Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste
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Pulvertonnen

Band: 29 (1741), Spalte: 1424–1427. (Scan)

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Pulverthürme. Dabey hat man in Obacht zu nehmen, daß man das Pulver nicht an einen Ort alleine, sondern an unterschiedliche Oerter, nicht in so gar grosser Menge verwahre, auch lieber solches in erhabene Oerter und Gewölber thue, als etwan unter die Erde, von deren Feuchtigkeit das Pulver ohne dem kan leicht verderben, auch bey dessen Entzündung grossen Schaden gantzen Städten kan verursachen. In der Höhe liegt es nicht allein besser und trockener, wegen der durchstreichenden Luft, sondern wenn auch solches von Wetter, oder sonst leichtfertiger Weise entzündet werden solte, kan es auch keinen sonderlichen grossen Schaden verursachen, weil alles gleich über sich gehet, und nichts mehr, als das Behältniß, dabey am grösten Schaden leiden kan. Die Mauren und Gewölber zu diesen Pulvermagazinen und Thürmen müssen dicke und starck genug angeleget werden, daß man weder für feindlichen Schüssen und Einwerfen der Bomben, noch für dem Wetter sich etwas zu befahren habe. Sonderlich aber muß das Gewölbe acht bis zehen Schuh Dicke, auch mit so hoch Erde beschüttet, und mit einem flachen leichten Dache verwahrt seyn, damit nicht so leicht von oben, welches am meisten wegen des Wetters und der Bomben zu befürchten, eine Entzündung und Ruinirung entstehen könne. Dergleichen Unglück sich den 12 August 1720 zwischen 10 und 11 Uhr in Berlin zugetragen, da bey hellem Wetter, der alte Pulverthurm, am Ende der Spandauischen Strasse, durch ein unvermuthetes Versehen der darinnen arbeitenden Feuerwercker, in die Luft geflogen, und an Menschen und Häusern einen unbeschreiblichen Schaden gethan. Ihro Königl. Majestät nemlich befunden für gut, den Thurm, weil er den Häusern zu nahe stund, um selbige ausser Gefahr zu setzen, abtragen zu lassen. Dem zu Folge hat man bereits die Woche vorher etliche hundert Centner Pulver, Bomben, Granaten und Pechkräntze, in das neue Magazin gebracht, und waren nur noch wenige Centner Pulver, wie auch Cartetschen, einige Bomben, Mörser u. d. g. rückständig. Nun soll es durch Verwahrlosung der Canonirer geschehen seyn, entweder durch Fortschiebung eines grossen eisernen Kastens, oder durch dessen allzuhartes Niedersetzen, oder durch die Nägel an den Schuhen, oder, welches die Schildwacht, so an der Garnisonkirche gestanden, soll ausgesaget haben, durch kurtzweilige Werffung der eisernen Kugeln gegen die Mörser, doch niemand konnte categorisch sagen, durch was eigentlich, weil die Arbeitenden alle umkommen, das Pulver Feuer gefangen, und das übrige zugleich entzündet, mithin der gantze Thurm zersprenget, und alle die dabey stehende Häuser ziemlich hart ruiniret, auch die Garnisonkirche jenseits, und die heil. Geistkirche disseits, nebst der Armenschule und dem Hospital, verderbet, hierbey aber viele Menschen erbärmlich erschlagen, gesprenget und verschüttet, viele aber elendiglich verletzet worden. In der Soldaten-Schule sind über hundert Kinder [1425]gewesen, von welchen sechs und dreyßig getödtet, viele beschädiget, eines aber den andern Tag drauf unter der Banck, und ein anders an der Thüre lebendig gefunden worden. Weil auch die Pommerische Post eben in dem Augenblick mit vier Passagiers vorbey fuhr, so wurde von den