Zwei Dichter und ein Dichterasyl

Textdaten
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Autor: Ludwig Storch
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Titel: Zwei Dichter und ein Dichterasyl
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Zwei Dichter und ein Dichterasyl.


Von Ludwig Storch.


Das erste Viertel dieses Jahres, das voraussichtlich in Bezug auf den Fortschritt der politischen Entwicklung Deutschlands eine wichtige Stellung in der Weltgeschichte einnehmen wird, bringt uns die hundertjährige Geburtstagsfeier zweier sehr bedeutenden Dichter und Menschen, die auf diese Entwicklung und die Zeitigung des deutschen Volks zur Einheit und Erstrebung der ihm gebührenden Stelle im europäischen Concert einen mehr oder minder großen Einfluß ausgeübt haben. Sie waren beide nicht nur hochbegabte, sondern auch patriotisch treue und hochbegeisterte Verkünder des Völkerfrühlings, scharfe Tadler der obsoleten, faulenden öffentlichen Zustände unseres von ihnen so heiß geliebten Vaterlandes, Propheten und Deuter einer schönern Zukunft, Herolde der Freiheit und Sittlichkeit und Weltverbesserer im reinsten edelsten Sinne des Wortes. Der Eine die scharfschmetternde Lerche, der Andere die berauschende flötende Nachtigall, beide uns hochheilige Sänger, beide herrliche deutsche Männer durch und durch vom Wirbel des Haupthaars bis zur Fußsohle hinab; beide edle Gestalten, an deren Bildern – das eine aus deutschem Granit, das andere aus deutschem Marmor gehauen – unser Blick mit ehrfurchtsvollem Entzücken hängt, und die unser Herz mit dankbaren Gefühlen preist; denn beiden gebührt das beneidenswerthe Verdienst, rüstige Arbeiter im Weinberge der deutschen Bildung gewesen zu sein und ihr Volk

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Die Gartenlaube (1863) b 005.jpg

Jean Paul auf dem Wege nach der Rollwenzelei.
Originalgemälde von Th. v. Oer.

aus dem elenden Zustande eines apathischen Sclaventhums mit emporgehoben und ihm Teilnahme an den öffentlichen Zuständen und Begeisterung für die freiheitliche Emporbildung des deutschen Lebens eingehaucht zu haben. Der Eine mit der Hacke als kräftiger Häcker, der die Erde um den Weinstock lockerte und mit scharfer Winzerhippe die geilen Ranken verschnitt; der Andere als wunderthätiger Magnus, der üppige Trauben hervorzauberte und farbenprangende narkotisch duftende Blumen zwischen Weinstöcken [6] wachsen und an ihnen empor sich ranken machte, Alles mit Regen und mit Thau begießend, in deren Tropfen er die Welt sich farbenprächtig wiederspiegeln ließ, und der dann wieder das Winzerhäuschen zu einem süßen Nestchen umschuf, einem heitern Tempelchen der Unschuld und Kinderfreude, aus dem hervor er zu Aller Ergötzen sein schelmisches Lachen über die Thorheiten und Verkehrtheiten der Menschen hervorschallen ließ.

Der verehrte Leser weiß nun schon, welch ein seltnes Dichter- und Männerpaar ich meine; es ist Johann Gottfried Seume und Johann Paulus Friedrich Richter, mit seinem Schriftstellernamen Jean Paul genannt. Der Erstere wurde am 29. Januar, der Andere am 21. März 1763 geboren, jener im Dörfchen Posern bei Weißenfels im Meißnerland, als der Sohn eines jungen Landbauers; dieser im Städtchen Wunsiedel im Fichtelgebirge in der Brandenburger Markgrafschaft Bayreuth, als der Sohn eines jungen Unterpredigers (Tertius). Wie sie beide in ihren äußern Lebensverhältnissen viel Aehnlichkeit mit einander haben, so auch in ihrer geistigen Anschauung und in ihrem Charakter. In ihrer dichterischen Schöpferkraft sind sie dagegen sehr verschieden und fast Gegensätze. Sie sind beide Kinder des Volks und der Armuth, beider Eltern verarmten, beide wuchsen unter Landleuten auf, beide verloren ihre wackern Väter frühzeitig; beide hingen mit rührender Liebe an ihren Müttern; beide studirten mit wohlthätiger Unterstützung Theologie in Leipzig, und in den Jahren 1780 und 1781 mögen sie wohl in denselben Hörsälen zusammengesessen haben; beide wurden der Theologie aus demselben Grunde ungetreu, weil ihre Ueberzeugungen sich in immer schärfern Widerspruch mit dem Kirchenglauben setzten; beide wurden Schriftsteller ohne Amt oder ausgezeichnete Lebensstellung, und beide blieben arm bis an ihren Tod.

