Auf dem Kynast (Gottschall)

Textdaten
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Autor: Rudolf von Gottschall
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Titel: Auf dem Kynast
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5-7, S. 151-160, 178-183, 218-226
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1898
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Auf dem Kynast.

Historische Erzählung von Rudolf von Gottschall.

Hell stand der Mond über dem Kamm des Riesengebirges; der Turm der alten Feste Kynast warf seinen schweren Schatten hinunter in den „Höllenschlund“ und über die Burghöhe war ein breiter Lichtschein ausgegossen; drunten aber über dem Hirschberger Thal lag ein träumerisch Dämmerlicht, Baumgruppen, Häuser, Villen und Gärten verschmolzen zu einem märchenhaften Bilde, hier und dort blitzte im Mondlicht der Zackenbach auf, der sich wie eine leuchtende Schlange hindurchwand.

Das Mädchen, das von der Ballustrade des Burgplatzes aus den Blick über die Landschaft streifen ließ, gab sich nur halb den Träumereien hin, welche der Mondeszauber in ihr erweckte. Mit einer gewissen Spannung sah sie hinab auf den Weg, der aus dem Waldesdunkel heraus durch schattenlose Felspartien zum Vorthor der Burg emporführte. Es war so hell, daß sie von ihrem Standorte aus den ganzen Weg beherrschte, und kein Wachtposten hätte mit schärferem Auge hinunterspähen können, ob irgend eine feindliche Patrouille herangeschlichen kam.

So friedlich der Mondabend war, so sanft die Landschaft gebettet lag in seinem weichen Schimmer – es herrschte keine friedliche Zeit im Schlesierland und nicht selten sah man Waffen blitzen auf den Heerwegen, die in die Berge führten. Es war im Sommer 1807. Bei Jena und Auerstädt war des Großen Friedrich ruhmvolles Heer den Waffen des Korsen erlegen, Breslau war in die Hände der Franzosen gefallen. Doch noch hielt sich Glatz, und das Freikorps des Grafen Götzen, verstärkt durch neue Zuzüge aus den Bergen, kämpfte tapfer mit dem Feind – General Vandamme konnte der Provinz Schlesien nicht Herr werden.

Die Würfel der großen Entscheidungen aber rollten auf den Schlachtfeldern im Osten des Königreichs, wo Preußen und Russen vereint den Kerntruppen Napoleons gegenüberstanden. Gar trüb sah es aus in den preußischen Landen, am trübsten in dem schönen, noch immer durch blutige Kämpfe zerrissenen Schlesierlande: in alle Gemüter warf das traurige Geschick des Vaterlandes seine Schatten.

Auch das Mädchen, das dort an der Ballustrade des Vorplatzes stand, war nicht heiteren Sinnes, obschon die freundliche Kindlichkeit seiner Züge und seines ganzen Wesens auf keine düstere Gemütsart deutete. Hatte wirklich die Trauer um das zertretene Land aus diesen klaren, blauen Augen, von diesen rosigen Lippen das Lächeln verscheucht, das dort heimisch sein mußte? Und waren die Truppenmärsche drunten im Thal wirklich die Ursache, daß das Mädchen so gespannt von der Höhe in die Nacht hinaus spähte?

Da lauschte sie auf. Und gleich danach trat aus dem Schatten des Waldes eine Gestalt hervor, in der Hand den knorrigen Wanderstab, einen Rucksack auf dem Rücken. Ein langer, silberner Bart wallte dem Mann auf die Brust herab; mit rüstigem Schritt klomm der Wanderer die Höhe hinan dem ersten Mauerring zu, der das hochragende Felsennest umgab. Das Mädchen flog ihm entgegen, sie öffnete das Vorthor mit einem Schlüssel des Schlüsselbundes, den sie im Gürtel trug. „Gott zum Gruß, Rübezahl,“ rief sie dem Eintretenden entgegen. Der Alte drückte ihr herzhaft die Hand.

„Ihr kommt von Schreiberhau, Rübezahl! Ein Briefchen von ihm?“

„Muß ich erst auskramen aus dem Sacke hier.“

„So kommt herauf, ruht Euch aus, erquickt Euch mit einem Gläschen Branntwein. Wenn Ihr ein Briefchen bringt, dann ist’s schon gut – er lebt und denkt an mich!“

Der wackere Bergführer, der in Ehren den Namen „Rübezahl“ führte, setzte sich neben das Mädchen an einen Holztisch, von dem aus der freie Blick über die mondhelle Landschaft drunten [154] schweifte. „Papa ist hier oben,“ flüsterte sie; „er darf von dem Briefe nichts wissen.“

„Oben – jetzt hier zur Nachtzeit?“

„Ja, wir haben uns hier häuslich eingerichtet; in den Stallungen sind ein paar Verschläge zurechtgemacht für Vater, für mich und für die Wirtschaft. Es ist jetzt viel Andrang von Besuchern und immer mit dem Schlüsselbund von Hermsdorf aus in die Höhe klettern und Speis und Trank heraufschaffen .... das ist lästig! Auch ist’s nicht ganz geheuer in jetzigen Kriegszeiten. Vater steht hier oben auf Wache und überschaut das ganze Hirschberger Thal, auch ist ein freier Auslug in die Berge vom Turm. Vater hat Leitern hereingebracht. Ehe die Franzosen sich auf dem Kynast ein Nest bauen, wollen wir doch unsere Truppen hier einquartiert sehen, und hoffen, daß dies bald geschehen wird.“

Der Führer kramte inzwischen in seinem Rucksack, bis er ein Schreiben gefunden hatte, welches durchaus keinem parfümierten Liebesbrief ähnlich sah, sondern durch das grobe Papier und die gekritzelte Aufschrift verriet, daß es aus einem Feldlager stammte. Doch für Klärchen war es wie mit einer Phönixfeder geschrieben und keine Vignette zweier sich schnäbelnder Täubchen auf feinstem Rosablättchen hätte sie freundlicher angemutet und ihr Herz mit süßeren zärtlichen Empfindungen erfüllt als dieser mit einem großen Klecks behaftete Bivouacbrief, den ihr der Bergführer überbrachte.

Während sie las, ruhte das Auge des Alten mit Wohlgefallen auf dem lieblichen Kinde, ja mit Zärtlichkeit und Rührung – sah sie doch der eigenen Tochter ähnlich, die er früh verloren, die oben in der Schneegrubenbaude lange Jahre wirtschaftlich gewaltet, bis sie ihr Herz an einen Fremden hing, der sie entführte und dann verließ, so daß sie sich mit ihrem Kinde das Leben nahm. Die tiefen Furchen in dem Antlitz des ehrwürdigen Mannes deuteten auf dieses schmerzliche Erlebnis.

„O, das wäre schön, das wäre himmlisch!“ rief jetzt Klärchen. „Wenn sich die Zuzüge noch mehren, soll ein Teil der Mannschaften, besonders die Rekruten, hier auf die Burg kommen. Und Ihr habt Robert bei guter Gesundheit getroffen?“

„Der Herr Kandidat ist kerngesund! Die frische Luft bekommt ihm besser als das Sitzen hinter dem Schreibtisch! Er ist ja so ein lateinischer Gelehrter; wie ich so viele mit ihren Ränzchen und Wanderstab über die Berge geführt. Doch so mancher knickte traurig zusammen, wenn er das Hohe Rad erklettert hatte, und es gab welche, die der Sturm umzublasen drohte. Tannen und Fichten konnten sie alle nicht unterscheiden; nur der eine mit der blauen Brille, der sich mit den Blumen im Teufelsgarten am Bramberg unterhielt, der wußte, wie sie alle lateinisch heißen – weiß Gott, wer sie da oben getauft hat! Doch wenn er seine Nase nicht in die Blumen und Kräuter stecken konnte, da war er verdrossen und schimpfte auf das Knieholz. War er selbst doch verkrüppelt wie das herumkriechende grüne Gewürm!“

„Da ist Herr Robert doch ein anderer Mann – nicht wahr?“

„Mein’s wohl. Und die Uniform und der schmucke Jägerhut stehn ihm gar gut, und mit dem Säbel rasselt er, als wär’ er darangeschnallt gewesen von Kindesbeinen an.“

„Ach Gott, wenn sie nur nicht mit den Franzosen handgemein werden!“

„Nun, deshalb rüsten sie sich doch zum Kriege,“ sagte Rübezahl lächelnd.

„Ich ertrüge es nicht,“ versetzte Klärchen, „ihn in Lebensgefahr zu sehen. Doch wir plaudern und ich vergesse, daß Ihr eine Stärkung braucht.“

Das Mädchen ging und kam mit einer Flasche Branntwein und mit Backwerk zurück. Der Vater folgte ihr, die Pfeife im Munde. Dies war der Kommandant des Kynast, der Schlüsselverwalter der Burg, welcher sonst unten im herrschaftlichen Schlosse des Grafen Schaffgotsch wohnte. Es war ein Herr mit gewaltigem Schnauzbart und gutmütigen Augen, bieder und treuherzig dem Anscheine nach. Er hatte einen Anflug gesellschaftlicher Bildung und war, ein Mittelding zwischen Kammerdiener und Kastellan, auch längere Zeit in der Schloßverwaltung beschäftigt gewesen. Sein Töchterchen aber, eine Gespielin der Grafentöchter, hatte durch die Güte des alten Grafen mehrere Jahre die Erziehung einer Breslauer Pension genossen; sie war den Mädchen ihres Standes weit voraus.

Der alte Röger klopfte dem Bergführer herablassend auf die Schulter, ehe er sich zu ihm setzte.

„Nun,“ sagte er, schlau mit den Augen zwinkernd, „was giebt’s denn Neues da drüben im Glatzischen? Ihr seid ja doch ein Pascher, ein Schmuggler, der die Parolebefehle insgeheim herüber und hinüber trägt. Und Ihr huscht oft fort von Eurem Riesengebirge in die Eule und ins Glatzer Land. Habt gewiß lange schon keinen friedlichen Wanderer über die Berge geleitet?“

„Giebt’s denn noch friedliche Wanderer heutzutage?“ meinte Rübezahl. „Es ist unsicher droben auf dem Kamme – vorgeschobene Korps der Franzosen, Tirailleurs, Patrouillen – sie wollen sich den Rücken decken. Leider hab’ ich selbst schon einmal ihnen den Weg weisen müssen.“

„Also – Vaterlandsverräter!“ versetzte Röger schmunzelnd.

„Und dabei trag’ ich in meinen Stiefeln eine Ordre des Grafen Götzen an die Mannschaften in Schreiberhau.“

„Und wie steht’s mit der Festung Glatz?“

„Sie hält sich tapfer; doch Vandamme rückt jetzt selbst in die Grafschaft ein, um das Belagerungskorps zu decken gegen den Grafen Götzen, welcher die Festung gern entsetzen möchte. Hab’ ihn gesehen, diesen Vandamme. Das ist einer – der hat seine Schule in dem verfluchten Paris gemacht, wo sie sich aus den Schädeln der Geköpften, wie es heißt, zutranken.“

„Nun, und hier in Schreiberhau?“ fragte der Kommandant, indem er das dritte Glas schlürfte.

„Ihr werdet hier etwas erleben! Macht Euch darauf gefaßt, daß sie auch Kanonen auf Eure Burg schleppen, es ist dergleichen im Werke. Es wird hier ein Hauptquartier werden; das Dings da mit dem Mauergerümpel wird noch die Ehre haben, sich in eine schlesische Festung zu verwandeln.“

Das schmeichelte zwar dem Ehrgeiz des Kommandanten; er strich sich seinen Schnurrbart mit herausforderndem Kriegsmut; doch es regte sich in ihm auch ein wehleidig Gefühl; er fürchtete, daß sein friedlich Gewerbe Schaden nehmen könnte.

„O, meine Sommergäste!“ rief er.

„Na, die Soldaten sind auch nicht zu verachten,“ tröstete Rübezahl, „es geht was drauf im Kriege. Fräulein Klärchen muß eine Marketenderin werden und mit dem Freikorps ziehen, wenn sie weiter rücken; die Uniform wird ihr gut stehen. Das muß man ja den Französinnen lassen: wenn diese schmucken Dämchen mit dem Bataillone vorbeimarschieren, deren Uniform sie tragen – wer da nicht Durst bekommt, der muß bereits einige Tonnen geleert haben!“

Klärchen hatte ihr Lob nur von fern gehört. Sie hatte wieder eine entlegene Stelle an der Brüstung aufgesucht, um dort ungestört ihren Gedanken nachzuhängen. Jetzt sprang sie plötzlich herbei. „Besuch, ein später Besuch!“

„Wer denn in aller Welt?“ rief der Vater.

„Es sind mehrere Herren und Damen.“

„Da will ich doch selbst das Vorthor öffnen,“ sagte der Kommandant, „sieh’ nur, ob unser Vorrat für die Gäste reichen wird, und suche das Beste zusammen! Nun, wir sind hier nicht auf einem herrschaftlichen Schloß, sondern in einer alten, verfallenen Burg – da muß man vorlieb nehmen!“

Rübezahl zog sich auf eine Steinbank zurück, die neben dem Hauptthor der Burg angebracht war, während Röger das Thor aufschloß und mit devoter Verbeugung die Gäste empfing.


Das war ein lustiges vierblättriges Kleeblatt, diese scherzenden und lachenden Herren und Damen, die von einem späten Mahl zu kommen und den steilen Berg nur benutzt zu haben schienen, um sich etwas auszutummeln.

„Hier wollen wir die Mäntel umnehmen. Wenn auch nur der bleiche Mondschein uns leuchtet, man hat doch etwas Lunge daran wenden müssen und ist heiß geworden! O, dicke Lotte! Sie stöhnen und schwitzen ja, als hätten Sie den Chimborasso erstiegen! Rasch den Mantel um – wer soll mir denn vorlesen, wenn Sie sich Ihre Lunge ruiniert haben? Lotte, Lotte, Sie sind marode zum Umpusten; setzen Sie sich schleunigst, sonst erleben wir eine Ohnmacht!“

[155] Die Dame, die so übermütig sprach, warf der dicken Lotte, offenbar ihrem Gesellschaftsfräulein, den Mantel über, ehe sie sich selbst in den eigenen hüllte, wobei die beiden Herren ihr behilflich waren.

„Ein toller Gedanke, hier so spät herauf zu klettern,“ sagte der eine, welcher Ton und Wesen eines flotten Junkers hatte. „Aber freilich, wenn es gilt, zu erkunden, ob die selige Kunigunde noch immer hier oben spukt, da muß man’s bei Mondschein thun; denn im Lichte der Sonne wird sich das grausame Burgfräulein nicht sehen lassen.“

„Ich habe allen Respekt vor ihr,“ versetzte die junge Dame; „sie hat den Herren der Schöpfung eine harte Nuß zu knacken aufgegeben und viele von ihnen haben dabei nicht nur die Zähne, sondern gar das Leben lassen müssen!“

Klärchen trat näher.

„Was befehlen Sie, gnädiges Fräulein?“

„Thörichter Schnickschnack – was, gnädiges Fräulein! Wir sind Schulfreundinnen, meine Herren, und das närrische Ding da will mich aufs hohe Pferd setzen! Schulfreundinnen – wissen Sie, was das heißt, meine Herren? Das heißt: wir haben zusammen die dümmsten Streiche gemacht, und das knüpft ein schönes Band für das ganze Leben! Im übrigen war sie viel gescheiter als ich und konnte mir in allen Fächern helfen, bis auf das eine, das ich mir schon damals zum Specialfach erkor, die Diplomatie der Liebe! Klärchen, setz’ uns das Beste vor, was du hast, und dann noch etwas Besseres, das, was du bist – setz’ dich dann zu uns!“

Klärchen war von der Freundlichkeit des Fräuleins, das sie lange Zeit nicht gesehen, erfreut und drückte ihr die Hand. „Hier – das ist Kurt von Rohow,“ fuhr diese fort, den einen flotten Begleiter vorstellend, „er ist nur gefährlich, wo feste Grundsätze fehlen, also weder dir noch mir. Er hat zu lange an der Spree gelebt und war in Berlin Fähnrich; ein solcher wird zwar nicht immer General, doch meistens ein Don Juan. Und dieser hier ist Friedrich von Benndorf. Das ist ein schlimmer Heiliger! Wenn der Mond scheint, da geistert es in seinem Kopf; da verwandelt sich ihm alles ringsum in ein Feenmärchen. Der ist viel gefährlicher als der andere. Denn mit Feen macht man wenig Umstände und wir können nicht in Duft verschweben wie die echte Märchensorte, sondern wer uns packt, der hält uns fest! Und dies, meine Herren, ist Klärchen, das echte Mauerblümchen des Kynast, lieblich und duftig und unerreichbar, und wer sie pflücken will, muß, wie die Freier der seligen Kunigunde, in den Graben rutschen.“

Klärchen machte eine leichte Verbeugung und floh dann wie gescheucht von dannen, um für Speise und Trank zu sorgen. Die „dicke Lotte“ hatte sich inzwischen erholt.

„Sie haben mich ja gar nicht vorgestellt, gnädiges Fräulein!“ sagte sie verdrossen, sich aus ihrem Mantel herauswickelnd.

„Sie sind zu vornehm, Lotte! Das liebe Kind könnte sich bedrückt fühlen!“

Ein breites Lächeln glitt über Lottens Züge; sie war ein Fräulein von Dornau, aus einer herabgekommenen Familie, aber sie hatte einen langen Stammbaum und der hing neben einigen Landkarten und einer Karte des gestirnten Himmels mit allen seinen Zweigen und Verästelungen in ihrem Wohnzimmer, und in den Augenblicken traulicher Plauderei mit dem jungen Schloßfräulein wagte sie anzudeuten, daß er noch tiefer in entfernten Jahrhunderten wurzle als derjenige der herrschaftlichen Familie, in deren Dienst sie getreten war. Doch das Schicksal ist ungerecht und es ist oft recht grünes Reis, das versilbert und vergoldet wird.

Das schöne Fräulein hatte indes den Mantel abgeworfen und der Abendluft unerschrocken Hals und Nacken preisgegeben, den das tiefausgeschnittene Kleid unverhüllt ließ. Ja, sie war schön, diese Leontine von Wallwitz; frei trug sie ihr wallendes Gelock, das dunkel war wie das feurig hervorblitzende Auge, das oft in leidenschaftlicher Unruhe hin und herschweifte, die Lippen voll, doch nicht unfein gezeichnet, die Wangen anmutig gerötet. Gesundheit und frische Luft, Aufregung und Uebermut – alles wirkte zusammen, um sie einer vollerblühten Rose gleichzumachen. Die beiden Kavaliere hatten die gleiche Empfindung – das war ein begehrenswertes Weib. Sie waren Nebenbuhler, keiner durfte sich für den Begünstigten halten: wohl aber mußte jeder von ihnen in der jungen Dame eine flatterhafte Kokette sehen, die mit kleinen Gunstbezeigungen bald zur Rechten, bald zur Linken ein Hoffnungsflämmchen entzündete, um es dann bei nächster Gelegenheit wieder lustig auszublasen. Leontine war eine reiche Erbin und alle jungen Edelleute der Umgegend wallfahrteten nach Schloß Giersdorf, wo die schöne Portia Hof hielt.

„Sie werden sich erkälten, Fräulein,“ sagte Lotte, die mit ihrem runden Gesichte aus dem Mantel herausglotzte wie eine Fledermaus, die sich in ihre Flügel gehüllt hat.

„O, mir schadet das nichts,“ versetzte Leontine, „ich bade mich gern in den Elementen, sei’s Luft, sei’s Wasser. Das erquickt mich; ich fühle mich eins mit der Natur und lästig ist mir alles, was sich dazwischen schiebt.“

„Wenn Ihr Herr Vater das sähe, würde er schelten,“ warf Lotte ein.

„Glücklicherweise ist Papa in Breslau,“ sagte Leontine, „mit all seinen Wollsäcken, und er läßt uns nur die geschornen Schafe im Stall zurück. Er ist ein wenig peinlich und ängstlich; ja, meine Herren, er würde auch diesen Ausflug auf die Burg bei Mondschein nicht verstattet haben, noch dazu in Herrenbegleitung, und wäre ich nicht Leontine von Wallwitz, ich würde die Sache selbst nicht in der Ordnung finden. Wäre Papa unten, müßt’ ich allerdings Ordre parieren und ich könnte mich höchstens einmal insgeheim fortschleichen, wenn Lotte ihre beiden schläfrigen Aeuglein zudrückt. Und das thut sie ja bisweilen – auch heute wird sie nur geträumt haben, daß wir zusammen auf dem Kynast waren, und den Traum vergessen, wenn sie sich nachher unten die Augen reibt.“

Lotte nickte zustimmend, sie kam sich in diesem Augenblicke recht wichtig vor. Inzwischen brachte Klärchen Flaschen und Gläser; es war feuriger Ungarwein, wie man ihn oben in den Bauden trank und der wohl über die Grenze gepascht war.

