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Trauertage und des großen Kaisers Leichenbegängniß

Textdaten
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Autor: Hermann Heiberg
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Titel: Trauertage und des großen Kaisers Leichenbegängniß
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 209–211
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[209]
Trauertage und des großen Kaisers Leichenbegängniß.
Von Hermann Heiberg.

Ganz Berlin hatte sich in ein Trauerhaus verwandelt. Kein Gebäude im Osten, Süden Westen und Norden der Kaiserstadt, das nicht durch ein stummes Zeichen an dem ungeheuren Schmerze sich betheiligte, der das Volk ergriffen hatte. Hing keine Fahne auf das Dach herab, waren die Etagen nicht umflort, in den Schaufenstern die Büsten des großen Todten nicht umhüllt von düsteren Stoffen, so sah man doch Männer, Frauen und Kinder, in dunkle Gewänder gekleidet, ein- und ausgehen. Jedes Haus machte dadurch den Eindruck, als sei hier, gerade hier, ein theurer Todter zur Ruhe gegangen. Wohin das Auge

Die Gartenlaube (1888) b 209.jpg

Leichenbegängniß Kaiser Wilhelms: Die Spitze des Trauerzuges.
Originalzeichnung von F. Wittig.

blickte, der Ausdruck eines tiefen, nachhaltenden Schmerzes. Mit den äußeren Bildern deckten sich die Empfindungen. Jedem war zu Muthe, als sei aus seiner Familie jemand dahingegangen, als ob ihn persönlich ein ungeheurer Verlust betroffen habe. Denn man trauerte nicht allein um den ersten Kaiser des neugeeinten Deutschen Reiches, nicht allein um den Sieger, der sich einen Ruhm sondergleichen erworben, sondern auch um den Mann, der sich durch seltene Pflichttreue auszeichnete und in dem sich alle Tugenden eines Fürsten und Menschen vereinigten. Und welche Masken auch sonst die Menschheit vorsteckt, in dieser grandiosen Trauer der Stadt Berlin war kein Falsch. Sie war so echt wie die Thränen eines unschuldigen Kindes. Greise und Unmündige weinten und schluchzten beim Bekanntwerden des Geschehenen.

An jenem Tage der Todesnachricht trat der Direktor einer öffentlichen Lehranstalt in den Kreis der Schüler und sagte mit zitternder Sprache: „Unser Kaiser ist gestorben , liebe Kinder! Geht still nach Hause.“ Er wandte sich ab, seine Stimme erstickte, und unter den Knaben war keiner, der sich nicht das Naß aus den Augen wischte.

Wohin man in dieser Trauerwoche den Weg nahm, stieß man in Berlin auf die Ausdrücke des Schmerzes. Und in diesen Schmerz mischte sich noch – eine Tragik ohnegleichen. Da wir Menschen sind, hat Recht auf Würdigung, was in dem Innern einer menschlichen Seele sich regt. Wir trauern doppelt!

„Obschon mit Wunden tief geschlagen,
Heißt’s nun fast größ’res Leid noch tragen!“

Im Charlottenburger Schloß stand des großen Kaisers Sohn am ersten Tage nach seiner Ankunft, stand der deutsche Kaiser Friedrich früh morgens und blickte hinaus auf den todten Schloßhof und auf die kahle Chaussee! Nicht unter den Linden inmitten der Stadt, umjubelt von seinem Volke. Kein Palais, umgeben von Tausenden; keine Wallfahrt zu dem Erben des Thrones! Kein mächtigeres Aufzucken in den Seelen, nun, da sie ihn vor sich sahen in seiner herrlichen, kraftvollen Erscheinung! Der große Kaiser Wilhelm todt, der edle Kaiser Friedrich am Leben, aber von tückischer Krankheit erfaßt! Das ist für ein Volk Tragik, namenlose Tragik!

Und dann kam der 16. März, an welchem dem verstorbnen Monarchen die letzte Ehre erwiesen wurde. Von diesem erhebenden Trauerakte werden noch die kommenden Geschlechter sprechen. Es übte durch die Theilnahme der Bevölkerung einen Eindruck ohne Gleichen!

