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Textdaten
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Autor: Carl Vogt
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Titel: Vorlesungen über nützliche, verkannte und verleumdete Thiere Nr. 7
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42 + 43, S. 669-672;685-687
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[669]
Vorlesungen über nützliche, verkannte und verleumdete Thiere.
Von Carl Vogt in Genf.
Nr. 7.
Schilderung der Haut- und Aderflügler – Nutzen derselben – Pflaumen- und Schlupfwespen – Die Larven der Galläpfel – Eine Schmetterlingsgeschichte aus der Streusandbüchse des heiligen römischen Reichs – Der Kampf einer Goldwespe mit einer Mauerbiene – Der Instinct der Grabwespen – Wie die Grabwespen ihre Beute einholen.

Meine Herren!

Ohne Zweifel gipfelt der Typus der Insecten in dieser merkwürdigen Ordnung, welche weniger durch ihre Farben und äußere Bildung, als durch die merkwürdige Bethätigung der Intelligenz in ihrem Haushalte unsere ganz besondere Aufmerksamkeit verdient. Wenn ich sage, daß Bienen und Ameisen dieser Ordnung zugehören, [670] so fühlt unmittelbar ein Jeder, daß wir hier mit Wesen zu thun haben, welche durch Ausbildung ihres individuellen wie gesellschaftlichen Wesens eine hohe Stellung in der Stufenleiter der thierischen Intelligenz einnehmen. Bevor wir indeß auf diese Merkwürdigkeiten näher eingehen, wollen wir uns zuerst diejenigen Eigenthümlichkeiten der Bildung und Entwicklung, durch welche man einen Hautflügler stets erkennen kann, näher vergegenwärtigen.

Der Name schon sagt es, daß vier häutige, mit wenigen Adern versehene, meist ganz durchsichtige und farblose Flügel bei diesen Thieren vorhanden sind, die nur in höchst seltenen Fällen, wie z. B. bei den Arbeiterinnen der Ameisen, fehlen. Gewöhnlich sind diese Flügel lang, kräftig, der Flug äußerst schnell und gewandt, so daß nur wenige Insecten in dieser Hinsicht sich mit den Hautflüglern messen können. Der Kopf ist meist groß, scharf abgesetzt und durch die großen zusammengesetzten Augen, die an der Seite stehen, meist breiter als lang; die Fühler gewöhnlich faden- oder borstenförmig; die Mundtheile immer kauend, aber häufig auch durch bedeutende Verlängerung der Unterlippe zum Saugen, oder fast möchte man sagen, zum Schlappen eingerichtet; der Hinterleib meist schlank, walzenförmig, bald mit seiner ganzen Breite an der Brust ansitzend, wie z. B. bei den Blattwespen, bald nur durch einen dünnen Stiel mit der Brust zusammenhängend, wie bei den eigentlichen Wespen; entweder mit einem Giftstachel, der gänzlich zurückgezogen werden kann, oder mit einer mehr oder minder hervorstehenden, von Klappen beschützten Legeröhre bewaffnet. Da der Giftstachel nur eine Modifikation der Legeröhre ist, so fehlt er stets den Männchen und findet sich nur bei den Weibchen oder den sogenannten Geschlechtslosen, welche nur verkümmerte Weibchen sind.

Merkwürdig sind die Unterschiede, welche sich hinsichtlich der Bildung der Larven finden. Bei einer ganzen Gruppe der Ordnung, den Holz- und Blattwespen, besitzen die Larven außer den eigentlichen Brustfüßen gewöhnlich noch eine große Anzahl von falschen Bauchfüßen, so daß man sie auch Afterraupen genannt hat. Bei den meisten anderen Hautflüglern dagegen sind die Larven fußlose Maden mit wurmähnlichem Leibe, die unfähig sind, sich von der Stelle zu bewegen, und entweder auf die unmittelbar im Umkreise sich findende Nahrnng oder selbst auf die Fütterung durch die Eltern und Ammen angewiesen sind. Die Puppen sind meist in einem dünnen Gespinnste eingeschlossen und fein gemeißelt, so daß die sämmtlichen Theile des werdenden Insectes mit großer Deutlichkeit erkannt werden können.

Nutzen und Schaden für den Menschen mögen in dieser Ordnung etwa gleich vertheilt sein, der Nutzen vielleicht sogar überwiegen. Denn wenn auch Holz- und Blattwespen manche unserer Nutzgewächse zerstören und Wespen und Ameisen unseren Vorräthen manchen Schaden zufügen, so dürfen wir doch neben den werthvollen Produkten der Biene an Wachs und Honig nicht der mannigfachen großen Dienste vergessen, welche uns Schlupf- und Grabwespen durch massenhafte Zerstörung schädlicher Insecten und wilde Bienen und Hummeln durch Befruchtung vieler unserer Nutzgewächse leisten. Ja, bei einigen Arten verkehrt sich der Schaden, welchen die verwandten anrichten, in offenbaren Nutzen durch die Anwendung des krankhaften Auswuchses, den sie an Gewächsen durch ihren Stich hervorbringen. Ein wesentlicher Bestandtheil der Tinte sind die Galläpfel, welche durch den Stich einer Gallwespe an den Blattstielen der Eiche hervorgebracht werden. Was wäre die Welt aber ohne Tinte? Man wagt den Gedanken nicht weiter zu verfolgen, und gewiß hat die Partei der „Umkehr“, welche das Rad der Zeit und der Wissenschaft rückwärts zu drehen versucht, noch nicht daran gedacht, es bis zu jenem Zeitpunkte zurückzurollen, wo die patriarchalische Einfachheit noch kein anderes Schreibmaterial besaß, als Meißel und Bausteine.

