Adam Oehlenschläger (Die Gartenlaube 1879/46)

Textdaten
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Autor: Frederik Winkel Horn
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Titel: Adam Oehlenschläger
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aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 764–768
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Adam Oehlenschläger.


Zu seinem hundertsten Geburtstage.


Der 14. November 1879 ist für das geistige Leben des europäischen Nordens von hoher Bedeutung, denn an diesem Tage vor hundert Jahren ward Adam Gottlob Oehlenschläger geboren, eines der größten Dichtergenies nicht nur Dänemarks, sondern der gesammten skandinavischen Lande.

Schon das allein wäre Grund genug, bei dieser Gelegenheit sein Leben und seine Werke näher in’s Auge zu fassen; für Deutschland aber liegt noch der weitere Grund vor, daß Oehlenschläger’s Dichtung, wie selbstständig sie sich auch gestaltete, in ihrem Ursprunge mit einer der bedeutendsten Perioden in der Geschichte des deutschen Geisteslebens eng zusammenhängt.

Oehlenschläger ward am 14. November 1779 in einem Häuschen der Vorstadt Vesterbro vor Kopenhagen geboren. Das Haus ist längst verschwunden, und an dem Platze ist jetzt eine Straße angelegt, die den Namen des Dichters führt. Sein Vater stammte aus dem südlichen Schleswig; seine Mutter war eines Kopenhagener Bürgers Tochter; sowohl von väterlicher, wie von mütterlicher Seite waren die Vorfahren deutscher Herkunft. Der Vater war Organist an der Kirche zu Frederiksborg und erhielt ein Jahr nach seines Sohnes Geburt den Posten eines Schloßverwaltungs-Bevollmächtigten auf dem gleichnamigen Schlosse, wo ihm auch seine Wohnung angewiesen wurde. Hier verlebte der Dichter seine Kindheit in glücklichen, wenn auch bescheidenen Verhältnissen, unter steter Einwirkung seitens der Eltern, die beide eigenthümliche, vollausgeprägte Persönlichkeiten waren; der Vater eine joviale, kerngesunde Natur, die Mutter ernster, sanft und träumerisch.

In hohem Grade trugen die Umgebungen, in denen er aufwuchs, dazu bei, seinen Geist eigenartig zu entwickeln, namentlich aber auf seine Phantasie befruchtend zu wirken. Das Schloß war in der Regel unbewohnt, und der sonst an ärmliche Verhältnisse gewöhnte Knabe konnte nach Herzenslust sich in den hohen, reichverzierten Sälen mit den bunten Gemälden und in dem großen Schloßgarten, der damals noch im steifen französischen Geschmack mit Taxuspyramiden und glattgeschorenen Hecken gehalten war, ergehen. Auch den im Entstehen begriffenen schönen Park Söndermarken mit seinen freieren englischen Anlagen, der zu jener Zeit noch dem großen Publicum verschlossen war, hatte er meistentheils für sich allein.

Immer und immer wieder kommt die Erinnerung des Dichters in seinem späteren Schaffen zurück auf diese seine glückliche Kindheit, die in all ihrer stillen, unbewegten Einförmigkeit so reich an tiefen Eindrücken für seine empfängliche Seele war.

Früh erwachte bei ihm das Bedürfniß nach geistiger Beschäftigung, und mit unersättlicher Begierde machte er sich ohne Wahl über alle Unterhaltungsschriften her, die er auftreiben

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Adam Oehlenschläger.
Nach dem Riepenhausen’schen Portrait auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

konnte. Das kam leider wiederum nur seiner Phantasie zu Gute, auf[WS 1] Kosten seiner eigentlichen Ausbildung. Mit seinen Kenntnissen sah es nicht zum Besten aus; und auch als der Dichter Edvard Storm, Vorsteher einer höheren Realschule in Kopenhagen, auf den lebhaften, begabten Knaben aufmerksam ward und ihm einen Freiplatz in seiner Schule verschaffte, half dies nicht viel: der Knabe beschäftigte sich nur mit solchen Fächern, die ihn besonders ansprachen, wie die Geschichte und die nordische Mythologie, und die unterhaltende Lectüre blieb ihm nach wie vor die Hauptsache. Schon damals aber begann er zahlreiche kleinere Gedichte zu schreiben, ja er verstieg sich sogar zu dramatischen Werken, welche unter Beihülfe seiner Schwester und einiger Altersgenossen fast ausschließlich in ihrem Kreise, nur selten vor Zuhörern, aufgeführt wurden.