Klärchen setzte sich an den Tisch neben Friedrich von Benndorf, der ihr jedoch wenig Aufmerksamkeit schenkte, da Leontine sein Interesse völlig in Anspruch nahm. Bald klangen die Gläser zusammen und der Feuerwein von den Tokayer Rebenbergen erregte die Gemüter und die Wallungen des Blutes zu leidenschaftlicher Glut.

Jugend, Schönheit, die mondhelle Landschaft, die alte Burg mit ihren vielhundertjährigen Geheimnissen, das alles wirkte zusammen gleich einem berauschenden Zaubertrank. Selbst Klärchen ließ sich von seiner Wirkung hinreißen und ihre Gedanken machten einige Sprünge, zu denen sie sonst nie einen Anlauf genommen hätten.

„Ich hätte meinen Vater gern nach Breslau begleitet.“ fuhr Leontine fort, „doch wenn die Herren ihre Wolle verkaufen, da sind wir ihnen im Wege; da sitzen sie in den Weinstuben oder trinken den Schweidnitzer Schöps im Ratskeller und da wird so viel von Wolle und Schafen gesprochen, daß man darüber selbst drehkrank werden könnte. Und doch war ich den Winter über so glücklich in Breslau! Die Stadt war in den Händen der Franzosen. Das ist für den König von Preußen sehr unangenehm. Doch es sind reizende Menschen, diese Pariser, und selbst die rauhen Kriegsknechte haben Esprit! Ich habe mein Französisch sehr vervollkommnet, es sagt sich alles so nett im Französischen! Da hüpft man über alles leicht hinweg, worüber man im Deutschen stolpert. Und wo diese Herren überall gewesen sind – in Egypten, bei den Pyramiden und Mamelucken, die können etwas erzählen! Unsere Offiziere sprechen nur von Wachtparaden oder höchstens einmal von einer verlorenen Schlacht.“

Die Züge Kurts verfinsterten sich.

„Ich bin nicht eifersüchtig auf die Franzosen,“ sagte er, „sie mögen unseren Frauen gefallen; aber das kann nur ein flüchtiger Eindruck sein, denn es sind immerhin Fremde, in deutschen Herzen werden sie sich niemals einbürgern. Und Sie fühlen sich doch als Deutsche, Fräulein Leontine, obschon man es aus Ihren Worten nicht heraushören konnte?! Ja es hat mich peinlich berührt, daß Sie von Preußen sprachen, als ob dieser Staat Sie gar nichts anginge, als ob Sie droben im Monde lebten!“

„Was kümmert mich die Politik? Die wird dort in Berlin gemacht, heute so, morgen so, je nachdem unsere Staatsmänner mehr oder weniger ausgeschlafen haben. Dabei gehen viele [156] Tausende zu Grunde; das ist recht traurig, aber ich kann’s doch nicht ändern und ins Unabänderliche muß man sich fügen. Wäre ich der Kommandant einer Festung – ich würde mich lieber selbst erschießen, als die Festung dem Feinde übergeben. Doch ich bin nur ein Mädchen und wir armen Dinger haben ganz andere Belagerungen auszuhalten, aber auch wir ergeben uns nicht so leicht.“

„Es ist auch so,“ sagte Friedrich von Benndorf mit schwärmerischem Augenaufschlag, „die Frauen mögen bei Minnehöfen den Vorsitz führen oder bei Turnieren die Preise austeilen, doch sie sollen sich nicht selbst in die Kämpfe mischen, nicht zum Speere greifen und die Gegner aus dem Sattel heben. Da verlieren sie den Reiz, der sie uns so liebenswert macht.“

Lotte hielt den Augenblick für geeignet, eine zustimmende Bemerkung zu machen; sie erinnerte daran, daß auch sie völlig friedfertiger Sinnesart sei. Klärchen aber warf fragende Blicke auf die Schulfreundin; es gefiel ihr gar nicht, daß diese den Franzosen so hold gesinnt war.

„Ich hatte vorher den Dienst quittiert,“ sagte Kurt, „ich lebte ganz der Bewirtschaftung meines Gutes und doch empfand ich hinterdrein bittere Reue, daß ich nicht bei Jena oder Auerstädt mitgekämpft. Jena oder Roßbach, Niederlage oder Sieg – es gilt ganz gleich, wenn man nur tapfer im Feuer steht.“

„Was mich betrifft,“ versetzte Friedrich etwas kleinlaut, „so hab’ ich nie den Soldatenrock getragen. Ich war im Ministerium angestellt, und wenn meine Feder müde war, amtliche Berichte zu schreiben, dann warf sie wohl auch Märchen und Gedichte auf das Papier. Die wunderbaren Augen des jungen Ludwig Tieck hatten mir es angethan, ich war ein Genosse dieses Poeten, welcher die mondbeglänzte Zaubernacht, die wundervolle Märchenwelt heraufbeschworen. Dann erkrankte mein Vater und ich mußte wie Kurt ein Landwirt werden. Wie gern hätte ich im Getümmel einer großen Schlacht bei den Fahnen unseres Heeres gestanden! Aber im fernen Ostpreußen, im Bunde mit den Russen zu kämpfen, das ist nicht mein Geschmack.“

Leontine hatte den Bekenntnissen des romantischen jungen Edelmanns aufmerksam zugehört, auch kein Wort von dem verloren, was Kurt über seine Kampfeslust sprach. Jetzt leuchteten ihre Augen mit einem merkwürdigen, fast unheimlichen Glanze, als sie ihr Glas erhob. „Wir sind hier in dieser vom Mondenlicht und von alten Sagen umsponnenen Burg; hier aber lebt vor allem die Erinnerung an ein gewaltiges Weib, ein dämonisches Weib immerhin, das mit einem bösen Fluch behaftet war, aber ein Weib von stolzer Willenskraft, das seine Schönheit, seine Liebe nur dem Mutigsten preisgeben wollte, der um sie den Todesritt wagte über die hohe Mauer rings um die Burg. Und der Ritter viele huldigten der schönen Kunigunde und büßten es mit dem Leben. Giebt es noch Ritter, die zu ähnlichem Dienste entschlossen sind, die opfermutig um meine Gunst werben wollen?“

„Sehen Sie einen solchen Ritter in mir!“ rief Kurt.

„Und auch in mir!“ stimmte Friedrich ein.

„So leeren wir das Glas auf das Andenken der gewaltigen Kunigunde.“

Alle stießen an.

„Nun,“ versetzte Kurt, „wir sollen doch nicht auch über die Mauer reiten?“

„Nein, dergleichen gehört heutzutage in den Cirkus,“ versetzte Leontine, „die Zeiten haben sich geändert; aber auch jetzt darf eine Frau Preise setzen für ihre Gunst, und ihr Herz und ihre Hand so hoch anschlagen, wie es das Burgfräulein gethan, welches den Freiern die herzbeklemmende Wahl ließ: entweder hier oben bei mir den Himmel oder ohne mich dort unten den Höllenschlund! Und Sie beide hier sind nicht nur meine Ritter, Sie sind meine Freier – ich darf in dieser Stunde dem einen das Geheimnis des anderen verraten, es ist die Liebe zu mir!“

Kurt und Friedrich schwiegen nicht ohne Verlegenheit, dann warfen sie aufsehend einander feindliche Blicke zu.

Doch Leontine fuhr fort: „Ich kann wohl sagen, ich achte Sie beide; Ihre Huldigungen schmeicheln mir, ja mehr, sie ehren mich; doch das Zünglein der Wage schwankt in meinem Herzen, ich bekenne es offen! Mir ist die Leidenschaft fremd, die mich blindlings dem Einen und Einzigen in die Arme führt!“

Beide hörten ungläubig zu. Dies Mädchen mit dem Feuerblick sollte keiner leidenschaftlichen Liebe fähig sein?

„Wohl denn, so entscheide der Mut und das Schicksal! Was haben Sie von dem Grafen Götzen gehört?“

„Noch hält er sich tapfer in der Grafschaft,“ versetzte Kurt.

„Er sucht die Festung Glatz zu entsetzen,“ sagte Friedrich, „er greift die französischen Truppen an, welche die Festung umlagern.“

„Wohl denn, ich verlange keinen Ritt um die Mauer, aber doch einen Todesritt – ich verlangs, daß Sie beide, die um meine Hand sich bewerben, sich sofort dem Freikorps des Grafen Götzen anschließen, und demjenigen, der zuerst verwundet aus diesen Kämpfen zurückkehrt, reich’ ich Herz und Hand!“

„Das ist schön,“ rief da Klärchen, „mein Robert kämpft bereits fürs Vaterland.“

„Doch nein,“ meinte Lotte tiefsinnig, „wenn nun beide unverwundet zurückkehren? Man kann doch keiner Kugel befehlen, daß sie trifft.“

„Dann hat das Schicksal sich geweigert, eine Entscheidung zu treffen, sie ist in meine Hand zurückgelegt.“

„Und wenn der eine von beiden den Tod fürs Vaterland stirbt?“

„So gehört ihm mein Angedenken, doch niemals erhält dann der andere meine Hand.“

Es trat eine längere Pause ein, Kurt und Friedrich saßen nachdenklich da.

Dieser kräuselte sich den Bart und hatte den Kopf auf die Hand gestützt; Kurt sprang auf und ging mehrmals auf und ab, mit den Sporen klirrend, dann trat er an den Tisch.

„Sie sind grausam wie Kunigunde. Doch mein Herz gehört Ihnen und Sie dürfen mich auf die Probe setzen. Ich habe mich zu Ihrem Ritter geschworen und ich halte mir selbst diesen Schwur. Im übrigen mahnen Sie mich an eine Pflicht; ich hab’ es schon öfter bei mir erwogen, ob ich mich nicht dem Grafen Götzen, dem ich befreundet hin, anschließen soll – ich schwankte: nun ist’s entschieden um Ihretwillen. Ich glaube an Ihr Wort!“

„Und ich will nicht zurückbleiben,“ versetzte Friedrich. „Ein frischer, fröhlicher Kampf, sei er auch noch so hoffnungslos – das erlöst von den einsamen Träumereien und der Pulverdampf ist auch ein Gewölk, in dem man seine Göttin erblicken kann; die Kugel, die der Feind uns zusendet, kann uns den Tod, sie kann uns das Leben bringen, das höchste Glück der Liebe!“

Leontine erhob sich und reichte einem nach dem andern die Hand.

„So, mit Handschlag besiegl’ ich mein Versprechen und Ihr – die übernommene Pflicht. Es sind des Königs Fahnen, denen Ihr folgt – doch auch mein Fähnlein weht daneben, klein und unscheinbar, doch auch an ihm hängt euer Eid, wie an dem Königsbanner des schwarzen Adlers. Ihr kämpft für euren König, doch um eure Dame.“

Auch Klärchen hatte sich erhoben; ihr war’s feierlich zu Mute, doch auch freudig und hoffnungsreich, denn es traten ja neue glänzende Kämpfer in die Reihen, in denen ihr Geliebter stritt. Lotte aber sah fragend zu ihrer Gebieterin hinüber und erhaschte dabei einen vielsagenden Seitenblick von ihr.

O, wer wie dies stolze Mädchen mit den Männern sein Spiel treiben könnte; wär’s auch noch so sträflich, es müßte eine köstliche Genugthuung sein!

Noch einmal that der feurige Tokayer seine Schuldigkeit; noch einmal klangen die Gläser zusammen, ehe die Gesellschaft zum Aufbruch rüstete. Der Kommandant näherte sich, um zum Abschied die Honneurs zu machen, und der alte Rübezahl erhob sich von der Bank an der Mauer, auf der er geschlummert hatte, und nahm tief den vom feuchten Nebel durchweichten Hut ab. Klärchen war im Begriff, das Vorthor zu schließen, da eilte Leontine noch einmal zu ihr zurück. „Ich komme morgen auf die Burg, ich muß dich sprechen, du mußt mir einen großen Gefallen erweisen – doch jetzt leb’ wohl! Meine Ritter haben’s eilig, es geht in Kampf und Tod, doch zunächst bergab – leb’ wohl, Klärchen!“ Und Leontine eilte leichtbeschwingt den Kavalieren nach, deren Sporen dem Gestein des Felsnestes Funken entlockten.


[158] In Warmbrunn, jenem schlesischen Badeorte, der durch die prächtige Schlußdekoration des Riesengebirges einen großartigen landschaftlichen Hintergrund hat, herrschte damals ein buntes Leben. Verwundete Offiziere und Soldaten, preußische sowohl wie französische, suchten Heilung in den schwefelhaltigen Wassern des Wildbades. Es war ein neutraler Boden, so weit der Bann desselben reichte; mochte man sich in den fernen Bergen herumschlagen, hier im Thal des Zacken herrschte ein friedlicher, gesellschaftlicher Verkehr; es war dieselbe Eintracht, die in Lazaretten herrscht, wo Freund und Feind zusammenliegen. Weiter hinein ins Land aber galt der Franzose als Landesfeind; denn seine Herrschaft über die Provinz war auch nach der Eroberung von Breslau keine unbestrittene.

Ueber das schlechte Pflaster des Städtchens rasselte die schmucke Equipage von Giersdorf; sie hielt beim Beginn des großen Promenadenwegs, in dessen Mitte eine Allee zu den Bänken führte, die eine herrliche Rundschau über die Gebirgswelt gewährten. Eine tiefverschleierte Dame trat aus dem Wagen, sah sich nach allen Seiten um und schlug einen Nebenweg ein, der sich durch buschreiche Anlagen schlängelte. Die Vormittagssonne stand schon ziemlich hoch am Himmel, die Anlagen waren menschenleer; es war die Zeit, wo die Badegäste mit ihrer Kur beschäftigt waren oder sich von den Strapazen derselben in ihren Zimmern erholten. Hier und dort gab es wohl einen Spaziergänger, der die schlanke Dame ins Auge faßte; doch sie zog sich zurück in die dunklen, nach dem Schlosse zu liegenden Parkgänge und setzte sich dort auf die Bank unter einer Traueresche, indem sie ungeduldig einige gefiederte Blätter des herabhängenden Gezweigs pflückte. Dann stand sie wieder auf, ging unruhig hin und her bis zu den Krümmungen des Weges, spähte hinaus und kehrte unbefriedigt wieder zu ihrer Bank zurück. Eine Nachtigall flötete im Gebüsch; wollte der alberne Vogel sie verhöhnen? Er hatte sein sicheres Nest und konnte das Glück der Liebe aus voller Kehle in die Lüfte schmettern; ihre Liebe war heimatlos, und wenn sie ins Gebüsch schlüpfte, fand sie nicht ein sicheres Nest, sondern sie pickte nur die Krumen eines karg zugemessenen Glückes auf!

Noch immer kam er nicht – die Uhr vom Kirchturm hatte schon längst, als Leontine noch im Wagen saß, die bestimmte Stunde geschlagen. Es bedurfte dringlicher Verabredungen.

Der Vater kam an diesem Abend aus Breslau zurück; die geheimen Besuche im Schloßpark von Giersdorf waren dann unmöglich geworden. Schon faßte sie den kühnen Entschluß, den vergeblich Erwarteten in seiner Wohnung aufzusuchen – unter dem dichten Schleier würde sie wohl niemand erkennen. Da endlich rauschte etwas im Laube – stürmisch eilte sie dem Geräusch entgegen. An einem Stocke gehend, wenn auch nur unmerklich lahmend, erschien ein stattlich aussehender junger Mann mit feurigem Blick, schwarzen Haaren, schwarzem Kinn- und Knebelbart, nach seiner ganzen Haltung ein Offizier. Doch solche feurige Südländer kämpften nicht unter den Fahnen des schwarzen Adlers, das war ein Truppenführer aus den Legionen Napoleons. Der Erwartete war es und alles Schmollen war vergessen. Leontine schlug den Schleier zurück, sank an seine Brust und tauschte feurige Küsse mit dem Geliebten.

Hauptmann Edmond de Granville stammte zwar aus dem sonnentrunkenen Weinlande der Provence, und doch war er der deutschen Sprache mächtig; denn seine Mutter war eine Elsässerin und von frühester Kindheit an hatte er deutsch sprechen lernen.

„Du kommst so spät?“ sagte Leontine, ihn auf die Bank zu sich niederziehend.

„Ein Kamerad begleitete mich, ich vermochte nur mit großer Mühe ihn abzuschütteln.“

„Sieh’, Edmond, von morgen ab werde ich kaum allein nach Warmbrunn kommen; da wird mich stets mein Vater begleiten, der heute nach Giersdorf zurückkehrt. Und auch im Parke dort können wir uns nicht mehr treffen. Mein Papa treibt sich rastlos in seiner Wirtschaft herum, durchstreift alle Gänge des Parkes, besichtigt bald diese, bald jene Aecker – vor ihm giebt’s keine Geheimnisse.“

„Und da finden sich wohl auch wieder deine Freier ein?“ versetzte der Kapitän in eifersüchtiger Aufwallung, „der Herr von Rohow und der Herr von Benndorf und wie sie alle heißen, die sich bequem mit dir an den Tisch setzen, während ich draußen in Nacht und Nebel warten muß?“

„Nein,“ sagte Leontine lächelnd, „von diesen Herren habe ich mich zunächst freigemacht.“

„Und wie in aller Welt?“

„Ich habe sie ins Schlachtenfeuer hinaus in die Glatzer Landschaft geschickt – doch das Wie ist und bleibt mein Geheimnis. Kannst du aber glauben, Edmond, dieser langweilige Rohow oder gar der schmachtende Benndorf könnten mir gefährlich werden? Nein, Edmond, ich liebe dich, nur dich – glühend, grenzenlos! An dich will ich mich verlieren, durch dich will ich mich gewinnen, denn nur deine Liebe giebt allem Wert, was ich bin und habe. Wer den Rausch nicht kennt, kennt die Liebe nicht; jetzt leb’ ich, da ich dich habe!“

Und sie umarmte und küßte den Geliebten leidenschaftlich, der sich jetzt nicht mehr mit Zweifeln quälte – das Glück der Gegenwart ließ ihn an die frohen Verheißungen der Zukunft glauben. „Und du entführst mich in deine Provence, vielleicht noch ehe der Frieden geschlossen ist! Du bist noch nicht ganz wieder kampffähig, man wird dich beurlauben.“

„Möglich – vielleicht ein Gesuch beim Prinzen Jerome, bei dem ich einen Stein im Brett habe.“

„O, das hab’ ich in Breslau wohl gemerkt, schon am ersten Abend, als wir uns bei seinem Ballfeste sahen. Er unterhielt sich oft mit dir und war recht ,lustik’ – sein Lieblingswort aus unserer Sprache, ich glaube, das einzige, das in seinem Gedächtnis haften geblieben ist neben einigen Mädchennamen, die er nur verstümmelt herausbringt. Doch es war ein schöner Festabend – mir unvergeßlich! Die armen Breslauerinnen, die eingeladen waren, Ratsfrauen und Ratstöchter von den entzückenden Ufern der Ohle, wie kleinstädtisch in dem Gewühl der weltstädtischen Frauen aus Paris, welche in jeder Miene und Bewegung den Stolz zeigten, der großen Nation anzugehören! Und auch wir aus der Provinz, die wir mit alten Wappenschildern Staat machen können, als Kinder schon in unserem Ahnensaal Federball gespielt haben – wir konnten nicht aufkommen gegen diesen Pariser Glanz und den Stolz dieser sich so frei bewegenden Schönheiten, welche Siegerinnen wären auch ohne den Sieg eurer Waffen!“

„Nun, Leontine,“ versetzte der Offizier mit aufrichtiger Bewunderung, „du kannst es aufnehmen mit allen Damen aus dem Hofstaate Jeromes, deren Schönheit doch meist an den Toilettentischen fabriziert wird. Bei dir ist alles Natur, du würdest auch schön sein wie Virginie auf einer einsamen Insel, jene alle würden dort niemals einen Paul finden!“

