Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Abendrot
Untertitel:
aus: Chinesische Volksmärchen, S. 325–332
Herausgeber: Richard Wilhelm
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Eugen Diederichs
Drucker: Spamer, Leipzig
Erscheinungsort: Jena
Übersetzer: Richard Wilhelm
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
E-Text nach Digitale Bibliothek Band 157: Märchen der Welt
Eintrag in der GND: [1]
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[325]
97. Abendrot

Am fünften des fünften Monats wird am Yangtsekiang das Drachenbootfest gefeiert. Man höhlt aus Holz einen Drachen aus, malt ihm den Schuppenpanzer auf und schmückt ihn mit Gold und bunten Farben. Ein geschnitztes, rotes Geländer umgibt das Schiff, Segel und Flaggen sind aus Seide und Brokat. Das Hinterteil des Schiffes heißt Drachenschwanz. Es ragt über zehn Fuß hoch empor. Daran ist an einem Tuch ein Brett gebunden, das im Wasser schwimmt. Auf dem Brette sitzen Knaben, die schlagen Purzelbäume, stehen Kopf und machen alle Arten von Kunststücken. So nahe am Wasser ist die Gefahr zu ertrinken groß; deshalb ist es Sitte, daß, wenn man einen solchen Knaben erwirbt, man zuvor seinen Eltern Geld gibt, ehe man ihn abrichtet. Fällt er dann ins Wasser und ertrinkt, macht man sich weiter keine Gewissensbisse. Weiter im Süden ist die Sitte insofern etwas anders, als man statt der Knaben schöne Dirnen nimmt.

In Dschen-Giang lebte eine Witwe Dsiang. Deren Sohn hieß Aduan. Mit sieben Jahren besaß er eine außerordentliche Geschicklichkeit, und keiner der andern Jungen kam ihm gleich. Mit seinem Rufe wuchs der Preis. So kam es, daß man ihn mit sechzehn Jahren noch immer benutzte.

Eines Tages aber fiel er unterhalb der Goldinsel ins Wasser und ertrank. Er war der einzige Sohn seiner Mutter. Die beweinte ihn, und damit war’s getan.

Aduan aber wußte nicht, daß er ertrunken war. Es kamen ihm zwei Männer entgegen, die ihn mit sich führten. [326] Mitten im Wasser des Stromes sah er eine neue Welt. Er blickte sich um, da standen rings umher die Wogen des Stromes steil wie Wände da. Ein Palast wurde sichtbar, darin sah man einen Mann in Helm und Panzer sitzen.

Seine beiden Begleiter sprachen zu ihm: „Das ist der Fürst der Drachenhöhle“, und hießen ihn niederknien.

Der Fürst der Drachenhöhle sah mild und gütig aus und sprach: „Einen so geschickten Jungen können wir brauchen. Er mag sich dem Reigen der Weidenzweige anschließen.“

Man brachte ihn an einen Ort, der rings von geräumigen Gebäuden umgeben war. Er trat ein; da begrüßte ihn eine Schar von Knaben, die alle etwa vierzehn Jahre alt waren.

Eine alte Frau kam herbei, und alle riefen: „Das ist Mutter Hiä!“ Sie setzte sich und ließ ihn seine Künste zeigen. Dann lehrte sie ihn den Tanz des fliegenden Donners vom Tsiän-Tang-Fluß und die Musik der Windstillung vom Dung-Ting-See. Wenn die Pauken und Becken das Ohr betäubten, so hallte es in allen Höfen wieder. Dann wieder waren alle Höfe still. Die Mutter dachte, Aduan werde nicht gleich aufs erstemal alles erfassen können; so belehrte sie ihn denn mit vieler Geduld. Aber Aduan hatte gleich aufs erstemal alles genau begriffen. Da freute sich die Alte. „Dieser Knabe,“ sagte sie, „gibt unsrer Abendrot nichts nach.“

Am andern Tag hielt der Fürst der Drachenhöhle Heerschau über seine Reigen ab. Als alle Reigen sich versammelt, da kam zuerst der Ogerreigen dran. Die hatten alle Teufelsfratzen und Schuppenkleider. Sie schlugen ungeheure Becken, und ihre Pauken konnten vier Männer eben gerade umspannen. Ihr Klang war wie der Schall eines mächtigen Donners, und vor dem Lärm konnte man nichts anderes hören. Als der Tanz begann, da spritzten mächtige Wogen empor bis hinauf zum Himmel. Dann wieder fiel es herab wie Sternengefunkel, das in der Luft zerstob.