Unter den schädlichen Hautflüglern stehen die Blattwespen (Tenthredinida) obenan. Breiter, ungestielter Kopf; mächtige Brust; dicker, sitzender Hinterleib; ziemlich lange Fühlhörner und wenig hervorstehende Legeröhre charakterisiren sie hinlänglich; nicht minder die mit 18 bis 22 Beinen und meist kleinen Augen versehenen Afterraupen, die gewöhnlich ihren Hinterleib schneckenförmig zusammenrollen und meistens von Blättern leben. So finden wir auf den Rosen mehrere Arten von Blattwespenraupen, welche häufig die Blätter gänzlich abfressen; so andere auf dem Raps, auf den Kirschen, auf den Stachel- und Johannisbeeren, die alle durch gemeinsame Lebensart sich auszeichnen. Die Mutter schneidet mittelst ihrer sägeförmigen Legeröhre das Blatt an und schiebt dann unter die Oberhaut das Ei, das sich bald entwickelt. Die ausgewachsenen Räupchen, die sich häufig in Gespinnsten oder auch in ihrem eigenen schleimigen Unrathe, der sie kleinen Schneckchen ähnlich macht, verbergen, spinnen sich nach erlangtem Wachsthum in der Erde ein, bleiben aber gewöhnlich den Winter über in ihren Gespinnsten als Larven und verpuppen sich erst kurz vor der endlichen Verwandlung, so daß die eigentliche Puppenzeit im Verhältniß zu dieser ruhenden Larvenzeit nur sehr kurz dauert.

Andere, nur sehr kurzbeinige, gekrümmte Larven wohnen im Innern von Früchten, und hier ist es namentlich die Pflaumenwespe (Tenthredo flavicornis), die uns manchen Schaden zufügt. Sobald die Pflaumenblüthe sich entfallet hat, sticht sie von außen her ein Loch in den Kelch und schiebt ihr Ei bis an den winzigen Fruchtansatz, der sich in der Mitte der Blüthe findet. Das bald ausgeschlüpfte Räupchen frißt sich in die junge Frucht ein, bohrt sich voran bis in die Mitte des Kernes, frißt diesen aus und zerstört die Pflaume so, daß diese nach und nach welkt und endlich, wenn sie kaum die Hälfte ihres Wachsthums erreicht hat, zu Boden fällt. Man erkennt die Gegenwart der Larve leicht an dem zur Herausschaffung des wanzenartig stinkenden Unrathes angelegten harzigen Loch und begeht meistens die Unvorsichtigkeit, diese welken Pflaumen am Boden liegen zu lassen. Eine große Unvorsichtigkeit in der That: denn sobald die Pflaume am Boden liegt, bohrt sich die Larve heraus und kriecht in den Boden, um sich einzuspinnen und auf diese Weise fernern Nachforschungen zu entgehen. In manchen Jahren aber wird von diesen Larven der größte Theil der Zwetschgenernte zerstört.

Eine andere große Reihe der Hautflügler mit Legröhre wird von den zahllosen Schlupfwespen (Ichneumonida) gebildet, deren Larven schmarotzend auf Kosten anderer Insecten leben. Der Hinterleib dieser Thiere ist meistens lang und schlank, die Legeröhre gewöhnlich dünn, oft sehr lang und innen mit einem Stachel versehen, so daß viele Arten den Hinterleib mit dieser Legeröhre beim Fliegen fast wie eine Balancirstange in der Luft tragen müssen. Die größeren, meist lebhaft gefärbten Arten sieht man überall auf Kräutern und Gesträuchern, stets mit den langen, feinen Fühlhörnern tastend, lebhaft hin und hersuchend und zuweilen vom Honigsafte der Blumen sich nährend. Die kleineren Arten sind häufig fast mikroskopisch, aber selbst dann noch mit lebhaften Farben geziert.

Jedes Töpfchen, sagt man, findet sein Deckelchen, und so hat auch jedes Insect in der Familie der Schlupfwespen nicht nur einen, sondern mehrere schmarotzende Feinde, deren Larven sich auf seine Kosten ernähren sollen. Nicht nur die vollkommenen Insecten, sondern auch die Eier, Larven und Puppen werden von diesen Wespen heimgesucht und mit ihren mikroskopischen Eierchen, aus denen die Larven sich entwickeln, besetzt. Zu diesem Endzwecke haben die Wespen die oft lange Legeröhre, mittelst deren sie die Insecten, die ihnen zum Opfer fallen, sogar in den Verstecken und Höhlungen aufsuchen, worin sich diese bergen. Die Larven der Gallwespen, welche in den Zellen jener krankhaften Auswüchse der Pflanzen wohnen, welche man Galläpfel nennt, die in Stengeln, Bast und Rinde bohrenden Larven der Schmetterlinge sind nicht sicher vor den Angriffen der Schlupfwespen. Diese stechen die Legeröhre durch die dicken Wände der Galle hindurch und wissen sichsr die darin wohnenden Larven zu treffen, welche mit dem Eie belegt werden. Die kleinsten Arten Hausen gewöhnlich auch in den kleinsten Insecten, wie es denn mehrere Schlupfwespen giebt, die ihre ganze Entwickelung von Ei, Larve und Puppe in einem winzigen Schmetterlingsei durchmachen. Das Tröpfchen Dotter, welches den Inhalt eines solchen Eies bildet, genügt vollkommen zur Nahrung der noch winzigeren Larve, die innerhalb desselben aus dem Eie sich entwickelt. Doch kann man nicht sagen, daß die Größe der Larve einer solchen schmarotzenden Schlupfwespe stets im Verhältnisse zu der Größe des Insectes steht, in welchem sie sich aufhält, indem die Menge häufig die Größe ersetzt. Wie manchem Schmetterlingsfreunde ist nicht schon die Freude vergällt worden, aus einer seltenen Raupe den unversehrten Schmetterling ausschlüpfen zu sehen! Die anscheinend ganz gesunde Raupe verpuppte sich, und nach einiger Zeit brach aus der Puppe ein Schwarm unendlich kleiner Wespen hervor, die nur dem Naturforscher überhaupt, nicht aber dem Schmetterlingssammler Interesse einflößen können. Wir waren als Knaben eifrige Schmetterlingsjäger und [671] übten beständigen Tauschhandel, wobei die Schmetterlinge nach der Häufigkeit in der Gegend abgeschätzt wurden. Der Wolfsmilchschwärmer war in Gießen äußerst selten, in Darmstadt schon häufiger, stand aber nichts desto weniger hoch im Preise. Wie wunderten wir uns, als wir eines Tages bei einer Ferienreise nach der „Streusandbüchse des heiligen römischen Reichs“ den weiten Exercirplatz vor der Stadt, wo den Darmhessen militärische Bildung und Schwindsucht zugleich angedrillt werden, dicht mit Wolfsmilch übersäet fanden, auf welcher Raupen der Schwärmer in Menge weideten! Wir sammelten Hunderte und kehrten triumphirend nach Hause. Trotz der Warnungen unserer kleinen Darmstädter Freunde, welche energisch behaupteten, die auf dem Exercirplatze gesammelten Raupen seien mit dem militärischen Fluche der Sterilität behaftet und erzeugten nur kleine Mücken, aber keine Schmetterlinge; um letztere zu haben, müsse man Schmetterlinge fangen, von diesen Eier legen lassen und aus diesen Eiern Räupchen in geschlossenen Räumen ziehen – trotz dieser Warnungen beluden wir uns mit Wolfsmilch-Raupen, die wir harmlos in die Ecke kriechen und sich einpuppen sahen. Es kam nie ein Schmetterling zum Vorschein – die untersuchten Puppen waren leer, mit kleinen Gespinnsten gefüllt. Die Aufhellung der Sache, die uns abermals ein Räthsel erschien, ergiebt sich wohl von selbst aus dem Gesagten: die Darmstädter Sandwüste ist von Schlupfwespen übervölkert.

