mir, das Provinzial-Schulkollegium brauche solche persönliche Wünsche nicht zu berücksichtigen. Ich bekam aber dann doch die Nachricht, daß ich mich im Johannesgymnasium zur Prüfung einzufinden hätte. Der Termin war schon im Oktober; nach meinem alten Rezept, solche Dinge so schnell wie möglich zu erledigen. Ich wußte von Dr. Stenzel, daß ich keine Aussicht hatte, von ihm geprüft zu werden. Sein Chef besorgte dieses Geschäft selbst, aber in dessen Eigenheiten wurde ich gründlich eingeweiht. Z.B. mußte man die Überschriften der einzelnen homerischen Gesänge wissen. Und wenn der alte Herr auf Plato zu sprechen kam, pflegte er sich nach „Phädon“ zu erkundigen und dann die Frage zu stellen, warum Sokrates so lange auf die Vollstreckung des Todesurteils warten mußte (Es wird im Anfang des Dialogs erwähnt, daß man auf die Rückkehr des Schiffes wartete, das von Athen nach Delos entsandt war. Diese Fahrt nach Delos war eine staatlich-liturgische Handlung; während ihrer Dauer durfte keine Hinrichtung stattfinden): eine echte Philologenfrage, auf die ein Philosoph nie verfallen würde.

Es war natürlich sehr angenehm, daß ich mich auf diese Weise vorbereiten konnte. Im übrigen war Herr Geheimrat Landien das Muster eines Gymnasialdirektors aus der alten Zeit, würdevoll und gütig zugleich, schon in seiner äußeren Erscheinung ehrfurchtsgebietend mit seinem stattlichen Wuchs und dem langen, in der Mitte geteilten, schneeweißen Bart. Die schriftliche Arbeit ließ er mich in seinem Arbeitszimmer schreiben. Davor war mir etwas bange. Ich hatte nämlich fast nur mündlich gearbeitet und war ganz ungeübt, nach Diktat Griechisch zu schreiben; vor allem fürchtete ich, daß ich viele Accentfehler machen würde. Beruhigend war mir während des Diktats, daß ich den Text (nicht Plato, sondern aus einer berühmten Lysias-Rede) sofort verstand; es war also keine Gefahr, daß mir die Übersetzung Schwierigkeiten machen würde. Und dann kam eine sehr angenehme Überraschung: Geheimrat Landien reichte mir seinen Zettel, damit ich vergleichen könnte, ob ich beim Diktieren etwas ausgelassen hätte. Voller Freude griff ich danach und prüfte alle meine Accente nach. Bei der mündlichen Prüfung ging es etwas feierlicher zu, weil auch Geheimrat Thalheim zugegen war. In einem großen Raum saß ich an einem langen grünen [262] Tisch ganz allein den beiden alten Herren gegenüber. Ich bekam auch jetzt nicht Plato vorgelegt, sondern Isocrates – es war ein besonderer Wunsch Wilhelms II., daß im Gymnasialunterricht die berühmten Redner ausgiebig behandelt werden sollten, und das geschah auf Kosten der Philosophen – aber die Frage nach dem Phädon kam und auch die nach den homerischen Gesängen; wenn ich mich recht erinnere, mußte ich auch ein Stück aus der Ilias lesen und übersetzen. Dann hatte ich wieder einmal eine Prüfung bestanden. Ich bekam in mein Reifezeugnis den Vermerk hinzugeschrieben, daß ich mir durch die Ergänzungsprüfung im Griechischen die Reife eines humanistischen Gymnasiums erworben hätte. Die beiden Herren erkundigten sich noch, zu welchem Zweck ich die Prüfung gemacht hätte. Es kam in Breslau sehr selten vor, weil man dort auch mit Realgymnasialabitur zur Promotion in allen Fakultäten zugelassen wurde. Ich berichtete ihnen von der abweichenden Bestimmung in Göttingen. Nun wollten sie noch wissen, was ich für eine Doktorarbeit machte. Als ich vom Problem der Einfühlung sprach, stellten sie keine Fragen mehr. Am nächsten Morgen bat Herr Geheimrat Landien Dr. Stenzel um Auskunft darüber, was „Einfühlung“ sei.

Eine Rückberufung nach Weißkirchen hatte ich noch nicht bekommen. Statt dessen traf – wohl auch noch im Oktober – Suse Mugdan ein und brachte die Nachricht, das Lazarett sei aufgelöst worden. Seit Galizien von den Russen befreit war, gehörte Weißkirchen nicht mehr zum Etappengebiet und die Kadettenanstalt sollte wieder ihrem alten Zweck dienen. Suse und ich stellten uns aufs neue dem Roten Kreuz zur Verfügung, um an anderer Stelle wieder eingesetzt zu werden, aber wir bekamen nie mehr eine Einberufung.



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