Viele Kenntnisse besaß der sechszehnjährige Jüngling demgemäß nicht, als er die Schule verließ, allein sein Geist war ungemein frisch und gesund, für alles Schöne und Gute empfänglich, und unverkennbar traten seine vortrefflichen Anlagen hervor. Er selbst hatte noch keine Ahnung davon, in welcher Richtung sie sich entwickeln würden, und überließ das getrost der Zukunft. In der That vergingen noch Jahre, ehe er den rechten Weg fand.

Der junge Oehlenschläger sollte nach dem Austritt aus der Schule sich dem Handelsfache widmen. Allein im letzten Augenblicke stand er davon ab und begann sich zum Maturitätsexamen vorzubereiten. Indessen wollte es damit keinen rechten Fortgang nehmen, denn seine Phantasie war mit ganz anderen Dingen beschäftigt – er verschlang um diese Zeit die Schriften von Spieß und Lafontaine – und zuletzt warf er die Classiker in den Winkel und ging zum Theater. Es war jedoch nicht der Beruf zum Schauspieler, der ihn zu diesem Schritte trieb, sondern der bei angehenden Schauspieldichtern, die über ihre Bestimmung noch nicht zur Klarheit gediehen sind, so häufig vorkommende Drang, mit der Bühne in Berührung zu kommen. Nachdem er in den verschiedensten Stücken aufgetreten, ward er irre an seinem Schauspielertalent und nahm nun eifrig, unter Leitung der beiden später so berühmt gewordenen Brüder Oersted, die ihm mit Rath und That getreulich beistanden, seine Vorbereitungen für das Studium wieder auf. Im Jahre 1800 wurde er Student; statt aber sich, wie er beschlossen, in die Jurisprudenz zu vertiefen, machte er sich an die Beantwortung einer von der Universität aufgestellten ästhetischen Preisfrage: in wie fern es für die schöne Literatur des Nordens ersprießlich sein könne, wenn sich dieselbe auf die alte nordische Mythologie statt wie bisher auf die griechische stütze? und beschäftigte sich gleichzeitig mit dem Studium von Schiller, Goethe und Jean Paul, die er erst jetzt kennen lernte und die sofort einen überwältigenden Eindruck auf ihn [766] machten. Seit jener Zeit dachte er nicht mehr an das juristische Studium.

Schon damals war Oehlenschläger ein überaus fruchtbarer Schriftsteller. Nicht nur wurden die von ihm an belletristische Zeitschriften gelieferten Beiträge immer zahlreicher: es erschienen auch bereits größere Arbeiten von ihm. Was er schrieb, erwarb ihm bald den Ruf eines „jungen, vielversprechenden Dichters“, und als im Jahre 1800 Jens Baggesen, ohne Frage der bedeutendste Dichter Dänemarks in jenen Tagen, das Land verließ, um, wie er glaubte, niemals zurückzukehren, vermachte er Oehlenschläger seine „Dänische Leier“. Dennoch befindet sich unter Allem, was der junge Schöngeist, der „Mann mit den verborgenen Talenten“ – so nannten ihn diejenigen seiner Freunde, welche ein Auge für die in ihm wogende Unruhe und Gährung hatten – damals zu Tage förderte, wenig oder nichts, woraus man hätte schließen können, auf welche Höhe er sich in kurzer Frist erheben würde.