Die Schlupfwespen beschränken sich nicht nur auf Insecten anderer Ordnungen; sie greifen auch ihre eigenen Verwandten an, und man kennt sogar Beispiele, daß die in andern Insecten schmarotzenden Schlupfwespenlarven einer zweiten Schlupfwespenlarve zum Aufenthalt dienen, die also ein doppelter Schmarotzer ist. So giebt es kleine Schlupfwespen, von denen die einen (Aphidius) in Blattläusen, die anderen (Bracon) in Raupen hausen. Noch kleinere Schlupfwespen aber (Chrysolampas und Hermiteles) wissen die im Inneren der Blattläuse und Raupen schmarotzenden Larven mit ihrer Legeröhre zu treffen und ihr Ei in sie hineinzuschieben.

Nun, glaubt man, müßte das Insect, welches einen solchen Schmarotzer beherbergt, auch sehr bald unter ihm zu Grunde gehen; allein dies ist nicht der Fall. Wie ich schon in einer früheren Vorlesung anführte, ist der Larvenzustand namentlich dazu bestimmt, gewissermaßen ein Stoffmagazin anzulegen, das zur künftigen Ausbildung dient. Von diesem Stoffmagazin, von diesem Fettkörper, ernähren sich die schmarotzenden Larven, ohne durch Angriff der Organe dem Leben der Larve selbst eine Grenze zu setzen. So frißt also in dem angeführten Falle die Raupe fort und fort; allein der Stoff, den sie zu ihrer Verwandlung nöthig hat, wird ihr von dem schmarotzenden Bracon weggefressen, und auch dieser frißt nicht für seinen eigenen Nutzen, denn in ihrem Innern haust die Larve des Hemiteles, welche ihr den geraubten Stoff, den sie zur Verwandlung nöthig hätte, entzieht.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die meisten Schlupfwespen für uns nützliche Thiere sind, indem sie die schädlichen Raupen durch Besetzung mit ihrer Brut vertilgen. Die Ueberzeugung von dieser Nützlichkeit ist sogar so weit gegangen, daß man in vielen von Raupen verwüsteten Forsten besondere Raupenzwinger anlegte, in welchen man Schwärme von Schlupfwespen zu erziehen gedachte, die dann wie die Seuchen der Apokalypse über die Raupen herfallen sollten. Heutzutage ist man von der totalen Zwecklosigkeit solcher Versuche wohl zurückgekommen und läßt die Schlupfwespen ziemlich ungestört ihr Wesen treiben, ohne in ihre Entwicklung weder hemmend noch fördernd eingreifen zu wollen.

Die Goldwespen (Chrysidida), die eine lange, wie ein Perspectiv zurückzieh- und ausdehnbare Legeröhre mit einem kurzen Giftstachel am Ende haben und die sich einer Assel gleich zusammenrollen können, wobei ihr breiter, meist in den schönsten Metallfarben glänzender Hinterleib die Unterseite des Körpers deckt, besitzen eine andere Industrie. Sie spielen, sagt ein Beobachter, in der Classe der Insecten etwa dieselbe Rolle, wie der Kukuk in der Classe der Vögel. Unfähig, eine Zufluchts- und Wohnstätte für ihre Larven zu errichten, bemächtigen sie sich durch List der Nester, welche geschicktere Verwandte angelegt haben. Diese schamlosen Schmarotzer lauern auf den Augenblick, wo eine einsame Biene ihr Nest verläßt, schieben die Legeröhre hinein und setzen zwischen den Vorräthen, welche die Biene anhäuft, ihr Ei neben dasjenige der rechtmäßigen Besitzerin. Die Larve der Goldwespe wächst viel schneller, als die Bienenlarve, und frißt dieser die Nahrung weg, so daß sie vor Hunger stirbt, oder sie krallt sich auf dem Rücken derselben fest und saugt sie langsam aus, bevor sie ihr den Gnadenstoß giebt. Ungestraft aber kommen sie nicht immer durch, und wehe ihnen, wenn die stärkere Biene sie auf der That ertappt! Lepelletier de Saint-Fargeau, dessen Beobachtungen so viel zur Kenntniß der Sitten der Hautflügler beigetragen haben, erzählt ein Beispiel, das wir nicht umhin können, zu citiren. Die königliche Goldwespe (Hedychrum regium) pflegt ihre Eier in das Nest der Mauerbiene (Osima muraria) zu legen. „Ich habe,“ so erzählt jener Naturforscher, „eine Goldwespe beobachtet, welche mit dem Kopfe voran in eine beinahe vollendete Zelle der Mauerbiene gekrochen war. Nach geschehener Untersuchung hatte sie eben sich umgedreht und schob rückwärtsgehend ihren Hinterleib in die Zelle, als die Mauerbiene mit Blumenstaub und Honig beladen anlangte und mit einem eigenthümlichen zornigen Summen, das ich früher nie gehört hatte, sich auf ihre Feindin warf. Die Goldwespe rollte sich ihrer Gewohnheit gemäß sogleich zusammen, wahrend die Mauerbiene sie mit ihren Kiefern packte, und bildete eine vollständige Kugel, über welche nur die Flügel herausragten. Vergebens suchte die Mauerbiene ihr mit Kiefern und Stachel eine Wunde beizubringen; die Waffen glitten an dem glatten Panzer ab. Nun biß ihr die Mauerbiene die vier Flügel hart an der Brust ab, ließ sie zur Erde fallen, untersuchte ihr Nest mit einer Art von Unruhe, legte dann ihre Ladung ab und flog wieder davon. Die an der Erde liegende Goldwespe aber entrollte sich nach kurzer Zeit, kletterte zu dem Neste hinauf und legte nun ruhig ihr Ei hinein, dessen Unterbringung sie mit dem Verluste ihrer Flügel erkauft hatte.“ Man sieht aus diesem Beispiele, daß der Gerechte in der Natur nicht immer seine Belohnung findet, und daß die Goldwespe dennoch trotz der Kühnheit und Vorsicht, welche die Mauerbiene zeigte, mit raffinirter Schlauheit zu ihrem Zwecke gelangte. Offenbar hatte die Mauerbiene den weisheitsvollen alten Satz vergessen, daß nur die Todten nicht wiederkehren.

