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Titel: Verwehrtung unreifer Weintrauben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 707
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[707] Verwerthung unreifer Weintrauben. Eine schöne Lese reifer Weintrauben ist für den Besitzer ebenso erfreulich, als unreife Trauben für ihn eine Quelle der Sorge und des Aergers bilden, um so mehr, als er vielfach nicht weiß, was er mit denselben anfangen soll. Lassen sich unreife Trauben überhaupt verwerthen? In jedem Jahre wird diese Frage in zahllosen Briefen an uns gerichtet. Sie läßt sich mit Ja beantworten: unreife Weintrauben lassen sich zur Bereitung von Essig verwenden und das Verfahren ist kein sehr schwieriges. Ein bewährter Mitarbeiter unseres Blattes giebt uns die folgende verläßliche Anleitung, welche wir gerne an dieser Stelle abdrucken, weil die Verwerthung nicht zur Reife gediehener Trauben auch von wirthschaftlicher Bedeutung ist.

Um aus unreifen Trauben Essig zu bereiten, zerquetsche man die Trauben mittelst einer Holzkeule. Der mit Wasser und Zucker versetzte, zuvor tüchtig ausgepreßte Traubensaft wird alsdann mit Hefe (am vortheilhaftesten mit frischer Weinhefe, in Ermangelung dieser mit in Wasser zertheilter Preßhefe) sogleich in Gährung versetzt. Auf 100 Liter Traubensaft giebt man 100 Liter Wasser und 17 Kilogramm Zucker. Man läßt die Gährung bei 20 bis 22 °C Wärme verlaufen, trennt die vergohrene Flüssigkeit sorgfältig von der ausgeschiedenen Hefe und kann die erstere entweder in spundvoll gehaltenen Fässern lagern lassen, wodurch sie an Wohlgeschmack gewinnt, oder sogleich zur Darstellung von Essig benutzen. Im letzteren Falle mischt man je einen Theil der vergohrenen Flüssigkeit mit zwei Theilen gutem starken Essig (bedient man sich des feinsten Weinessigs, so erhält man aus unreifen Weintrauben einen vortrefflichen Essig) und füllt das Gemisch auf Flaschen, welche man, sehr gut verkorkt, liegend an einem kühlen Orte aufbewahren muß.

Es kommt vor, daß ein derartig bereiteter Essig nicht klar, sondern trübe ist; meist rührt dies von den Hefetheilchen des Essigs her, welche sich noch nicht völlig abgesetzt haben; auch findet man wohl in einzelnen Fällen, daß sich der Essig durch einen unangenehmen Nebengeruch unappetitlich zeigt. Diese Uebelstände kann man mittelst frisch gebrannter, gröblich gekörnter Knochenkohle (Beinschwarz, auch Spodium genannt) beseitigen. Man rechnet 6 bis 7 Gramm Knochenkohle auf je einen Liter Essig, schüttelt die Flaschen, nachdem die Kohle hinzugegeben worden ist, tüchtig wiederholt um und filtrirt nach vier Tagen den Essig durch ein leinenes Tuch oder ein reines Filzfilter. Der filtrirte Essig ist dann völlig klar, da alle schleimigen Theile demselben sich an das Knochenkohlenpulver abgesetzt haben, gleichwie auch der Essig einen angenehmen Geruch angenommen hat.