Daß Oehlenschläger’s Zeitgenossen von seinen damaligen Arbeiten befriedigt wurden, ist durchaus natürlich. Er dichtete, wie es Mode war, getreu den Idealen, der Lebensanschauung und der Dichtungsweise, die man von der faden nüchternen Aufklärungsperiode her als Erbe übernommen, und die selbst ein Ewald oder ein Wessel nicht zu verdrängen vermocht hatten. In erster Reihe stand die Rücksicht auf das Nützliche, was der Dichtkunst vorherrschend einen moralisirenden, lehrhaften Zuschnitt aufnöthigte. Vom ästhetischen Standpunkte beschränkte sich ihre Aufgabe darauf, „nette Gedanken verständig in einem guten und angenehmen Versmaß auszudrücken“, und auf der anderen Seite sollte sie das allgemeine Wohl durch Kräftigung des Bürgersinns, der Liebe zur Tugend etc. befördern. Oehlenschläger folgte, wie alle Anderen, dem Strom, und es bedurfte eines starken äußeren Anlasses, um ihn in eine neue Spur zu bringen, die ihn in das Land der echten Poesie, seiner eigentlichen Heimath, führen sollte. Endlich kam dieser entscheidende Stoß; er ging von Heinrich Steffens, dem berühmten Philosophen und Naturforscher, aus.

Steffens war in Norwegen geboren und in Dänemark erzogen, doch hatte sein Geist das eigentliche Gepräge in Deutschland erhalten, wo er sich mit Begeisterung an Schelling und die romantische Schule anschloß. Gegen Ende des Jahres 1802 kam er nach Kopenhagen und hielt hier Vorlesungen, in denen er wie „ein zweiter Ansgar“ ein neues Evangelium predigte. Dieser geistreiche und beredte Mann, „der Mann des Blitzes“, wie Grundtvig ihn nannte, gewann einen außerordentlich großen Einfluß auf die Entwickelung des dänischen Geisteslebens, obgleich er fast wie ein Meteor vorüberflog – er war nicht viel länger als ein Jahr in Kopenhagen. Man erstaunte über die Fülle reicher Gedanken, die ihm entströmten, und man erkannte bald, daß, wenn der Geist, den er verkündete, zur Herrschaft gelangte, nicht viel von den geltenden Lebensanschauungen sich aufrecht erhalten könnte. Eine ganz neue Welt mit anderen Begriffen, anderen Idealen, als den herkömmlichen, erschloß er seinen Zuhörern. Die ältere Generation nahm daran Aergerniß und lehnte sich gegen die von dem unruhigen Kopf verkündeten neuen Lehrsätze auf, aber die Jüngeren stellten sich begeistert auf seine Seite, machten seine Gedanken zu den ihrigen und nahmen Eindrücke auf, die für ihr ganzes Leben bestimmend wurden: die beiden Oersted, Grundtvig, Mynster und viele Andere, vor allen aber Oehlenschläger.

Nach einem flüchtigen Zusammentreffen in einem größeren Kreise, wo Oehlenschläger auf’s Eifrigste gegen die vielen neuen von Steffens ausgesprochenen Meinungen auftrat, die, wie er sich ausdrückt, „machten, daß den Anwesenden die Haare zu Berge ständen“, besuchte dieser Steffens in seiner Wohnung und hatte ein sechszehnstündiges Gespräch mit ihm. Am nächsten Morgen schrieb Oehlenschläger sein Gedicht „Die goldenen Hörner“, und als er es Steffens vorlas, brach dieser in die Worte aus: „Ei, Sie sind ja ein wirklicher Dichter,“ und gestand ihm, daß diejenigen seiner Gedichte, die er früher gelesen, den Glauben in ihm erweckt hätten, Oehlenschläger sei ein alter, abgelebter Mann. Und Steffens hatte Recht. Der wirkliche Dichter trat erst in jener Nacht hervor, als er durch Steffens sich selbst und seine Aufgabe verstehen lernte. Seit dieser Zeit weht uns aus seinen Gedichten ein phantasiefrischer, jugendlicher Hauch entgegen. Wohl kann es vorkommen, daß seine Poesie auf Abwege geräth, allein von Greisenhaftigkeit ist keine Spur mehr darin.