Unter den Hautflüglern mit Giftstachel ragen vor allen die einsam lebenden Grab- oder Wegewespen (Fossores) hervor, bei denen Männchen und Weibchen geflügelt sind und keine geschlechtslosen Arbeiter vorkommen. Die Weibchen machen ihre Nester in der Erde, im Holze, in Mauern, vorzugsweise aber gern im Sande, weshalb man sie denn auch an sonnigen Sandrainen, an Wegen und Dünen außerordentlich häufig findet. Dort graben die meist schöngeschmückten, schlanken Wespen mit großer Schnelligkeit tiefe Gänge ein, auf deren Grund sich die Hallen befinden, in welche die Eier abgelegt werden. Die Larven sind fußlos, wurmförmig, schwach, mit kleinem festen Kopfe, kaum geeignet, eine Beute zu bewältigen, und nichts desto weniger darauf angewiesen, von lebendigen Insecten zu leben. Wahrhaft wunderbar ist der Instinct der Mütter, welcher ihnen dies möglich macht. Jede Grabwespenart verfolgt eine besondere Insectengattuug, mit deren ohmuächtigen Leibern sie die Zelle verproviantirt, in welcher sie ihr Ei abgesetzt hat. Jene holt Raupen, diese Käfer, eine andere Spinnen, und selbst die großen Kakerlaken in den Colonien haben eine gewaltige Grabwespe zum Feind, welche sie in ihr Nest schleppt. Die seltensten Spinnenarten, die man kaum bei tagelangem Suchen erhaschen könnte, findet man dutzendweise in den Hallen solcher Grabwespen aufgestapelt, und für den Käfersammler ist häufig ein solches Nest ein willkommener Fund; denn die darin niedergelegten Exemplare sind stets vollkommen frisch, wie wenn sie eben aus der Puppe gekrochen wären.

Seltsam ist das Verhalten dieser aufgespeicherten Opfer der Grabwespen. Sie sind nicht todt und leben auch nicht, sie befinden sich in einem Zustande tiefer Ohnmacht, kaum fähig, ein Glied zu bewegen, vollständig unfähig, es zu einem bestimmten Zweck zu gebrauchen. In diesem Zustande erhalten sich die Thiere wochenlang, ohne zu faulen oder sich zu zersetzen, sodaß die Larve Zeit hat, einen lebenden Leichnam nach dem andern anzuschroten und so im Inneren auszufressen, daß nur die leere Hülse übrig bleibt. Wären die Thiere bewegungsfähig, so könnte die Waffen- und fußlose Larve sie unmöglich bewältigen; wären sie vollkommen getödtet, so würden sie faulen, ehe die Larve das Ziel ihres Wachsthums erreicht hätte. Die nothwendigen Bedingungen zur Ausbildung der Larve sind also durch jenen seltsamen Scheintod gegeben, in welchen die Opfer versenkt sind.

Welche Mittel wendet aber die Grabwespe an, um auf diese Weise ihr Nest zu verproviantiren und jenen Zustand herbeizuführen, den wir soeben beschrieben? Hören wir darüber denselben [672] Beobachter, welchen ich schon in der ersten Vorlesung anführte, Professor Fabre von Avignon. Die Grabwespe, welche er beobachtete, ist eine neue Art, welche nach seinem Namen Cerceris Fabreiana genannt wurde; die Beute einer der größten europäischen Rüsselkäfer, Cleonus ophthalmicus. „Man sieht,“ sagt Fabre, „die Wespe herbeifliegen, schwer beladen, ihre Beute zwischen den Füßen tragend, Bauch gegen Bauch, Kopf gegen Kopf. In einiger Entfernung von ihrem Loche sitzt sie schwerfällig ab, packt den Käfer mit den Kiefern und schleppt ihn nun den steilen Abhang hinan zu ihrem Loche. Das ist eine schwere Arbeit. Häufig stürzt sie, überschlägt sich, rollt im Sande bis an den Fuß des Abhanges, läßt sich aber nicht entmuthigen und gelangt endlich an ihr Loch, in welches sie die Beute hineinschleppt, welche sie nicht einen Augenblick aus den Kiefern ließ. Wenn diese Erkletterung des Loches für die Wespe nicht leicht ist, so ist dagegen ihr Flug wunderbar kräftig, zumal wenn man bedenkt, daß das mächtige Thier eine Beute fortschleppt, die bedeutend schwerer ist, als es selbst. In der That wiegt die Grabwespe 150, der Rüsselkäfer 250 Milligramm. Diese Zahlen sprechen beredt zu Gunsten der kräftigen Jägerin, und in der That konnte ich nicht müde werden zu bewundern, mit welcher Geschicklichkeit, Leichtigkeit und Schnelligkeit sie mit ihrem Wildpret in den Klauen davonflog und sich zu unabsehbarer Höhe emporschwang, wenn ich sie mit meiner Neugierde belästigte. Aber nicht immer flog sie, und zuweilen gelang es mir, durch unablässige Neckereien mit einem Strohhalm sie dahin zu bringen, ihre Beute fahren zu lassen, deren ich mich unmittelbar bemächtigte. Die beraubte Wespe suchte eine Zeitlang herum, schlüpfte auch wohl in ihr Loch, flog aber bald auf eine neue Jagd aus. In weniger als zehn Minuten hatte die geschickte Jägerin ein neues Wild gefunden, getödtet und sausend durch die Lüfte herbeigeführt. Acht Mal nahm ich einer Wespe so die Beute ab, acht Mal kam sie mit einem frischen Käfer wieder. Ihre Geduld erschöpfte die meinige, ich ließ ihr den neunten Fang.“

