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Titel: „Mob“ und „Mop“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 235–237
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Ein Jahrmarkt im Londoner Umland
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„Mob“ und „Mop.“

Es liegt eine sonderbare Zauberkraft in einem Menschenstrome. Vielleicht ist’s eine Art von animalischem Magnetismus, der auch den Gleichgültigen und Widerwilligen, der gegen den Strom schwimmen will, mit sich fortreißt. So hatt’ ich z. B. am 16. April weder Zeit noch Lust, die nun doch wahr gewordene triumphirende „Invasion“ des Kaisers Napoleon durch die Straßen Londons mit anzusehen, aber der Strom packte mich und so befand ich mich bald unter dem schönsten, in London seltensten klaren Sonnenscheine mitten in unabsehbaren Fluthen und Wogen von Menschen, die mich bis nach Charing Cross, bis in den Trafalgar Square mit sich fortschwemmten. Hier stopften und staueten sich die Menschenströme aus verschiedenen zusammenstoßenden Hauptstraßen um so hartnäckiger, als dies für einen der besten Schauplätze galt. Der große Kaiserzug mußte aus der fahnenwehenden Parliamentstreet herauf über den Platz nach Pall Mall kommen. Aber wie über die Tausende von Köpfen und Hüten hinwegsehen, zumal da jeder Engländer heute durch die ausdehnende Kraft langhalsiger Neugier einen Kopf größer geworden zu sein schien? Fenster waren nicht mehr zu haben und die genial improvisirten Tribünen, Droschken- und Omnibusdächer auch schon polizeiwidrig dicht besetzt. Doch guter Wille und guter Humor auf einem noch nicht überladenen Droschkendache in Verbindung mit der begeisterten Beredsamkeit des Kutschers machten noch für einen halben Sitz auf der äußersten Kante Raum. Mehr war nicht menschenmöglich, da ein dicker Farmer, der ziemlich bis an die Kante heranschwoll, durchaus nicht in kleinere Dimensionen zu bringen war. So bezahlte ich mein „Entree“ und nahm mit einem aristokratischen Anfluge von Erhabenheit über die Menge meine Eckloge mit der Hälfte meines körperlichen Daseins ein. Die andere Hälfte bemühte sich nicht ohne stille Heldenarbeit, so wenig als möglich Schwerkraft zu behalten und frei in der Luft zu schweben, aber es war blos Verstellung und schob ihr Gewicht durchaus auf die eine Hälfte der Sitzmuskeln, die ihrerseits durch Anklammern an das Muskel- und Schmalzgebirge des Farmers nach Linderung drückender Leiden strebten. Sie thaten dies im Vertrauen auf die Gutmüthigkeit dicker Herren überhaupt.

Ein dicker und fetter Herr hat ohne Weiteres etwas Gemüthliches. Jeder hat ihn gern, wie er auch gegen Jeden etwas Liebenswürdiges zeigt. Essen und Trinken schlägt bei ihm an, das Gesetz des „Stoffwechsels“, der Mauserung arbeitet stets zu seinem Gunsten. Er schwillt majestätisch aus und füllt so einen respektablen Raum im Leben. Er ist wandelnder Priester der Dankbarkeit für die Güter der Erde und der Fülle davon, eingefleischtes Zeugniß für die Nichtigkeit irdischer Sorgen, strahlende, vollmondglänzende Manifestation der Weisheit guten Humors. Der dicke Herr ist also kraft seiner Fülle an und für sich schon ein populärer Mann und in der Regel verdient er das auch. Im vollgedrängten Omnibus habe ich fast stets die Erfahrung gemacht, daß der dickste Mann immer am Ersten bereit war, Platz zu machen. Eine ähnliche Erfahrung machte ich mit meiner halben Eckloge.

Anfangs konnte ich sein Gesicht vor Fett nicht sehen, aber als er mir plötzlich zurief: „Halloh, my dear Frenchman (jeder nicht besonders gelehrte Engländer hält jeden Fremden mit einem Barte immer noch für einen Franzosen) How are you now?“ [1] erkannte ich ihn wieder, hier über dem „Mob.“ Wir hatten ja zusammen den „Mop“[2] besucht und uns amüsirt, wie man sich nur mit einem dicken Herrn amüsiren kann. Im Gespräch über unsere Mop-Freuden vergaßen wir Beide den londoner Mob und den prächtigen Kaiserzug, der sich durch die Massen hindurchbewegte.