Das Motiv zu dem Gedicht „Die goldenen Hörner“ bilden die beiden Trinkhörner aus massivem Golde, die einst in Schleswig gefunden waren, zwei der köstlichsten Alterthumsdenkmäler, die Dänemark je besessen. Sie waren gerade damals aus der Kunstkammer, wo man sie aufbewahrt, von einem Goldschmied gestohlen, der sie umgeschmolzen hatte. Der Dichter faßt diesen Vorfall in echt romantischer Weise symbolisch auf: die Götter hatten das nationale Streben, in das Heldenleben des alten Nordens einzudringen, damit belohnt, daß sie die herrlichen goldenen Gefäße auffinden ließen, als aber der Sinn für die nationale Vergangenheit dermaßen vom Volke wich, daß es die ehrwürdigen alten Denkmäler nur noch neugierig anstarrte und nach dem Werth des Goldes schätzte, da nahmen die Götter ihr Geschenk zurück. Dieser Gedanke ist mit einer poetischen Kraft und einem Schwung in der Diction durchgeführt, wie sie von Oehlenschläger selbst niemals übertroffen worden sind.

Wie mächtig der Durchbruch war, der sich zuerst in diesem Gedicht offenbarte, und wie fruchtbar die schöpferische Kraft, die nun in Thätigkeit trat, davon legt Steffens im fünften Bande seines Werkes „Was ich erlebte“ ein sprechendes Zeugniß ab.

„Ich gab ihn sich selber,“ heißt es da; „er erkannte den eigenen inneren Reichthum, und ich erschrak fast, als die jugendliche, frische Quelle mir entgegenströmte. Er kannte wohl die deutschen Dichter; er verehrte wohl Goethe, aber er wagte es nicht, dem, was ihn innerlich erfüllte, Worte zu geben. Jetzt zerbrachen plötzlich die Fesseln, und er war Dichter. Er fühlte sich befreit, jubelte und belohnte denjenigen, den er seinen Befreier nannte, mit einer grenzenlosen, rührenden Hingebung. Keine Zweifel quälten ihn, die ungehemmte schöpferische Thätigkeit fand unmittelbar die geeignete Gestaltung. Was mich in Erstaunen setzte, da ich es unter allen Menschen am unmittelbarsten erlebte, war die Leichtigkeit, mit welcher er seine Muttersprache beherrschte. Eine nie vorher gekannte Anmuth und dichterische Fülle entwickelte sich plötzlich, eine neue Epoche der Sprache, die über ganz Skandinavien sich mächtig verbreitete, trat ahnungsvoll und reich unter meinen Augen hervor. Man kennt Oehlenschläger nicht als Dichter, kann sein jugendliches Verdienst nicht schätzen, wenn man nicht die fast unglaubliche Gewalt erwägt, die er über die Sprache ausübte.“

Ebenso sprechend für die Bedeutsamkeit jener Wandlung ist ein Vorfall, der sich an die Herausgabe der ersten Gedichtsammlung Oehlenschläger’s in dieser Zeit knüpft. Er hatte sich mit einem Buchhändler über die Herausgabe einer solchen Sammlung geeinigt. Steffens aber verwarf fast Alles, was zur Aufnahme in dieselbe bestimmt war, und in größter Eile – Steffens war im October gekommen; das Buch sollte zu Weihnachten erscheinen – schrieb Oehlenschläger eine große Anzahl neuer Gedichte, sodaß die Sammlung zur rechten Zeit erschien und gerade um des Neugeschaffenen willen ein außerordentliches Aufsehen erregte: denn es erklangen darin ganz neue Töne, die durch ihre wunderbare Schönheit die Jugend unwiderstehlich hinrissen, während sie zugleich die Männer der alten Zeit zu den Waffen riefen. Den Inhalt bildeten Romanzen, die zu dem Besten gehören, was wir von Oehlenschläger besitzen, und das liebliche dramatische Idyll „St. Johannisabend-Spiel“ mit seinen stimmungsvollen lyrischen Episoden, worin der Dichter mit lebhaften Farben das Sommerleben der Kopenhagener im Walde schildert und kraftvolle, von dem jugendlichen Glauben an die von ihm verfochtene Sache und von Siegesgewißheit getragene Angriffe gegen den nüchternen, pedantischen Geschmack der Zeit richtet.