[327] Der Fürst der Drachenhöhle gebot ihnen eilig Einhalt und hieß den Nachtigallenreigen vortreten. Das waren lauter sechzehnjährige hübsche Mädchen. Sie machten eine feine Flötenmusik, so daß im Augenblick ein klarer Wind wehte und das Rauschen der Wogen verstummte. Das Wasser wurde allmählich still wie eine Welt aus Kristall, durchsichtig bis zum Grunde. Als sie fertig waren, zogen sie sich zurück und stellten sich im westlichen Hofe auf.

Dann kam der Schwalbenreigen. Das waren alles kleine Mädchen. Ein Mädchen war darunter, etwa fünfzehn Jahre alt, das tanzte mit fliegenden Ärmeln und wehenden Locken den Tanz der Blumenspende. Im bunten Flattern der Gewänder kamen aus allen Falten vielfarbige Blumen hervor, die vom Winde aufgefangen und im ganzen Hofe umhergewirbelt wurden. Als der Tanz zu Ende war, ging sie mit ihrem Reigen ebenfalls in den Westhof zurück. Aduan blickte seitwärts nach ihr und gewann sie innig lieb. Er fragte seine Reigengenossen nach ihr: da war es Abendrot.

Aber schon ward der Weidenzweigreigen hervorgerufen. Der Fürst der Drachenhöhle wollte besonders den Aduan prüfen. Aduan tanzte vor. Freude und Trotz folgten den Tönen. Beim Aufblicken und Niederblicken traf er den Takt. Der Drachenkönig, entzückt über seine Gewandtheit, schenkte ihm fünffarbige Kleidung und als Haarschmuck Karfunkel auf goldenen Fischbartfäden. Aduan verneigte sich dankend für das Geschenk und eilte ebenfalls zum Westhof hin. Alle standen sie in Reih und Glied. Aduan konnte nur von ferne nach Abendrot hinblicken; doch auch Abendrot schaute zu ihm her.

Nach einer Weile schlich sich Aduan allmählich an das Ende seines Reigens, und auch Abendrot näherte sich ihm. So standen sie nur ein paar Schritte voneinander. Aber die Strenge der Regeln duldete keine Verwirrung der Reihen. Sie konnten nur einander anschauen und ihre Seelen fliegen lassen.

[328] Nun folgte noch der Schmetterlingsreigen. Da tanzten Knaben und Mädchen gemeinsam. Die Paare waren an Größe, Alter und Farbe der Kleider gleich. Als alle Reigen zu Ende waren, da gingen sie im Gänsemarsch hinaus. Der Weidenzweigreigen folgte dem Schwalbenreigen. Aduan eilte seinem Reigen voran. Abendrot blieb zögernd hinter ihrem zurück. Sie wandte den Kopf, und als sie Aduan sah, da ließ sie absichtlich einen Haarpfeil aus Koralle fallen. Aduan barg ihn eilig im Ärmel.

Nach der Rückkehr ward er krank vor Sehnsucht. Schlaf und Speise blieben ihm fern. Die Mutter Hiä brachte ihm allerlei Leckerbissen und sah am Tage drei-, viermal nach ihm und streichelte ihn liebreich besorgt. Doch ward die Krankheit nicht im geringsten besser. Die Mutter betrübte sich darob und wußte keinen Rat.

Sie sprach: „Schon steht das Geburtsfest des Wu-Fluß-Königs vor der Tür. Was tun?“

Im Zwielicht kam ein Knabe, setzte sich auf seines Bettes Rand und plauderte mit ihm. Er sei vom Schmetterlingsreigen, sagte er und fragte leichthin: „Seid Ihr etwa um Abendrot so krank?“ Erschrocken fragte Aduan, woher er solches wisse. Der andre sagte lächelnd: „Nun, weil es Abendrot gerad so geht wie Euch.“

Bestürzt richtete Aduan sich auf und bat um einen Rat. „Könnt Ihr noch gehen?“ fragte der Knabe. „Wenn ich mir Mühe gebe, geht es wohl noch“, war die Antwort.

Da führte ihn der Knabe nach Süden. Dort öffnete er ein Tor, dann gings nach Westen um die Ecke. Nochmals taten sich die Flügel einer Tür auf, da erblickte er ein Lotosfeld, wohl zwanzig Morgen weit. Die Lotosblumen wuchsen alle auf der ebenen Erde. Die Blätter waren groß wie Matten und die Blumen wie Schirme. Die abgefallenen Blütenblätter bedeckten den Boden unter den Stengeln wohl fußhoch. Der Knabe führte ihn hinein und sprach: „Nun setzt Euch erst ein wenig!“ Dann ging er weg.