[685] „Wie benimmt sich die Grabwespe,“ fährt Fabre fort, „um ihre Beute scheintodt zu machen? Ich setze einen Rüsselkäfer einige Zoll weit von dem Loche, in welches eine Wespe eben mit ihrer Beute eingefahren ist. Der Käfer läuft hin und her; geht er zu weit, so setze ich ihn wieder an seinen Posten. Endlich zeigt die Wespe ihr breites Gesicht am Eingang des Loches; mein Herz klopft. Die Wespe klettert einige Augenblicke umher, sieht den Käfer, stößt ihn an, läuft mehrmals über ihn weg und fliegt von dannen, ohne ihn nur mit einem Biß zu beehren. Ich war beschämt. Wiederholte Versuche bringen neue Täuschungen; sie wollen offenbar nichts von meinem Wild. Vielleicht ist es zu alt, zu abgeflattert; vielleicht habe ich ihm bei der Berührung einen der Wespe abschreckenden Geruch mitgetheilt. Und wenn ich die Wespe dazu brächte, mit ihrem Stachel sich zu vertheidigen? Ich thue einen Käfer und eine Wespe zusammen in dasselbe Glas, das ich ein wenig schüttele. Die Wespe ist offenbar entsetzt, sie denkt an die Flucht und nicht an den Angriff; die Rollen sind sogar vertauscht: der Käfer wird der Angreifer und packt manchmal zwischen seinen Kiefern einen Fuß seines Todfeindes, der sich nicht einmal zu vertheidigen wagt, so sehr beherrscht ihn der Schrecken. Ich muß andere Versuche anstellen, denn so geht es nicht.

Ich bemerkte schon, daß die Wespe bei der Heimkehr ihre Beute in geringer Entfernung von dem Loche niederlegt, um sie dann mühselig hineinzuschleifen. In diesem Augenblick ziehe ich ihr sachte mittelst einer Zange die Beute an einem Fuße weg und werfe ihr einen lebenden Käfer hin. Das Manöver glückte. Sobald die Wespe ihre Beute unter sich weggleiten fühlte, stampfte sie wild auf den Boden, drehte sich um, stürzte sich auf den Rüsselkäfer, den ich zum Ersatz hingelegt hatte, und packte ihn mit den Füßen, um ihn fortzuschleppen. Aber nun merkt sie, daß der Käfer lebt, und augenblicklich beginnt ein wunderbar schneller Kampf, der rasch endet. Die Wespe stellt sich gegen den Käfer, packt seinen Rüssel mit ihren mächtigen Kiefern und drückt ihn kräftig nieder. Der Käfer bäumt sich, die Wespe drückt ihn mit ihren Vorderfüßen zusammen, um seine Bauchschienen klaffen zu machen. Ihr schlanker Hinterleib gleitet unter den Bauch des Käfers, krümmt sich und sticht zwei oder drei Mal den Stachel zwischen dem ersten und zweiten Fußpaare ein. Alles dies ist in einem Augenblick geschehen. Wie vom Blitze gerührt fällt der Käfer zusammen, ohne die geringste Convulsion, ohne das geringste Zucken der Glieder. Es ist schrecklich und bewundernswürdig zugleich. Die Wespe dreht nun den Leichnam auf den Rücken, stellt sich über ihn, Bauch gegen Bauch, Beine zwischen Beine, und fliegt von dannen.

Der Stachel hat ohne Zweifel das große Brustganglion getroffen. Um meine Demonstration zu vervollständigen, bleibt mir noch übrig zu beweisen, daß man willkürlich die Insecten in denselben scheintodten Zustand überführen kann, wenn man die Wespen nachahmt. Die Operation ist äußerst einfach. Man braucht nur mittelst einer Stahlnadel oder eines spitzen Glasröhrchens ein Tröpfchen ätzender Flüssigkeit auf die Brustganglien zu bringen, indem man den Käfer zwischen dem ersten und zweiten Brustringe hinter dem ersten Fußpaare verwundet. Gewöhnlich brauche ich dazu Ammoniak; jede andere Flüssigkeit ist aber ebenso tauglich. Die Wirkung ist augenblicklich. Die Bewegung hört sofort auf, ohne Convulsionen, und die so gestochenen Rüssel- und Prachtkäfer behalten trotz ihrer vollständigen Unbeweglichkeit während eines und selbst zweier Monate ganz dieselbe Biegsamkeit ihrer Glieder und dieselbe Frische ihrer Eingeweide, wie die von den Grabwespen gestochenen Rüsselkäfer.“

