Hauptmenü öffnen
Textdaten
>>>
Autor: Felix Dahn
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Zum neuen Jahr 1885
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 1
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[1]
Zum
neuen Jahr
1885.


„Und wieder schied ein Jahr! Die Welt wird alt!“

So klagt ein traurig Wort: ein Wort des Wahns!
Die Welt bleibt jung: du hüte nur dich selbst,
Daß dir das Herz, erkaltend, altre nicht.

Die Welt bleibt jung! Noch scheint so hell, so warm
Wie auf jung Siegfrieds Goldgelock die Sonne,
Wie für der Hohenstaufen Mund der Wein;
Nicht holder sang als dir die Nachtigall
Herrn Walther von der Vogelweide vor,
Und schöner schwebte vor Herrn Gottfried’s Augen
Im Rosen-Schapel keine „Herrin“ hin,
Als deutscher Frauen Reiz noch heute blüht. –

      „Was hilft’s? Mir aber fließt das Blut nicht mehr
So heiß, so rasch wie in der Jugend Tagen.
Wohl wird auch dieser Lenz noch Rosen bringen:
Doch taugt ihr Roth nicht meinem grauen Haar.“

      Und muß denn grade dich die Rose schmücken?
Und ziert sie Andrer Locken minder schön?
Frei schenkte dir – wo was dein Recht darauf? –
Der Gott des Lebens eine ganze Welt;
Er gönnte dir des Athems warme Freude; –
Hast du den Anspruch, ewig zu genießen?
Willst in dem Wald du einz’ger Baum allein,
Den Künft’gen Raum und Wachsthum hemmend, ragen?
Erröthest du ob soviel Selbstsucht nicht?
Das wahrhaft Ew’ge ist kein „Immerfort!“,
Ist nicht die Kette endlos vieler Stunden:
Das Ew’ge ist der Kreis, der, in sich selbst
Vollkommen und nothwendig, sich beschließt. –

Was Einmal du an Wahren, Schönem, Gutem
Erkannt, genossen und gehandelt hast,
Bleibt ewig, bliebt unwiderrufbar dein:
Kein Tod kann tödten, was vollendet war.

Dem Ganzen lebe, dem du angehörst
Und ohne das du nichts und elend bist:
Der Menschheit, deinem Volk und deinen Freunden!
Zerbrich der Selbstsucht schnöde Zwingherrschaft,
Begreife das Nothwend’ge und sei frei!
In Demuth beuge dich dem einzig Ew’gen:
Dem unaussprechlich heiligen Geheimniß,
Das in dem Abgrund der Unendlichkeit
Stets treibt und wirkt, vom dunkelblauen Mantel,
Gestickt mit Milliarden von Gestirnen,
Dem Blick mehr zugedeckt als offenbart. –

Hast du dies Ew’ge frommen Sinns geahnt,
Nie wirst du um Vergänglichkeit mehr klagen,
Und Friede, heiliger und unbedrother
Als er in aller Priester Tempeln wohnt,
Der Friede der Entsagung, wird dein Herz,
So lang es pocht, beseligend durchdringen.
Ja, wahre Seligkeit ist nur der Friede,
Die Harmonie mit Schicksal, Welt und Menschen
Und mit dem eignen gottversöhnten Selbst.

Die Neujahrsglocken dieses jungen Jahres,
Sie mögen uns mit feierlichem Schall
Solch hehren Frieden künden und bedeuten;
Dann – sei’n sie auch die letzten, die wir hören, –
Dann soll’n sie ewig uns gesegnet sein! –

 Felix Dahn.