Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: E. A.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Was ist eine Decillion
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 399, 400
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[399] Was ist eine Decillion? Bekanntlich reichen die Homöopathen ihre Arzneimittel in äußerst kleinen Gaben dar. Um dieselben in möglichst kleine Theilchen zu zerlegen, verfahren sie ganz einfach und sinnreich auf folgende Weise. Sie mischen einen Theil des reinen Arzneimittels, z. B. einen Tropfen, mit neunundneunzig Theilen oder eben so vielen Tropfen Wasser. Dies ist die erste Verdünnung, die aber, eben so wie die nächstfolgenden, von einem echten Jünger Hahnemann’s nicht zur Anwendung gebracht wird. Ein Tropfen dieser ersten Verdünnung mit neunundneunzig Tropfen Wasser bildet die zweite, ein Tropfen dieser wieder mit neunundneunzig Tropfen Wasser die dritte, und so fort bis zur dreißigsten Verdünnung, so daß also die erste einen Hunderttheil. die zweite einen Zehntausendtheil, die dritte einen Millionentheil, die sechste einen Billionentheil, die dreißigste einen Decillionentheil des reinen Arzneimittels enthält – oder enthalten soll.

Herr Arthur Lutze in Cöthcn hat vor Jahren eine kleine Schrift in die Welt gesandt, die, wenn wir nicht irren, „Hahnemann’s Todtenfeier“ betitelt ist. Der gedankenlose Haufe hat sich durch dieses Büchelchen anlöcken lassen und Herrn Lutze’s Säckel gefüllt; für den denkenden Menschen ist es als Cnriosum immerhin recht ergötzlich zu lesen. Der Verfasser spricht darin ganz ungenirt und unbefangen von seinen dreißigsten Potenzen oder seinen Decilliontheil-Gaben, als wäre dies eine Sache, die sich so ganz von [400] selbst verstände, und rühmt sich, wahre Wundercuren damit verrichtet zu haben. Es gibt sicher noch Thoren genug, die in gläubigem Vertrauen an ihre Unfehlbarkeit diese dreißigsten Potenzen nach Vorschrift beriechen. Wie wenige Menschen aber mögen sich wohl die Mühe genommm haben, über die Frage: „Was ist ein Decillionentheil?“ oder: „Was ist eine Decillion?“ ernstlich nachzudenken. Laßt uns nun sehen, ob es möglich ist, uns die Größe einer Decillion (d. i. in Ziffern geschrieben eine 1 mit 60 Nullen) zur Vorstellung zu bringen.

Wir wollen als Einheit einen kleinen allgemein bekannten Gegenstand, etwa ein Sandkorn, zu Grunde legen. Es soll nun unsere Aufgabe sein, einen Raum zu finden, der eine Decillion Sandkörner zu fassen im Stande ist. Nehmen wir an, daß eine Reihe von hundert dicht aneinander gelegten Sandkörnern einen Zoll lang sei. Auf etwas mehr oder weniger wird es hierbei, wie wir später sehen werden, nicht ankommen. Demnach würde ein Quadratzoll zehntausend, ein Kubikzoll aber eine Million Sandkörner enthalten. „Ah!“ hören wir bemerken, „da haben wir ja mit leichter Mühe schon sechs von unseren sechzig Nullen bei Seite geschafft!“ Aber wir bitten die Sanguiniker, welche diese Bemerkung machten, sich noch ein wenig zu gedulden, und gehen weiter. Ein Kubikfuß enthält 1728 Kubikzoll, würde also 1728 Millionen Sandkörner in sich aufnehmen können. Eine Kubikmeile, die Meile rund zu 24,000 Fuß gerechnet, enthält 13 Billionen und 824 Tausend Millionen Kubikfuß, und würde Raum für nahezu 23,888 Trillionen Sandkörner bieten.

Für unsere Decillion verschlägt dies noch gar wenig; wir müssen uns daher nach einem weit größeren Raume umsehen. Unsere Erdkugel hat 2659 Millionen Kubikmeilen Körperinhalt. Sie würde, wenn ihre ganze Masse aus Sand bestände, 631/2 Quintillionen Sandkörner enthalten.

Die Sache fängt an, bedenklich zu werden. Je größer die Räume sind, die wir mit Sand füllen, desto langsamer scheinen wir in unserer Decillion vorzuschreiten. In dem größten Raume, den wir auf Erden kennen, in unserer Erdkugel selbst, haben wir erst die Hälfte der sechzig Nullen unterbringen können, die zu einer Decillion gehören, und wir haben damit so wenig gewonnen, daß vielmehr 27,000 Quadrillionen Erden vorhanden sein müßten, um unsere Decillion Sandkörner zu fassen.

Wo finden wir denn aber Raum für diese überirdische Größe? Natürlich müssen wir ihn außerhalb unserer Erde suchen. Es gibt viele Himmelskörper, die an Größe unseren Erdball weit übertreffen. Die Sonne z. B. ist vierzehnhunderttausendmal größer, als die Erde. Nach den bisher gewonnenen Resultaten wollen wir uns aber nicht bei ihr aufhalten. Wir wollen vielmehr mit Hülfe unserer Phantasie gleich einen unendlich viel größeren Raum schaffen.