Aber noch größer ist die Aehnlichkeit ihrer hehren Gesinnung und ihrer daraus entsprungenen Handlungsweise; man darf sagen: in beiden kam die edelste Humanität und das specifische Deutschthum, d. h. die schönste Verschmelzung von Geist und Gemüth, zur reinsten herrlichsten Blüthe. Und so waren sie beide die edelsten Schwärmer für Deutschlands Ehre und Größe, und deshalb huldigten sie mit Wort und That allen Tugenden, glühten für Wahrheit und Recht, für Vernunft, Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz, aber sie haßten eben so stark und heiß allen Despotismus, alles Junkerthum, alles Pfaffenthum, alles Privilegium, alle Selbstsucht und Heuchelei, alle Verdummung und Verknechtung des Volks, alle Faulheit und Niedertracht, alle sittliche Verkommenheit und Verworfenheit in allen Schichten der Gesellschaft, mit einem Worte: sie liebten alles Gute und Rechte und sie haßten alles Böse und Schlechte, und sie priesen jenes und geißelten dieses jeder nach seiner Kraft und Begabung.

Beide sind Edelsteine vom reinsten Wasser, der Eine ein werthvoller Amethyst, der Andere ein unschätzbarer Diamant, beide geschliffen auf den Schleifsteinen der Wissenschaft, vorzüglich auf denen des Hellenismus, der Eine in klaren ruhigen Flächen, der Andere in tausend blitzenden Facetten.

Was Seume in klaren Worten einfach sagte, angetrieben von hoher heiliger Liebe zur Menschheit oder vom edlen Zorn über Mißbrauch, Schmach und Verderbtheit der höchsten Güter, das führt Richter im prächtig glühenden Farben- und Formenschmuck stets wechselnder wunderbarer Bilder an uns vorüber. Der Eine hält uns den einfachen klaren Spiegel entgegen, welcher unser Bild getreu zurückwirft, der Andere den mit Guirlanden und Arabesken umrahmten Hohl- und Zauberspiegel phantastischer Poesie, der den Bildern der Dinge eine seltsame Form und Färbung giebt. Beiden wurde das Glück zu Theil, schon bei ihren Lebzeiten geliebt, geschätzt, verehrt und gefeiert zu werden. Seume hatte eine Menge Freunde, Richter eine Unmasse Verehrer; Seume, der warmfühlende finstere Mann, wurde mehr geliebt, Richter, das lachende, scherzende Kind, mehr verehrt, gefeiert, ja vergöttert.

Und auch darin hatten diese beiden Dichter und Altersgenossen Aehnlichkeit mit einander, daß sie in den höchsten Kreisen der Gesellschaft persönliche Verehrer und Begünstiger zählten, ja sogar dieselben fürstlichen Persönlichkeiten waren beiden wohlwollend gesinnt, wie z. B. die russische Kaiserfamilie, die Herzogin Anna Amalia von Weimar etc. Dieser Umstand nimmt uns heutigen Tags um so mehr Wunder, als beide, wären sie, wie Uhland, erst vor Kurzem gestorben, gleich diesem und mit Recht Demokraten vom reinsten Wasser genannt worden sein würden. Denn in der That und Wahrheit haben sie sich eben so entschieden demokratisch ausgesprochen, als der jüngst abgeschiedene große Dichter und deutsche Mann. Aber so wenig Uhland bei unsern Fürstlichkeiten beliebt war, so wenig würden es heute Richter und Seume sein; wiewohl wiederholt darauf aufmerksam gemacht werden muß, daß Richter’s herrliche Erzstatue in Bayreuth ganz allein auf Kosten des Königs Ludwig von Baiern errichtet worden ist, nachdem vergebens versucht worden war, das Geld dafür vom deutschen Volke zusammenzubringen.