fliegenden Thurmsteinen ein Prediger und ein Mahler getödtet, dem Postillion der eine Arm und der Kopf zerschellet, von den Pferden aber eines lahm, das andere todt geschlagen. In der Ruppiner Herberge, wo alles eingeschlagen worden, gieng ohngefehr ein fremder Mann aufs Secret, woselbst er am dritten Tage noch gesund und unverletzt gefunden worden, ausser daß er sich an den Händen verletzet, weil er sich durch die vielen Steine durcharbeiten wollen. Eine unfern stehende Schildwache ward mitten von einander geschlagen. Ein Unterofficier wolte sich auf dem Thurm umsehen, welchem aber eine Bombe den Kopf wegnahm. Ein Soldate war gleich aus dem Thurme gegangen in einem Winckel bey selbigem, welcher, ob er schon sehr beschädiget worden, doch am Leben blieben, weil das Pulver den Gründ nicht umreissen können. In der Marien- und Nicolaikirche war eben Betstunde; da nun der Knall geschahe, und die Fenster einfielen, schrie jederman: Die Kirche falle ein! worauf das Volck heraus eilete, hierbey aber sich sehr beschädigte. Als sie nun hierauf höreten, daß der Pulverthurm in die Lufft geflogen, liefen sie aus Neugierigkeit dahin: da aber noch einige Cartetschen, und Patronen schlugen und Knall gaben, so liefen sie voller Schrecken wieder zurücke. Viele andere aber wurden auf Strassen, in Häusern und Plätzen, unter allerhand Verrichtungen, getödtet oder verletzet. Von den Feuerwerckern sind achte jämmerlich erschlagen, und darauf nach Kriegsgebrauch ehrlich begraben worden, indem man die acht Särge auf zwey Wagen, und mit schwartzen Lacken umhangen, geführet, und nach der Beerdigung dreymal Salve gegeben. Von den übrigen sind fünf bis sechs Mann jämmerlich zerschmettert, forthin aber noch andere todt gefunden worden. DeSs Herrn Hauptmanns von Wedel Frau Eheliebste, nebst ihrem Kammermägdlein, hat man zwar lebendig aus dem verfallenen Gebäude hervor gebracht, beyderseits aber tödtlich verwundet. Die Judenkirche, nebst allen daherum befindlichen Häusern, ward sehr ruiniret; daher die Juden mit grossem Heulen und Schreyen des Tages drauf einen Bußtag anstelleten, und sich der Zerstörung der Stadt Jerusalem erinnerten. Vieles anderen Elendes zu geschweigen. Das Lermen war ungemein, die Glocken wurden geläutet, die Trommeln gerühret, und vom Thurme geblasen; Die Soldaten liefen nach ihren angewiesenen Orten; Viele Eltern schrien und suchten ihre Kinder, andere eileten nach ihren Anverwandten, so da herum wohnten. Das Klagen war erbärmlich. Man suchte schleunigst die Verschütteten auf, und da fand man hier todte, dort lebendige. Unter den Kindern zog man zuerst den Küster hald todt heraus, der aber bald gestorben. Manche hörte man erbärmlich unter dem Schutte winseln, denen man aber [1426]nicht bald zu Hülffe kommen konnte. Hier ragte eine Hand hervor, dort ein Fuß, manchmal fand man ein Glied allein, ohne Cörper. Der Anblick war auf allen Seiten erbärmlich. Der Thurm soll sehr feste gebauet, und fast drey Ellen dicke gewesen seyn, gleichwohl hat ihn die Gewalt des Pulvers dergestalt zerrissen, daß die Haube davon an allen Orten herum, das unterste Gemauer aber an drey Orte hingerissen worden. Ein Sück von guter vier Ellen breit und hoch ist nach dem Hospital zum H. Geist, etwan sechtzig Schritte vom Thurm gelegen, geschmissen worden, das andere in des Herrn Obristen von Glasenap Haus mit solcher Gewalt geflogen, daß davon das halbe Vordertheil des Hauses von