Die Sonne ist von unserer Erde 20,300,000 Meilen entfernt. Eine Kanonenkugel, die 600 Fuß in der Secunde durchläuft, würde, mit gleicher Geschwindigkeit unaufgehalten sich fortbewegend, die Sonne von hier aus in 252/3 Jahren erreichen. Diese Entfernung nun wollen wir uns als den Halbmesser einer ungeheuren Kugel denken. Der Umfang dieser Kugel würde 1271/2 Millionen Meilen, ihre Oberfläche 51781/2 Billionen Quadratmeilen groß sein. Ihr körperlicher Inhalt würde über 35,041 Trillionen Kubikmeilen betragen. Mit Sand gefüllt, würde sie 807 Septillionen Sandkörner in sich aufnehmen können!

Aber ein wie unendlich kleiner Theil einer Decillion ist dies! Vorwärts also auf den Flügeln unserer Phantasie, wenn auch unser Vorstellungsvermögen längst schon zurückgeblieben ist! Laßt uns mit kühnem Flug uns an die äußersten Grenzen unseres Sonnensystems wagen.

Einer der äußersten Vorposten unseren großen Sonnenreichs ist der Uranus. Seine Entfernung von der Sonne beträgt 400 Millionen Meilen. Unsere Kanonenkugel, nachdem sie sich auf der Sonne ausgeruht, wird, dort wieder eingeladen, auf den Uranus gerichtet und abgeschossen. Durch nichts in ihrer Geschwindigkeit aufgehalten, erreicht sie diesen Planeten in – 500 Jahren! Nun wollen wir uns die Entfernung des Uranus von der Sonne als den Halbmesser einer das ganze Sonnenreich umschließenden Kugel denken, deren Umfang demnach aus 25131/2 Millionen Meilen, ihre Oberfläche auf 2 Trillionen Quadratmeilen, und ihr körperlicher Inhalt auf 268 Quadrillionen Kubikmeilen sich berechnen ließe. Die Zahl der Sandkörner, welche diese Kugel – unser großes Sonnenreich – in sich aufnehmen könnte, würde 62/3 Octillionen betragen.

Das ist nun wiederum nur ein winzig kleiner Theil einer Decillion. Denn 156 Tausend Millionen Sonnensysteme müßten da sein, um Raum genug für eine Decillion kleiner Sandkörnchen zu bieten. Hundert sechs und fünfzig tausend Millionen Sonnenreiche! Da hört denn doch alle menschliche Vorstellungskraft auf! Wie viel ist das, 156 Tausend Millionen? Um eine solche Anzahl winzig kleiner Sandkörnlein unterzubringen, ist ein Raum von 90 Kubikfuß erforderlich, etwa eine Kiste, die 5 Fuß lang, 41/2 Fuß breit und 4 Fuß hoch wäre! Und nun eben so viele Sonnenreiche, als Sandkörner in jener Kiste Platz finden, und diese alle mit Sand angefüllt!

Wir wollen unsere Leser nicht mit einer Weiterführung dieser Berechnung ermüden. Es sei uns gestattet, nur kurz zu bemerken, daß wir, in unserem Sonnensystem für eine Decillion nicht Raum genug findend, an Sonnen anderer Welten uns hinangewagt haben. Aus der Entfernung des prachtvollen Fixsterns Sirius, die nach Bradley und Lambert nicht unter 400,000 Erdenweiten angenommen werden darf (Erdenweite: d. i. die Entfernung der Erde von der Sonne), und den unsere Kanonenkugel erst nach 101/2 Millionen Jahren erreichen würde – aus dieser Entfernung haben wir den Halbmesser einer Kugel gebildet, und in ihr doch nur 508,814 Nonillionen Sandkörner unterzubringen vermocht, eine Zahl, die ungefähr der Hälfte einer Decillion gleich kommt.

Wie schwindelt’s dem menschlichen Verstande vor solchen Größen! Und wie viel weniger vermag die menschliche Vorstellungskraft sich ihnen entsprechende Kleinheiten zu denken! – einen Decilliontheil eines Tropfens! Mag immerhin die Logik das Vorhandensein eines Decilliontheils eines Tropfens beweisen – beweist sie doch auch, daß der schnellfüßige Achill eine Schildkröte im Laufe einzuholen nimmer im Stande ist – wer aber dürfte sich erkühnen, in einem Decilliontheil, einem Quintilliontheil, ja in einem Billiontheil eines kleinen Tropfens nach menschlichem Begriffsvermögen überall nur ein Etwas sich denken zu wollen? Sind denn die Homöopathen der unendlichen Kleinheit – des Nichts – dieser Größen sich bewußt? Wahrlich, dann ist die Vermessenheit groß, mit der sie alle die täuschen, die sich ihnen vertrauensvoll nahen. Haben sie aber, wie es wahrscheinlich ist, keine Ahnung von der Ungeheuerlichkeit dieser Größen oder Kleinheiten, dann muß uns die Gedankenlosigkeit in Erstaunen setzen, die sie bei Ausübung eines der edelsten Berufe des Menschen an den Tag legen.
E. A.