„Wenn ich für dich schön bin, so bin ich glücklich! Noch sehe ich dich dort im Hatzfeldschen Palais am Fenster stehen, bald hinausblickend in die Nacht, bald das bunte Getümmel mit gleichgültigen Blicken streifend. Du schienst mir so einsam, so stolz, es zog mich unwillkürlich in deine Nähe. Und auch du bemerktest mich; ein Adjutant Jeromes stellte dich mir vor; da verschwand vor meinen Augen die ganze glänzende Gesellschaft – auch der junge Prinz, der vorher an mir Gefallen gefunden und mich mit dem Sprühfeuer seiner Augen überschüttet hatte. Etwas wie Eitelkeit regte sich in mir – das war ein kleinlich Gefühl; ich fühlte nur, daß meine Mitschwestern mich um diese Auszeichnung beneideten. Doch als ich mit dir sprach, da war ich nicht eitel, sondern stolz, es war ein Gefühl, das meine Brust hob, wie ich es noch nie gekannt. Da gingen die andern gleichgültig vorüber, und doch hätten sie gerade da mich beneiden können. Das Licht dieses Abends strahlte in all die Träume meiner Nächte – du warst und bleibst ihr Held!“

„Und auch ich,“ sagte Edmond, „hatte keine Rast, bis wir uns wiedergesehen. Was dazwischen lag, war eitel Jammer, und da fühlt’ ich nichts als den Schmerz einer noch nicht ganz geheilten Wunde. Wie freut’ ich mich auf jede neue Einladung Jeromes! Die Feste drängten sich, ich brauchte nicht lange zu warten; wir fanden stille Plätzchen in den Fensternischen, in den Seitengemächern, und wie schön waren die Begegnungen am Scheitenicher Park! Und nun kommt dein Vater?“

„Er haßt die Franzosen, so oft er auch gute Miene zum bösen Spiel macht und die militärischen Würdenträger mit freundlicher Ergebenheit begrüßt.“

[159] „Wir müssen uns dennoch zu treffen suchen.“

„Ja, Edmond! Ich habe lange über alles nachgedacht. Hier können wir uns nicht sehen, auch nicht in Giersdorf, aber ich weiß einen dritten Ort, wo wir uns treffen können.“

„Und dieser Ort?“

„Die alte Burg Kynast. Mein Vater klettert dort nicht hinauf, das ist ihm zu unbequem, aber mir und meiner Begleiterin erlaubt er, so oft wir wünschen, den Waldberg hinaufzusteigen, den die alte Burgruine krönt. Der Arzt hat mir’s verordnet. Der gute Arzt, wir können jetzt das Rezept brauchen.“

„Und deine Begleiterin?“

„Lottchen ist schweigsam, das weißt du ja; wenn sie nur in aller Ruhe ihren Chartreuse trinken kann, so sitzt sie auch allein am Trompetertischchen und sieht und hört nichts.“

„Und oben die Leute?“

„Die Tochter des Kastellans ist eine Freundin von mir; die muß ich mit ins Geheimnis ziehen und das soll noch heute geschehen. Die alte Burg hat mehrere Höfe und allerlei Verstecke, ein Turmzimmer unten an der Treppe, die zur Zinne in die Höhe führt, und andere verfallene, aber doch zugängliche Räume. Unbequemen Spähern läßt sich da leicht aus dem Wege gehen. Nur daß du französischer Offizier bist, verschweigen wir lieber – sie ist ein deutsches Mädchen von der schwärmerischen Sorte, welche durch anders angestrichene Grenzpfähle aus dem Häuschen gebracht wird. Sei du ein Deutscher aus dem Süden, durch die Kriegswirren hier ins Land verschlagen, vielleicht ein Arzt oder ein Schriftsteller, der die Chronik dieser Tage schreibt, oder noch besser ein Maler.“

Der Franzose erhob sich und gab nur noch leise seine Zustimmung.

„Da kommen schon wieder einige gelangweilte Badegäste,“ fuhr er fort, „welche Stoff suchen für den Kaffeeklatsch. Nimm den Schleier vor – da kommt der Wirtschaftsinspektor vom Schloß; er tröstet die Herrschaft über jede Mißernte mit allerliebsten Histörchen aus dem Badeleben. Ich möchte ihm nicht Ersatz geben für sein verregnetes Heu. Ich bin sehr gern bereit, Warmbrunn überhaupt zu verlassen; meine Badekur ist beendet; ich bedarf nur noch einer Luftkur, und da kann ich den Bergen, dem Kynast und dir näher ziehen, wenn ich nach Hermsdorf übersiedle; dort erreicht mich leicht jeder Brief, jeder Bote, und den Berg zu ersteigen ist mir, mag es mir anfangs schwer fallen, auch eine stärkende Uebung.“

Leontine hatte sich erhoben, wie der Offizier. Beide schritten scheinbar gleichgültig nebeneinander her. Jetzt nickte das Fräulein lebhaft.

„Wohl, du giebst mir deine Wohnung an und ich werde noch heute nachmittag auf die Burg hinaufeilen, ehe der Vater kommt. Hier wird’s in der That belebt in den Schattengängen und es ist das beste, daß ich nach Hause fahre, ehe die hungrige Langeweile vor dem Mittagsessen uns auf Weg und Steg anglotzt. Auf Wiedersehen im Gespensterschloß der schönen Kunigunde!“


Klärchen Röger war in großer Aufregung und mit eigenen kühnen Plänen beschäftigt. Ein Gespräch mit dem alten Rübezahl hatte sie in eine fieberhafte Unruhe versetzt. Einige Andeutungen über die Pläne der preußischen Freischaren, welche der Bergführer dem Vater gemacht, raubten ihr den Schlummer, und als sie in die Mondnacht hinauseilte, sah sie auf dem Platze vor der Burg den alten Mann sitzen, nachdenklich den Kopf in die Hände gestützt. Da der Vater schlief, konnte sie ungestört mit ihm sprechen.

Rübezahl blickte auf; über seine Züge glitt’s wie stille Wehmut, als er das reizende Kind, das ein leichtes Gewand lässig übergeworfen, in seiner unbefangenen frischquellenden Schönheit vor sich sah. Lebendiger als je wurde ihm die Erinnerung an seine Tochter und er vergaß fast, Klärchen zu fragen, was sie zu ihm führe zu so ungewöhnlicher Stunde.

„Ihr müßt mir alles erzählen, Rübezahl,“ sagte sie, „werden die Freischaren drüben bald aufbrechen?“

„Das wird von den Befehlen des Grafen Götzen abhängen. Ich erwarte morgen früh einen alten Kameraden, welcher mir aus der Grafschaft Briefe übergeben wird, die ich dann selbst weiter nach Schreiberhau befördere. Um die Aufmerksamkeit des Feindes zu täuschen, lösen wir Boten uns an bestimmten Stationen ab.“

„Und Ihr geht morgen wieder zu den Freischaren zurück?“

„Sobald ich in Glatz die Depeschen habe.“

Klärchen schwieg einen Augenblick.

„Es werden sich zwar Soldaten und Rekruten auf unserer Burg einquartieren,“ sagte sie dann, „doch wer bürgt mir dafür, daß Robert bei ihnen sein wird?“

„Das kann ich freilich nicht verbürgen, er wird es jedenfalls durchzusetzen suchen.“

„Doch wenn es ihm nicht gelingt – o, es giebt mir einen Stich ins Herz – dann rückt er fort mit den andern Truppen und ich werde ihn niemals, niemals wiedersehn!“

„Doch wie soll ich helfen, Kind?“

„O, ich wüßt’ es schon, ich hab’ einen Plan und mir ist auf einmal so wohl zu Mute, so selig, wenn ich mir’s ausmale, wie ich ihn wiedersehe!“

„Du meinst –“

„Doch es ist nicht der gerade Weg – und das erschreckt mich, ich müßte den Vater täuschen und das fällt mir schwer aufs Herz. Und dann weiß ich auch nicht, Papa Rübezahl, ob Ihr einwilligt. Das ist in meinem Kopfe ein Gedränge von allerlei Gedanken, mir ist ganz wirr zu Mute!“

„Sag’ nur gerade heraus, was du denkst! Bei mir ist alles gut aufgehoben und so gut verborgen in meinem Kopfe wie die Depeschen in meinen Stiefeln.“

„Ach, Papa Rübezahl, ich möchte Euch gern morgen nach Schreiberhau begleiten.“

„Kann ich mir schon gefallen lassen – aber ...“

„Ja, der Vater –“

„Er wird davon nichts wissen wollen.“

„Er darf auch davon nichts wissen und da hab’ ich mir etwas recht Spitzbübisches ausgedacht. Vater wollte mich für zwei Tage aufs Schloß hinunterschicken in unsere Wohnung, damit ich dort Einkäufe von Proviant für die Burg mache. Nun denn, ich werde das in zwei Stunden besorgen und wandere dann mit Euch nach Schreiberhau, wenn Ihr mich mitnehmt, Papa Rübezahl! Der Vater wird kaum etwas davon merken und hinterdrein bin ich auch im schlimmsten Fall auf ein kleines Donnerwetter gefaßt. Das schadet nicht, nach so viel Sonnenschein, der das Herz erquickt hat.“

„Dein Vater weiß noch nichts von deiner Liebe?“

„Er hat andere Pläne mit mir. Der dicke Sohn des Schulzen drunten in Hermsdorf, den soll ich heiraten, weil er der Erbe eines schönen, großen Gutes ist. Der unglückliche Christoph liebt mich, doch wenn er mich mit seinen Anträgen verfolgt, da möchte ich immer weit in die Berge fliehen, denn ich habe einen Abscheu vor ihm. Der Vater aber denkt anders. Der arme Robert dürfte jetzt nicht bei ihm anklopfen. Doch wir zwei haben Geduld und warten auf bessere Zeiten. Wenn wir dem Vater erst einen Kirchturm zeigen, unter dem Roberts Pfarrhaus steht, da wird er schon Respekt bekommen, denn er ist kein Heide.“

„Gut denn,“ sagte der Alte kopfschüttelnd, „eine Verantwortung für deine Hinterlisten und Abenteuer kann ich nicht übernehmen; besser hättest du gethan, mir das alles zu verschweigen. Doch begleiten darfst du mich und in meinem Schutze wirst du sicher sein.“

„Ich danke Euch, Papa Rübezahl,“ sagte sie, ihm herzlich die Hand schüttelnd, „und wann soll ich mich rüsten?“

„Der andere Bote wird bis morgen mittag hier sein, dann können wir uns bald auf den Weg machen; du gehst einige Zeit voraus, um in Hermsdorf alles zu besorgen.“

Klärchen war in einem seligen Rausch; sie merkte gar nicht, daß der kühle Nachtwind sie anfröstelte unter ihrer leichten Bekleidung. Sie hätte den Mondschein mit Händen greifen und ihn überall ausstreuen mögen, wo tiefer, schwerer Schatten lag, daß die ganze Welt so freudig hell würde wie ihr eigenes Herz. Und die schönsten Träume brachte sie mit hinter den Verschlag, wo ihr Lager war, und ob sie wachte oder schlummerte, sie wußte es kaum: es waren dieselben entzückenden Bilder, die vor ihrer Seele gaukelten.

Am nächsten Mittag kam der Bote; es war ein junger kräftiger Bergführer; in einem Winkel des alten Burggemäuers gab er dem würdigen Rübezahl seine Briefe. Sogleich rüstete sich Klärchen zur Wanderschaft. Doch sie hatte kaum das vordere [160] Burgthor hinter sich, als ihr Leontine, die steilen Wege hastig heransteigend, atemlos entgegen kam.

„Ich muß dich sprechen, Klärchen.“

„So muß es hier auf dem Wege sein, denn ich habe Eile.“

„Einen Augenblick nur laß uns dort auf der Bank ruhen; ich habe dir etwas zu erzählen, ein Geständnis zu machen, und dazu muß ich mir ein Herz fassen und vor allem erst zu Atem kommen.“

Klärchen war nicht ohne Neugier, die Beichte der vornehmen Freundin zu hören, und so folgte sie ihr halb widerwillig, halb gespannt auf den Seitenpfad, der zu dem schönen Aussichtspunkte führte.

„Du hast solche Eile – das ist mir sehr unangenehm,“ sagte Leontine, „es handelt sich um Herzenssachen und die kann man nicht so aus dem Aermel schütteln; da kommt eins nach dem andern und man braucht Zeit, um alles richtig zu erzählen. Doch ich will mich kurz fassen,“ fuhr Leontine fort, als sie auf der Bank Platz genommen hatte. „Ich liebe.“

„Jenen Kurt von Rohow, den du in den Krieg schicktest?“

„O, nein!“

„Dann den anderen, den schwärmerischen Friedrich?“

„Nein, auch ihn nicht!“

„So treibst du ein Spiel mit ihnen?“

„Ein Spiel, wenn ich die müßigen Herren zum Kampfe fürs Vaterland mobil machte? Es gilt unter Männern doch einmal für Ehrensache, dafür zu kämpfen, und junge Edelleute dürfen nicht zu Hause sitzen, wenn’s in den Bergen knallt. Jagd oder Krieg, es ist einmal ihr Vorrecht; sie gehen ja immer mit der Flinte herum wie die Briganten in den Abruzzen und der Krieg ist wenigstens eine Abwechslung; ich aber bin sie so auf bequeme Art losgeworden.“

„Das ist unrecht, Leontine!“

„Unrecht? Ich setzte mich zur Wehr gegen ihre Raubgier. Was gelt’ ich ihnen? Sie wollen nichts als mein Geld, mein Hab’ und Gut! O, die Liebe ist anders! Der Mann, den ich liebe, er ist nicht hier im Lande geboren; er weiß nicht, ob ich arm oder reich bin; er selbst aber hat keinen Besitz, weder hier noch anderswo; er kann meinem Vater nicht genehm sein, der für mich einen reichen und vornehmen Freier wünscht.“

„O, das versteh’ ich, eine heimliche Liebe, die sich verbergen muß.“

„Und dazu eben brauche ich deine Hilfe. Noch heute abend kehrt mein Vater von Breslau zurück; Begegnungen mit dem Geliebten in unserem Giersdorfer Park sind dann ausgeschlossen; mein Vater ist ein unruhiger Gutsherr, er ist eben überall, ehe man sich’s versieht. Und deshalb gerade will ich deine Hilfe in Anspruch nehmen. Hier auf die Burg zu kommen in Begleitung meiner Lotte, erlaubt der Vater gern! Das ist der Ort, wo wir uns treffen können, wenn du unser Schutzengel sein willst. Es giebt ja noch Räume im alten Gemäuer, zu denen du die Schlüssel hast, oder wir flüchten uns in einen der Höfe und Zwinger und du warnst uns, wenn lästige Gesellschaft kommt. Vor allem aber bist du verschwiegen wie das Grab und unterhältst die dicke Lotte, wenn sie sich allein zu langweilen anfängt!“

„Das alles ist mir peinlich; ich seh’s voraus: ich muß den Vater täuschen und seine Wachsamkeit hintergehen. Und dazu kann ich mich nur schwer entschließen.“

„Du weigerst dich also?“

„Ich würde mich weigern,“ versetzte Klärchen, „wenn nicht das Eine wäre.“

Und nun brach sie in Thränen aus und Schluchzen und sank der Freundin ans Herz.

„Das Eine?“

„Ja, daß ich so ganz mit dir fühlen kann. Denn auch mir brennt’s heiß im Herzen, ein heimlich Lieben, das ich vor dem Vater verbergen muß. Wie könnte ich dich anklagen, da ich selber schuldig bin!“

„Und so bist du bereit, meinen Wunsch zu erfüllen?“

„Ich werd’s übers Herz bringen wie vieles andere, das mir noch schwerer fällt, doch in den nächsten zwei Tagen ist es unmöglich.“

„Unmöglich?“ rief Leontine, teils erschreckt, teils ärgerlich, auf ein unerwartetes Hindernis zu stoßen. Ihren Wünschen mußte sich alles fügen, sie war gewohnt zu befehlen.

„Auch ich muß dir ein Geständnis machen,“ versetzte Klärchen errötend, „ich will auf zwei Tage nach Schreiberhau. Dort weilt der, dem mein Herz gehört, und auch ich muß das hinter dem Rücken meines Vaters thun.“

„Das ist sehr unrecht von dir,“ sagte Leontine heftig und unüberlegt.

„Und du, Leontine?“

„Das ist etwas anderes. Du bist noch ein halbes Kind; ich bin selbständig, gewohnt, mich frei in der Welt zu bewegen. Du bist immer geführt worden und kannst fallen, wenn du deine eigenen Wege gehen willst! Ich warne dich, Klärchen!“

„Du warnst mich nur, weil es dir jetzt nicht paßt, daß ich die Burg verlasse.“

„Und wenn’s auch so wäre,“ versetzte Leontine, mit dem Fuße aufstampfend, „ich habe einmal keine Geduld, und so lange ihn nicht wiederzusehen, es bringt mich um!“

Leontine erhob sich heftig und warf der Freundin einen sehr bösen Blick zu. Doch es war alles vergeblich, Klärchen zuckte nur leise mit den Achseln.

„Mag es denn sein,“ sagte das Schloßfräulein, indem es vor Klärchen stehen blieb und sie mit überlegenem Lächeln ansah, „wie konnte ich denn annehmen, daß du kleines Ding auch solche Geheimnisse hast? Sieh, sieh – das bescheidene Mauerblümchen vom Kynast, ich hatte ordentlich Respekt vor deiner Unschuld! Nun, wir sind allzumal schwache Geschöpfe. Darf ich also wenigstens auf dich rechnen, wenn du zurückgekehrt bist?“

„Rechne auf meine Freundschaft,“ sagte Klärchen.

Leontine drückte ihr die Hand.

Schweigend schritten die beiden Mädchen die Waldwege des Burgbergs hernieder.

[178] Es war ein schwüler Nachmittag, als Klärchen sich mit dem alten Bergführer auf den Weg nach Schreiberhau machte. Ein für die Jahreszeit ungewöhnlicher Sonnenbrand lag drückend auf dem weiten Thalkessel, doch Klärchen war trotz der Schwüle frisch und frohen Mutes. Die vom Vater gewünschten Besorgungen hatte sie in aller Eile meistens selbst gemacht, die übrigen einer Freundin überlassen und so ging sie leichten Herzens dem längst ersehnten Wiedersehen entgegen.

Der Bergführer plauderte mit Behagen, ihm war so wohl zu Mute. Das Mädchen an seiner Seite erinnerte ihn lebhaft an seine unglückliche Tochter, doch die Wehmut, welche diese Erinnerung zunächst hervorrief, war längst dem Wohlgefühl einer willkommenen Täuschung gewichen; ihm war, als schritte das eigene Kind neben ihm her, so lieblich wie in früheren längst verschwundenen Tagen. Sie lenkten in das Thal des Zacken ein, der frisch aus den Bergen kam und einen erquickenden Hauch in der lastenden Schwüle verbreitete. Ueber die Felsensteine schäumten die Wogen mit lustigem Rauschen und die Forellen glitten auf ihnen thalwärts oder versteckten sich hinter den kleinen granitnen Wasserburgen, welche einzelne von der Flut herangespülte Gesteine bildeten, vor den Listen der Fischer.

Jetzt öffnete sich das Thal zur Linken und gewährte einen freien Ausblick auf den Kamm des Gebirges, wo jäh von den Schneegruben hinab sich die basaltenen Säulen senken. Oben über den Bauden hing ein blaugraues Wölkchen, das sich wachsend ins Blaue dehnte. Wieder schoben sich Bergcoulissen vor und verdeckten den hohen kahlen Kamm, wieder steigerte sich die Hitze in der eng zusammengepreßten Schlucht. Die Wanderer ruhten auf einem Felsvorsprung aus. Durch die Tannen und Fichten auf beiden Seiten des Thals ging ein Rauschen, man wußte nicht, woher es kam, es war, als wollte der Wald die Hitze von sich abschütteln, als regte sich sein Gezweig ahnungsvoll in der Hoffnung einer kommenden Erquickung.

Lange Zeit waren die beiden weiter geschritten. Abermals traten die Bergwände auf der Linken zurück, doch wie anders war jetzt der Blick auf die Höhen des Kammes! Sie hatten sich in Rübezahls Mantel gehüllt, dichte Wolken bedeckten sie und schon grollte der Alte vom Berge aus ihnen hervor mit leisem Donner.

Sie waren dort angekommen, wo der kleine Kochel nach einem Fall vom Felsen in die Arme des Zacken stürzt, der ihn mit hinabnimmt in die Ebene. Schon war der ganze Himmel schwarz umzogen; voller flutete der Zacken; hoch oben auf den Bergen mußten sich ihm schon die Quellen des Himmels erschlossen haben, welche die Bäche und Flüsse der Erde speisen. Nun rollte auch der Donner zu Häupten der Wanderer, warf ins Thal seinen schmetternden Gruß und das Echo kam herüber von den Nachbarthälern – es schien nur eine nicht verhallende Stimme zu sein, mit welcher der Berggeist seinen Zorn verkündete. Die Blitze jagten wie Spielgenossen übermütig hin und her, bald hier, bald da das Gewölk zerreißend und die seltsamen Felsgestalten, die am Wege standen, mit Glühlicht übergießend. Klärchen schmiegte sich erschrocken an ihren Begleiter, wenn der Blitz dicht vor ihnen in die Erde zu fahren schien und fast in demselben Augenblicke der schadenfrohe Donner über den Schrecken jubelte, den sie vereint den Wanderern einjagten. Und schon loderte eine helle Fackel aus der Waldnacht hervor; der Blitz hatte eine Riesentanne getroffen, die knisternd ihre Funkensaat weithin streute und vom hohen Hang in das Thal herniederleuchtete. Nun warf aber auch das Gewölk seine Güsse hernieder und die Wanderer sahen sich nach einer Zuflucht um.