Im Jahre 1805 erschienen zwei Bände „Poetische Schriften“, die eine Anzahl kleinerer Gedichte, die beiden Gedichtcyklen „Die Reise nach Langeland“ und „Jesu Christi wiederholtes Leben in der Natur“, ferner die mit tiefsinniger Symbolik durchwebte „Vaulundurs-Sage“, deren Stoff der nordischen Vorzeit entnommen war, endlich die dramatische Dichtung „Aladdin oder die Wunderlampe“, eine meisterhafte dramatische Behandlung des bekannten Märchens in „Tausend und einer Nacht“, enthielten. Dies letztere ist wohl sein bestes Werk, jedenfalls dasjenige, in dem seine reiche jugendfrische Phantasie, seine stimmungsvolle Lyrik und seine liebenswürdige Laune sich zur schönsten Harmonie verschmelzen. Die Aufnahme war eine glänzende; er selbst nun seiner Sache völlig sicher. Die Jurisprudenz ward gänzlich aufgegeben, und er trat eine Reise in’s Ausland an, wo er sich fast fünf Jahre aufhielt.

Zuerst besuchte er Steffens in Halle und blieb bei ihm ein [767] halbes Jahr. Hier dichtete er in einem Zeitraum von weniger als sechs Wochen seine erste und vorzüglichste Tragödie „Hakon Jarl“, welche den Sturz des nordischen Heidenthums behandelt. Der Vorwurf ist der norwegischen Königschronik Snorre Sturleson’s entlehnt und mit erstaunlicher poetischer Kraft behandelt. Sein nächstes Werk war eine dramatische Bearbeitung der Mythe von „Baldur dem Guten“ im Styl der griechischen Tragödie. Hierauf hielt er sich einige Monate in Weimar auf, im fast täglichen Verkehr mit Goethe, worauf er sich nach Paris begab.

Das Trauerspiel „Palnatoke“, welches hier entstand, ist insofern ein Gegenstück von „Hakon Jarl“, als es das nordische Heidenthum in einem seiner edelsten Repräsentanten, im Gegensatz zu den Schattenseiten des Katholicismus, verherrlicht, während „Hakon Jarl“, wie große Sympathie der Dichter auch dort für den Helden zu erwecken weiß, doch zunächst eine Verherrlichung des siegreichen Christenthums ist. Weniger bedeutend war die zweite in Paris geschaffene Tragödie „Axel und Valborg“, die dramatische Bearbeitung eines berühmten alten Liedes von zwei Liebenden, gegen welche Haß und Mißgunst auftreten, um sie durch Anwendung der Kirchengesetze zu trennen. Dann reiste Oehlenschläger über die Schweiz nach Italien und dichtete hier in deutscher Sprache die Künstlertragödie „Correggio“, welche alsbald in den größten Städten Deutschlands aufgeführt und mit großem Beifall aufgenommen wurde, trotz der zahlreichen kunsthistorischen Irrthümer, deren der Dichter sich schuldig macht, und trotz des verfehlten, in schneidendem Widerspruch zu dem anmuthigen dramatischen Idyll in den ersten drei Acten stehenden Schlusses der Tragödie.[1]

Oehlenschläger hatte das dreißigste Lebensjahr erreicht, als er in sein Vaterland zurückkehrte. Hier waren die im Auslande gedichteten und von ihm in die Heimath gesandten Werke mit maßloser Begeisterung aufgenommen worden. Er ward sofort an der Universität als Professor der Aesthetik angestellt und vermählte sich jetzt mit Christiane Heger, einer Schwester der geistreichen Gattin Rahbek’s[WS 2]. Von nun ab verlief sein Leben still und ruhig, voll Zufriedenheit und Ruhm, und dieses idyllische Dasein ward nur durch einige literarische Fehden aus Anlaß seiner dichterischen Thätigkeit getrübt. Die große Schaar seiner Bewunderer nahm Alles, was von seiner Hand kam, selbst das Werthloseste – und er schuf dergleichen in der Folge nur zuviel – ohne die mindeste Kritik mit stürmischem Jubel auf und überfiel Baggesen mit wüthenden Angriffen, der, nachdem er 1811 nach Dänemark zurückgekehrt war, Oehlenschläger’s Werke, namentlich die schwächeren, in einer Reihe von Recensionen einer sehr scharfen Kritik unterzog. Unleugbar enthielt dieselbe viel Wahres und Treffendes, allein sie verfehlte doch den rechten Eindruck, weil man seinem rücksichtslosen und feindseligen Tone anmerkte, daß ein nicht geringer Theil Eifersucht mit im Spiele sei. Der Dichter selbst nahm nur wenig Theil an dem Streite, der bis 1819 dauerte, überließ es vielmehr seinen jungen Bewunderern, sich mit Baggesen herumzubalgen. Die zwölf Hauptkämpen, das sogenannte „Tylvt“ (Dutzend), unter denen sich mehrere später berühmt gewordene Dichter befanden, gingen zuletzt soweit, daß sie Baggesen aufforderten, sich wegen seiner Angriffe gegen ihren angebeteten Heros „auf Lateinisch“ zu rechtfertigen, worauf Jener sich natürlich nicht einließ.