Der Mop ist einer der originellsten englischen Landvolksfestlichkeiten, die jetzt so frisch und bunt in meiner Erinnerung auftauchten, daß ich nicht begreife, wie ich sie bis dahin hatte unbeachtet lassen können. Der Farmer erzählte mir auf dem Droschkendache, während wir noch auf die Majestäten warteten, daß er auf dem „Mop“ einen ganz guten Kauf gemacht habe. Der Knecht sei vortrefflich und die beiden Mägde hätten zwar ihre Fehler, da die Eine Alles benasche und die Andere alle Augenblicke mit einem „Zukünftigen“ ertappt werde, seien aber sonst ganz brave und fleißige Mädchen.

Also hatte er Menschen gekauft. Ja der „Overtopping Mop,“ das heißt, das alle Jahre am 1. October gefeierte Volksfest in Overtopping oben nicht weit von der Themse mitten im Lande, ist ein ganz entschiedener, professioneller Menschenmarkt. Ich war vorigen Herbst auf einem Ausfluge mit meinem dicken Farmer bekannt geworden und sein Begleiter auf dem Menschenmarkte gewesen.

Wir fuhren am ersten October nach einem substantionellen Frühstück von Thee, Eiern, gebratenem Speck, Wasserkresse, „Shrimps,“ starkem Porter, Käse, Rindskeule u. s. w. in seinem eigenen Wagen zwischen schattigen Bäumen, durch kosige, kleine Dörfer, wo blühende Rosenbäume sich auf den Dächern sonnten, vor einzelnen stattlichen Farms vorbei, aus denen uns neugierige Gänse angukten und das regelmäßige Geklapper von Dreschflegeln allein die Stille unterbrach direct nach Overtopping. Je näher wir kamen, desto dichter wurden die Vorzeichen des originellen Menschenmarktes. Gruppen von faulen, stämmigen Burschen, auf das Sorgfältigste angeputzt, obwohl in ihren Arbeits-Costümen, rufen uns gemüthlich ihr „good day“ zu, indem wir vorbei rollen. Einige dieser kleinen Caravanen zeichnen sich durch dieses, andere durch jenes Symbol aus. So trugen Einige Peitschenschnuren um ihre Hüte, womit sie sagen wollten, daß sie als Pflugknechte gekauft zu sein wünschten, Andere mit Strohkreuzen bieten sich als Fuhrknechte an. Zwischen ihnen lachen und schäkern rosenwangige Mädchen, und ihre frische Gesundheit und herzliche Art zu lachen hat etwas ungemein Wohlthuendes. Weiter hin ächzen einsame Trödler unter ihren Lasten, und versputete „Schaumänner“ mit rumpeligen Wagen und halbverhungerten Eseln ereifern sich furchtbar, die armen Thiere in Trapp zu bringen. Die Menschen- und Wagenzüge werden immer bunter und dichter, bis wir auf dem Gemeindeplatze am untern Ende der Stadt, dem wirklichen Mop, ankommen.

Vermöge eines alten, unergründlichen Herkommens findet hier also alle Jahre eine „lebendige Arbeits-Ausstellung“ statt, da vermöge eines eben so alten Herkommens die Arbeiter dieses noch am Ausschließlichsten Ackerbau treibenden Districtes sich in der Regel [236] nur auf ein Jahr verpflichten, gleichviel, ob sie’s gut haben oder nicht. Nur Einzelne können der Versuchung, sich zum nächsten 1. October wieder zu Markte zu bringen, widerstehen, da mit dem Gesindehandel sich gar zu lustige Geschichten verbinden.

Der „Mop“ zerfällt in zwei Theile: Geschäft und Vergnügen. Das Geschäft bringt ein Aufgeld, einen Kaufschilling, der Nachmittags natürlich verjubelt werden muß.