Nach einer Weile bog ein schönes Mädchen die Lotosblumen [329] auseinander und kam herein. Es war Abendrot. Sie erblickten einander voll freudigen Schreckens und erzählten, wie sie sich so sehr gesehnt. Auch sprachen sie von ihrem früheren Leben.

Dann beschwerten sie die Blütenschirme mit Steinen, so daß sie sich zur Erde neigten und eine sichere Schutzwand bildeten. Sie häuften sich ein Lager aus Lotosblättern, auf dem sie heimlicher Liebe Freuden genossen. Sie versprachen einander, sich jeden Abend nach Sonnenuntergang hier zu treffen. Dann schieden sie.

Aduan kam heim, und seine Krankheit wandte sich zum bessern. Von da ab trafen sich die beiden täglich im Lotosfeld.

Nach ein paar Tagen mußten sie mit dem Fürsten der Drachenhöhle zur Geburtsfeier des Wu-Fluß-Königs gehen. Die Feier war zu Ende, und alle Reigen kehrten heim. Nur Abendrot und eine aus dem Nachtigallenreigen hatte der König zurückbehalten, um die Mädchen seines Schlosses tanzen zu lehren.

So vergingen Monate, und es war nichts von Abendrot zu hören. Sehnsucht und Verzweiflung trieben Aduan um. Nur Mutter Hiä ging täglich nach dem Schloß des Wu-Fluß-Gottes. Er schützte vor, die Abendrot sei seine Base, und er bat sie flehentlich, ihn mitzunehmen, damit er sie nur einmal sehen könne. Sie nahm ihn mit und ließ ihn ein paar Tage in des Flußgottes Torhaus wohnen. Aber so streng war die Abschließung im Schlosse, daß Abendrot auch nicht ein einziges Mal ihn sehen konnte. Betrübt kehrte er zurück.

Abermals verging ein Monat, und voll schwermütiger Gedanken wünschte er sich nur den Tod herbei.

Eines Tages trat die Mutter Hiä herein und sprach ihm mitleidvoll ihr Beileid aus. „Wie schade,“ sagte sie, „die Abendrot ist in den Fluß gesprungen.“

Aduan erschrak aufs äußerste. Unaufhaltsam flossen ihm die Tränen herab. Er zerriß die schönen Kleider, [330] steckte das Gold und die Perlen zu sich und ging hinaus, allein darauf bedacht, im Tode der Geliebten nachzufolgen. Doch er sah des Stromes Wasser wie Wände vor sich stehen, und wie er auch mit seinem Kopf dagegen rannte, sie warfen ihn zurück.

Zurück durfte er nicht mehr; denn er fürchtete, man möchte ihn nach seinen Feierkleidern fragen und wegen des Verlustes streng bestrafen. So stand er ratlos da, und bis zu den Fersen rieselte ihm der Schweiß herunter.

Plötzlich erblickte er am Fuß der Mauer einen hohen Baum. Wie ein Affe kletterte er empor bis in die Spitze. Dann schnellte er sich mit aller Kraft in die Wogen.

Und ohne naß zu werden, schwamm er plötzlich auf dem Flusse. Unvermutet sah er so vor seinem geblendeten Auge die Menschenwelt wieder auftauchen. Er schwamm ans Ufer, und als er dann am Strande des Flusses wandelte, da mußte er an seine alte Mutter denken. Er nahm ein Schiff und reiste heim.

In seinem Dorfe angekommen, kamen ihm alle die Häuser ringsumher so vor, als wären sie aus einer andern Welt. Am andern Morgen trat er in das Haus der Mutter. Da hörte er ein Mädchen unterm Fenster sagen: „Dein Sohn ist wieder da.“ Der Klang der Stimme glich der Abendrot, und als sie an der Mutter Seite ihm entgegenkam, da war sies wirklich.

Zu dieser Stunde errang die Freude beider Menschen über all ihr Leid den Sieg. In der Mutter aber drängten sich Trauer und Zweifel, Schreck und Freude auf tausend Arten durcheinander.