Aus Anlaß der 1827 von Oehlenschläger vollendeten Tragödie „Die Normannen in Byzanz“ erhob sich eine literarische Fehde zwischen ihm und dem jungen talentvollen Dichter und Kritiker Johne Ludwig Heiberg. Dieser Streit kann insofern als eine Fortsetzung des Kampfes mit Baggesen angesehen werden, als er sich ebenso, wie dieser, wesentlich um das Verhältniß zwischen Inhalt und Form bei der Dichtkunst drehte. Heiberg’s ganze Haltung dabei war objectiv und leidenschaftslos, und er machte daher beim Publicum mit seinen Forderungen zu Gunsten des guten Geschmacks weit mehr Eindruck, als Baggesen, dessen Bemerkungen, mochten sie noch so richtig und treffend sein, stets einen Beigeschmack von persönlicher Bitterkeit hatten.

Während der Kampf mit Baggesen am heftigsten entbrannt war, gab Oehlenschläger neben einer Anzahl von Arbeiten, die er füglich nicht hätte veröffentlichen sollen, mehrere seiner allertrefflichsten Werke heraus. Selbstverständlich trug das viel dazu bei, daß sich das große Publicum auf seine Seite stellte. So erschienen in dieser Zeit die Tragödien „Stärkodder“ und „Hagbarth und Signe“ mit Handlungen aus der Vorzeit des Nordens; ferner das farbenreiche orientalische Märchen „Aly und Gulhyndy“, das anmuthige dramatische Idyll „Der kleine Hirtenknabe“ und ganz besonders der Romanzencyklus „Helge“ mit der Schlußtragödie „Yrsa“ und der Prosadichtung „Hroars Saga“. Dieser Cyklus bietet eine Reihe von glänzenden Bildern aus dem Leben in der Heidenzeit, wie es sich dem Dichter, von dem warmen, farbigen Licht der Romantik überstrahlt, darstellte. Wenn er in diesen Jahren des Kampfes für die ihm von seinem schonungslosen Gegner zugefügten mannigfachen Kränkungen vollen Ersatz in den Sympathien erhielt, welche ihm von seinem Volke beim jedesmaligen Erscheinen einer neuen gediegenen Arbeit auf’s Neue entgegengetragen wurden, so ward ihm während des Zwiespalts mit Heiberg eine Genugthuung in einer anderen, nicht minder erhebenden Weise dargebracht. Als er 1829 Schweden besuchte, ergriff der Bischof Esaias Tegnér, der berühmte Dichter, die Gelegenheit, während der Doctorpromotion in der Domkirche zu Lund Oehlenschläger zum „nordischen Sängerkönig“ zu krönen und ihn zu erklären für den „Erben des Throns im poetischen Reich, dessen König ist Goethe“, wobei er die denkwürdigen Worte sprach, daß die Zeit der Absonderung zwischen den Völkern des Nordens vorüber sei, und das Verdienst dieserhalb in allererster Reihe Oehlenschläger anrechnete, der durch seine Dichtung den alten nordischen Geist wieder in’s Leben gerufen.