Die Dienstboten, welche sich ausbieten, stellen sich sofort nach ihrer Ankunft in regelmäßigen Reihen, eine von Mädchen, die andere von Burschen, wie eine lebendige Straße auf dem durch Sitte und Gewohnheit genau bestimmten Platze, dem Markte, auf und halten sich hier ohne die geringste polizeiliche Einmischung in stattlichster Ordnung.

Etwa um 11 Uhr steht das „Geschäft“ in vollster Blüthe. Mein Farmer nahm sich kaum Zeit, Mittagessen zu bestellen und seine beiden „Ponies“ der substanziellsten Pflege zu empfehlen, um noch zu rechter Zeit aus der Fülle von „Angeboten“ seine „Einkäufe“ zu machen. So drängte er unbarmherzig, aber stets mit einem freundlichen „pardon“ seine dicke, starke Körpermasse durch Menschen-, Honigkuchen-, Raritäten- und Theaterlabyrinthe, bis er in der lebendigen Arbeitsausstellungs-Straße angekommen war. Ein Brausen des Unwillens fährt ihm durch Mund und Nase, wie er die Fülle des „Angebotes“ so mager ausgestattet sieht, und er schimpft ehrlich auf die baltische Flotte und die „Ost-Expedition,“ welche so viele „Angebote“ vom Markte weg zu unproduktiver Arbeit weggeführt habe. Zugleich ist die Zahl der „Nachfragenden“ ungewöhnlich groß, so daß die „Angebote“ auf beiden Seiten, am Stärksten freilich auf der linken der Männer gar kostbare Gesichter machen, als wollten sie gleich von vornherein zu verstehen geben: Denkt heuer nicht an Spottpreise. Wir sind gestiegen!

Nichts war amüsanter und origineller, als hier die Manipulationen der Sclavenmärkte Amerika’s gegen freie Menschen practiciren zu sehen. Hier wandert mit kritischem Blick eine dicke Dame an der weiblichen Reihe entlang und macht offenbar phrenologische Studien, um mit Hülfe der Wissenschaft eine gute Wahl für die nächsten zwölf Monate ihres häuslichen Glücks zu treffen. Dort examiniren Andere wegen des Melkens, Butterns und Käsens, ob Nadelarbeit, Haarfrisirungskunst und Accoucheur-Wissenschaft für Kühe u. s. w. sich vereinigen. Dabei werden Arme und Taillen untersucht, Papiere examinirt, Preise geboten und verworfen, Unterhandlungen abgebrochen und geschlossen, als wenn es sich eben blos um Waaren handelte. Am Sclavenmarktartigsten benehmen sich die Männer. Dort befühlt Einer Arm- und Beinmuskeln eines Knechtes, untersucht seine Handgelenke und unterwirft ihn vom Kopfe bis zum Fuße der detaillirtesten Kritik, Alles mit einer Miene, der man die ernsteste, kaltblütigste Berechnung ansieht, wie viel Arbeitswerth er wohl aus dieser Sammlung von Muskeln und Knochen herausschlagen könne. Wie in allen Kaufgeschäften sucht der Kauflustige die Waare durch Aufzählung verschiedener Fehler zu entwerthen, während „die Waare“ auf Vorzüge aufmerksam macht, die gar nicht mit Geld zu bezahlen seien. So rühmte sich zu meinem Farmer Einer, daß er mit den Pferden sprechen könne, wie Keiner auf dem ganzen Markte und dies eine Kunst sei, welche man mit auf die Welt bringen müsse, da sich das „Genie“ dazu nicht erlernen lasse. Ein Mädchen, die er schon mit den Worten abgespeis’t hatte: „du taugst nichts, meine Liebe!“ rief ihm nach, daß sie keinen Liebhaber halte, da der ihrige mit in den Krieg gegangen sei und sie warten wolle; da könne er lange suchen, ehe der solch’ ’ne noch ’mal auf dem Markte fände.