Die Linden waren eine Trauer- – eine Todesstraße geworden. Wer in den vorangehenden Tagen das Aufbauen beobachten konnte, den mußte Bewunderung erfüllen! Wie durch Zauber entstand das Alles , wuchs alles gleichsam aus dem Boden: Postamente, Pyramiden, Pavillons, Säulen, Masten, Baldachine, Zelte, Nischen, Stangen, Embleme, Velarien, Fahnen, [210] Dekorationen – es ist schier unbegreiflich, daß das Alles in so kurzer Frist erdacht, entworfen und ausgeführt worden ist.

Das Giebelfeld am Dom war mit riesigen Goldpalmen dekorirt, die Façade schwarz drapirt, die Säulen vergoldet, der Platz mit Tannen umstellt. So auch trugen das große Schloß, das Zeughaus, die Universität, die Akademie Abzeichen der Trauer. Die neue Wache war nach zwei Seiten kreisrund erweitert, wirkte wie ein antiker Tempelvorbau und war so glücklich erfunden, in der Wirkung so imposant, daß das schnell hergestellte Werk in seiner würdevollen Einheit werth wäre, der Stadt erhalten zu bleiben oder als Modell einem Bau gleicher Art zu dienen.

Mit Flor und Reisig dekorirt, erhoben sich vor dem Opernplatz vier Pavillons. Ueberall ernste, fromme Sprüche. Von der Schloßbrücke, an der hohe Masten mit Trauersegeln hervorragten bis zu diesen Pavillons waren die umschließenden Gebände selbst eine natürliche Seitendekoration. Von dort waren durch Flor und Grün verbundene Trauerstangen mit wimpelnden schwarzen Fahnen aufgestellt. Eine Kapelle, düster ausgeschlagen, inmitten eine goldene Trauergestalt, geschmückt mit einem Kreuze, stand vor dem Hauptportal der Universität Unter den Linden, und vor deren Eingang ragten schwarze Pyramiden empor. Sah man von hier bis ans Brandenburger Thor hinab, so glaubte man eine Gräberstraße zu erblicken. An dem ganzen Mittelweg erhoben sich schwarz ausgeschlagene, mit Sammt drapirte Postamente, welche Feuerschalen trugen und durch lang herabhängende Flor- und Tannengewinde verbunden waren, während ein riesiger Pavillon mit der Kaiserkrone, ein gewaltiger und imposanter Aufbau, in der Mitte hoch emporragte.

An der Charlotten- und Wilhelmstraße befanden sich größere Postamente, die ebenfalls schwarzumschleierte Urnen oder Feuergefäße trugen. Den Schluß am Pariser Platz bildeten zwei Pyramiden, auf denen goldene Adler ihre Schwingen erhoben, ganz wie sie auch am Eingang der Linden sich befanden.

Von unvergeßlicher Großartigkeit war das Brandenburger Thor mit seinem gewaltigen, machtvollen Unterbau. Säulen, Giebel und Sims waren mit schwarzen Stoffen drapirt, die Stufen zur Attila mit dunklem Tuch ausgelegt. Die Siegesgöttin schien in eine durchsichtig düstere Wolke gehüllt. Vier schräg gestellte Riesenstangen in schwarz und weißen Farben und mit gewaltigen Quasten hielten ein dunkles Velarium, das weit in den Pariser Platz mit seinen kolossalen, schwarzbeschlagenen Tribünen zu beiden Seiten des Bürgersteiges hineinragte.

Den Schluß der Gesammtaufstellungen bildeten hinter dem Brandenburger Thor und an der Siegesallee hohe Obelisken mit Fahnenstangen und dreieckige Pyramiden mit Feuerschalen, alles schwarz, alles in Trauerfarben. Und diese Trauerfarben auch an den Häusern Unter den Linden mit ihren Tausenden und aber Tausenden von schwarzgekleideten Menschen, welche die Wege bevölkerten, aus den Fenstern, von den Balkonen, von den Dächern herabschauten. Das ganze Reich, insbesondere die Provinzen, hatten ihre Massen ausgeströmt. Alle Hôtels, auch Privatwohnungen waren überfüllt von Zugereisten. Die Züge aus Norden, Westen, Osten und Süden trafen mit großen Verspätungen ein.

Schon um acht Uhr morgens entstand ein ameisenartiges Gewimmel in den nach den Linden einmündenden Straßen. Einzelne Fenster waren für unverhältnißmäßige Preise vermietet.