Bis zu seinem Tod, der am 20. Januar 1856 erfolgte, war Oehlenschläger schöpferisch thätig, und mehrere von den Werken seines späten Alters zählen zu den glänzendsten Zierden der dänischen Literatur. Die bedeutendsten unter den bisher noch nicht genannten Schöpfungen Oehlenschläger’s sind: der große Romanzencyklus „Die Götter des Nordens“, eine freie, in stetem Wechsel der Tonart, vom höchsten Pathos bis zum kräftigsten Humor, ausgeführte Bearbeitung der mythischen Sagen und Gesänge der „Edda“ (1819), die Tragödie „Erik und Abel“ (1820), „Königin Margarethe“ (1833) und „Dina“ (1842), in welcher letzteren der Dichter sich weit mehr in den Charakter der Hauptperson vertieft, als dies bei seinen dramatischen Arbeiten sonst seine Gewohnheit ist, ferner die beiden großen epischen Dichtungen „Rolf Krake“ – in einer charakteristischen, auf die Nibelungenstrophe basirten Versform geschrieben – und „Regnar Lodbrog“, ein Romanzencyklus mit wechselndem Versmaß, die letzte größere Dichtung von ihm (1848). Außerdem eine große Anzahl van Romanzen, lyrischen Gedichten und dergleichen, sowie „Erinnerungen“, welche er im Manuscript hinterließ.

Diejenige Seite von Oehlenschläger’s reicher und umfassender Dichterthätigkeit, welche im Ganzen genommen am stärksten und unmittelbarsten auf seine Zeit einwirkte, war die dramatische, und doch war sie es nicht, in der sich sein Genius am klarsten und mächtigsten offenbarte. Alle die genannten Dramen zeichnen sich durch große poetische Schönheit aus, allein eigentlich nur „Hakon Jarl“ erfüllt durchaus die Forderungen der dramatischen Dichtung. Oehlenschläger war eine zu unmittelbare Natur, als daß er die dramatische Composition, bei welcher Ueberlegung und Berechnung eine so stark hervortretende Rolle spielen, hätte bemeistern können. Das Epische und das Lyrische wuchern allzu üppig, und leicht geschieht es, daß sich bei ihm der feste Umriß der Charaktere unter der hochtrabenden Rhetorik verflüchtigt. In seinem höchsten Glanze zeigt er sich da, wo das Epische sich mit dem Lyrischen zu einer weniger compacten Einheit verbindet, wie in der Romanze, der von einer stark lyrischen Stimmung durchdrungenen erzählenden Dichtung, ferner in solchen dramatischen Werken, wo der Stoff eine minder feste Composition zuläßt oder wohl gar fordert, wie z. B. in „Aladdin“ und „St. Johannisabend-Spiel“. Hier ist er völlig in seinem Element, bewegt sich mit wunderbarer Sicherheit in den verschiedensten Tonarten und entfaltet eine seltene Ursprünglichkeit und Schönheitsfülle.

Namentlich ist er als Romanzendichter ohne jede Frage ein Meister ersten Ranges – aber um dies recht zu erkennen, muß man seine Dichtungen in seiner Muttersprache lesen, denn der über ihnen ausgebreitete magische Glanz beruht zum großen Theil darauf, daß er dieselbe nach den feinsten Stimmungsnuancen zu [768] biegen und zu schmiegen verstand. Dadurch aber wird es zur Unmöglichkeit, diese Gedichte in einer fremden Sprache wiederzugeben, ohne die charakteristische Schönheit zu beeinträchtigen.

Dies ist unzweifelhaft der hauptsächlichste Grund, weshalb Oehlenschläger sich nirgends außerhalb des Nordens, nicht einmal in Deutschland Eingang verschaffte, wozu sein Genie sonst die Berechtigung hatte und wonach er selbst so sehr trachtete. Er war von dem Gefühl durchdrungen, wie viel er der deutschen Literatur zu verdanken habe, von der aus seine dichterische Thätigkeit den entscheidenden Anstoß erhalten hatte und mit deren Koryphäen ihn ein inniges Freundschaftsband verknüpfte. Ja – unglücklicherweise war es ihm nicht genug, daß seine Schriften in’s Deutsche übersetzt wurden, er wollte deutscher Dichter, so gut wie dänischer sein. Mehrere seiner Arbeiten schrieb er zuerst auf deutsch, wie dies bereits von seinem „Correggio“ oben gesagt wurde, und die meisten übersetzte er selbst. Bezüglich seiner Behandlung des Deutschen möge hier Steffens’ Urtheil angeführt sein: „Wunderbar und seltsam war die poetische Leichtigkeit, mit welcher er das innere Verständniß der deutschen Sprache sich zu eigen zu machen wußte, obgleich er mit der Grammatik derselben völlig unbekannt war.“