Als mein Farmer rasch herum geforscht und sich von den durchgängig höhern „Marktpreisen“ überzeugt hatte, entschloß er sich rasch zum Ankauf zweier Mädchen, denen er nach einiger Examination den Kaufschilling, das „Ernstgeld“ (earnest-money) einhändigte, um mit größerer Gewissenhaftigkeit einen Knecht ausfindig zu machen. Als er einen nach seinen Ansprüchen gefunden, nahm er ihn mit in die Schenke, um bei einem Glase Bier den Contract gewissenhaft abzuschließen. So wurde die Doppelreihe dünner und immer dünner, da die „Waaren“ ziemlich rasch abgingen. Um ein Uhr war der Geschäftstheil zu Ende, denn die wenigen, welche dann noch übrig waren, verzettelten sich auch, um zum Nach-Markte wieder zu erscheinen, und inzwischen, so gut es ohne „Ernst-Geld“ sich thun ließ, an den allgemeinen Volksbelustigungen Theil zu nehmen. Der Menschenmarkt wird nun die babylonische Vergnügungs-Messe. Die Clowns (Hanswürste) brüllen und grimassiren bemalt und bunt geflickt von bemalten Brettern in Gesellschaft bemalter und ausgestopfter Damen, die in dem Costüme ihrer Rolle auftreten; ein paar Dutzend Mißtöne aus Trompeten zerreißen das Ohr, ein paar Dutzend andere bereits heisere Stimmen appelliren gleichzeitig durch furchtbare Sprachtrompeten an sämmtliche „Lady’s and Gentlemen“ (d. h. das Gesinde, welches mit „Ernst-Geld“ in der Tasche sich verkauft hat und nun die letzten Stunden der Freiheit in vollen Zügen genießen will); Trommeln wirbeln und donnern, die große Pauke bombardirt, Cymbeln und Schalmeien, heisere Clarinetten, schnorrende Posaunen, gurgelnde Leierkasten, Ausrufer von Zwergen, Riesen und Mißgeburten, von Krokodilen, Meeres- und Landeswundern aller Zonen, von Ginger bread (eine Art Honigkuchen), Schwanen, geräucherten Fischen, Kaffee, Thee, Bier, Branntweinen, gerösteten Kartoffeln, gebratenen Würsten, Austern, Schnecken, Krebsen, Krabben und Seegarneelen (den beliebten „Shrimps“), von gelehrten „Schweinen“ hinter kostbaren Vorhängen und Brettern, von großen Ritterschauspielen hinter zwanzigfarbiger Pappe, von Preis-Boxern, Schießständen (einen Penny der Schuß, wie fast Alles einen Penny kostet), von Wettrennen auf Esel- und Pferdeskeletten – alle diese Harmonien der Sphären umsäuseln immer gleichzeitig die tausendfach zerrissenen Sinne.

„Haben sie je ’n Krokodil lebendig sehn?“ krächzt mit furchtbarer Kraft eine schon in unausbesserliche Fetzen zerrissene Stimme dicht an meinem Ohre. „Nee, Sie thaten es nicht. Sehr wohl. Also hier ist eins. Hier herein, Lady’s und Gentlemen!“

„Angelangt so eben,
Frisch und voller Leben
Ein ungeheures Krokodil,
Von den fernen Ufern des Nil.“

Und nun geht die Trompete an seinen Mund, und aus ihr stürzt sch ein so diabolisches Gemisch von kreischender Höllenpein, daß ich die Flucht ergriff, als wäre das ungeheuere Krokodil an meinen Hacken.

Aber nach allen Seiten kommt man aus der Scylla in die Charybdis, aus einem Regen in die Traufe. Jetzt brüllt Einer durch einen entsetzlichen Stockschnupfen von wahrem Verdienst für einen Penny in mein Ohr: „Wollen Sie wahres Verdienst sehen? Thun Sie’s wollen? Wohlan denn, hier ist der Ort. Hier werden Sie sehen den Mann, der Steine zerbricht mit seiner bloßen Faust. Das ist’s, was ich wahres Verdienst nenne. Sie werden sehen, wie er’s that. Das muß man sehen. Er wird ’n Stein von 40 Pfund Gewicht zerbrechen. Der Stein wird vor Ihren Augen gewogen. Keine Täuschung, wie in andern Geschäften. Sie werden’s ihn thun sehen. Das ist reelles Verdienst, welches in diesem freien Lande immer gewürdigt wird. Er hat kein bemaltes Gesicht. Reelle Couleur! Wir verstecken uns nicht hinter ein Krokodil, wir zeigen reelles Verdienst. Der Held, der Steine bricht, von 40 Pfund Gewicht, mit der bloßen Faust, Lady’s und Gentlemen, er wird nach der Krim gehen und die Civilisation rächen. Bedenken Sie ihn! Schätzen Sie wahres Verdienst! Achten Sie reelles Verdienst. Hier ist der Ort und blos einen Penny! Immer ’rein, Lady’s und Gentlemen!“