Da stand eine Hütte am Wege und sie traten unter das schützende Dach. Ein alter Mann lag auf der Holzbank und erhob sich mühsam; er wollte sein Weib rufen, damit es für die Gäste sorge; sie sei jung und rüstig, aber sie fürchte sich vor dem Gewitter; deshalb weile sie nebenan im Kuhstall, wo man die Blitze nicht sehe. Die Fremden seien gern gesehen, sie möchten sich nur auf die Bank am Kachelofen setzen, seine Frau werde für einen guten Trunk Milch sorgen. Er hoffe sie schon hervorzuholen.

Der Alte schritt durch die Stallthür, welche in traulichster Weise den Verkehr zwischen den Vernunftlosen und vernunftbegabten Geschöpfen vermittelte. Draußen goß der Regen nieder in schweren Fluten; mit unheimlicher Wucht, mit Hagelkörnern vermischt, prasselte er auf das Dach hernieder, das sich in eine große Traufe verwandelte; der Blitz zuckte durch die schmalen Fensterscheiben und der Donner grollte fort und fort in den Bergen.

Klärchen begann auf einmal zu weinen und zu schluchzen, der alte Bergführer suchte sie zu trösten und streichelte ihr zärtlich das Köpfchen, das sie wie hilfesuchend an seine Brust legte. „Was ist dir, Kind? Du warst ja erst noch so munter, so glücklich, als wir zusammen des Weges zogen?“

„Ich weiß nicht, wie mir zu Mute ist. Das schreckliche Unwetter draußen ist schuld; es kommt auf einmal so über mich, wie verlassen und einsam ich in der Welt bin.“

„Und dein Robert?“

„Das ist es eben! – Wann wird er der meine werden? Sieh die Blitze draußen: keiner, der vom Himmel kommt, wird ihn töten, doch da blitzt’s in der Schlacht, da donnert’s, und die tödliche Kugel kommt geflogen!“

„Es sterben nicht alle, die in den Krieg ziehen; die meisten kehren gesund und unversehrt heim.“

„Und wenn er zurückkehrt – wo bleibt meines Vaters Segen? O, Rübezahl – Ihr seid mir stets wie ein Vater gewesen, in langen Jahren, seitdem Euch der Weg nach unserer Burg führte; zu Euch hab’ ich so viel Vertrauen! Euch könnt’ ich alles sagen.“

„Und es ist gut bei mir aufgehoben!“

„Meine Mutter ist früh gestorben, wie Ihr wißt; ich kannte sie kaum. Der Vater hat viel für mich gethan, ich muß es ja dankbar anerkennen; doch er ist schroff und streng und hat kein rechtes Herz für mich. Er will mein Glück machen, wie er sich’s denkt, doch womöglich so, daß es auch ihm Nutzen bringt. Wenn ich den reichen Bauernsohn heirate, so kommt das unserer Wirtschaft auf der Burg zu gute. Da strömen uns alle Lebensmittel für die Gäste in reichem Maße umsonst zu. Von Jahr zu Jahr wird Vater weniger zärtlich gegen mich; oft scheint es mir, als falle ich ihm zur Last, als sänne er nur darauf, mich mit Vorteil loszuschlagen; Gott verzeih’ mir’s, ich bin nicht undankbar, ich will ihn nicht anschwärzen; doch er wird unerbittlich sein, wenn ich meinem Herzen folgen will und dies seine Pläne durchkreuzt!“

Klärchen brach in lautes Schluchzen aus. Der alte Bergführer saß nachdenklich auf seinen Stab gestützt; er sah mit einem warmen Blick des Mitleids auf das Mädchen, doch er sprach kein Wort, um sie zu trösten; er sah wohl ein, daß sie recht hatte mit ihren Klagen.

Die Sintflut draußen hatte inzwischen nachgelassen, es war kein die Wasser anschwellender Wolkenbruch gewesen. Die Blitze wurden matter und seltener, der Donner grollte leiser hinter den Bergen. Da trat nun auch aus der Stallthür das Ehepaar hervor, die Frau, halb widerwillig von dem alten Manne vorgeschoben; sie hielt sich noch ängstlich die Hand vor die Augen, vom gelblichen Schimmer eines verspäteten Blitzes geblendet. Dann kam sie näher mit einem freundlichen Gruß; sie werde gleich ein paar Gläser Milch bringen, sie habe nur zuvor den Fremden Guten Tag sagen wollen. Dem alten Bergführer reichte sie die Hand; als sie vor Klärchen hintrat, erhellte abermals ein plötzlicher Blitz den dunklen Raum. Die Frau fuhr erschrocken zurück, doch es war diesmal nicht der Blitz, der sie erschreckt hatte. „Jesus Maria,“ rief sie aus, „die Toten stehen auf!“

Verwundert schauten alle auf die Frau, welche kreidebleich geworden war und sich an einer vorspringenden Ecke des Kachelofens festhielt.

„Das ist sie, ganz wie sie war, nur frischer und gesunder!“

Klärchen horchte gespannt auf, noch mehr der alte Rübezahl.

„Eine Aehnlichkeit, welche Aehnlichkeit? Reden Sie doch,“ sagte er ungeduldig.

„Ich weiß nicht, ob ich darf! Versprochen hab’ ich zu schweigen, doch auch der andere hat sein Versprechen nicht gehalten.“

„So sprich nur, Veronika,“ sagte der Alte, der wieder zusammengesunken auf der Ofenbank saß; „das Schweigen hat [179] dir nicht das Gold gebracht, das du erwarten durftest; vielleicht bringt das Reden Gold ein und das ist doch die Hauptsache.“

„Gold gewiß nicht,“ sagte sie, auf den Bergführer und das Mädchen einen fast verächtlichen Blick werfend. „Doch ich rede jetzt gern, schon weil’s den andern ärgern muß!“

Rübezahl faßte sie an den Armen und zog sie an sich heran wie ein Kind, dem man seine Macht zeigen, das man willfährig machen will. „Wer sind Sie? Was wissen Sie? So reden Sie, sprechen Sie doch!“

„Was kommt Ihnen bei?“ rief sie, sich losreißend, „es ist meine Sach’, ob ich reden oder schweigen will! Sie sind kein Beichtvater, alter Mann, und ich hab’ Ihnen nichts zu bekennen; auch ist keine Sünd’ von mir dabei, und werden’s noch einmal zudringlich, so bleib’ ich stockstumm, so wahr ich Veronika heiße.“

„Recht hat sie, die Frau,“ sagte Rübezahl zu Klärchen. „Doch die Aehnlichkeit – die Aehnlichkeit, das packt mich so, daß ich nicht weiß, was ich thue und sage. Ich bitte, sprechen Sie, Frau Veronika!“

„So aber bin ich nicht,“ brach diese ab, „daß ich Sie hier dursten lasse – einen Augenblick!“

Sie eilte in den Stall und kam bald mit der Milch zurück, welche sie den Gästen vorsetzte. Dem erregten Bergführer dünkte die kleine Pause eine Ewigkeit. Endlich begann sie: „Es wird etwa zwanzig Jahre her sein, als zu uns – ich wohnte damals in Flinsberg mit meiner Großmutter – ein Berliner Kavalier mit seiner Frau kam. Ob sie ihm rechtens angetraut war, weiß ich noch heute nicht. Es war ein schmucker Kavalier, wie sie selten in unsere Berge kommen. Dieser kannte sie, er war mehrfach über dieselben gewandert; es habe ihn stets erquickt, sagte er, wenn der Berliner Hofdienst ihn ermüdet habe. Die Frau aber stammte aus dem Gebirge, dem Aupathal, und erzählte uns oft von den Riesenbergen, die dort oben sich gegenüberständen wie zwei hohe Burgen des Berggeistes. Der Kavalier mußte zurück zum Großen Friedrich, von dessen Krückstock und Schnupftabaksdose er uns viel erzählte, wie von seinen großen Augen, welche die Leute noch immer mit so durchbohrenden Blicken ansahen, daß man’s nicht aushalten konnte. Der mußte schon ein reines Gewissen haben, dem dieser Blick nicht klaftertief in die Seele ging. Nun, bei dem Herrn hat’s damit wohl schlimm genug ausgesehen! Er gab uns sein Weib, das leidend war, in Pflege und zahlte uns im voraus eine ansehnliche Summe; dann verschwand er nach einem sehr rührenden Abschied; er verschwand, um nicht wieder zu kommen. Anfangs kamen wohl Briefe an seine Frau, doch auch dies hörte allmählich auf. Diese ward immer schwermütiger, immer kränker, sie genas eines Mägdleins und drei Tage darauf starb sie. Uns blieb das Kind zurück und noch eine kleine Geldsumme, um einige Zeit für dasselbe zu sorgen.“

„Und in welchem Jahre begab sich dies?“ fragte Rübezahl mit vor Aufregung zitternder Stimme.

„Im Jahre 1786,“ versetzte Veronika.

„Und das Mädchen stammte wirklich aus dem Aupathal?“

„So hat sie uns erzählt.“

„Weiter, weiter!“ rief der Bergführer.

„Ein Zufall kam uns zu Hilfe in unserer Not, denn wie sollten wir auf lange Jahre hinaus für das arme Kindlein sorgen? Ein Beamter der Schaffgotsch’schen Güter kam nach Greifenberg, das ja auch dem Grafen gehört, und auch nach Flinsberg führten ihn seine Geschäfte. Die Geschichte von dem Berliner Kavalier und dem zurückgelassenen Kinde kam ihm zu Ohren und zu unserem größten Erstaunen trat er eines Tags bei uns ein. Er lebte seit Jahren mit seiner Frau in kinderloser Ehe und beide hegten schon längst den Wunsch, ein Kind zu adoptieren, am liebsten eine Waise, um sich lästige Abmachungen mit den Eltern zu ersparen. Aus einem Briefe, den wir bei der Frau gefunden, sahen wir, daß der Vater des Kindes nichts mehr von ihr und von dem Kinde wissen wollte; er hoffe, hieß es darin, daß sie sich allein durchschlagen werde mit ihrer Hände Arbeit, nur wenn sie in hoffnungslose Not gerate, solle sie sich noch einmal an ihn wenden. Der Brief hatte keine Unterschrift und auch uns war der Name des Kavaliers immer verschwiegen worden. Wir weigerten uns nicht, dem Manne das Kind zu überlassen; er bot uns eine nicht unbeträchtliche Summe dafür, er nannte uns auch seinen Namen; doch es war ein falscher Name, denn wir haben später nie erfahren können, daß ein solcher Beamter sich in gräflich Schaffgotsch’schen Diensten befände. Es kümmerte uns auch weiter nicht, denn er hielt sein Versprechen; er ließ das Kind abholen durch eine zuverlässige Magd, schickte uns das Geld und das war ausreichend, daß ich dem Manne hier begehrenswert erschien. Er hatte damals ein hübsches Bauerngut. Doch das ging verloren in schlimmen Zeitläufen und was davon übriggeblieben ist – das sehen Sie hier.“

„Doch worüber erstauntet, worüber erschrakt Ihr so, als Ihr dies Mädchen saht?“ fragte Rübezahl mit einer von Thränen erstickten Stimme.

„Nun, jene Frau stand vor mir, nicht wie sie zuletzt war, elendiglich dem Tode entgegensehend, nein, so wie sie zu uns kam. Hätte mir die Jungfrau Maria einen schönen Traum geschenkt, so – nicht anders würde ich sie wiedergesehen haben, die arme Frau, die so schön war, als sie zu uns kam, und die so früh von uns ging. In Flinsberg haben wir sie begraben und weiße Rosen auf ihr Grab gepflanzt.“

„O Gott,“ seufzte der Alte, die Hände faltend, „es war meine Tochter, und so mußte sie untergehen! Ich danke Euch was Ihr für sie gethan von Herzen, wie ein armer Mann nur danken kann, der nichts hat als Thränen und einen warmen Händedruck. Doch noch mehr danke ich Euch, daß Ihr für das verlorene Kleinod mich ein anderes finden ließet – eine andere Tochter, der Mutter Abbild!“

Klärchen wußte nicht, wie ihr geschah, so rasch kam das alles über sie. Das war ja wie ein Märchen, das man am Spinnrad erzählt, und sie selbst sollte es sein, mit der sich so Wunderbares begeben? Sie mußte sich erst zurechtfinden, ob sie träume oder wache. Doch als Rübezahl seine Arme öffnete, um sie ans Herz zu schließen, da fühlte sie, daß sie einen neuen Vater gefunden, und schluchzend lag sie an seiner Brust.

Den Bewohnern der Hütte aber erzählte der Alte, daß er in jenem Jahre seine Tochter verloren, die aus der Schneegrubenbaude mit einem Fremden davongegangen sei zu unsäglichem Herzleid für ihn selbst und sein Weib. Es sei kein Zweifel mehr, in Klärchen umarme er sein Enkelkind! Und zärtlich streichelte er des Mädchens einfach gescheiteltes Haupthaar und drückte ihr einen Kuß auf Stirn und Lippen.

Das Gewitter hatte sich indes ganz verzogen, der Bergführer und Klärchen rüsteten sich zum Weitergehen.

„Jener Beamte hatte mir versprochen,“ sagte Veronika, „mir Auskunft zu erteilen, was aus dem Kinde geworden und ob er es in allen Formen Rechtens an Kindesstatt angenommen, doch hab’ ich nie eine Zeile, ein Wort von ihm erhalten.“

„Das ist alles in Ordnung, liebe Frau,“ versetzte der Bergführer; „dafür aber werde ich sorgen, daß er Ihnen noch jetzt schreibt mit seiner Namensunterschrift. Das lassen Sie meine Sorge sein – damit will ich danken für die freundliche Aufnahme.“

Draußen war alles erquickt durch das Gewitter und die Regenflut; noch rauschten die Wälder an den Berglehnen, ein verspäteter Wind schüttelte die Tropfen von den Bäumen auf die Waldblumen, die zu ihren Füßen blühten.

„Und so,“ sagte Klärchen, „hätte mein Vater kein Recht auf diesen Namen, kein Recht, über mich zu bestimmen?“

„Du irrst, mein Kind. Er hat die Rechte und Pflichten eines Vaters. Diese hat er bisher erfüllt, jene kann er für sich verlangen. Daran ändert sich nichts.“

„Nichts, gar nichts – auch nun ich dich gefunden, den Vater meiner Mutter, den Blutsverwandten, von dem ich in Wahrheit abstamme? Dem andern muß ich dankbar sein; er hat für mich gesorgt jahrelang; aber er ist doch nur ein Vater, den sie dazu gemacht haben, drüben in den Gerichtsstuben, wo man die Häuser kauft und verkauft und die Prozesse führt, und ich bin solch ein Gegenstand, über den man da verhandelt und ein Geschäft abgeschlossen hat!“

„Rege dich nicht auf, mein Kind! Es muß alles in der Welt seinen Schick haben und seine Ordnung, und was wäre aus dir geworden, wenn sich der Mann von der Burg nicht deiner angenommen hätte? Vielleicht wärst du verhungert wie hundert arme verlassene Würmer, die man nur um Gotteswillen eine Zeit lang füttert, bis man selbst es satt bekommt. Und diese [180] Veronika sieht mir nicht aus, als ob sie ein liebreiches Herz hätte – mit dem Gelde des Berliner Kavaliers hätte auch ihre Liebe ein Ende genommen und in irgend einem Armenhaus einer armen Gemeinde hätte man dich untergebracht.“

„Wohl, er hat sich meiner angenommen, doch nicht um meinetwillen, sondern um seiner selbst willen, und so ist’s geblieben! Meine Pflegemutter, die kranke Frau, brauchte eine Puppe und er hat sie ihr verschafft. Als sie verstorben und ich aus den Puppenkleidern herausgewachsen war, da suchte er von mir so viel Nutzen zu ziehen als möglich; das will er auch jetzt, nun er mich zwingt, den reichen Bauern zu heiraten. Und da sollte ich mich nicht weigern dürfen, da müßt’ ich blindlings gehorchen, obschon er nicht mein rechter Vater ist?“

„Sei guten Muts, mein Kind,“ tröstete sie der Alte. „Du bist in meinem Schutz und ich habe jetzt auch ein Recht mitzusprechen. Er ist ein wenig in meiner Gewalt; er hat die Sache bisher sehr geheim gehalten und die Welt glauben machen wollen, du seiest sein eigenes Kind! Die Frau war, wie ich später gehört, sehr oft in Bad Landeck, und da oben im Glatzer Land wird er auch bei den Gerichten den Hokuspokus gemacht haben. Das werd’ ich alles noch erfahren; und für den braven jungen Mann und eure Liebe will ich eintreten, so viel ich’s vermag!“

Schon waren sie in der Mitte von Schreiberhau angekommen, dort, wo das Dorf, sonst weit an den Berglehnen zerstreut, sich im bequemen Thalgrund ausbreitet. Welch’ reges Leben herrschte hier – überall Jäger in ihren schmucken Uniformen, fröhlich und kampfesmutig! Lieder ertönten aus den Häusern am Wege, wo sich kleine Trupps zusammenfanden; auf einer Wiese wurden Rekruten einexerziert, auch ein Gespann mit Geschütz und Protzkasten jagte auf der Hauptstraße vorüber. Das ganze Dorf schien ein großes Heerlager zu sein. Von allen Seiten strömten damals zum Grafen Götzen, der im Glatzer Land die trotzige Bergfeste von den Franzosen zu befreien suchte, Freischaren herbei, die sich aus allen Ständen rekrutierten: Jünglinge der Hochschulen, junge Beamte und Gutsbesitzer, ganz wie sie später im Jahre 1813 zum Lützowschen Freikorps strömten oder sonst in die Reihen der Kämpfer eintraten. Doch sie wurden mit hineingerissen in den Strudel der allgemeinen Niederlage, als die preußisch-russischen Heere in den blutigen Schlachten auf ostpreußischem Boden besiegt wurden. Tonlos verhallte „ihr Trompetenruf im Morgengrauen“ und „das Schwert an ihrer Linken“ sehnte sich vergebens nach der Leier des Sängers, der ihre Thaten gefeiert hätte. Ein flüchtiges Aufblitzen und ein langes Dunkel der Vergessenheit – das ist das Los der sieglosen Tapferkeit, welche die Geschicke der Welt nicht wenden kann.

Ueberall, wo Rübezahl und sein Enkelkind weiterschritten, begegneten sie schmucken jungen Freischärlern, welche das in ihr Feldlager sich wagende Mädchen freundlich grüßten. Das Hauptquartier war in der Wohnung des Schulzen; dort hoffte sie auch Robert zu finden, der als junger Offizier zu den Führern der Truppe gehörte. Rübezahl begab sich in die Schenkstube, wo an einem langen Holztische die Befehlshaber und Verwaltungsbeamten der Truppe Platz genommen hatten. Das Bureau mußte sich mit den ländlichsten Schreibmitteln begnügen; die Kellerräume und Ställe des Besitztums waren zum Proviantmagazin eingerichtet.

Rübezahl war allen wohlbekannt. Man ging und rief ihm entgegen; man wußte, daß er Depeschen brachte, von denen die weiteren Bewegungen der Truppe abhängig waren, und in der That holte er aus seinem Stiefel ein Schreiben des Grafen von Götzen hervor, der einen Teil der Mannschaften zu sich ins Glatzer Land entbot, während ein anderer die Bewegungen der Franzosen im Hirschberger Thal beobachten und die Bergübergänge schützen sollte.

Als die Beratung, welcher Rübezahl beiwohnen durfte, zum Abschluß gekommen war, teilte er dem Lieutenant Robert die Anwesenheit des Mädchens mit. Blitzschnell beurlaubte sich dieser und flog hinaus, wo unter einer Eiche vor dem Nachbarhause Klärchen seiner wartete. Rübezahl, der den Besitzer wohl kannte, führte sie selber in den Garten, in welchem das Gebüsch noch in unverkümmertem Waldwuchs die Wege säumte. Er setzte sich da auf eine Bank, während die Liebenden nach zärtlicher Umarmung und glühenden Küssen auf und ab gingen, Arm in Arm.