Noch ein anderer Umstand trug dazu bei, daß man in Deutschland Oehlenschläger’s Werken keinen Geschmack abgewinnen konnte. Während nämlich die deutschen Romantiker sich immer mehr in’s dunkle, weihrauchumwogte Mittelalter vertiefen, hatte er in der Götter- und Heldenwelt des nordischen Alterthums die unerschöpfliche Goldmine, deren Schätze er entdeckte und zu heben vermochte. Diese Welt aber, aus welcher seinem Volke nicht nur Schönheit und Größe entgegenstrahlte, sondern in der es auch den Ausgangspunkt für die Entwickelung seines ganzen selbstständigen geistigen Lebens im Laufe der Zeiten kennen lernte – diese Welt mußte nothwendigerweise dem deutschen Publicum als etwas Fremdartiges erscheinen, weil die Culturströmungen, die das Geistesleben des deutschen Volkes formten und ausprägten, den Zusammenhang mit jener abgebrochen hatten.

Oehlenschläger’s Bedeutung für die Geistescultur Dänemarks kann nicht hoch genug angeschlagen werden; für die Entwickelung derselben in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ist er zum größten Theil der alleinige Träger, denn seine Dichtung wirkte anregend nach allen Seiten hin und rief eine früher nie geahnte Bewegung hervor. Eine reiche, in allen Farben spielende poetische Literatur, die Entfaltung der in Oehlenschläger’s Dichtung liegenden Keime, ist aus derselben emporgesproßt. Und ihr Einfluß erstreckte sich weit über das Gebiet der schönen Literatur hinaus: er ganz besonders trug zur Erweckung und Kräftigung des Nationalgefühls bei. Indem Oehlenschläger die großen Gestalten der Vorzeit, wohl idealisirt und gemildert, aber doch mit Bewahrung der bedeutungsvollsten Züge, seinem Volke vorführte, brachte er dasselbe zur Klarheit über den innersten Grund seines Wesens, wozu es früher nicht hatte kommen können. Und dies that Oehlenschläger nicht blos für Dänemark, sondern für den ganzen Norden. Die ihm von Tegnér in Lunds alter ehrwürdiger Domkirche dargebrachte Huldigung war keine leere Schmeichelei und geschah nicht im Taumel einer schrankenlosen Begeisterung, sondern sie war der Ausdruck eines Gefühls, das auf vielfache Weise in Norwegen und Schweden nicht minder wie in seinem engeren Vaterlande zu Tage getreten war, des Gefühls, daß er für den gesammten Norden mehr gethan, als irgend ein anderer Dichter, daß er darum gerechten Anspruch hat auf den stolzen Namen des „nordischen Dichterkönigs“.

Dr. Fr. Winkel Horn.[2]


  1. In Rom ward der Dichter von dem deutschen Maler Riepenhausen portraitirt. Dieses Gemälde ist das beste Bild von Oehlenschläger und befindet sich im Besitze des Consul Haidt zu Kopenhagen, der bereitwillig seine Zustimmung zur Wiedergabe desselben in der „Gartenlaube“ ertheilt hat.
  2. Verfasser, ein junger dänischer Gelehrter, veröffentlicht gegenwärtig eine deutsch geschriebene „Geschichte der Literatur des skandinavischen Nordens von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart“ (Leipzig, Schlicke), welche als das erste erschöpfende Werk dieser Art berechtigtes Aufsehen erregt. Wir dürfen den Lesern eine dauernde Mitarbeit dieser gediegenen Kraft an unserer „Gartenlaube“ versprechen.
    D. Red.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: anf
  2. Kamma Rahbek, Vorlage: Strabek’s