Daneben steht ein Mann im Costüme Karl’s I., wie er auf’s Schaffot stieg, in Strumpfhosen, mit fliegendem Mantel, nach unten zugespitztem Kinnbart und Vandyke-Halskragen. Er predigt mit Würde von seinen Verdiensten, die er sich seit zwanzig Jahren als „Professor der Toxicologie“ (Lehre von den Giften) um die leidende Menschheit erworben. Sein Compagnon, buntscheckig von Unten bis Oben beschmiert, schüttelt unter verschiedenen Grimassen, welche die Wirkung der verschiedenen Sorten von Medicin, die er feil hat, andeuten mögen, seine Schellenkappe, und ist zugleich Cassirer, sogar auch Eigenthümer des ganzen Schwindels, wie ich beiläufig erfuhr.

Und vertraut sich denn die Menge wirklich solchen öffentlichen Heilanden an? Und wie! Der Mann hat eine Menge eben so glückliche Collegen, zählt alle Leiden der Menschheit auf und die einzig sichern Mittel dagegen, wie sie hier allein ächt und billig zu haben seien; und die Menge horcht und besinnt sich ein Weilchen und sieht Einen und wieder Einen kaufen, wobei Dieser und Jener Geschichten von wunderbaren Wirkungen gegen schreckliche Leiden aus der Apotheke dieses Wohlthäters der Menschheit [237] zu erzählen weiß, so daß Beispiel und Beweis keine Zweifel mehr übrige lassen, und der Hanswurst in der Schellenkappe seine Pillen und Flaschen los wird, wie Kirschkuchen. Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, daß die Zeugen und Wundererzähler Helfershelfer in bäuerischer Verkleidung sind.

Durch alles Kreischen und Musiciren hindurch hatte ich fast während der ganzen Zeit ein sonderbares fernes Donnern und Brummen in verschiedenen Tönen vernommen, gleichsam eine Melodie in schnell aufeinander folgenden Kanonenschüssen. Mehrmals hatte ich versucht, den Tönen nachzugehen, war aber immer wieder durch Sehenswürdigkeiten und Menschenströme abgelenkt worden. Jetzt erhob sich die Kanonen-Symphonie ganz in meiner Nähe, so daß ich bald dahinter kam oder vielmehr davor stand. Genialer Musikus! An den Querbalken eines großen Thores hat der Virtuose durch eiserne Krampen etwa zwanzig Stück graues Eschenholz von verschiedener Dicke und Länge befestigt, so daß das Ganze wie eine Reihe Orgelpfeifen aussieht. Unten liegen eine Menge Spähne, woraus ich schließe, daß der Mann sein Brotmesser als Stimmgabel dieser hölzernen Orgelpfeifen gebraucht haben muß. Das Instrument, welches mit zwei tüchtigen, breiten Hämmern gespielt wird, dient einem Zauberer und Taschenspieler aus der alten Schule als Orchester. Er speit Feuer, verzehrt einen halben Centner Werg und speit dafür 1000 Ellen Band von verschiedner Farbe aus. Die Holzharmonika aber ist mir neu, wenigstens war Gusikow’s Strohharmonika, die ich vor 15 bis 20 Jahren sah und hörte, eine Zusammenstellung von kleinen, trockenen Hölzern auf Stroh. Und soll ich gestehen, daß diese Musik des grünen Holzes sehr schön war? Sie hatte mich seit Stunden über den ganzen Markt und durch alle die bunten Scenen wie ein nie empfundener Zauber verfolgt. In der Nähe machte zwar die Vibration des großen Thores als Baß zu den hammerentlockten grünen Tönen zu viel Skandal, aber in der Ferne trat die Melodie immer reiner und geistiger hervor, selbst das Thorgepolter schien melodisch zu werden. Außerdem war es eine Orgel und eine Musik, die nicht naiver und genialer sein konnte. Beethovens Pastoral-Symphonie müßte sich sehr hübsch darauf spielen lassen.