„Wie freue ich mich, daß du hierhergekommen,“ sagte Robert, „welch’ ein schöner Beweis deiner Liebe!“

„Ich fürchtete, dich nicht wiederzusehen, ehe du in den Kampf zogst.“

„Unsere Zahl ist noch nicht groß genug und wir müssen hier auf der Wacht stehen. Das Einexerzieren der Rekruten geht langsam, mit unbrauchbaren Truppen ist dem Grafen Götzen aber nicht gedient. Es ist möglich, daß ich deinen Besuch erwidern kann. Wie ich dir schrieb, ist die Feste Kynast scharf ins Auge gefaßt worden, ob sie sich zu einem kleinen Waffenplatz eignet, und ich werde sie vielleicht inspizieren.“

„O, dort oben ist’s schön und Vater darf nicht scheel sehen zu unserer Liebe, wir wollen dort kein Geheimnis daraus machen. Denn was den Vater angeht, so hab’ ich Dinge erfahren, merkwürdige Dinge; sie setzen mich vielleicht herab in deinen Augen, aber sie geben mir einen Hoffnungsschimmer für die Zukunft.“

Und Klärchen erzählte die Begegnung mit Veronika und was diese über ihre Herkunft mitgeteilt.

Robert hörte aufmerksam zu und schloß die Geliebte innig ans Herz. „Glaube doch nicht, daß ich mich um Dinge kümmere, die über uns verhängt sind ohne unsere Schuld. Du bist mein liebes Mädchen und sollst mein liebes Weib werden, wenn auch nicht der wackere Bergführer Rübezahl, sondern der alte Berggeist selbst dein Ahn wäre, der jedenfalls ein großer ungetaufter Heide ist. Was kümmert mich das Dunkel, das über deiner Geburt schwebt? Licht ist wo du wandelst, und licht wird meine Seele bei deinem Anblick! Sollte Vater Rübezahl mit dem Burgkapitän, der sich alle Vaterrechte erkauft hat, ein gewichtiges Wort zu unseren Gunsten sprechen, so könnte uns das vielleicht nützen; er ist jetzt im Besitze eines Geheimnisses, das deinem Pflegevater vielleicht unbequem sein kann! Doch wir hängen nicht ab von solcher Hilfe; unsere eigene Liebe ist stark genug, um den Sieg zu erringen.“

„Und wenn wir einmal in einem stillen Pfarrhause wohnen –“

„Da möge Gottes Segen über uns walten; in meiner Liebe sollst du dann einen Ersatz dafür finden, daß du ohne den Segen treuer Elternliebe hast aufwachsen müssen.“

„Ach, ich denk mir’s so schön im Pfarrhaus! Eine hohe Linde vor der Thür –“

„Und mein bescheidenes Studierzimmer, dem sie die Blüten ins Fenster schüttet.“

„Und da gehst du auf und ab und lernst deine Predigt und ich sitze daneben mit meinem Nähzeug und scheuche die Bienen fort, die von den Lindenblüten genascht haben und herbeigeflogen kommen, um dich durch ihr Summen zu stören.“

„Und wenn du über die Straße gehst, da grüßen alle Bauern tief die ehrwürdige Frau Pfarrerin – kleine Ehrwürden du.“

„Und in die Küche bringen sie mir Wurst und Schinken, Eier, Butter und Mehl und allerlei, was das Feld und der Stall liefert.“

„Die Küche wird deine Freude, aber die Kirche wird dein Stolz sein.“

„Gewiß, wenn ich da im Kirchenstuhl sitze und du auf der Kanzel stehst und alle sehen auf dich – da wird Gottes Wort mich ergreifen wie alle andern, aber ganz im stillen, so nebenbei werd’ ich doch denken: der so kräftiglich da oben spricht und so die Herzen bewegt, das ist mein lieber, mein einziger Mann, und ich kann stolz auf ihn sein, und die Liebe, die er predigt, ist ja lebendig in ihm und waltet Tag für Tag in unserem Hause und beglückt mich mein Leben lang.“

In diese Friedensträume schmetterten auf einmal die Hörner zu einem Uebungsmarsch. Robert mußte sich von Klärchen trennen nach einem herzlichen, innigen Abschied, und auch vom alten Rübezahl schied er mit einem warmen Händedruck.

„Ich bringe dich jetzt nach Hermsdorf zurück,“ sagte dieser. „Doch im Vorbeigehen will ich bei Veronika anfragen, wo das Grab meiner Tochter ist. Und dann hält mich nichts mehr, ich gehe nach Flinsberg, um die Ruhestätte deiner armen Mutter aufzusuchen.“

„Zweifle nicht daran,“ versetzte Klärchen, „wenn ich dich auch heute nicht begleiten kann: es wird dort, wo meine Mutter ruht, auch noch Platz sein für meine Rosen und meine Thränen.“


[182] Kaum hatte Leontine erfahren, daß Klärchen auf die Burg zurückgekehrt sei, als sie nach Hermsdorf an den Geliebten schrieb und ihn einlud, am nächsten Nachmittag die Burg zu besuchen, wo sie dann mit ihm zusammentreffen und ihn mit dem kleinen Schutzgeist bekannt machen wolle.

Leontine war in großer Aufregung. Der Vater war aus Breslau zurückgekehrt, wie sich bald zeigte, in einer Stimmung, die ihrem Liebeshandel durchaus ungünstig war. Früher war er gleichgültiger gewesen und geneigt, die Dinge dieser Welt gehen zu lassen, wie sie eben gingen. Vor Napoleon, der das Schicksal Europas in seiner Hand hielt, hatte er einen großen Respekt; er wich der Begegnung mit französischen Offizieren nicht aus, obschon er keineswegs sein preußisches Gewissen und die Bewunderung für den Großen Friedrich aufgegeben hatte. Jetzt aber kam er zurück mit einem ingrimmigen Groll gegen die Fremdherrschaft. Einige seiner Freunde hatten über französischen Uebermut, der ihnen persönlich nahe getreten war, sich zu beklagen; auch der Druck, der auf dem Volke lastete, die Kontributionen waren empfindlicher geworden, und der alte Baron sprach sich in erbitterten Ausdrücken über die Landesfeinde aus. Er setzte jetzt alle seine Hoffnungen auf den Sieg der preußisch-russischen Heere in Ostpreußen und auf den Befreiungskampf des Grafen Götzen. Er billigte den Entschluß der Nachbarn, Kurt und Friedrich, sich an diesem Kampfe zu beteiligen und so von ihrer ritterlichen Vaterlandsliebe ein rühmliches Zeugnis abzulegen.

Leontine lächelte über das Lob, das der Vater ihren Freiern und Bewerbern erteilte; sie wußte ja am besten, was es damit für eine Bewandtnis hatte ... Ohne die selig unselige Kunigunde wäre sie nicht auf den glücklichen Gedanken gekommen, die tapferen Junker in den Krieg zu schicken und zwei tüchtige Kämpfer fürs Vaterland anzuwerben.

Ein böses Lächeln glitt über ihre Lippen; sie war im Herzen eine Französin und in französischer Bildung aufgewachsen. Das letztere hatte sie ja gemein mit dem Großen Friedrich und wenn sie auch Voltaire nicht wie dieser zur Tafel einladen konnte, sie selbst lud sich oft genug bei ihm zu Gast und schwelgte in seinen Werken. Geist, Witz, Leidenschaft, das war, was sie verlangte, was sie besaß – und das deutsche „Bärentum“ konnte ihr nur wenig davon bieten. Der Krieg zwischen Frankreich und Preußen war ihr peinlich; sie kümmerte sich anfangs wenig darum. Das Reich der Frauen war für sie das Reich der Liebe, der Leidenschaft, und da giebt es keine Grenzpfähle; die schwarzen Adler Preußens und diejenigen der Legionen des Cäsar mochten sich zerfleischen: das war ein Kampf hoch in den Lüften; hier auf Erden gab es für die Frauen andere Kämpfe, Herzenskämpfe mit ihren Siegen und Niederlagen, die nicht in die Bücher der Geschichte kommen. Seitdem sie aber ihr Herz an den französischen Offizier verloren, da war auch etwas über sie gekommen von seiner Begeisterung für den großen Bonaparte. Die großen Männer gehörten ja allen Nationen an; ob Friedrich oder Napoleon, preußische oder französische Uniformen, darauf konnte es ihr nicht ankommen! Das Genie trägt keine Uniform, es erhebt sich in erzener Gestalt auf seinem Piedestal, bewundert von seiner Zeit und allen Zeiten.

Leontine hatte einen lebhaften Geist, oft übersprudelnd, geneigt zur spöttischen Beleuchtung der Dinge, und ein leidenschaftliches Wollen, das auf den Genuß der Gegenwart gerichtet war. Ihr Herz war eines feurigen Pulsschlages fähig; doch ein Gemüt, das in seinen Tiefen eine stille und dauernde Liebe trägt, war ihr versagt. Nur eine Liebe verstand sie, jene, die den zweifellosen Rausch des Augenblicks gewährt.

Sie hatte dem Geliebten geschrieben, er möchte sich als ein Maler aus Süddeutschland auf der Burg einführen. Er zeichnete aus Liebhaberei und führte das Malergerät bei sich. Das würde ihn dann zu einem längeren Aufenthalt auf der Burg berechtigen; er konnte auch auf den inneren Höfen malerische Motive für seine Bilder suchen.

Leontine war zuerst oben angekommen und allein; sie hatte ihrer Begleiterin, der dicken Lotte, einen neuen Roman von Julius von Voß in die Hand gegeben und sie auf der Aussichtsbank am Wege zurückgelassen. Sie wußte, diese Erzählung würde sie so fesseln, daß sie die Zeit darüber vergaß. Julius von Voß, dieser Meister der Wachtstubenlitteratur, war zwar Konterbande auf Schloß Giersdorf; der alte Baron, obgleich selbst kein Heiliger, hätte doch nicht zugegeben, daß seine Tochter diese Romane lese, und Leontine selbst fand keinen Geschmack daran. Sie waren ihr zu roh und gemein, es fehlte ihnen die französische Grazie wie sie den Regungen ihrer eigenen leidenschaftlichen Natur entsprach. Und dennoch schmuggelte sie diese Romane ins Haus, nur um der dicken Lotte willen, deren Teilnahme für diese kecken Schilderungen durch keinerlei Bedenken gestört wurde. War die Begleiterin verdrießlich, gelangweilt, störend – ein Band von Julius von Voß wirkte auf sie zerstreuend und beruhigend, und da die Erbin des alten Namens keine eigenen Gedanken hatte, denen man sie in solchen Augenblicken überlassen konnte, so gaben diese Romane das willkommenste Ersatzmittel. Sie blieb wie festgebannt, sie sah und hörte nichts, wenn ihre träge Phantasie durch die Bilder erhitzt wurde, welche die Wachtstubenplaudereien des in seiner Lebenswahrheit höchst ungenierten Schriftstellers ihr entrollten.

Leontine fand Klärchen sehr bereit, ihr zu helfen. Dem Vater gegenüber lebte schon lange in der Seele des Mädchens ein trotziges Gefühl, das sich auflehnte gegen sein Machtgebot. Nach den letzten Enthüllungen über ihre Vergangenheit hatte sich dies Gefühl verstärkt. Hinter seinem Rücken zu handeln, gebot ihr ja schon die eigene heimliche Liebe, und es war kaum ein neuer Frevel, wenn sie eine fremde ihm verbergen half. Leontine bat sie, die Aufmerksamkeit des Vaters von dem Maler abzulenken. Der Burghauptmann liebte berauschende Getränke und lebhafte Gespräche. In solchen Augenblicken sollte sie den Maler, unbemerkt von dem Alten, in den inneren Burghof führen, und auch Leontine hoffte sich dann dort zuweilen einschleichen zu können.

Es galt, alsbald den ersten Versuch zu machen, denn schon ward Edmond de Granville sichtbar, der heraufstieg und sich dem vorderen Thore näherte, in seinen Händen den leichten Feldstuhl des Malers und den Kasten mit Farben und Leinwand für die Skizzen, die er hier auszuführen gedachte.

Beide Mädchen erschienen alsbald am Vorthor und Leontine stellte ihrer Freundin den Maler Hartwig vor. Klärchen hatte sich immer einen Künstler mit blondem Gelock und schwärmerischem Augenaufschlag gedacht und war überrascht von dem dunklen Kolorit und dem feurigen Blick, dem schwarzen Haar und dem Knebelbart, der in Preußen fremdartig berührte. Doch der Maler kam ja aus Süddeutschland.

„Das ist mein Freund,“ sagte Leontine, „und hier diese Kleine wird uns in ihren Schutz nehmen. Sieh ihr nur nicht zu tief in die Vergißmeinnichtaugen; ja, solche Schutzengel sind gefährlich; doch du würdest zu spät kommen, sie hat bereits ihren Einzigen gefunden und sich gerüstet für den Erdenjammer, der in einer treuen Liebe besteht.“

Klärchen schüttelte dem Maler die Hand mit unbefangener Herzlichkeit.

„Sie ist unsere Pförtnerin,“ fuhr Leontine fort, „dort oben sitzt der alte Cerberus mit dem lebensgefährlichen Schnauzbart, ihr Papa, der Schloßhauptmann. Das ist unser geborener Feind und den mußt du zu meiden suchen. Geh’ seinen Blicken hübsch aus dem Weg; das ist nicht so schwer wie es scheint, denn er guckt immer ins Liqueurglas. Und jetzt, schnell über den Platz, dort in das Thor, das zu dem inneren Hof führt. Er ist leer, Klärchen?“

„Es sind jetzt keine Fremden darin.“

„Wenn sich heute oder ein anderes Mal Besucher nahen, so sorgst du also, daß er von niemand überrascht wird.“

„Ihr könnt sicher sein, ich führ’ es treulich durch, nun ich’s übernommen habe.“

Edmond war inzwischen in den zweiten Hof getreten, wo er sich eine geeignete Stelle suchte, um dem alten Gemäuer die am meisten malerische Seite abzugewinnen. Seinen Feldstuhl klappte er auf, öffnete seinen Malkasten und begann, mit einigen Pinselstrichen die Umrisse zu markieren, die er dem Mauerwerk auf seinem Bilde geben wollte. Ungeduldig lauschte er dabei, ob nicht Leontine käme, doch er billigte ihre Vorsicht: sie wollte ihm offenbar Zeit lassen, erst eine Probe seiner Künstlerschaft zu geben, um vor etwa hinzukommenden Neugierigen sich als Maler ausweisen zu können und seine geheimen Absichten zu [183] verbergen. Der Schloßhauptmann hatte sich erhoben und war vor dem Burgthor auf- und abpatrouilliert. Leontine wollte nicht gerade vor seinen Augen hindurchschlüpfen. Dann erschien sie mit Klärchen; doch diese verschwand bald wieder, um die Liebenden allein zu lassen.

Es war so traulich im Hofraum; um die auf dem Schutt blühenden Disteln schwebten farbige Schmetterlinge. Edmond kannte die Sagen der Burg, die Leontine ihm erzählt hatte, und er mußte daran denken, daß hier in diesem Hofe das böse Fräulein gewiß öfters mit ihren Freiern gewandelt sei, auf ihren Lippen das süße halsbrechende Lächeln. Damals standen die Mauern der Burg sturmfest, stolz und trotzig und kein fallendes Gemäuer bedrohte die Lustwandelnden. Doch Leontine war keine Kunigunde – so glaubte Edmond; für ihn war sie es nicht; sie verlangte nicht, daß er sein Leben aufs Spiel setze, um ihr Herz und ihre Hand zu gewinnen. Freilich, da, wo sie nicht liebte, war auch sie imstande, mit der siegenden Gewalt ihrer Schönheit den Kühnen Verderben zu bringen, die um sie zu werben wagten.

In leidenschaftlicher Hingebung hielt sie den Geliebten umschlungen, glühende Küsse drückte sie auf seine Lippen – was war ihr die ganze Welt in diesem Augenblick! Mochten sie kommen und sehen, staunen und verdammen – alle, alle! Sie bot ihnen Trotz, den Ihrigen, die sie bevormunden wollten, den Fremden, die Anstoß nahmen an so leidenschaftlicher Begegnung, und mochte ein Erdbeben die alte Burg zertrümmern, sie wäre froh gestorben an seinem Herzen!

Edmond war weniger übermütig und entschlossen; er bewegte sich hier unter einem falschen Namen in Feindesland; es konnte ihm durch irgend einen Zufall viel Unholdes begegnen. Den alten Burgherrn selbst hatte er von ferne gesehen; dieser hatte den Schnauzbart der preußischen Husaren, die beim Einhauen keine Schonung kannten! So griff er, sobald sich draußen am Thore etwas regte oder auch nur eine Eidechse durchs Gras raschelte, rasch wieder zu seinem Malkasten und seinem Pinsel. Aber Leontine gefiel sich nicht in der Rolle einer lauschenden Beobachterin, welche den Künstler und das Werk, das unter seinen Händen wuchs, bewunderte.

Sie nahm und schloß seinen Malkasten, warf ihn auf eine steile Rasenböschung, die sich in den Burghof hineinschob, und zog den Geliebten wieder stürmisch an sich.

Da zeigte sich Klärchen und verkündete, daß Fremde nahten. Leontine eilte zu ihr, um als ihre Begleiterin zu erscheinen, und Edmond griff rasch wieder nach seinen Farben.

Der erste Versuch eines Rendezvous im Reiche der Kunigunde und unter dem Schutz dieser zweideutigen Heiligen war gelungen; es lag zwar immer allerlei Bedrohliches in der Luft, doch ließen sich gewiß nach einiger Erfahrung Mittel zur Abwehr finden.

Und in der That wurden die Liebenden kühner in ihren Wünschen.

Das Erdgeschoß des runden Wartturmes war früher ein Gefängnis gewesen; der Turm, der für unbesteigbar galt, obschon mittels Leitern der einfallenden Treppe leicht nachgeholfen werden konnte, blieb von den Besuchen der Fremden verschont. Das Erdgeschoß war ein willkommenes Versteck, welches Klärchen, die Schlüsselverwalterin, allein öffnen und schließen konnte. Hier sollte sich Edmond gelegentlich auch vor dem Kastellan verstecken, der in letzter Zeit bisweilen die Burghöfe inspizierte, wahrscheinlich im Hinblick auf die etwa bevorstehende Einquartierung, und an der häufigen Anwesenheit des Malers leicht Anstoß nehmen konnte. Wenn sich Klärchen indes dazu verstand, dem harrenden Liebhaber hier eine erwünschte Gefängnisstrafe zu diktieren, so räumte sie doch niemals seiner Geliebten das Recht ein, die Haft zu teilen. Sie las bisweilen so vermessenen Wunsch in Leontinens Augen, aber sie wachte über die gute Sitte auf dem alten Schloß und nur einer bräutlichen Liebe wollte sie hilfreich zur Seite stehen.

[218] An einem prächtigen Junitag, der das ganze Gebirge bis zu den höchsten Gipfeln hinauf in sonnengoldenen Schimmer tauchte, erhielt der alte Röger einen unerwarteten Besuch. Es war Christoph, der stattliche Bauernbursche aus Hermsdorf. Die blanken Knöpfe seiner Jacke glitzerten in der Sonne; der dicke Blumenstrauß in seiner Hand wetteiferte hierin mit ihnen, denn es funkelte von Regenbogenfarben in den Wassertropfen, mit denen er ihn besprengt hatte, um die Kornraden und Cyanen und die dunkelroten Mohnblumen frisch zu erhalten. Der Kastellan, der gerade bei einer angebrochenen Flasche saß, lud den Gast ein, an seiner Seite Platz zu nehmen.

„Was verschafft mir die Ehre, Herr Hauptner?“

Christoph mußte erst seine Gedanken ordnen, denn er hatte so viel Wichtiges mitzuteilen, daß er nicht wußte, womit er den Anfang machen sollte. Er trug übrigens heute den Kopf höher als sonst und auch das selbstgefällige Lächeln auf seinem rotglühenden Gesicht machte sich heute besonders breit.