Namentlich durch die Wilhelm-, Friedrich-, Behren- und Charlottenstraße zogen Massen, die nach Hunderttausenden zählten, und im Ganzen mögen wohl am Begräbnißtage 800 000 Menschen unterwegs gewesen sein. Endlich gegen 11½ Uhr hatte sich alles überall postirt. Die nicht in Betracht kommenden Straßen waren wie ausgestorben; aber unter den Linden, und namentlich in der Charlottenburger Chaussee bis ans Schloß standen die Zuschauer Kopf an Kopf. Dort war jeder Baum besetzt; Tribünen wurden improvisirt; Droschken, Equipagen, Fuhrwerk jeder Art mit ihren Sitzen und Kutscherböcken dienten als Auslugpunkte. Freilich, der Naturfreund sah mit Schmerz, wie vieles zerstört ward, so selbst junge Bäume zerknickt und ausgerissen wurden, sofern sie dem andrängenden Publikum Hindernisse boten.

Von wesentlichen Unglücksfälle hat man nichts gehört; ein wahrhaft überraschendes Resultat, wenn man Zeuge war von den Massen und ihrem Ungestüm. So aber boten die Linden ein ruhiges Bild, und als sich später die langen, dichten Reihen lösten, war zu einer Entfaltung Raum, der in anderem Falle nicht vorhanden gewesen und wodurch sicher viel Unglück herbeigeführt worden wäre. Ueber fünf Stunden hatten diejenigen geharrt, die vor acht Uhr die Linden betraten. Ein eisigkalter Wind wehte und durchfröstelte die Menschen. Draußen vor dem Brandenburger Thor ein großes, weißes Leichenfeld der ausgestorbenen Natur; hier eine Todtenfeier mit Fackeln, umflorten Lichtern, Laternen, mit düstern Fahnen, schwarzen Draperien.

Endlich ertönten die Salven. Der Gottesdienst im Dom war beendet; der Zug setzte sich in Bewegung. Als die langgezogenen Klänge des Chopinschen Trauermarsches erschollen, als nun im ernsten, gemessenen Schritt die Regimenter und Bataillone zu Pferde und zu Fuß vorüberzogen, da ging durch die gesammte Menge ein Schauer – eine tiefe Bewegung. Nun sollte sich auch der letzte Akt in dem Dasein des großen Monarchen vollziehen. Kaiser Wilhelm, der erste deutsche Kaiser der neu geeinigten Nation, ward in die Gruft gebracht.

Pausen entstanden; der Zug stockte; die Trauermärsche verhallten. Dann wieder neue Regimenter, neue Klänge. Schier endlos schien der Zug. Die Trommler der Bataillone ließen ab und zu einen kurzen, gedämpften Wirbel ertönen, der etwas unheimlich Ergreifendes hatte. Nun kam die Artillerie, dann Garde du Korps zu Pferde. Bunte Bilder und doch immer tiefernst, würdig, weihevoll, der großen Todtenfeier angemessen. Dann erschienen die Fouriere, die Marschälle, das Hauspersonal, die Diener, Lakaien, die Leibpagen in rothen Röcken mit umflorten Dreimastern und in dunklen Gamaschen ohne Rockbekleidung trotz der scharfen Kälte, hochaufgerichtet, stramm wie alle, die bisher vorübergezogen.

Nach ihnen die Leibärzte und Kammerherren, die Geistlichkeit und nun, als anziehendstes Bild neben dem eigentlichen Kondukt, die Minister mit den Reichsinsignien, die von ihnen auf Goldbrokatkissen getragen wurden.

Und endlich die sterbliche Hülle des großen Kaisers. Die Köpfe entblößten sich, soweit man sehen konnte. Die Menschen weinten vielfach in stummer Rührung um ihren geliebten, vielgeliebten Kaiser. Acht schwarze Pferde mit Atlasdecken, welche mit silbernen Adlern durchwirkt waren, zogen den von acht Stabsoffizieren geführten Wagen. Der purpurne, mit Gold verzierte Sarg stand hoch auf dunklem Grunde, umgeben von Blumen und Kränzen. Ein goldenes Kreuz und ein Ritterhelm mit herabgelassenem Visir, der letztere hoch hervorragend, schmückten den Sargdeckel. Vier Ritter des Schwarzen Adlerordens trugen die Zipfel des schwarzen Leichentuches, während der Baldachin an vergoldeten Stangen von 12 Generalmajors gehalten wurde.