Als ich meinen Farmer im Gasthause zum Mittagessen aufsuchte, fand ich das rosengesichtige Milchmädchen schon mit ihrem Bündel bereit, mit uns nach ihrem neuen Bestimmungsorte abzufahren. Sie liebe die „Fiedel-Buden“ nicht, meinte sie, auf welche Aeußerung der Farmer sie sehr belobend auf die frischen, runden Wangen klopfte. Diese „Fiedel-Buden“ sind extemporirte Tanzsäle im Freien, mit Stangen und Leinewand umschlossene Rasenplätze, in welchen bis gegen Morgen gefiedelt, getanzt, getrunken, geliebt und manches Nasenbein entzweigeschlagen wird, Transactionen, die sich selbst charakterisiren, so daß wir uns nicht weiter dabei aufzuhalten brauchen.

Beim Essen hatten wir die herrlichste Aussicht in den offenen Rücken eines Markttheaters und so einen dramatischen Genuß, der gewiß selten vor dem Vorhange zu haben ist, vielleicht nicht einmal in der großen italienischen Oper, als die Königin von England mit ihrem ganzen Hofstaate und den Majestäten von Frankreich erschien und ein Platz in der Gallerie mit 20, eine Loge ersten Ranges aber mit mehr als 1000 Thalern (170 Guineen) bezahlt worden war. Wir sehen die dramatischen Helden und Heldinnen, die immer ein und dieselbe Vorstellung, und zwar jede Stunde dreimal, geben, in ihrem natürlichen Schalten und Walten, hören ihre natürliche Unterhaltung, ihre Wuth gegen benachbarte Concurrenten, die das Publikum weglocken, das Geschäft und den Kunstgeschmack verderben und daß man Mittel ausfindig machen müsse, um die wankelmüthige Masse stärker anzuziehen. Endlich stürzt sich der Unternehmer in Folge wahnsinnigen Beifalls und Gelächters, das die Menge vor ein benachbartes Theater zieht und sein „Haus“ leert, in die Arme der Verzweiflung. Er schlägt sich mit beiden Händen vor die Stirn, windet sich im höchsten tragischen Pathos ganz natürlich und künstlerisch effectvoll, rauft sich das Haar und flucht in einem Englisch, das selbst mein Farmer nicht versteht und kein Lexikon deutet.

Aber sein „Bösewicht“ rettet ihn. Dieser ergreift einen Besenstiel und stellt sich in die Positur des Löwen erschlagenden Herkules. Der Unternehmer klärt sich auf wie der Himmel nach einem Gewitter. Und als der Bösewicht auch die Stellung des „sterbenden Fechters“ glücklich copirt, umarmt ihn der Director, küßt ihn und schreit und läuft wie besessen umher. Ein Junge läuft eilends mit einem Stück Geld in die Stadt hinein, der Bösewicht umwickelt den Besenstiel mit Stroh und Lappen und zieht dann weißen Kattun darüber, so daß die Keule bald fertig ist. Die Theater-Directrice kommt mit Nadel und Zwirn gelaufen und benäht den Bösewicht ebenfalls mit weißem Kattun, während der Director ihm die Muskeln in gigantischen Proportionen ausstopft. Kurz darauf kommt eine Schüssel voll Mehl und ein Becken voll Wasser. Der Bösewicht steckt seinen Kopf in das Wasser, dann in das Mehl, während ihm der Director Nacken und Hinterkopf bestreut und einreibt. Darauf kommt er in furchtbaren Sätzen zu unserm Wirth hereingesprungen und bittet ihn in leidenschaftlicher Gluth um seine Flinte. Er ist unwiderstehlich, bekommt das Gewehr und springt hinaus. Er pfropft einen doppelten Schuß hinein, instruirt mit funkelnden Augen alle seine Leute, die Blase-Instrumente und Sprachröhre haben, mustert den fertigen Herkules und schreitet gravitätisch an der Spitze seiner Trompeter hinaus auf die Bühne. Das Gewehr knallt, die Trompeten schmettern, die Sprachrohre brüllen. Man hört die Menge heranjauchzen. Jetzt springt Herkules hinaus und verrichtet alle imaginären Heldenthaten des griechischen Halbgottes, wie ich wenigstens aus dem Beifalljauchzen der Menge schließe.