Und um die Aehnlichkeit beider trefflichen Männer gleichsam vollständig zu machen, theilten sie beide, die in der ganzen civilisirten Welt so hoch Geehrten und hoch Gefeierten, die Neigung, den stillen gemüthlichen Zug zu den einfachen natürlichen Menschen der untersten Gesellschaftsclassen, zum Volke, und wenn Seume länger gelebt hätte, würde er zweifelsohne sich ein Asyl unter Leuten gegründet haben, wie die gewesen, denen er entsprungen war, und wie Richter auf eine seiner poetischen Eigenthümlichkeit angemessene originelle Weise es sich wirklich gründete.

Dafür bürgt uns Seume’s ganzes Wesen, das sich so unverkennbar treu und wahr in seinen Schriften ausgeprägt hat, dafür ganz besonders das Fragment seiner Autobiographie, in welcher er seine Eltern und seinen väterlichen Urgroßvater mit wenigen, aber köstlichen Strichen gezeichnet hat. Fast alle hochbegabten Geister, die aus den gesunden naturwüchsigen Elementen des deutschen Volksthums hervorgegangen sind, haben, nachdem sie sich mit mehr oder minder Lust und Geschick in den hohen und höchsten Kreisen bewegt, sich endlich wieder gedrungen gefühlt, sich an der Einfachheit des Volkslebens zu betheiligen und im Umgange mit dem „gemeinen Manne“ Erholung und Freude zu suchen und zu finden. Es ist das gleichsam die Probe auf das Exempel einer edlen gesinnungstüchtigen Natur.

Es ist bekannt, wie glücklich Richter verheiratet war. Seine Gattin war eine der Edelsten und Trefflichsten ihres Geschlechts und fast eben so einzig in ihrer Art, wie er in der seinigen. Gerade weil sie in allen menschlichen Beziehungen, vorzüglich aber als Gattin und Mutter, so echt rein und wahr weiblich war, ist stets so wenig von ihr die Rede gewesen, aber man muß nur in Bayreuth oder München nach ihr fragen, und Jedermann wird sich beeilen, ihr die ungetheilteste Anerkennung, das ungemessenste Lob zu spenden.

Aber auffallender Weise tritt auf der Tafel der Geschichte, wie sie die Hand des Volks zu schreiben pflegt, in dem unsern Richter abhandelnden Kapitel die Freundin des Dichters, die Frau aus dem Volke, weit schärfer und charakteristischer gezeichnet hervor, als die hochbegabte und hochedle Gattin desselben. Dies liegt an dem eigenthümlichen und ungewöhnlichen Verhältnisse, in welchem Richter zu Frau Rollwenzel stand. So genau ich mich in Bayreuth während meines einjährigen Aufenthaltes dort bei Leuten aus allen Ständen, die den Dichter und Frau Rollwenzel noch sehr gut persönlich gekannt hatten, nach diesem Verhältniß erkundigt habe, alle stimmten in dem Urtheile überein, daß von einer gewöhnlichen geschlechtlichen Accommodation durchaus keine Rede sein könne. Frau Rollwenzel war dem Dichter die Repräsentantin des deutschen Volks, die vox populi, und er erfrischte sich geistig und körperlich in dem ihm in beiden Beziehungen zum Bedürfniß gewordenen täglichen Umgange mit ihr. Denn sie war in der That ebenso in idealer wie in materieller Beziehung sein „Feldgehülfe“. Während ihre naiven treffenden Ansichten und Urtheile ihn geistig und seelisch anmutheten, gab ihre Kochkunst ihm die erwünschte leibliche Stärkung. Und daß Richter in beiden Beziehungen eben nicht leicht zu befriedigen sein mochte, ergiebt sich aus seinem geistigen Wesen, wie es uns in seinen Werken entgegentritt, und aus dem Umstande, daß er an fürstlichen und andern vornehmen Tafeln verwöhnt war, von selbst.

Ich habe das Verhältniß des hochbegeisteten Dichterfürsten und der einfachen Schankwirthin, wie ich es in Bayreuth aus dem Munde des Volks erfuhr, in Nr. 36 des vierten Jahrgangs der Gartenlaube bereits dargestellt und dort das Brustbild der Frau Rollwenzel nach dem Miniaturbilde, welches in der Jean-Paul-Stube des nach ihr benannten Wirtshauses bei Bayreuth hängt, in Holzdruck wiedergegeben. Für Leser, welchen jener Jahrgang nicht zur Hand ist, will ich das dort Gesagte kürzer wiederholen.