Außer den gesellig lebenden Wespen, Hummeln und Bienen, von denen wir später noch reden wollen, giebt es noch eine große Menge meist ziemlich behaarter Hautflügler, welche den kleinen Erdhummeln häufig gleichen und einsam Nester machen, in welche sie Honig und Blumenstaub einlegen, von dem ihre Larven sich nähren. Die Mauerbiene (Osmia muraria), die ich oben erwähnte, legt ihre Zellen mittelst eines Mörtels an, der eine außerordentliche Festigkeit besitzt und häufig länger der Verwitterung widersteht, als der Stein, an welchem die Zelle angeklebt ist. Andere dieser einsamen Bienen nagen das Holz aus, wie namentlich eine sehr große, dunkelstahlblaue Hummel es thut, die in der Umgegend von Genf nicht selten zu finden ist. Andere wieder arbeiten in der Erde, oder auch indem sie Pflanzenblätter zierlich mit ihren Kinnbacken zuschneiden und zum Neste für die Larven verwenden. Ich stehe nicht an, alle diese Thiere ebensowohl, wie die gesellig ebenden [686] Erdhummeln und Bienen für äußerst nützliche Thiere zu erklären, deren Nutzen bei weitem noch nicht genug aufgeklärt ist. Alle diese wilden Bienenarten, welche sich von Honig und Blumenstaub nähren, in allen Blumenkelchen umherkriechen, die Staubbeutel aufbeißen und stets über und über von Pollen bestäubt sind, erscheinen als äußerst wichtige indirecte Werkzeuge zur Befruchtung der verschiedenen Pflanzen. Wenn ich nicht irre, war es zuerst bei der Vanille, wo man bemerkte, daß sie nur deshalb in unsern Gewächshäusern keine Frucht ansetze, weil dort das Insect fehle, das den befruchtenden Büthenstaub auf die Griffel überträgt. Morren in Lüttich kam in den 30er Jahren auf den Gedanken, das Insect durch den Pinsel zu ersetzen, und seit dieser Zeit erzielt man in unsern europäischen Gewächshäusern Vanilleschoten, welche nicht minder aromatisch sind, als die mexicanischen, und sogar höher im Preise stehen. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß bei einer Menge von Pflanzen in unsern Gegenden, von welchen wir es bis jetzt kaum ahneten, der Zufall des Bienenbesuchs mit in die Berechnung der Natur gehört und daß diese Pflanzen nur dann Früchte und Samen ansetzen, wenn dieser Besuch möglich gemacht wird. Darwin, der berühmte Verfasser des Buches über die Entstehung der Arten, welches in neuerer Zeit so viel Aufsehen erregt hat, theilt über diesen Gegenstand und die Verkettung, in welcher sich die einzelnen Arten unter einander befinden, ein Beispiel mit, das ich nicht umhin kann, hier anzuführen: „Viele unserer Orchideen-Pflanzen müssen unbedingt von Motten besucht werden, um ihre Pollen-Massen wegzunehmen und sie zu befruchten. Auch habe ich Ursache zu glauben, daß Hummeln zur Befruchtung der Jelängerjelieber (Viola tricolor) nöthig sind, indem andere Insecten sich nie auf dieser Blume einfinden. Durch angestellte Versuche habe ich gefunden, daß der Besuch der Bienen zur Befruchtung von mehreren unserer Kleearten nothwendig sei. So lieferten mir hundert Stöcke weißen Klees (Trifolium repens) 2290 Samen, während zwanzig andere Pflanzen dieser Art, welche den Bienen unzugänglich gemacht waren, nicht einen Samen zur Entwicklung brachten. Und eben so ergaben hundert Stöcke rothen Klees (Trifo1ium pratense) 2700 Samen, und die gleiche Anzahl gegen Bienen geschützter Stöcke nicht einen! Hummeln besuchen allein diesen rothen Klee, indem andere Bienenarten den Nektar in dieser Blume nicht erreichen können. Daher zweifle ich wenig daran, daß, wenn die ganze Sippe der Hummeln in England sehr selten oder ganz vertilgt würde, auch Jelängerjelieber und rother Klee selten werden oder ganz verschwinden müßten. Die Zahl der Hummeln steht großentheils in einem entgegengesetzten Verhältnisse zu derjenigen der Feldmäuse in derselben Gegend, welche deren Nester und Waben aufsuchen. Herr H. Newman, welcher die Lebensweise der Hummeln lange beobachtet, glaubt, daß über zwei Drittel derselben durch ganz England zerstört werden. Nun findet aber, wie Jedermann weiß, die Zahl der Mäuse ein großes Gegengewicht in der der Katzen, so daß Newman sagt, in der Nähe von Dörfern und Flecken habe er die Zahl der Hummelnester am größten gefunden, was er der reichlicheren Zerstörung der Mäuse durch die Katzen zuschreibe. Daher ist es denn wohl glaublich, daß die reichliche Anwesenheit eines katzenartigen Thieres in irgend einem Bezirke durch Vermittelung von Mäusen und Bienen auf die Menge gewisser Pflanzen daselbst von Einfluß sein kann!“

Man könnte sogar noch weiter gehen in diesen Schlußfolgerungen. Die ungeheuere Fleischproduction Englands, deren die Engländer nach ihrer eigenen Behauptung zur Unterhaltung ihrer Industrie und Marine unbedingt benöthigt sind, ist nur ermöglicht durch die rationelle Behandlung der Landwirthschaft, namentlich aber des Baus von Futterkräutern, unter welchen wieder der Klee eine wesentliche Rolle spielt. Ohne Klee keine Ochsen, ohne Ochsen kein Roastbeef, ohne Roastbeef kein England! Man sieht also, daß Altengland um jeden Preis die freie Arbeit der Hummeln unterstützen und den Katzen freien Spielraum lassen muß.

Ich behandele hier nicht die gesellig lebenden Honigbienen, welche in dem civilisirten Europa überall zu dem Range von Hausthieren erhoben worden sind; dagegen erlaube ich mir, noch Einiges über diejenigen Hautflügler anzuführen, welche unbedingt von uns unter die schädlichen gerechnet werden können. Ich meine die Wespen, Hornissen und Ameisen.

Die schlechtesten Früchte sind es in der That nicht, an welchen die Wespen nagen, und in allen Landwohnungen namentlich sind sie höchst unangenehme Gäste, welche durch ihre Gefräßigkeit und ihren furchtbaren Stachel manche Unannehmlichkeit verursachen. Nicht nur süße Früchte, Zucker und Honig, sondern auch Fleisch und lebende Insecten fallen sie mit Begierde an und fangen namentlich die Bienen im Fluge weg, um sie mit ihren scharfen Kiefern zu zerreißen und den Honig aus ihrem Magen zu verzehren. Ihr Stich ist bekanntlich äußerst schmerzhaft, und ich kenne sogar einen Fall, wo er den Tod herbeiführte. Ein Gärtner hatte eine am Boden liegende Butterbirne aufgehoben und ohne Weiteres ein großes Stück abgebissen. In dem Stücke saß eine Wespe, welche ihn beim Hinabschlucken des Bissens an die Stimmritze stach, die in kurzer Zeit so verschwoll, daß der Arme an Erstickung starb.