der Erde bis an das Dach, ob er gleich gantz und gar maßiv ist, eingeschlagen worden: das dritte Stück hat die Garnisonschule gantz und gar ruiniret. Das Joachimsthalische Gymnasium, ohngeachtet es auf einer gantz andern Strasse eine ziemliche Ecke davon stehet, hat fast keine Scheibe gantz behalten; dergleichen auch das Arsenal, wo das grosse Geschütz stehet, betroffen, nicht minder das Schloß selbst, als welches an der Seite nach dem gewesenen Lustgarten gegen die Spree so aussiehet, als wenn der Feind hinein geschossen hätte. Der Lieutenant, so bey dieser gefährlichen Arbeit commandiret, hat den göttlichen Schutz sonderlich genossen: Denn da er kurtz vorher, ehe der Thurm aufgeflogen, aus demselben, um freye Lufft zu schöpffen, gegangen, und sich gegen über an der andern Ecke der Strasse, kaum zehen Schritte davon, an einen Materialistenladen gestellt, ist samt diesem erhalten worden. In dem Hause des Herrn Obristen von Glasenap hielt sich der Herr Obriste von Flans auf, welcher kurtz vor dem Schlage in der Stube, die hernach gantz ruiniret worden, gewesen; weil er aber einige Schmertzen am Fusse, von der Gicht fühlte, wolte er sich den Fuß austreten, und gieng in die andere Eckstube an der andern Seite, welches kaum geschehen, da das erstere Gemach in einem Augenblick zerschmettert worden. Uberhaupt der Jammer und Schade war unsäglich, und wolte man berichten, daß drey und siebentzig Personen getödtet, und viertzig beschädiget worden: wie solches ein gedruckter Bericht von einem halben Bogen besagt. Es hat sonst ein gewisser Gottesgelehrter, Namens Daniel Schönemann, der einige Zeit vorher nach überstandener schweren Kranckheit, eine sonderbare Gabe bekommen, gantze Gedichte, von waserley Materie man es verlangt, in der grösten Fertigkeit alsobald herzusagen, dergleichen er auch vor Ihro Königliche Majestät verrichten müssen, auf diesen Unglücks-Fall ein nicht ungeschicktes Gedichte von ein und zwantzig Strophen alsobald hergesaget, welches, wie es ihm etwan jemand nachgeschrieben, auch in den auserlesenen Gedichten, im fünf und zwantzigsten Stück mit gleichem Elogio von diesem Manne, zu finden ist. Welcher gestalt auch dieser entsetzliche Knall in die Seele eines todtkranck darniedergelegenen und sterbenden Menschen dergestalt tief eingedrungen, daß er schleunig als wie aus einem tieffen [1427]Schlafe erwachet, zu sich selber kommen, und kurtz darauf wider Vermuthen zu völliger Gesundheit gelanget, davon überschrieb der Herr Verfasser Scheuchzer in Zürich folgende Nachricht den Breßlauer Naturgeschichten im Jahre 1723 Mens. Jul. Artic. 9. p. 100. Accidit ut anno 1720 gravissimo morbo decumberet Berolini Rev. Dn. Henrici Tschudii, Pastoris Svandensis in Territorio Glaronensi vigilantissimi Filius, stipendia militaria merens. De vitae jactura adeo securi erant socii milites, ut jam vestimenta & supellectilem sibi fecerint propria, aegro nil de se, nec de suis reculis conscio. Decumbebat 40. circiter passibus a loco illo, quo d. 12 Aug. ingensilla pulveris pyrii copia aeccensa omne Berolinum luctu implevit. Fragore illo ingenti expergefactus noster veluti e somno profundo redit ad se, surgit ex lecto, & intra paucos dies pristinae restituitur fanitati. Dubio procul afragore hoc insolito sicuti contremuit amplissima urbs, ita & intremulos eosque criticos motus actum torpidum jam & a vi morbi tantum non suppressum Fibrarum nervosarum systema.