[7] Als Richter im 41. Lebensjahre mit seiner jungen Familie festen Wohnsitz in Bayreuth genommen, fand er bald in dem kleinen Wirthshause am Fuße der Anhöhe, welche das fürstliche Lustschloß Eremitage krönt, nicht nur ein Local, sondern auch Menschen, die ganz seinen Wünschen und Bedürfnissen angemessen waren. In einer kleinen, abgelegenen Stube des Hinterhauses bot sich ihm die ungemein reizende Aussicht auf eine idyllische Landschaft, im Hintergrunde begrenzt von den in majestätischen Wellenlinien aufsteigenden Bergen des Fichtelgebirgs. Dies war das Stück Erde, welches ihm durch die süßen Erinnerungen seiner Jugend so heilig und so theuer war. Die kleine, ärmliche Schenke wurde ihm deshalb werth, noch werther durch das aufgeweckte, gewandte, witzige und gefällige Wesen der schon 48 Jahre alten Wirthin, die dem geistreichen Gaste bald all seine Lieblingsneigungen abgelauscht hatte und sich beeilte, sie mit Anstand, Achtsamkeit und Sorgfalt auszuführen. Bald waren es nicht allein die guten Speisen und Getränke der Frau Dorothea Rollwenzel und die Aussicht aus der Hinterstube, die ihn in das kleine Haus zogen, er entdeckte in der Wirthsfrau geistige Schätze seltner Art, scharfen Verstand, Humor und tiefes Gemüth. Der Wirth, Friedrich Rollwenzel, war nicht minder eine ehrenwerthe Persönlichkeit und theilte mit seiner Frau die hohe Verehrung des ausgezeichneten Gastes. Richter lebte sich so allmählich in das Haus und die Wirthsleute hinein, daß er sich in der Hinterstube sein gemüthliches Nestchen einrichtete, eine Neigung, die seinem hohen Genius ganz vorzüglich eigen war. Frau Rollwenzel verstand den Flügelschlag desselben so gut und war eine so klare, scharfe und witzige Beurtheilerin seiner geistigen und seelischen Eigenthümlichkeit, daß er sich bald überzeugte, welch ein richtiges Verständniß ihm in ihr entgegen komme. Er las ihr also nicht selten die Erzeugnisse seines Geistes vor, die seine Feder in der Hinterstube auf das Papier geworfen, er liebte es auch, mit ihr in der ihm eigenthümlichen Weise, von der seine persönlichen Freunde mit Bewunderung sprechen, über geistige Interessen zu disputiren. Frau Rollwenzel füllte also den Kreis seiner Bedürfnisse aus, indem sie ihn ebenso durch Witz und Genialität, wie mit delicatem Kaffee, köstlichem Bier, schmackhaftem Braten und feinem Kuchen ergötzte.

So wurde denn in kurzer Zeit die trauliche Hinterstube zur Schöpferwerkstatt des Dichterheros, und fast alle seine späteren Werke sind in ihr entstanden. Denn fast volle zwanzig Jahre ist er, in der schönen Jahreszeit, schier täglich und zwar schon in der frischen Morgenfrühe von der Stadt durch die prächtige Linden- und Kastanienallee hinauf nach dem kleinen Wirthshause gewandert, um sich dort ungestört in süßer Behäbigkeit den erhabenen Schöpfungen seines Geistes hinzugeben und in den Pausen mit Frau Dorothea zu plaudern oder ihre Erzeugnisse zu genießen. Es leben immer noch Leute, welchen die untersetzte, kräftig gebaute Gestalt des Dichterfürsten erinnerlich ist, wie er in schlichter, meist vernachlässigter Kleidung mit offener Brust, freiem Haar, einem Knotenstock und den Ranzen voll Bücher und Manuscripte rüstig die Anhöhe emporschritt. Den Wein, welcher ihm während der Arbeit Bedürfniß war, nahm er sich aus seinem eigenen wohl versorgten Keller jedesmal mit, und man sah die Hälse der Flaschen freundlich aus seinen Taschen herauslugen. Sein treuer Begleiter war stets sein Spitz, den er ebenso wie Frau Rollwenzel in mehreren seiner Dichtungen verherrlicht hat.