„Herr Kommandant, jetzt wird’s wohl bald einen schönen Streußelkuchen geben zum Hochzeitskaffee – sehen Sie mir nichts an, gar nichts?“

„Ich sehe nur, daß Sie sehr vergnügt sind – und das freut mich.“

„Sehen’s, wie Sie recht haben. Sie kennen die Menschen. Kreuzvergnügt bin ich, denn ich bin jetzt Gutsherr, alleiniger [219] Herr unsres Hofes. Niemand hat mir mehr dreinzureden; mir gehört die ganze Wirtschaft; ich glaube fast, ich könnt’ jetzt das Wetter machen.“

„Was ist geschehen? Ist der Schulze, Ihr Vater, gestorben?“

„Seh’ ich aus wie ein Leichenbitter? Sind das hier Trauerblumen, dies bunte Zeugs hier, das ich aus den Feldern ausgerauft habe? Der Alte lebt noch – Gott sei Dank, denn ich hab’ mich an sein mürrisch Gesicht gewöhnt, und es würde mir was fehlen, wenn auf dem Großvaterstuhl mir nicht alle Abende seine Glatze wie der Mond aufginge. Doch zur Ruh’ hat er sich gesetzt – das ist’s! Besuchen soll er mich alle Tag’ wie immer, doch zu sagen hat er nichts mehr!“

„Zu sagen hat er noch genug, er ist der Schulze.“

„Auch nicht mehr, er hat’s eingesehen, auch dazu ist er zu alt. Sie wollen nicht mehr parieren im Dorfe. So’n Schulze muß gelegentlich dreinschlagen können. Und sie spielen ihm auf der Nas’ herum. Doch was das Dorf thut, schert mich nicht, nur was ich thue – und ich hab’ etwas Sauberes gethan. Ich hab’ den Alten dazu g’bracht, daß er sich von mir auf den Altenteil setzen ließ. Er zieht ins frühere G’sindehaus, das ich für ein gut Stück Geld herrichten will, nicht so schön wie’s Schulzenhaus, das jetzt mir gehört, doch als einen gemütlichen Aufenthalt für den alten Mann, wo’s ihm noch recht gut schmecken soll. Ich aber bin jetzt der Herr – Knechte und Mägde und alles Vieh muß sich vor mir ducken, und ich kann den Hafer dahin säen, wo ich immer schon wollte – er aber nicht!“

„Da kann man ja Glück wünschen, Herr Hauptner!“

„Das können’s, aber Sie können noch mehr. Die Kläre müssen Sie mir jetzt recht rasch geben; schon zu Johanni soll Hochzeit sein, da machen’s nur nicht viel Faxen! Brauchen sich übrigens nicht anzustrengen. Die Hochzeit mach’ ich aus. Nur ’s Mädel will ich von Ihnen.“

„Doch das kommt so plötzlich! Klärchen hat ihren eigenen Willen, und wenn sie auch gehorchen wird, so muß man ihr doch Zeit lassen, sich darein zu finden.“

„Findet sich was! Das ist doch der reine Honig – der geht so glatt hinunter! Nur das Mäulchen wird sie danach spitzen, und ein Schwiegersohn wie ich – den können’s in Gold fassen! Liefere alles umsonst für die Burg, für die Fremden, auch fürs Militär, wenn’s herkommen sollte, und das schluckt viel hinunter.“

Der Kommandant schmunzelte behaglich.

„Brot, Butter und Käs, Wurst und Schinken, Gänsefett, ja auch die Gans selbst, wenn es sein muß; dafür will ich ja nur Ihr Mädel, wie’s geht, wie’s steht. Eins ums andere! Das geht gerade so auf!“

Der alte Röger, dem sich eine sonnige Zukunft eröffnete, sprang plötzlich auf wie von einer Feder in die Höhe geschnellt, drehte sich um wie die Tanzfigur einer Kammeruhr, die vom Uhrwerk mitbewegt wird, und begab sich in strammer Haltung in seine Wirtschaftsräume. Christian wußte, daß der Mann etwas Großes vorhatte, und wartete geduldig auf seine Rückkehr. In der That kam Röger bald wieder, an der Hand Klärchen führend, die er nun freigab und mit einem leisen vielsagenden Ruck dem Brautwerber entgegenschob. „Hier, der Herr Hauptner, der schon lange um dich wirbt mit meiner Zustimmung, ist jetzt Grundbesitzer geworden und verlangt deine Hand.“

„Nehmen’s die Blumen hier, Klärchen, ich hätte den Strauß noch zehnmal so dick machen können – so viel Lieb’ trag’ ich im Herzen; doch es ist ja nur Unkraut und soll dir nur sagen, daß dir alles gehört, was auf den Feldern wächst, nicht bloß die elendigen Blumen, sondern auch die schönsten Ernten.“

„Ich danke sehr, Christoph, doch ich mag dich nicht!“

Der alte Röger fuhr erschrocken auf.

„Was soll das heißen?“

„Ich heirate den Christoph nicht – weder zu Johanni, noch zu Michaelis, noch zum Heiligen Christ; er mag sich eine andere Liebste suchen.“

„Du weißt noch nicht, Kläre – der Alte ist auf den Altenteil gesetzt –“

„Was kümmert’s mich? Der Alte will mich ja nicht heiraten!“

„Doch du wirst die Bäuerin – alles ist dein!“

„Und ich laß mich nicht zwingen. Vater, in allem will ich dir gehorchen, aber was meine Liebe betrifft, so gehe ich meine eigenen Wege! Nichts für ungut, Christoph! Ich wünsch’ Glück zu Haus und Hof und hoff’, auch bald Glück zu wünschen zu einer Bäuerin – um einen so schmucken Burschen wird jede beneidet werden. Nur mich laß aus!“

Und sie wandte dem entmutigten Freier den Rücken. Christoph wußte nicht, wie ihm geschah. Das war etwas Unglaubliches – er machte große Augen – das war ja ein Wunder! Er, verschmäht, jetzt wo er das schönste Gut im Dorfe sein eigen nennen konnte! Allmählich erst begann er sich an diesen Gedanken zu gewöhnen; er nahm den dicken Strauß und warf ihn über die Brüstung des Vorplatzes hinab auf den Weg und zupfte sich ärgerlich die blaue Jacke zurecht. Selbst der Sonnenschein ärgerte ihn, der auf den blanken Knöpfen funkelte – was nützte ihm das jetzt?

Noch mehr betroffen war der Kommandant. Was wandelte das Mädchen an? War das der Lohn für alles, was er für sie gethan? Halsstarrig und störrisch – doch das sollte anders werden! Er strich sich seinen Schnauzbart, zerrte daran hin und her, so wie ihm kreuz und quer die unwirschen Gedanken durch den Kopf liefen. Dann hielt er’s fürs beste, Christoph zunächst zu vertrösten, damit er nicht gar schon jetzt aufhöre mit den Naturallieferungen für die Burg. „Das Mädchen hat seine Launen, Christoph! Hören Sie nicht darauf! Sie wissen ja, es ist das reine Aprilwetter bei den Frauen. Ich werd’ ihr schon den Kopf zurechtsetzen. Kommen Sie nur wieder! Sie müssen sich erst sachte in ihr Herz einschleichen, überrumpeln läßt sich so ein stolzes Mädchen nicht! Die müssen belagert werden, ehe sie kapitulieren. Sie kommen mit Pauken und Trompeten und verlangen sogleich die Uebergabe. Geduld, mein Bester! Ich werd’ Ihnen beistehen und allmählich das Erdreich lockern, wo Ihre Liebe blühen soll! Und sollte sich einmal irgend ein Nebenbuhler zeigen – dem will ich heimleuchten!“

Und Christoph ließ sich leicht trösten. Die Mädchen sind alle spröde – das ist nur so ein Gethue, das hat nicht viel auf sich! Ihn auszuschlagen – das ist freilich ein starkes Stück, damit mag sie prahlen; doch dann kommt der Verstand und dann wird sie schon ein Einsehen haben! So schied Christoph beruhigter.

Der Kommandant ließ nicht gleich seinen ganzen Zorn an der Tochter aus; er sparte sich das auf für eine ruhige Abendstunde; es waren Gäste gekommen und Klärchen war flink und hurtig bei der Bedienung und lächelte so freundlich, als wäre nichts vorgefallen. Gegen Abend hatte Klärchen eine große Freude. Sie täuschte sich nicht, als sie in der ehrwürdigen Gestalt mit dem im Abendlicht rötlich schimmernden Silberbart, die den Berg heraufgeklettert kam, den alten Rübezahl erkannte. Das war Hilfe in der Not! Der Alte war, wie er Klärchen gleich darauf erzählte, beim Grabe seiner Tochter in Flinsberg gewesen und hatte frische, duftige Kränze daraufgelegt; er war dann über Schreiberhau, wo er neue Aufträge fürs Glatzische erhalten, auf den Kynast gekommen, um sein Enkelkind zu sehen und dann die weite Wanderung ohne Unterbrechung fortzusetzen. Er brachte Grüße von Robert und war ein willkommener Bundesgenosse, wenn der Vater mit Klärchen unsanft ins Gericht gehen würde.

In der That, kaum hatten sich die letzten Gäste verabschiedet, als Röger seine Tochter rief. „Du heiratest den Hauptner – – ich will’s, ich befehl’s! Gegenreden helfen nichts – das ist der Schwiegersohn, den ich brauche. Du wirst mir gehorchen, wenn du mich lieb hast; Verliebtheit ist ein dumm Ding und hat nicht viel zu sagen; sie hört auf mit der Ehe. Heute dieser, morgen jener, das ist so Brauch bei den Mädchen. In ihren Herzen geht ein Zugwind, bald aus Ost, bald aus West – und danach dreht sich die Wetterfahne. Deshalb darf man kein ernsthaft Glück in den Wind schlagen. Ich spreche ruhig mit dir – bring’s nicht dazu, daß dein Unverstand mich reizt und in Wut versetzt!“

„Ich antworte ebenso ruhig,“ sagte Klärchen, „daß ich den Christoph nicht liebe und ihm keine Liebe heucheln kann. Leid thut mir’s um deinetwillen – doch ändern kann ich’s nicht!“

„Da soll doch das Wetter dreinschlagen!“ rief der Kommandant. „Wie? Du unterstehst dich? Du willst mir trotzen? Ich aber sage dir, wenn du dich nicht fügst, wenn du – –“

„Halt!“ rief eine Stimme. Der Kommandant drehte sich um und seine Erregung wuchs, als er Rübezahl erblickte.

[220] „Was mischt Ihr Euch in meine Angelegenheiten, alter Botenläufer? Glaubt wohl etwas Hochwichtiges zu sein?“

„Bin ich auch! Lassen Sie Klärchen ihre Wege gehen – ich habe mit Ihnen zu sprechen!“

Auf einen ärgerlichen Wink des Vaters entfernte sich Klärchen. In großer Erregung ging sie um die Burg herum, bis sie an den Höllenschlund kam, zu dem steil die mondhellen Felswände hinabstürzten. Sie setzte sich an den Rand der Schlucht, die so recht geeignet war, schwermütige Gedanken wachzurufen. Das war dort unten solch ein Grab für alle Hoffnungslosen, tief, eng, dunkel – sollte sie auch alle ihre Hoffnungen begraben? Doch drüben ging ein fröhliches Rauschen durch die Wälder des Herdberges und ihre Wipfel neigten sich vor ihr, als wenn sie ihr Glück wünschten. Nein, nein! Sie brauchte nicht zu verzweifeln. Indes war Rübezahl mit dem Kommandanten im eifrigen Gespräche begriffen.

„Ihr gebärdet Euch,“ sagte dieser, ärgerlich seinen Schnurrbart in die Höhe zwirbelnd, „als ob Ihr Rechte auf das Mädchen hättet.“

„Und wenn es so wäre?“ versetzte Rübezahl.

„Ihr glaubt wohl wirklich, solch ein Stück vom alten Berggeist zu sein, nach dem Ihr Euren Spottnamen habt? Ihr glaubt kommandieren zu dürfen wie der Alte, der die Wolken hinauf und hinunter schiebt, wie’s ihm beliebt, und dazwischen donnert, wenn er gerade schlecht aufgelegt ist! Mein Lieber, man hat Euch etwas verwöhnt, weil man Euch brauchen kann, aber Eure Stiefel sind nützlicher als Euer Kopf – da stecken Eure Briefe mit den geheimen Ordres, in Eurem Kopf steckt nicht gerade viel.“

Rübezahl fühlte sich nicht beleidigt, er lächelte sogar. „Vielleicht doch mehr als Sie glauben! Mein Kopf hat auch seine Geheimnisse, so gut wie meine Stiefel, und hinter die Ihrigen bin ich schon längst gekommen.“

Der Kommandant wurde stutzig. „Ihr meint?“

„Ich meine, daß Klärchen nicht Ihre Tochter ist!“

„Oho! Was Ihr sagt!“

„Sie ist ein adoptiertes Kind, doch Sie haben es von Anfang an als Ihr eigenes ausgegeben.“

Röger war aufs äußerste betroffen.

„Woher habt Ihr diese merkwürdige Neuigkeit?“

„Aus guter Quelle! Ich habe sie auch schon Klärchen mitgeteilt.“

„Das Mädchen weiß – “

„Daß Sie nicht ihr rechter Vater sind!“

„Ah, also deshalb diese freche Auflehnung? Darum gebärdet sie sich jetzt so trotzig!? Aber was ficht Euch an, Rübezahl? Was kramt Ihr herum in diesen alten Geschichten? Was in aller Welt geht Euch das an, ob das Mädchen eine geborene oder adoptierte Röger ist?“

„Es geht mich an, Herr Kommandant! Ich habe meine Spürnase nicht in Ihre Vergangenheit gesteckt; da giebt’s ja bei allen Menschen dunkle Ecken, in welche allerlei Kehricht hineingefegt ist. Ein Zufall hat mich zum Mitwisser gemacht. Und es ist ja nichts so Schlimmes, was Sie gethan haben. Sie haben ein verwaistes Kind in eine ehrliche Familie aufgenommen. Nur daß Sie dasselbe für Ihr eigenes ausgegeben und damit geprahlt haben – das war ein Fehler und darum ist es Ihnen jetzt verzweifelt unlieb, wenn die Wahrheit an den Tag kommt und an die große Glocke gehängt wird. Mich aber geht das alles mehr an, als Sie glauben – denn dies Mädchen ist mir blutsverwandt.“

„Da hat sie wohl die Freude, einen alten Onkel gefunden zu haben?“

„Sie steht mir näher als Ihnen und ich habe mehr Recht auf sie – es ist mein Enkelkind, das Kind meiner verstorbenen Tochter!“ Röger schwieg; er qualmte gewaltig aus seiner Pfeife. Es trat eine längere Pause ein und der Alte betrachtete ruhig den niedergeschlagenen, sonst so hochmütigen Kommandanten, der sich allmählich aus seiner Bestürzung aufraffte.

„Wohl,“ sagte er, „es mag ja so sein! Das alles kümmert mich aber wenig; von Euch ist bei dem ganzen Handel nicht die Rede gewesen. Ihr habt Euch offenbar um Eure Tochter so wenig gekümmert, daß Ihr auch jetzt nicht das Recht habt, mitzusprechen, wo es sich um das verlassene Kind des verlassenen Mädchens handelt. Das Eine nur gesteh’ ich: es wäre mir peinlich, wenn’s herumkäme, daß Klärchen nicht meine eigene Tochter ist und daß ich der Welt so lange Zeit hindurch etwas vorgeflunkert habe. Wenn Euch also an meiner Freundschaft etwas gelegen ist, Rübezahl – und ich kann Euch doch viel nützen und helfen in der Welt – ich bin einflußreich, ich habe das Ohr des Grafen – so müßt Ihr mir versprechen, das Geheimnis sorgsam zu bewahren. Klärchen wird nicht plaudern, denn sie ist besser dran bei den Menschen, wenn sie für das Kind einer anständigen Familie gilt, als für eine Art von Findelkind.“

„Das könnte ja sein, das könnt’ ich versprechen, doch dafür verlang’ ich, daß auch Sie mir ein Versprechen geben.“

„Wenn ich’s halten kann –“

„Muß geschehen, Herr Kommandant! Sonst weiß Hermsdorf und Warmbrunn und alles, was am Zacken und am Bober wohnt, daß Sie der Welt ein X für ein U gemacht haben.“

„Nun?“

„Ich verlange, daß Sie Klärchen nicht zwingen, dem Christoph ihre Hand zu reichen.“

„Der Christoph –“

„Und daß Sie einem andern, wenn’s ein ehrlicher Kerl ist, nichts in den Weg legen.“

Jetzt wollte der Zorn den Kommandanten wieder übermannen. Die Vorstellung von dem Proviant, den der reiche Christoph geliefert hätte, von all den schönen Schinken und Eiern stieg ihm zu Kopfe. Aber er war doch schlau genug, einzusehen, daß diese Partie voraussichtlich nun verloren, daß es besser sei, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. „Und der andere,“ wandte er sich nach einiger Ueberlegung wieder an den ruhig wartenden Rübezahl, „hat er auch einen Schnappsack? Wenn er kein Bruder Habenichts ist, dann ließe sich darüber reden. Doch steuern müßte er für die Burg, das sage ich zum voraus! Nun kommt, Alter – ein Glas Stonsdorfer Bier, frisch vom Faß – Ihr erzählt mir, wie Ihr alles erfahren.“


Noch immer hatte Edmond keinen Bescheid vom Prinzen Jerome erhalten. Der Krieg in der Grafschaft nahm ja kein Ende und man brauchte tüchtige Offiziere. Wie, wenn er hinüber kommandiert würde als ein Genesener, wenn man ihm den Abschied verweigerte?

Leontine konnte den Augenblick nicht erwarten, wo sie dem Vaterhause den Rücken kehren, mit dem Geliebten hinausziehen durfte in die Welt. Fort mußte sie, denn wenn der Krieg plötzlich ein Ende nahm, da konnten die beiden Freier zurückkehren, vielleicht lahm und verstümmelt, und dem, den zuerst die feindliche Kugel getroffen, mußte sie dann die Hand reichen. Eine Invalidenbraut – dazu hatte sie sich ja selbst verurteilt! Die böse Kunigunde hatte ihr den unseligen Gedanken eingegeben. Doch es durfte nicht sein! War sie erst in der Ferne verschwunden, dann hatten sie das Nachsehen, die tapferen Vaterlandsverteidiger! Sie hatte zwar ihr Wort gegeben, doch das blieb ja hier zurück, und wenn sie fern auf den Rebenhügeln der sonnigen Provence weilte, da mochten die erbitterten Freier sie immerhin in den Höllenschlund hinunter wünschen: das kümmerte sie wenig – nur fort mußte sie, fort um jeden Preis!

Es kam hinzu, daß der Papa jetzt immer von unerträglicher Laune war, ein Franzosenfresser schlimmster Art. Seine Ausfälle auf Napoleon, auf den Harem des galanten Jerome, auf die sittenlosen Offiziere, welche Deutschland mit den Odeurs von Paris verpesteten, reizten und erbitterten sie, und doch durfte sie nicht widersprechen! Sie rächte sich aber, wenn sie bei derartigen Tischgesprächen alles Unangenehme, was in der Wirtschaft passiert war, hervorsuchte, die gefallenen Pferde, die Diebereien des Eleven, die Kühe, die nicht genug Milch gaben, das schlechtstehende Korn, das verregnete Heu – und wenn sie solch einen Haufen von wirtschaftlichem Unglück auf den alten Herrn gewälzt, daß diesem vom Aerger fast der Atem verging, dann atmete sie selber frei auf: das hat er nun für seinen altpreußischen Zopf, den er mir immer ins Gesicht schlägt!

Doch der Papa merkte die böse Absicht und er war nicht mehr so stolz auf seine Leontine, er ließ ihr nicht die Freiheit der Bewegung wie sonst. Immer mußte sie zu Hause sein, immer die Honneurs machen, selbst wenn nur ein gewöhnlicher Bauer kam, um einen Schafbock zu kaufen, oder ein Mann mosaischen Glaubens, der mit Papa ein Geldgeschäft machte.

[221] Schon einmal hatte sie Edmond vergebens auf die Burg bestellt. Der alte Herr von Rohow, der Vater jenes Kurt, den sie in den Krieg geschickt, war zum Besuch gekommen, ein Nachbar, doch ein seltener Gast, hochgeehrt im Land umher. Sie mußte ihrem Vater beistehen, die Pflichten der Gastfreundschaft zu erfüllen, und durfte das Haus nicht verlassen. Der Alte mit den Silberhaaren fühlte sich so behaglich und plauderte so gemütlich – es nahm kein Ende! Ihre Ungeduld verwandelte sich fast in Wut; sie stampfte mit dem Fuße auf, ehe sie in den Salon trat, wo die beiden saßen, und setzte das Tablett so hart auf, daß Flaschen und Gläser durcheinanderklirrten. Doch der Alte war militärfromm; er hatte keine Nerven, er lächelte nur vergnügt über das Ungeschick des Schloßfräuleins. Der Vater unterdrückte eine Strafpredigt; sie wußte aber, daß er später eine andere servieren würde.