Später sehen wir plötzlich die weiße lebendige Herkulesstatue neben dem in einen kohlpechschwarzen Russen verwandelten Director. Das Schwarze und Weiße neben einander rühte mich einerseits als gebornen Preußen, andrerseits war eine patriotische Scene zu erwarten, so daß ich mich eiligst unter die Zuschauer begab. So etwas von Jubel habe ich in meinem Leben nicht gesehen oder vernommen. Der über und über mit Mehl getränkte weiße Herkules klopfte den über und über mit Kohlenruß bestreuten Director und letzterer ersteren so aus, daß Schwarz und Weiß sich zu einem undurchsichtigen, niederträchtigen Grau mischten. Als Schwarz und Weiß der Personen wieder aus dem Gewölk sichtbar wurden, fand sich der Eine Schwarz auf Weiß, der Andere Weiß auf Schwarz so schrecklich eingerieben, daß man kaum noch unterscheiden konnte, welches die Grundfarbe gewesen. Jetzt begann der Kampf. Der ursprüngliche Schwarze lag bald niedergeschmettert. Herkules trat ihm mit dem einen Fuße auf den Kopf, mit dem andern auf einen weiter unten angebrachten Körpertheil, und schrie, die Keule schwingend: „Lady’s and Gentlemen, das ist Rußland!Mob und Mop brüllten patriotischen Beifall bis weit in die Ferne. Der Director zählte hernach eine furchtbare Masse großer Kupferstücke, welche ihm seine extemporirte patriotische Jahrmarktskunst zugeregnet hatte, mit einem Ausdrucke von Entzücken, das er der ganzen Gesellschaft aus einer großen Flasche „Gin,“ die er hatte füllen lassen, mittheilte.

Das ist ein Stück aus dem englischen Volksleben auf dem Lande, naiv, geschmacklos und gemüthlich, aber immer noch besser, als wie ich’s von meiner halben Kutschendachloge neben meinem dicken Farmer im kaiserfestlichen London sah. Dichtgeknetete, zu einem unbeweglichen, klumpigen Teige zusammen gearbeitete Massen standen halbe Tage lang still und hölzern, um endlich durch den Anblick von einigen Kutschen und Reitern und betreßten Dienern belohnt zu werden, denn die beiden französischen Majestäten im zugemachten Wagen, auf deren Anblick es Millionen ankam, waren kaum den nächsten und schärfsten Augen hinter den Kutschenwänden theilweise und auf ein paar Secunden sichtbar. Der „Mop“ hatte gleichsam das Motto: „Alles für das Volk und durch das Volk,“ selbst der Menschenhandel; der londoner „Mob“ brachte in seinem millionenfachen Eifer, sich durch den Anblick der eigenen und der fremden Majestäten ein Vergnügen zu machen, blos seine eigene Bedeutungslosigkeit und Inhaltlosigkeit zu Markte.

Der „Mop“ stellte sich als lustiger Markt für Rauf- und verkaufslustige Menschen dar, die ihren Vortheil darin fanden, sich zu verkaufen, der londoner „Mob“ sah so aus, als könnte man ihn, ohne daß er’s wollte oder nur merkte, verrathen und verkaufen.




  1. Halloh, mein lieber Franzose, wie geht’s Ihnen nun?
  2. „Mob“ der gemeine Haufe des Volks; „Mop“ (wörtlich „Wisch- oder Scheuerlappen“) der Gesinde-Jahrmarkt, wie wir ihn hier schildern werden.