Der Maler unserer heutigen trefflichen Illustration hat den Moment aufgefaßt, wo der Dichter eben am Rollwenzelhäuschen ankommt, von Wirth und Wirthin freundlich begrüßt. Der Hund ist ihm vorausgeeilt und tauscht mit Frau Rollwenzel Liebkosungen aus.

Nicht selten begleitete den Dichter sein treuer trefflicher Freund Christian Otto in das kleine Wirthshaus und arbeitete in einem andern Stübchen. Abends holte dann wohl Richter’s Familie den geliebten Mann ab.

Aber auch zum Mittelpunkt seiner oft weit ausgedehnten Spaziergänge diente ihm das Häuschen. Von hier durchstreifte er Berg und Thal, Wald und Flur der lieblichen Gegend, oft ohne Hut und in einem Anzuge, der freilich den vergötterten Liebling der deutschen Intelligenz und vorzüglich der gebildeten Frauenwelt nicht vermuthen ließ. Pflegte er sich doch oft auf den grünen Rasen unter einem Baume oder im Saatfeld niederzuwerfen und sich so dem gewaltigen Strome seiner Gedanken und Gefühle zu überlassen. Wie sich seine Kleider dabei standen, kümmerte ihn ganz und gar nicht. So geschah es denn, daß er eines schönen Tages mitten im Felde von einem Gensd’arm, der ihn nicht kannte, als Vagabund und Stromer arretirt und nach der Stadt zu geführt wurde. Zufällig begegnet dem sonderbaren Menschenpaar der Gouverneur der Stadt im Wagen. Der begrüßt den Dichter ehrerbietigst und läßt halten, um sich nach dem seltsamen Auszug zu erkundigen.

„Ich freue mich sehr, der Arrestant dieses vorsichtigen Herrn zu sein,“ versetzt Richter äußerst vergnügt, „und werde in’s Loch gesteckt werden. Weiß ich doch nun auch, wie’s einem armen Teufel zu Muthe ist, der mir nichts dir nichts aufgegriffen, transportirt und frei logirt und beköstigt wird, Alles gegen seinen ausdrücklichen Willen. Besuchen Sie mich im Loche.“

Dem Gensd’armen wird’s angst, er stottert Entschuldigungen und will ausreißen. Aber Richter hält ihn fest und drückt ihm einen Thaler in die Hand. „Nehmen Sie wenigstens erst eine kleine Erkenntlichkeit für das Vergnügen, das Sie mir bereitet haben.“ –

Eines schönen Sommertags des Jahres 1816 fährt eine prächtige Equipage vor dem Rollwenzelhause vor; ein Cavalier und galonnirte Diener fragen hastig nach Herrn Legationsrath Richter. Der Dichter erscheint heute besonders derangirt und hört etwas bestürzt, daß Ihre kaiserliche Hoheit die Großfürstin Katharina Paulowna von Rußland im Gasthause zur Sonne in Bayreuth auf ihn warte und ihm ihren Wagen schicke. Richter remonstrirt, daß er erst heim müsse, um sich in anständige Kleidung zu werfen; vergebens, der Cavalier der Großfürstin erklärt auf das Bestimmteste: er habe den gemessenen Befehl, Herrn Richter zu bringen, wie er ihn fände; Ihre kaiserliche Hoheit habe große Eile. Kein Weigern hilft, der Dichter wird in seinem alten Gottfried in den Wagen gepackt und in der Sonne abgeliefert.

Es war die liebenswürdige, geniale junge Wittwe des Prinzen Peter von Holstein-Oldenbnrg, die als Braut des Kronprinzen Wilhelm von Würtemberg, des jetzigen hochbetagten Königs, auf der Brautreise nach Stuttgart begriffen ist. Kaum in Bayreuth angekommen, sieht sie in ihrem Vorzimmer die obersten Behörden der Stadt versammelt, um sie im Namen des Königs von Baiern ehrfurchtsvoll zu begrüßen. Sie hört die Anmeldung der adligen Herren nur mit halbem Ohr.

„Ist Herr Richter da? Herr Richter soll kommen, Niemand als Herr Richter.“

Man fragt, man läuft. Herr Richter ist bei Frau Rollwenzel. Die Großfürstin giebt schnelle Befehle, der Wagen rollt fort, sie mißt mit fieberhafter Ungeduld das Zimmer und vergißt die Herren ganz, die draußen in steifer Haltung des gnädigen Wortes der Zulassung harren.