Interessant ist die Haushaltung dieser Thiere. Gegen den Herbst hin erscheinen große Weibchen, die wohl drei Mal größer sind als die Männchen, mit denen sie sich im Fluge begatten. Die Männchen sterben bald, die befruchteten Weibchen aber verkriechen sich irgendwo an einem warmen geschützten Orte und verbringen so den Winter in Erstarrung. Beim Beginn des Frühlings kommen diejenigen Weibchen, die der Frost nicht getödtet hat, hervor und beschäftigen sich nun auf’s Eifrigste mit dem Bau ihres Nestes, das aus Holzfaser gebildet wird, die mittelst des Speichels zu einer Art steifen Löschpapiers zusammengeleimt ist. Die Zellen des Nestes sind den Bienenzellen ähnlich und werden sogleich mit Eiern besetzt, aus denen sich dicke fußlose Larven entwickeln, welche mit dem Kopfe nach oben mittelst zweier hinterer Saugnäpfe an dem Boden der Zelle sich festhalten und von der Mutter gefüttert werden. Bald sind Hunderte von Zellen gebaut, mit Eiern und Larven besetzt, die alle von der unermüdlichen Mutter so lange gefüttert werden, bis sie sich in einen feinen Seidencocon einspinnen. Nun sieht sie aber auch entsetzlich armselig aus, abgeflattert, haar- und glanzlos, ein wahres Bild aufopfernder Hingebung, die sich wochenlang für ihre Nachkommenschaft geopfert hat. Endlich schlüpfen die Jungen aus: Arbeiterinnen mit verkümmerten Geschlechtstheilen, bei weitem kleiner als die Mutter, aber ebenso emsig wie diese in der Sorge des Hauses. Die Mutter begiebt sich jetzt in Ruhestaud; sie verläßt das Nest nicht mehr, läßt sich von den Arbeiterinnen füttern, übt nur die Polizei des Hauses und legt unermüdlich Eier in die Zellen, welche die Arbeiterinnen bauen. Es erscheinen nun nach und nach kleine Männchen, die keinen Stachel besitzen und sich von den Arbeiterinnen füttern lassen, und zuletzt jene Herbstgeneration großer Weibchen, welche zur Früchtezeit uns so unangenehm werden und die bis zum Eintritt der Kälte den Arbeiterinnen helfen. Mit dem Beginne des Spätherbstes sterben zuerst die Männchen, dann die Arbeiterinnen, während die noch nicht verpuppten Larven aus ihren Zellen herausgerissen und todt gebissen werden. Dann zerstreuen sich die befruchteten Weibchen, um sich zu verkriechen und im Frühjahre, wie oben beschrieben, ein neues Nest zu beginnen. Man findet zuweilen gegen den Spätherbst hin große Papiernester, welche über einen Fuß im Durchmesser haben, mehrere Tausende von Zellen, in einem Dutzend Stockwerken vertheilt, besitzen und dennoch nur das Werk eines einzigen Sommers sind. Auffallend ist es, daß bei den so verrufenen Wespen Hunderte von Weibchen in dem einzigen Neste friedlich zusammen wohnen und arbeiten, während bei den sanften Bienen die Herrschsucht jene tödtlichen Kämpfe der Königinnen verursacht, in Folge deren nur eine Königin im Stocke bleibt.

Endlich noch ein Wort von den Ameisen, mit deren Industrie wir so schwierige Kämpfe zu bestehen haben, weil sie mit einer bewundernswürdigen Intelligenz zu ihrem Zwecke zu gelangen wissen. Es ist gewiß kein Märchen, wenn man behauptet, daß diese Thiere fähig sind, sich selbst ziemlich verwickelte Mittheilungen mittelst der Zeichensprache ihrer Fühler zu machen. Es ist keine Fabel, wenn man behauptet, daß die Blattläuse ihre Milchkühe sind und daß sie diese mit derselben Sorgfalt pflegen, welche der gewiegteste Oekonom seinem Stallviehe zuwenden kann. Bei all ihren zerstörenden Eigenschaften haben die Ameisen wenigstens das Gute, daß sie als Führer zu den verborgenen Blattläusen dienen können. Man kann sicher sein, daß Blattläuse auf einer Pflanze sitzen, wenn Ameisen häufig an derselben auf- und ablaufen, und indem man ihnen folgt, wird man gewiß an den Platz geleitet, wo diese Feinde pflanzlichen Wachsthums sich aufhalten.