Als sie dann auf ihrem Stuhl am Fenster saß und beobachtete, wie die Sonne allmählich hinter den Bergen hinabstieg und der Himmel immer röter wurde, ganz wie das Gesicht des Gastes, der dem Weine tapfer zusprach, konnte sie sich kaum fassen. Ein schöner Tag verloren, unwiederbringlich verloren! Nur einmal horchte sie aufmerksam hin und die Wolke auf ihrer Stirn schien sich einen Augenblick zu zerstreuen.

Der alte Rohow erzählte von den Heldenthaten seines Kurt, der mit seinen Husaren ein feindliches Geschütz erobert und die Bedienungsmannschaft niedergehauen hatte. Doch er selbst blieb unverwundet. Soweit er sich in diesen Kämpfen auch hervorgewagt, die Vorsehung, die über den Häuptern derer von Rohow mit besonderer Sorgfalt wachte, hatte ihn in ihren Schutz genommen. Leontine konnte nicht umhin, sich nach dem Freunde Kurts, dem jungen Friedrich, zu erkundigen, und erfuhr zu ihrer Beruhigung, daß auch diesem noch keine Kugel, kein Säbelhieb etwas zuleide gethan. Es war das einzige Mal, daß sie sich in das Gespräch mischte – dann saß sie wieder stumm und starr und einige galante Annäherungsversuche des alten Herrn wies sie fast unhöflich zurück.

Ob Edmond wiederkommen würde, wenn sie ihn zum nächsten Abend auf die Burg einlud? Da war sie frei, den Vater hatte der alte Rohow zu einer Whistpartie eingeladen; die neu angeknüpfte Freundschaft sollte befestigt werden. Eine gefährliche Freundschaft; denn die ritterliche Zärtlichkeit, die der würdige Herr ihr beim Abendessen wiederum bewies, hatte etwas Väterliches. Er dachte wohl gar daran, bald die Rolle des Schwiegervaters zu spielen! Das brachte ihr Blut aufs neue in Wallung. Kurt hatte wohl im letzten Feldbrief von seiner leidenschaftlichen Liebe gesprochen, und es war den Rohows gewiß sehr genehm, wenn sie den schönen Familienbesitz an sich reißen konnten, Darum lächelte sie der Alte so liebenswürdig an. Viertausend Morgen guter Weizenboden außer Wald und Wiesen – das verlohnte schon ein Lächeln! – Pfui, sie läßt sich nicht verkaufen!

Doch auch die Zusammenkünfte auf der Burg konnten so nicht fortdauern, es wurde immer schwieriger, sich dort zu sehen. Und vor allem – ihre Liebesleidenschaft empörte sich gegen den beständigen Zwang, gegen all das Verstohlene, Halbe. Immer heißer wurde ihr Sehnen nach Freiheit und schrankenloser Hingebung – ja Kunigunde, das wilde Burgfräulein, konnte dem Ritter, der den kühnen Ritt gewagt und glücklich vollendet, nicht mit größerem Entzücken ans Herz sinken als sie ihrem Edmond droben – doch es war nur ein kurzer Rausch, die Warnung, die Störung verkümmerten jedes Glück! O, wie zog sie’s in die Ferne! Sie sah träumend ins Abendrot.

In aller Frühe ging ihr Bote am nächsten Tag nach Hermsdorf und noch vor Mittag hatte sie die erfreuende Zusicherung, daß der Geliebte nochmals ihrer harren werde. O, er war kein verdrießlicher deutscher Bär – er murrte nicht, er liebte sie wahrhaft, er fühlte und wußte, daß sie unschuldig war an jeder Verkümmerung eines Glückes, das sie selbst so heiß ersehnte wie er.


Die Abfahrt des alten Barons von Wallwitz zur Whistpartie bei seinem Freund Rohow verzögerte sich: der Verwalter erschien, als das Anspannen schon bestellt war, mit der wichtigen Mitteilung von einem großen Diebstahl in den Scheuern, und es galt, schleunige Maßregeln zur Ergreifung des Diebes zu treffen. Der Landgendarm klirrte mit seinem Säbel die Treppen herauf und hinab; dies Geklirre versetzte Leontine in nervöse Aufregung; immer kam er wieder mit einem neuen im Hof aufgegriffenen Zeugen. Endlich rasselte der Wagen aus dem Hofthore. Leontine warf rasch ihren Staubmantel über. Stürmisch schritt sie durch die Wälder des Burggürtels, ohne des steilen Aufstiegs zu achten. Fast atemlos kam sie oben auf dem Vorplätze an, da fand sie Klärchen in Thränen.

„Was ist vorgefallen?“

„O, ich bin so unglücklich!“

„Närrchen, das wird nicht so schlimm sein – etwas Liebeskummer? Das kannst du mir nachher erzählen. Jetzt führe mich zu ihm!“

„Er ist nicht mehr hier!“

Leontine fuhr auf. „Nicht möglich! Bin ich zu spät gekommen, oder hat er nicht auf mich gewartet wie sonst?“

„Ach, das ist eine böse Geschichte und mir selbst ist’s dabei am schlimmsten ergangen! Wärst du doch nur hier gewesen, da wäre wohl alles anders gekommen! Du hättest bekannt, vor aller Welt bekannt, daß du ihn liebst!“

„Als ob ich das könnte, du weißt ja, daß dies ein tiefes Geheimnis bleiben muß.“

„Doch wenn mir dadurch mein Lebensglück gerettet worden wäre –“

„Dafür soll ich das meinige in die Schanze schlagen? Ich sehe dich gern glücklich, aber mit meinem Unglück will ich dein Glück nicht erkaufen! Dazu bin ich nicht großmütig genug. Aber sprich endlich, was ist geschehen?“

„Der Maler war den ganzen Nachmittag und Abend hier auf der Burg. Mein Vater hatte schon seit einiger Zeit ein [222] Auge auf ihn geworfen. Er glaubt, daß er mein Liebster ist, und sagte es mir geradezu. Ich leugnete und hatte ja ein gutes Recht dazu. Heute nun kam dein Freund wieder; glücklicherweise hielt der Vater einen langen Nachmittagsschlaf, denn er hatte mittags mit guten Freunden gezecht. Ich konnte den Maler also unbemerkt in den Burghof geleiten; doch ich hielt’s für besser, ihn ganz zu verstecken, bis du kämst. Ich schloß ihn in den Turm ein und ließ ihn in seiner Gefangenschaft. Du solltest ihn erlösen. Allein es kam anders –“

„Nun? Rasch – rasch!“

„Robert kam mit zwei Offizieren aus Schreiberhau – die Burg soll nun wirklich Besatzung erhalten; sie wollten alle Räumlichkeiten besichtigen. O, wie war ich selig, ihn wiederzusehen, und ich konnte mir auch einen Kuß, eine Umarmung stehlen! Niemand hat’s bemerkt – es war da am Zwinger, wo früher die Falkonetts standen.“

„Deine Liebesgeschichten erzähl’ mir ein anderes Mal; ich kann mir das alles schon denken – weiter, weiter!“

„Das gehört alles zusammen, sonst verstehst du’s ja nicht. Ich ging immer an der Seite der Schreiberhauer Herren mit dem Schlüsselbunde; es gab noch hier und dort einen wenngleich verfallenen, doch verschlossenen Raum, wo der Vater allerlei Gegenstände der Wirtschaft stehen hat. Wir hatten schon den zweiten Hof durchschritten und näherten uns dem Turme – da fiel mir’s schwer aufs Herz, daß dort ja einer im Versteck saß. Der Angstschweiß stand mir auf der Stirn. Ich sagte, an dem alten Turme sei nichts zu sehen, die Treppe sei verfallen. Robert bemerkte mein Zögern, meine Verlegenheit; er wußte sich’s offenbar nicht zu erklären. ,Den Turm müssen wir sehen,‘ sagte er; ,was baufällig daran ist, muß wiederhergestellt werden, wir brauchen ihn als Warte zum Ausspähen.‘ Ich verfiel auf ein sehr thörichtes Auskunftsmittel; ich sagte, ich hätte den rechten Schlüssel vergessen. Da griff eine Hand energisch nach dem Schlüsselbund; es war die meines Vaters, der sich uns angeschlossen hatte, ohne daß ich es merkte; er nahm den Schlüssel heraus, stieß mich erzürnt beiseite und öffnete die Thür.“

„Der arme Edmond! Das kommt von den Heimlichkeiten! Hätte er an seiner Staffelei im Hofe gesessen, es wäre ihm nichts begegnet.“

„Doch! Der Vater war seit gestern ganz in der Stimmung, ihm den Weg zu weisen. Das konnt’ ich nicht wissen, daß er so aus dem Regen in die Traufe kam und ich mit ihm. Der Vater sah mich mit einem durchbohrenden Blick an, als er den Maler erblickte. Und Robert, Robert – er erblaßte. Fast unheimlich war der Ausdruck seiner Züge. Mein Zögern hatte mich verdächtig gemacht; er mußte glauben und er glaubte, daß ich hier einen Nebenbuhler versteckt hielt. Noch waren Fremde zugegen: weder der Vater, noch Robert sagten ein Wort. Der Maler war gefaßt; er sei aus Versehen hier eingeschlossen worden, erklärte er und grüßte mit vornehmem Anstand. Mein Vater aber war seines Zornes nicht länger mächtig, er rief dem Fortgehenden noch in den Hof nach, er wisse ganz gut, was er hier suche, und bäte ihn dringend, seine Besuche endlich einzustellen.“

„O, das hat man davon,“ rief Leontine, „wenn man sein Schicksal in die Hände alberner Mädchen legt!“

„Leontine!“ rief Klärchen in höchster Erregung.

„Ich eile den Berg hinunter, ihm nach!“

„Das ist zu spät, jetzt ist er schon in Hermsdorf; und ich lasse dich nicht fort! Dank für meine guten Dienste verlange ich nicht, aber wie’s jetzt gekommen ist, bist du mir schuldig, mich nicht im Stich zu lasten. Du mußt sprechen, du mußt dich erklären, du mußt meine Unschuld beweisen!“

„Was soll es dir schaden, wenn man dich auch für schuldig hält? Ein Mädchen wie du hat immer seine kleinen Abenteuer.“

„Reize mich nicht, Leontine! Du bist in meiner Gewalt, doch wir wollen Freundinnen bleiben – es würde mir wehthun, wenn’s anders käme. Robert muß wieder an mich glauben – ein Wort von dir genügt. Ich mußte ja schweigen, halbe Hindeutungen würden ihm nicht genügt haben, und hätte ich von einer Freundin gesprochen, er hätt’s für Lug und Trug gehalten, wenn ich ihren Namen verschwieg.“

„Du hast wohl daran gethan,“ sagte Leontine; „wahren wir noch einige Zeit das Geheimnis; dann werd’ ich selbst den Schleier lüften und dein engelweiß Gefieder wird wieder im reinsten Schimmer leuchten.“

„Nein, ich ertrag’s nicht, jetzt, gerade jetzt so dazustehen! Sie werden die Burg besetzen, ich werde immer in seiner Nähe sein – und mit diesem schwarzen Fleck gezeichnet in seinen Augen! Der Krieg wird sich hierher ziehen, er wird mitkämpfen müssen, er wird in Gefahr kommen, o Gott, und wenn er im Kampfe fiele, wäre sein letzter Gedanke der an ein schlechtes Mädchen, das ihn betrogen!“

„Ich kann dir nicht helfen. Sage du was du willst – ich leugne! Für jetzt! Aber es wird, es soll bald anders werden. Nicht mein Wort – daran könnte man zweifeln, es könnte ein Freundschaftsstückchen sein – die That wird dich rechtfertigen!“

Damit verabschiedete sich Leontine und eilte den Berg hinunter, getrieben von ihren wilden, leidenschaftlichen Gedanken.

Klärchen blieb allein zurück – auch Robert hatte die Burg verlassen ohne Abschied, Groll im Herzen und beleidigende Zweifel. Wieder saß sie am Höllenschlund und maß den Absturz in die dunkle Tiefe. Doch die Hoffnung stirbt nicht in einem jungen Herzen. Klärchens Blick wandte sich nach oben; der Stern der Liebe stand mit mildem Glänze am Abendhimmel, an welchem die Gluten des Sonnenuntergangs eben erloschen.


Graf Götzen, der Generalgouverneur von Schlesien, wollte den Krieg führen durch ein Aufgebot aller Volkskraft. Waffen und Munition kamen ihm von Oesterreich herüber; die Werbetrommel wurde gerührt in allen Dörfern der Gebirge. Noch hielt sich Glatz. Er hatte ein verschanztes Lager errichtet zum Entsatz der Feste und es in blutigen Kämpfen gegen die Franzosen verteidigt. Im Rücken der Franzosen hoffte er einen Volkskrieg zu entzünden, der von Schlesien aus weit hinein in die deutschen Gaue sich erstrecken sollte. Der wilde Vandamme aber war aufs höchste erbittert über den Widerstand, der ihm hier in Schlesien, das er schon als eine eroberte Provinz angesehen, auf Schritt und Tritt begegnete. Vor allem wollte er das Brutnest im Gebirge ausheben, aus welchem immer neue Freiwilligenscharen auskrochen, und so sah man eines Tages große militärische Kolonnen sich im Zackenthal vorwärtsbewegen.

Es war begreiflich, daß Edmonds Gesuch um Abschied unter diesen Umständen abgelehnt wurde. Die ärztlichen Zeugnisse hatten nicht entschieden genug seine vollkommene Dienstunfähigkeit festgestellt. Man brauche jetzt tüchtige Offiziere, hieß es in dem Bescheid, und könne ihn nicht entbehren. So war Edmond wieder in sein Regiment eingetreten, das gerade in Hirschberg eingerückt war; er hatte Leontine mit wenigen Zeilen von dieser Wendung seines Schicksals in Kenntnis gesetzt.

Das war ein unverhoffter Schlag für sie – Geduld, immer nur neue Geduld – und das war ihr nicht gegeben! Jedes Wiedersehen war jetzt ausgeschlossen – jetzt trat er auf als der Landesfeind mit Wehr und Waffen. Wie, wenn seine Truppen ihres Vaters Besitzungen verwüsteten? Mit atemloser Spannung hörte sie jeden Bericht über den Anmarsch französischer Bataillone; ängstlich schlug ihr sonst so mutiges Herz – irgend ein Unheil lag in den Lüften.

Inzwischen wurde der Kynast kriegerisch bewehrt, Bergkanonen waren auf die alte Ritterburg heraufgeschleppt worden. Einmal schreckten sie mit ihren Probeschüssen das Echo im Höllenschlund auf und verkündeten weit hinein ins Thal dem anrückenden Feind, daß auch das Felsennest der Schaffgotsch bereit sei, ihm die Zähne zu weisen. Rekruten wurden in den Schloßhöfen einexerziert, doch war auch ein kleiner Stamm kriegstüchtiger Truppen hierher gelegt zu gelegentlichen Ausfällen.

Robert verweilte mit zwei Offizieren auf der Burg. Auch Klärchen hatte dieselbe nicht verlassen, der Vater brauchte ihre Hilfe. An Robert ging sie schweigend vorüber, wie er an ihr; nicht ohne tiefes Herzweh war es beiden möglich, sich so nah’ und doch so fremd zu sein.

An einem schönen Juniabend war Robert auf den Turm gestiegen, dessen Treppe notdürftig zurechtgezimmert war, indem hölzerne Stufen die steinernen ergänzen mußten. Er beobachtete von dort die Bewegungen der Feinde. Ein Teil der feindlichen Truppen schien einen Vorstoß gegen Schreiberhau machen zu [223] wollen und dem Thal des Zackens hinauf ins Gebirge zu folgen; ein anderer Teil machte Halt in der Nähe von Hermsdorf.

Schleichpatrouillen wurden vorausgeschickt. Kleine Abteilungen überschritten das Agnetendorfer Wasser und näherten sich dem waldigen Felskegel des Kynast.

Robert stieg rasch vom Turm herunter. Er verständigte seinen Vorgesetzten von der Entdeckung und erhielt Befehl zu einem Ausfall gegen den nahenden Feind. In aller Stille sammelte er seine Truppen und führte sie den steilen Weg durch den Höllenschlund hinab. Am Waldrande des Herdberges machten sie Halt und begrüßten den Feind mit wohlgezielten Schüssen. Dieser erwiderte das Feuer, aber unsicher und ziellos. Er war in Verwirrung geraten, und als Robert sah, daß die Zahl derer, welche den Bach überschritten hatten, nur gering war, während der Haupttrupp allzufern auf dem Wege am andern Ufer hielt, da gab er den Befehl zur Attacke. Sturmschnell drangen die Seinigen mit gefälltem Bajonett auf die feindlichen Truppen ein, warfen einen Teil derselben, nach hartnäckiger Gegenwehr, hinunter ins Schneegrubenwasser, nahmen einen verwundeten Offizier und mehrere Soldaten gefangen und traten den Rückzug nach der Burg an, während ein verspätetes Feuer der auf dem jenseitigen Ufer stehenden Franzosen fast wirkungslos blieb und nur einige Mannschaften leicht verwundete.

Der gefangene Offizier gab Robert seinen Degen. Dieser wollte seinen Augen nicht trauen – es war ja der Maler, den er droben im Burgturm gesehen, von allen Menschen ihm der verhaßteste, da er ihn gezwungen, an Klärchens Treue zu zweifeln! Was hatte er denn oben in der Burg und in einer Verkleidung gesucht? Es war ein Spion und Klärchen mit ihm im Einverständnis? Das verwirrte und verwickelte sich alles so, daß ihn ein Schwindel erfaßte.

„Sie sind hier als mein Gefangener nach einem ehrlichen Kampfe,“ sagte er zu Edmond; „gleichwohl muß ich jede Waffenbrüderschaft zurückweisen, denn ich sehe Sie hier nicht zum erstenmal! Sie hatten sich in die Burg eingeschlichen. Sie werden sich zu verantworten haben vor einem Kriegsgericht!“

Edmond erwiderte kühl: „Ich wollte der Burg droben keine Geheimnisse ablauschen; sie stand ja aller Welt offen, warum nicht auch mir? Ich war beurlaubt und krank und ging meinen Neigungen nach. Neben dem Waffenhandwerk huldige ich der Malerei – und malerisch ist die alte Burg, aus der Sie thörichterweise jetzt eine Festung machen wollen.“

„Und sonst führte Sie nichts hinauf?“

„Wenn mich noch ein anderer Grund dazu bestimmte, den Felsen zu ersteigen, so hat er wenigstens nichts zu thun mit Krieg und Belagerung und es ist mein Geheimnis, das vor kein Kriegsgericht gehört.“

„Mir aber werden Sie Rede stehen, mir!“ rief Robert in höchster Erregung, denn er glaubte aus dieser Erklärung ein Schuldbekenntnis herauszuhören. Edmond sah mit einem fragenden Blick zu ihm empor – was wandelte diesen Deutschen an? Er zuckte mit den Achseln und band das vom Blutverlust gerötete Tuch fester um den verwundeten Arm.

Oben harrte Klärchen mit ängstlicher Spannung an der Brustwehr des Vorplatzes. Sie hatte Robert ausziehen sehen mit seiner kleinen Schar, war an den Rand des Höllenschlundes geeilt und hatte den Kampf unten im Thale mit angesehen, so weit es die Pulverwolken gestatteten, welche die Kämpfenden verhüllten. Dann flog sie in fieberhafter Erregung wieder an die vordere Brüstung, um die Zurückkehrenden zu erspähen, sobald sie nur aus dem Walddunkel hervortraten. Würde Robert unter ihnen sein? Wie schlug ihr Herz! Endlich! Die ersten erschienen; es wurden Verwundete geführt, einer auf einer Bahre getragen – Gott sei Dank, es war nicht Robert! Da plötzlich tauchten französische Uniformen auf – es waren Gefangene, die von Freischärlern eskortiert wurden, und hinter ihnen der Ersehnte!

Oben am Vorthor erwartete sie ihn; sie wagte nicht, sich ihm zu nähern; aber sie stand da mit gefalteten Händen, wie zum Dankgebet für seine Errettung, und in ihren Augen leuchtete helle Freude. Doch wie erschrak sie, als er plötzlich düsteren Blicks auf sie zutrat und mit einer vor Erregung zitternden Stimme ihr zurief, indem er auf den französischen Offizier deutete, der eben durchs Thor geführt wurde: „Kennst du diesen da?“

In der That, sie kannte ihn, doch es war wie ein Traum. Der Maler – ein Franzose, in der Uniform der Landesfeinde? Wie schmachvoll hatte Leontine sie getäuscht! Sie schrak zusammen und preßte die Hand aufs Herz. O, wenn Robert sie weiter für schuldig hielt, da gab es ja keine Verzeihung mehr!