Endlich! Der Dichter wird in seinem malpropren Ajustement durch die Reihen der erstaunten geputzten Herren geführt; die Fürstin reißt die Thür auf, stürmt ihm entgegen, umarmt ihn, weint vor Rührung und Wonne an seinem Halse und ruft: „Göttlichster aller Menschen, Schöpfer meiner seligsten Stunden, willkommen! willkommen!“

Sie zieht ihn in’s Zimmer und auf das Sopha und plaudert mit ihm; sie sieht nicht seinen Rock, nicht sein unrasirtes Kinn; sie sieht nur seinen herrlichen Kopf, sein schönes, tiefes, wonnestrahlendes Auge, sie hört nur den Wohlkang seiner Stimme, seine geistreichen gemüthlichen Worte; sie ist selig versunken in sein Anschauen und Anhören, und sie erzählt dem glücklichen Dichter von all den hohen Freuden, die er ihr geschenkt.

Die Stunden fliegen; der Kammerherr mahnt an den unerläßlichen Aufbruch. Die Großfürstin nimmt endlich des Dichters Arm und schreitet mit ihm durch die wartenden, adeligen Herren, ihren respektvollen Gruß freundlich erwidernd; sie steigt in den Wagen, sie wirft ihm noch Grüße und Dankesworte zu.

Wie freute sich Frau Rollwenzel, als er ihr dieses freundliche Erlebniß erzählte! Denn die alte Schankwirthin nahm an Allem, was den Dichter anging, den lebhaftesten Antheil. Sie gehörte ja zu ihm; sie war der Mond, der, von dieser prächtigen Geistessonne angestrahlt, das Licht empfing, das ihr nun für alle Zeiten bleiben wird. Denn das ist der wunderbare Segen des unsterblichen [8] Genius, daß er den Menschen und den Dingen, die mit ihm in längerer Berührung sind, den leuchtenden Stempel seines Wesens für alle Zeit aufprägt, daß er gleichsam Alles in seiner Nähe mit dem Goldglanze seiner Sonnenstrahlen überkleidet.

So hat Jean Paul Richter der Frau Dorothea Rollwenzel und ihrem kleinen Hause die Unsterblichkeit gesichert.

In den spätern Jahren ging der Dichter gewöhnlich nur noch Nachmittags zur Rollwenzel und nur einige Male in der Woche. Wenn ihn Krankheit an seine Stadtwohnung fesselte, und in der letzten trüben Zeit, als sein Augenlicht erloschen war, kam auf seinen Wunsch die kleine alte Frau zu ihm, und es gereichte ihm zur Befriedigung, sich mit ihr in der alten muntern Weise unterhalten zu können. Sie überlebte ihn vier und ein halbes Jahr und starb 74 Jahre alt, am 22. April 1830. –

Das kleine Haus, auch jetzt noch eine häufig besuchte Schenke, ziert eine dunkle Marmortafel mit der vergoldeten Inschrift: „Rollwenzel’s Haus. Hier dichtete Jean Paul.“ Im Volksmunde heißt das Haus aber „die Rollwenzel“ oder „die Rollwenzelei“. Die Jean-Paul-Stube, jahraus, jahrein von vielen Verehrern des Dichters aus allen Landen besucht, ist so erhalten, wie er sie verlassen hat, und man bewundert mit Rührung den einfachen, genügsamen Sinn des unsterblichen Dichterfürsten. Man findet seine Büste und sein Bild in der Stube, darunter das kleine Bild der Frau, deren Namen mit dem seinigen so merkwürdig verbunden ist. Ein Album nimmt die Namen der Besucher auf. Daneben liegt eine Handschrift des Dichters nebst einigen Büchern von ihm und über ihn.

Voraussichtlich werden das Rollwenzelhaus und die Jean-Paul-Stube darin Orte angemessener Feierlichkeiten am hundertjährigen Geburtstag des Dichters und die Erinnerungen an ihn und seine Freundin aus dem Volke lebendig aufgefrischt werden. Die Wallfahrt nach diesen durch den großen Mann geheiligten Localitäten werden bis in die spätesten Zeiten fortdauern, und an Frau Rollwenzel wird Schiller’s schöner Spruch in Erfüllung gehen:

„Mit dem Philister stirbt auch sein Ruhm. Du ewige Muse
Hebst, die dich lieben, die du liebst, in Mnemosyne’s Schooß.“