Ein Lambrequin mit goldenen Zacken, auf welchem Adler eingewirkt waren, umsäumte den Baldachin, den zwölf Adler überragten. Unter den Schwingen dieser Sinnbilder von Kühnheit, Kraft und Muth war des großen Kaisers Leiche gebettet. Nun kam des verstorbenen Monarchen Leibpferd. Die alten Sagen der Geschichte drängten sich dem Beschauer auf. Das treue Schlachtroß folgt dem gefallenen Helden, schreitet seiner Bahre, gleichsam mitempfindend, nach.

Dem General v. Pape, der, umgeben von zwei General-Adjutanten, das Reichspanier trug, folgte allein Kronprinz Wilhelm, ernst, gemessen, nicht um sich schauend, sichtlich ergriffen, nur von dem einen Gedanken bewegt und so nicht nur durch seine hohe Stellung jeden Blick fesselnd. Hierauf schritten drei Fürsten, der König der Belgier, der König von Sachsen und der König von Rumänien. Dann schloß sich Prinz Heinrich von Preußen an. Von dem bisherigen langsam würdigen Schritte abweichend, drängten sich zahllose Fürsten, Abgesandte, Generale, Minister, Präsidenten und höhere Offiziere, die so rasch vorübereilten, daß es kaum möglich war, den Einzelnen ins Auge zu fassen.

Die gemessene Ordnung verschwand leider schon mit dem Erscheinen der Kammerherren und Kammerjunker und wurde erst später bei dem Kondukt und endlich am Schluß durch die Truppen wieder hergestellt.

Als diese nun auch vorübergezogen, lösten sich die dichtgedrängten Massen unter den Linden und jeder suchte, [211] besonderen Zweck verfolgend, so schnell wie möglich den vordem so schwererrungenen Platz zu verlassen.

Als der Trauerzug die Siegesallee erreicht hatte, gaben die Stabsoffiziere die Führung an acht Lieutenants von den Leibregimentern ab. Auch die den Baldachin tragenden Generale wurden von Hauptleuten abgelöst, und die Spitze des Gefolges nahm in den bereitstehenden Wagen Platz.

Die Könige, Fürsten und Prinzen fuhren nach Charlottenburg.

Vale senex imperator! Fahre wohl, greiser Kaiser! stand an dem Siegesbogen des Brandenburger Thores, und auf der Thiergartenseite des Thores „Gott segne deinen Ausgang!“ Einfache, durch ihre Einfachheit unendlich ergreifende Inschriften.

Wenn die Leser dieses Blatt an die Hand nehmen, ruht Kaiser Wilhelm, dem die Stadt Berlin diese letzten Worte zurief, in der Tiefe des Mausoleums in Charlottenburg. Man wird dahin wallfahrten Jahrhunderte und drüber hinaus. Wie man nicht in Potsdam gewesen sein kann, ohne in der Garnisonkirche in dem kargen, kalkweiß gestrichenen Grabgewölbe den einfachen, völlig schmucklosen, grauen Sarg Friedrichs des Großen gesehen zu haben, so wird auch der Fremde nicht nach Berlin kommen, ohne das Charlottenburger Mausoleum in Augenschein zu nehmen, das durch Bauart und Lichteinlaß an und für sich eine Todtenkapelle ist, wie es vielleicht wenige giebt.

Drei große preußische Herrscher, Fürsten, welche die gesammte Welt mit Staunen, Ehrfurcht und Bewunderung erfüllt haben, liegen nun begraben: der große Kurfürst, der große Friedrich und der große Kaiser Wilhelm der Erste!

Wer dem letzteren nachfolgt in seinen Tugenden, wird ein ganzer Mann sein. Und ganze Männer braucht die Zeit, braucht das heutige Dasein: der Staat und die Familie. Das gegenwärtige wie das nachfolgende Geschlecht kann den großen Todten nicht besser ehren, als daß es in seine Fußstapfen tritt, und da er ein leuchtendes Beispiel bleibt, wird er noch weit über das Grab hinaus im deutschen Volke wirken, welches ihm eine Liebe entgegentrug, die in der Weltgeschichte wohl nicht ihresgleichen gehabt hat. – Friede seiner Asche!

Die Gartenlaube (1888) b 211.jpg

Am Mausoleum zu Charlottenburg.
Originalzeichnung von H. Lüders.