„Landesverräterin!“ Es war ein Flüsterwort, das er ihr ins Ohr raunte, aber kein stürmischer Zornesausbruch hätte sie so niedergeschmettert. Mit einer Gebärde des Abscheus ließ er sie stehen.


Ein stürmischer Abend – zerrissenes Gewölk hing über den Bergen, lagerte auf den Wäldern; mit den Wolkenfetzen trieb der Sturm sein Spiel, wirbelte sie zusammen und auseinander.

Im Burghof des Kynast flackerten die Wachtfeuer hin und her und warfen gespenstige Schatten an die Mauern. Und zog nicht über die Zinne und den Turm mit dem flatternden Gewölk ein langer Schattenzug? Die tapfern Ritter der alten unheimlichen Sage, die von der Mauerwand herab in den Abgrund stürzten – zeichneten sich nicht ihre verschwebenden Gestalten ab im Nebelgewölk? Dröhnte es nicht, wenn der Sturm die Steine loslöste, wie der spukhafte Hufschlag der ins Gebiß knirschenden Rosse, welche der gähnende Schlund herniederzog? Und vor allem – flog’s nicht in Turmeshöhe wie ein flatterndes Gewand dem Abgrund zu? Das war sie selbst, die gnadenlose Kunigunde, von ihren Opfern herabgelockt in die unheimliche Tiefe.

Das waren Träume, die auch Roberts Sinne umgaukelten, als er bald in die hin und her zitternden Flammen, bald in den sternenlosen Abendhimmel blickte. Sternenlos – so sah es auch in seinem Innern aus.

Sein Major war von Schreiberhau angekommen; er hatte durch das Agnetendorfer Thal dem Kynast einige Verstärkungen zugeführt, da der Feind die alte Burg bedrohte. Jetzt war er damit beschäftigt, die neuen Mannschaften einzuquartieren; bei den engen Räumen mußten Strohschütten unter freiem Himmel nachhelfen. Die Bivouacfeuer sorgten für Erwärmung und Nahrung. Vor allem aber wollte der Major den französischen Offizier verhören, der in Gefangenschaft geraten war und vorher in der Burg sein Wesen getrieben hatte. Und dieses Verhör sollte öffentlich vor sich gehen, in der Mitte der Freischaren.

Hauptmann Edmond de Granville wurde vorgeführt. Es mochte ein Zufall sein, daß man ihm die Stelle anwies, wo früher die Staupsäule stand, an der die Verbrecher von dem Burgvogt gezüchtigt wurden. Er trug den Arm in der Binde; sein ritterlicher Anstand nahm die jungen deutschen Kämpfer für ihn ein. Der Major begann seine richterliche Thätigkeit mit Fragen, die, solange sie die Herkunft des Angeklagten und seine militärischen Verhältnisse betrafen, prompt beantwortet wurden. Nach dem Anlaß zu seinen früheren Besuchen der Burg gefragt, berief sich Edmond auf seine Studien als Maler. Der Major ließ das nicht gelten; wenn er nicht als Spion auf die Burg gekommen sei, so möge er einen triftigen Grund anführen. Da erhob sich Robert.

„Herr Major, ich muß befürchten, daß er, um sich zu rechtfertigen, andere in seine Schuld verwickeln wird, deren Namen hier vor uns allen zu nennen schon eine schwere Kränkung wäre. Ich möchte bitten, in einem geheimen Verhör –“

„Herr Kamerad,“ unterbrach ihn Edmond, „fürchten Sie nichts! Weder jetzt noch wenn ich allein dem Richter gegenüberstehe, wird irgend ein Name über meine Lippen kommen.“

Da trat ein Unteroffizier heran und meldete dem Major zwei Damen, die in Sachen des gefangenen Offiziers de Granville wichtige Enthüllungen machen wollten – sie hätten sich nicht abweisen lassen. Der Major zuckte die Achseln und lächelte.

„Nun meinetwegen! Ins Bivouac gehören zwar bloß die Marketenderinnen; doch wenn sich die Damen nicht scheuen, uns einen Besuch zu machen – sie mögen eintreten!“

Und Leontine erschien gleich darauf, stürmisch eintretend – den zerknitterten Hut hielt sie in der Hand; ihr aufgelöstes Gelock hing ihr um die Schultern, von denen der Mantel herabgeglitten war. Ihre Augen hatten ein wildes Leuchten. Der festgeschlossene Mund verkündete einen nach inneren Kämpfen gefaßten Entschluß. Die Nächsten traten einige Schritte von ihr zurück, alle blickten auf sie, erstaunt, verständnislos. Nur Edmond [224] warf ihr einen verständnisvollen, einen leidenschaftlichen Blick zu; er wußte, warum sie gekommen.

Vor einer Stunde erst hatte sie durch einen verspäteten Boten einen Brief von Klärchen erhalten; er teilte ihr alles mit, den gestrigen Kampf, die Verwundung und Gefangennahme des Hauptmanns Granville, der als ein Spion gerichtet, vielleicht zum Tode verurteilt werden solle. Leontine müsse jetzt sprechen, nicht nur um seinetwillen, sie habe auch andere Pflichten; Klärchen verlangte jetzt, von einem Verdachte gereinigt zu werden, der sie in den Augen ihres Geliebten mit Schmach bedecke. „Du bist eine vornehme Dame,“ hieß es in dem Briefe, „und Dein Herz ist frei. Du kannst leben wie Du willst, und wenn sie darüber die Nase rümpfen, was kümmert’s Dich? Ich aber sitze nicht so hoch zu Pferde – und ich habe eine Liebe, die ich nimmer verlieren will. Also komm’ sogleich auf die Burg – sonst bist Du eine Verbrecherin an ihm und mir!“

Schon seit sie erfahren, daß Edmond wieder in Reih’ und Glied getreten, war Leontine in Aufregung; ein unbefriedigtes Wünschen und Wollen drängte sich wie ein Glutstrom nach ihrem Herzen; ihre Phantasie schwelgte in den Bildern des Unerreichbaren, ihre Sinne waren in einem Taumel, der ihre Seele verdunkelte. Und nun kam Klärchens Brief – sie hörte nichts mehr, sie sah nichts mehr als ihn! Er, verwundet in der Gewalt der Feinde – und auf der Burg! Das war der Ort ihrer Stelldicheins – und jetzt – welcher schmerzlichen Begegnung sah sie dort oben entgegen! Doch jetzt galt es kein Zögern mehr und kein Geheimnis – die Schicksalsuhr hatte die entscheidende Stunde geschlagen.

Lottchen mußte rasch einen Mantel umwerfen und folgte seufzend und stöhnend dem beschleunigten Gang der Gebieterin, welche die Treppe hinunterflog, um so rasch als möglich ins Freie zu kommen, Luft und Atem zu schöpfen, denn es lag ihr wie ein Alp auf der Brust. Unten kam ihr der Vater entgegen; doch schritt sie eilig an ihm vorüber.

Ohne Aufenthalt eilte sie auf dem Wiesenpfade dem Walde des Burgberges zu! Droben am Himmel glühte ein lichter Schein, der Wiederschein der Wachtfeuer.

Oben angekommen, suchte sie Klärchen auf, und von der Schloßwache gemeldet, traten die drei Mädchen zusammen in den zweiten Hof der Burg.

Der Major grüßte galant, Leontine ergriff zuerst das Wort.

„Ich bin Leontine von Wallwitz; da unten liegt Giersdorf, meines Vaters Schloß. Dies erwähne ich nur, weil ich überzeugt bin, daß Sie einer Edeldame Glauben schenken werden, wenn sie aus freien Stücken ein Zeugnis ablegt zu gunsten eines Angeklagten und zu ihren eigenen Ungunsten.“

„Sprechen Sie, gnädiges Fräulein!“ Der Major strich sich seinen Schnurrbart. In dem alten Haudegen war der Kavalier erwacht.

Und wie der Major empfanden auch die jungen Männer in der Jägeruniform. Es herrschte eine atemlose Stille.

„Unweiblich ist’s,“ sagte Leontine, „hier in diesem Kreis von Männern ein Geständnis abzulegen, das ein schönes Geheimnis bleiben sollte; doch wenn ich jetzt schwiege, müßte ich mehr vor mir selbst erröten als bei dieser Beichte, zu der die Not mich zwingt! Sie wollen den Hauptmann Edmond de Granville als Spion verurteilen, weil er sich verkleidet in die Burg geschlichen. Ich weiß, er verrät es nicht, warum er das gethan. So will ich ihm die Zunge lösen: er hat es um meinetwillen gethan!“

Nichts regte sich als die knisternde Flamme, in welche ein Windstoß fuhr.

„Um meinetwillen, ja, denn mich hat er hier oben gesucht und gefunden! Klärchen Röger, des Burgwarts Tochter, war uns hilfreich dabei; doch sie wußte nicht, daß der Maler ein französischer Offizier war. Ich aber wußte es und liebte ihn, und wie man’s in der Kirche gestehen darf vor versammelter Gemeinde, so darf ich’s auch hier, wo der Altar und der Pastor fehlen – ich liebe Edmond de Granville!“

„Den Franzosen?“ sagte der Major wie verwundert, und ein allgemeines Murren erhob sich in der Runde; feindselige Blicke richteten sich auf Leontine. Edmond schritt auf sie zu und reichte ihr die Hand. Das steigerte die Erbitterung des erregten Kreises, hier und dort wurde der halbunterdrückte Ruf des Unwillens laut.

Leontine hatte das Gefühl, als ob sie am Pranger stände. Ringsum diese sonst so begeisterte Jugend, schöne, feurige Jünglinge – und sie, das schöne Weib, von ihnen verurteilt, ausgestoßen, mit Schmach bedeckt!

Nur einer wandte sich nicht feindlich gegen sie – einer, der sie sonst am schärfsten verdammt haben würde. Ihm war ihr Wort eine Erlösung gewesen von schwerem Druck – er mußte ihr dafür danken. Er jauchzte auf in innerster Seele – die Geliebte war ohne Schuld, war für ihn gerettet! Mit zärtlichen Blicken sah Robert zu Klärchen hinüber; er hätte sie ans Herz geschlossen, wäre er mit ihr allein gewesen – und zum erstenmal verwünschte er seine treuen Kameraden. Doch Klärchen drückte die Hand aufs Herz und lächelte ihm stillselig zu.

Leontine aber war es, als werde sie mit Ruten gegeißelt. Eine flammende Röte bedeckte sie – war ihr Geständnis eine Thorheit, ein Frevel? O, diese Verblendeten! – Keiner glaubte an eine große Leidenschaft; keiner verstand sie, keiner hatte die heilige Scheu, die man vor dem Gewaltigen empfinden muß, wär’ es auch etwas dämonisch Wildes, was die Gemüter danieder zwingt! Nichts hatten sie in Kopf und Herzen, diese Jünglinge, als ihr Vaterland, das Stück Erde, das zwischen seine Grenzpfähle eingeklemmt ist, und den blinden Haß gegen die Uniformen eines fremden Heeres! Aus all dieser Demütigung richtete sie sich mit um so größerem Stolz empor und schleuderte dieser haßerfüllten Jugend den Handschuh ins Gesicht.

„Ich bin nicht gekommen, um Ihr Urteil über mich herauszufordern; ich bin ein unbedeutendes Mädchen und was ich thue, mag einer geringschätzigen Meinung begegnen oder auch verworfen werden durch ein von blindem Eifer beseeltes Gericht. Weit, weit gehen unsere Wege auseinander. Sie kämpfen für eine verlorene Sache, für ein aus den Fugen gegangenes Vaterland! Was kümmert’s mich? Ich liebe – und keinen Unwürdigen; denn die Krieger des Großen Napoleon, die Sieger in glorreichen Schlachten verdienen, von Freund und Feind geachtet und bewundert zu werden!“

Wieder erhob sich lautes Murren, und dann gingen böse Zischelreden von Mund zu Munde.

„Ich kam nur, um mein Zeugnis abzulegen, und frage, ob es beachtet worden ist nach Gebühr – dann ist Edmond de Granville freizusprechen.“

„Gnädiges Fräulein,“ versetzte der Major, „Ihre Aussage ist wichtig und entlastend; sie kann nicht unberücksichtigt bleiben: Doch hier handelt es sich nur um ein Verhör – das Kriegsgericht wird entscheiden, ob die Anklage aufrecht zu halten ist.“

„Und Sie geben ihn nicht frei?“ fragte Leontine in leidenschaftlicher Erregung.

„Mein Fräulein,“ sagte der Major, „der Offizier muß zunächst noch in unserem Gewahrsam bleiben. Daß er kein Spion ist, will ich glauben, doch das unterliegt einer anderen Entscheidung; jedenfalls aber ist er unser Kriegsgefangener.“

Leontine rang wie verzweifelt die Hände. „Mein, mein – und immer wieder nicht mein! Vergeblich, was ich gethan – o, ich Unsinnige! Ich habe mich in den Haufen gemischt wie ein Mädchen aus dem Pöbel und sie werfen mich mit Steinen!“

„Nachrichten aus Glatz!“ riefen im ersten Hofe einige Stimmen, „ein Kamerad, ein Kamerad!“ Und nach der freudigen Begrüßung draußen trat in die Runde ein Offizier, eine schwarze Binde um die Stirn und das eine Auge.

Es war Kurt von Rohow.

Leontine erblaßte, als ergriffe sie ein Schwindel; sie sank in Lottchens Arme, auch Klärchen war um sie bemüht. Sie verbarg ihr Gesicht an Lottchens Brust; sie wagte nicht aufzuschauen, ja sie hatte ein Gefühl, als schwankten Mauer und Turm und drohten über ihr zusammenzubrechen.

Kurt grüßte den Major mit militärischer Meldung, drückte den Kameraden die Hand und wandte sich dann an Leontine; er rief sie beim Namen, doch sie hörte nicht. Seine Stimme ging ihr durch Mark und Bein, es war die Stimme des Gerichts.

„Ich komme im Auftrage Ihres Vaters, um Sie zurückzuholen, Leontine! Sie haben das Schloß in so stürmischer Hast verlassen, er ist in Sorge um Sie. Aber reden Sie, wie soll ich es mir erklären, Sie hier in diesem Kreise zu sehen?“

„Man wird es Ihnen schon erklären, Herr von Rohow,“ sagte Leontine, sich halb erhebend, mit dumpfer Stimme.

[226] „Ich kam mit meinem Vater nach Giersdorf; ich wollte ein Versprechen einlösen.“

„O, schweigen Sie davon, schweigen Sie hier davon!“

„Hier am wenigsten,“ versetzte Kurt, „denn ich sehe in diesen Damen zwei Zeugen, die zugegen waren, als Sie mir dies Versprechen gaben, und was hätte ich vor meinen Kameraden zu verschweigen, auf deren Glückwünsche ich rechnen darf? Ja, ich erkläre es hier vor allen und ich habe ein Recht dazu – Leontine von Wallwitz ist meine Braut!“

Ringsum erstauntes, verlegenes Schweigen – was bedeutete das? Alle Blicke richteten sich auf den französischen Offizier, der zornentflammt vergeblich nach dem Degen an seiner Seite suchte.

Leontine raffte sich auf, totenbleich; ihr Auge blickte starr, und wie mit gelähmter Hand etwas Gespenstiges abwehrend, sagte sie dumpf aber fest: „Niemals!“

„Ich habe dich ritterlich erobert,“ rief Kurt, „siehst du hier die Binde um meine Stirn? Mein rechtes Auge hab’ ich drangegeben – beim Kampf um die Schanzen vor Glatz. Mein Freund Friedrich von Benndorf, der Genosse jenes verhängnis- und verheißungsvollen Abends, blieb unverwundet. Und so gehört mir als Siegespreis deine Hand!“

Leontine barg ihr Gesicht in den Händen; es kam über sie ein großes Mitleid mit allem, mit der Welt, mit sich selbst – sie schluchzte. Da war’s, als rührte sie eine eiskalte Hand an, sie hörte die Stimme Edmonds.

„Und was ist denn vorgefallen an jenem verhängnisvollen Abend?“

Was hatte sich der Fremde darum zu kümmern? Kurt wandte sich verächtlich von ihm ab, doch er las die gleiche Frage auf allen Gesichtern.

„Nun, Friedrich und ich, wir warben um die Hand des Fräuleins und es versprach, sie demjenigen zu geben, der zuerst verwundet aus dem Kampfe zurückkehren würde. Ist’s nicht so, Leontine, ist’s nicht so, meine Damen? Ihr Schweigen bestätigt mein Wort: Leontine ist meine Braut oder sie ist eine Wortbrüchige vor Erd’ und Himmel!“

Was Kurt da sagte, erklang ihr wie die Stimme des Gewissens; doch sie wollte nicht darauf hören. Es vermehrte nur die entsetzliche Schwüle dieser Minuten – denn von einer anderen Seite erwartete sie den niederschmetternden Wetterschlag.

Und er fuhr hernieder, der zündende Blitz, und legte ihr Leben in Asche.

„Ist dies alles wahr, Leontine?“ rief Edmond de Granville, „ich bitte, ich beschwöre dich, strafe diesen Herrn Lügen!“

„Ich kann es nicht,“ sagte sie zögernd und flüsternd.

„Bei meiner Offiziersehre,“ versetzte jetzt Edmond, „so gehörst du ihm allein und ich sage mich für immer los von dir!“

„Edmond!“ – erklang’s wie ein Schmerzensschrei von ihren Lippen.

„So hast du nicht nur mit diesem, sondern auch mit mir ein unwürdiges Spiel getrieben, mir Liebe gelogen, wie du ihm dein Wort gebrochen hast! Jetzt hab’ ich nur noch einen Wunsch: eine Kugel für den ‚Spion‘ – sie soll mir willkommen sein!“

„Edmond!“ rief Leontine mit erlöschender Stimme, „o, dich hab’ ich geliebt! Zu spät, zu spät! Laßt mich!“

Sie riß sich gewaltsam los.

„Kunigunde!“

Es klang wie ein Todesschrei von ihren Lippen, und fort stürzte sie durch den kleinen Zwischenhof dem Turme zu. Die Mädchen eilten nach, auch einige Freischärler, doch sie hatte die Thür hinter sich ins Schloß geworfen.

Bald stand sie droben, einer Sturmesbraut gleich, unter krächzenden Krähenschwärmen, die aus den Ritzen aufstäubten, während der erste Donnerschlag des lange schon grollenden Gewitters in allen Thälern und Schluchten ein dröhnendes Echo weckte. Sie ging den Weg, den Kunigunde gegangen, die stolz und übermütig wie sie ihrer Opfer gelacht hatte, bis der Geliebte sich verachtend von ihr wandte, und dieser Weg führte vom Rande des Turmes in die Tiefe des Höllenschlundes.

Noch in der Nacht beim Fackellicht suchte und fand man ihr zerschmettertes Gebein.


Wenige Tage nach diesen Vorgängen kam die Kunde des Tilsiter Friedens und machte dem bewaffneten Widerstande in Schlesien ein Ende.

Edmond de Granville wurde freigelassen. Zwei Jahre verbrachte er, ein düstrer Mann, in den Rebengärten der Provence; dann trat er wieder ins Heer und fiel in der Schlacht von Wagram. Kurt von Rohow lebte unvermählt auf seinen Gütern. Alle seine Lebenslust hatte ihn verlassen. Der alte Wallwitz war ein gebrochener Mann. Daß er sein einziges Kind verloren – es war ein Weh, das er zu überwinden vermochte; aber daß seine Tochter einen Landesfeind geliebt, das konnte er nicht verschmerzen, das schien ihm ein unauslöschlicher Flecken auf der Ehre seiner Familie.

So herrschte hier im Schloß eine nachtdunkle Stimmung. Desto heller war der Sonnenschein, der in das Pfarrhaus von Petersdorf fiel, wo Robert und Klärchen als ein glückliches Paar lebten. Der alte Kommandant hatte seine Zustimmung gegeben, als Robert in der Lage war, für die Verproviantierung der Burg zu sorgen mit Hilfe seiner Stolgebühren und seiner Pfarräcker. Dafür blieb sein Geheimnis gewahrt und Klärchen war für alle seine Tochter.

Der alte Rübezahl war jeden Winter der Mitbewohner des Pfarrhauses. Oft sprachen sie von den Schreckenstagen auf dem Kynast, und wenn Robert auf die neue herzlose Kunigunde schalt, da sagte Klärchen, sich zärtlich an ihn schmiegend: „O, sie war so schön und sie hat heiß geliebt. Um ihrer Liebe willen dürfen wir ihr vieles verzeihen! Nur, daß sie unser liebes, deutsches Vaterland verleugnete – das möge Gott ihr vergeben!“

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