Das ist aber auch der einzige Nutzen, welchen diese intelligenten Thiere gewähren können, die im Uebrigen eine wirklich großartige Zerstörungskraft zu entfalten im Stande sind. Es ist falsch, wenn man behauptet, daß sie Vorräthe für den Winter einheimsten; die [687] Fabel von der Cicade und der Ameise hat durchaus keine thatsächliche Begründung; was sie dem Neste zuschleppen, dient entweder zu baulicher Construction oder zu Speisung der zahlreichen Nachkommenschaft und der nichtarbeitenden Weibchen und Männchen, die sich häufig in so großer Menge im Neste finden, daß sie beim Ausschwärmen die Luft verfinstern. Im Winter, wo die Männchen todt, die Weibchen im Neste, die Jungen erzogen sind, fallen die Ameisen in Erstarrung, aus der sie nur zuweilen in warmen Tagen aufwachen, um dann sogleich nach Nahrung umherzuschweifen, die in dem Neste gänzlich fehlt. Zur Nahrung dient ihnen aber auch fast jeder pflanzliche und thierische Stoff – alle Zuckersäfte, seien sie nun von den Pflanzen direct ausgeschwitzt oder erst durch den Darm von Blattläusen, Schildläusen und ähnlichen saugenden Insecten durchgegangen, Gummi, Stärke, Früchte aller Art, thierische Stoffe, faulende Leichen von Insecten, Würmern und Schnecken, ja selbst größeren Thieren, sobald denselben die Haut abgezogen ist. Sie schneiden aber keine Pflanzenkeime, keine Blätter, keine Schossen an – selten sogar Früchte – sondern benutzen nur die von andern Thieren eingefressenen Lücken, um von dort aus weiter zu arbeiten. Dabei scheuen sie keine Mühe, kein Hinderniß, keine Entfernung. In dem Keller einer bekannten Apotheke in Bern stand seit Jahren ein gewaltiges Gefäß mit Syrup an derselben Stelle, das stets wieder zugefüllt wurde. Seit Jahren auch hausten Ameisen darin wie in ihrem Eigenthume. Wir waren eines Tages neugierig genug ihrem Wege zu folgen. Er führte uns aus dem Kellerloche hinaus auf die Straße, quer über die Hauptstraße Berns, in der viel Verkehr ist, über den Bach, nach der belebten Promenade der Kirchterrasse, über Weg und Gras nach der Brustwehr, über diese hinab die wohl 150 Fuß hohe Mauer hinunter an deren Fuß, wo sich in dem Gemäuer das Nest befand. Ein Weg, mit seinen Krümmungen gemessen gewiß über 600 Meter lang, der einen sehr belebten Spaziergang, mehrere große Straßen der Länge und Quere nach und einen Bach überschritt, um endlich an einen Syruptopf zu gelangen – ist das nicht, von dem kleinen Ameisenvolke, eine Leistung, welche die Semmering-Bahn weit übertrifft?

Die interessanteste Thatsache aber in dem Leben gewisser Ameisen ist die unbestreitbare Existenz der Sclaverei, einer Anfangs gezwungenen, später aber, wie es scheint, freiwilligen Sclaverei, auf welche der Haushalt einiger Arten gegründet ist. In dem Weinberge an dem Garten meiner früheren Wohnung in Genf hauste ein solcher, von Huber „Amazonen“ genannter Ameisenschwarm. Ich beobachtete sie in den heißen Monaten Juli und August. Nachmittags zwischen drei und vier Uhr sah man kleine, schwärzliche Ameisen um die Oeffnung des in der Erde gelegenen Nestes schweifen. Dann kamen einzelne größere, gelbrothe Ameisen heraus, die sich von den Schwarzgrauen streicheln und belecken ließen, hin und wieder liefen, aus und eingingen. Diese letzteren mehrten sich bald, und nun quoll es aus dem Loche hervor – ein gewaltiger Schwarm, in wilder Hast nach einer gegebenen Richtung, meist der im Garten angebrachten Mistbeete und Gewächshäuser, rennend. Links und rechts von dem Gewalthaufen galoppirten einzelne Ameisen wie Patrouillen und Plänkler. So rannten die Rothgelben in sausender Hast den Mauern zu, wo sich die Nester der Schwarzgrauen befanden, und stürzten wie ein Bergstrom wirbelnd in alle Löcher und Oeffnungen der Mauer. Hie und da kamen dann kleine, schwarzgraue Ameisen hervor, ganz den bei dem Amazonen-Neste gesehenen ähnlich, ängstlich flüchtend, zuweilen eine Puppe (sogenanntes Ameisenei) in den Kieferzangen tragend. Kam eine rothgelbe dazu, so ließen sie die Puppe fallen und flüchteten – nie sah ich einen ernsthaften Kampf.

Nach einiger Zeit kamen die Rothgelben wieder aus den Löchern und Ritzen hervor, fast jede eine Puppe in den Kiefern tragend. Diejenigen, welche nichts erhascht hatten, eilten wieder als Plänkler voraus; die Schwerbeladenen humpelten nach. Bei dem Neste wimmelte es von schwarzgrauen Sclaven, die nun den Rothgelben entgegeneilten, ihnen die Eier trugen oder auch sie selbst packten, um sie nach Hause zu schleppen. Ich habe öfter gesehen, daß ein solcher schwarzgrauer Sclave eine um mehr als die Hälfte größere Rothgelbe ergriff und diese, welche sich ihm ringförmig um den Hals schlang, mit sammt der Puppe, die sie in den Kiefern hielt, fortschleppte, also gewiß das Dreifache seines eigenen Körpergewichtes in dieser Weise trug.

Aus den geraubten Puppen schlüpfen schwarzgraue Arbeiter aus, die, in dem Neste der rothgelben Amazonen geboren, dort alle Dienste übernehmen und ihre Herren mit bewunderungswerther Anhänglichkeit hin und herschleppen, füttern, streicheln, putzen, so daß diesen durchaus keine andere Beschäftigung bleibt, als der Krieg, da die Natur ihnen die Liebe versagt hat.

Zum Oeftern schon habe ich mich gewundert, diese von Natur wegen bei gewissen Ameisen eingeführte Sclaverei nicht unter den Argumenten zu finden, welche die Sclavenhalter Nordamerika’s zu ihren Gunsten anzuführen gewohnt sind. Sie haben als fromme Christen und rechtgläubige Menschen die Bibel bis auf den letzten Boden ausgeschöpft, um die Sclaverei als eine göttliche Institution, vom Heiland gebilligt und von den Aposteln gepredigt, hinzustellen; – sie haben sich eigens Naturforscher kommen lassen, die des Ehrgefühles so bar und ledig waren, daß sie die Berechtigung der höher stehenden Menschenspecies, des Kaukasiers, zur Knechtung der niederen Race, des Negers, aus zoologischen Grundsätzen und Unterschieden zu deduciren suchten; – warum nicht auch noch die Natur als Dritte in den Bund rufen, wenn Glaube und Wissenschaft schon ihnen beispringen? Da hätte man ja, bei den Ameisen, Alles im schönsten Spiegelbilde – eine rothblonde stärkere Race, die nur genießt, höchstens zum Zeitvertreibe einmal Krieg führt und Raubzüge unternimmt, und eine schwarzgraue, schwächere, dienende Race, die für ihre Herren arbeitet, sie füttert, umherschleppt und ihre Nachkommenschaft auferzieht und pflegt, wie wenn es Ihresgleichen wäre! Was will man mehr thun, als den Schöpfer nachahmen?