Als damals Abendrot im Flußpalaste war, da fühlte sie in ihrem Leibe sichs regen. Da aber in dem Drachenschloß gar strenge Zucht herrschte, so fürchtete sie wegen ihres Fehltritts harte Strafe. Und da sie auch nicht ein einziges Mal mehr ihren Aduan sehen konnte, so suchte sie den Tod und stürzte sich in das Wasser des Flusses. Aber sie wurde nach oben gerissen und schwebte schwankend auf [331] den Wellen. Da kam ein Schiff vorüber und nahm sie auf. Man fragte nach ihrer Heimat. Abendrot war ursprünglich eine berühmte Sängerin von Wu gewesen, die ins Wasser gefallen war, ohne daß man ihren Leichnam fand. Sie dachte nun bei sich selbst, daß sie doch nicht wieder in ihre alten Verhältnisse zurückkehren könne. So sagte sie denn: „Frau Dsiang in Dschen-Giang ist meine Schwiegermutter.“ Die Reisenden mieteten ihr nun ein Schiff, das sie nach jenem Orte brachte. Die Witwe Dsiang meinte, sie irre sich. Das Mädchen aber blieb dabei, es sei kein Irrtum, und erzählte nun der alten Frau ihre ganze Geschichte. Die hatte an ihrer großen Lieblichkeit ein Wohlgefallen, doch machte sie sich Sorgen, daß sie zu jung sei, um ihr Leben als Witwe zu verbringen. Allein das Mädchen war ehrfurchtsvoll und fleißig, und als sie sah, daß Armut in dem Hause herrschte, da nahm sie ihren Perlenschmuck und verkaufte ihn für teures Geld. Die alte Frau war hocherfreut, da sie erkannte, wie ernst es dem Mädchen war. Doch da sie keinen Sohn mehr hatte, fürchtete sie, daß, wenn das Mädchen niederkäme, die Nachbarn und Verwandten die Geschichte nicht recht glauben möchten. So ging sie mit dem Mädchen denn zu Rate. Die aber sprach: „Wenn Ihr nur wirklich einen Enkel bekommt, was braucht Ihr um der Menschen Meinung Euch zu kümmern!“ Dabei beruhigte sich die Alte denn auch.

Als sichs nun traf, daß Aduan wieder kam, da wußte sich das Mädchen vor Freude nicht zu lassen. Und auch der Alten stieg die Hoffnung auf, ihr Sohn sei vielleicht nicht wirklich gestorben. Sie grub im stillen im Grabe ihres Sohnes nach, doch lagen da die Knochen alle noch. Sie fragte nun den Aduan. Da erst kam diesem zum Bewußtsein, daß er ein abgeschiedener Geist war. Er fürchtete, daß Abendrot, weil er kein Mensch sei, einen Abscheu hegen möchte. Darum befahl er seiner Mutter an, sie solle ja nichts wieder sagen. Und sie versprach es auch. [332] Sie sagte dann im Dorfe aus, der Leichnam, den man dazumal im Fluß gefunden, sei doch nicht ihres Sohnes Leib gewesen. Allein sie wurde der Befürchtung nicht ganz ledig, daß ein abgeschiedener Geist kein Kind bekommen könne.

Nicht lange darauf, so hielt sie trotzdem einen Enkel in den Armen. Sie sah ihn an: er unterschied sich nicht von andern Knaben. Da erst ward ihre Freude voll.

Im Laufe der Zeit ward Abendrot allmählich gewahr, daß Aduan kein wirklicher Mensch war. „Warum hast du es nicht gleich gesagt?“ sprach sie zu ihm; „abgeschiedene Geister, die des Drachenschlosses Kleider tragen, umgeben sich mit einer so festen Seelenhülle, daß sie sich nicht von Lebenden mehr unterscheiden. Wenn man im Schloß den Leim aus Drachenhorn bekommt, kann man die Knochen so zusammenkleben, daß Haut und Fleisch darüberwächst. Wie schade, daß wir das Mittel uns damals nicht verschaffen konnten!“

Aduan verkaufte seine Perle. Ein fremder Kaufmann bezahlte einen ungeheuren Preis dafür. So kam das Haus zu großem Reichtum. Als seine Mutter einst Geburtstag feierte, da tanzte er mit seiner Frau und sang, sie zu erfreuen. Das ward bekannt, und bis zum Königsschlosse drang die Nachricht. Der König wollte Abendrot nun mit Gewalt entführen. Aduan, besorgt, trat vor den König und sagte aus, er und sein Weib, sie seien beide abgeschiedene Geister. Man prüfte ihn, und da er keinen Schatten warf, so fand er Glauben. So wurde Abendrot denn nicht geraubt.

Anmerkungen des Übersetzers

[404] 97. Abendrot. Vgl. Liau Dschai.