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Silliya’s Rache. Thatsache aus dem englisch-indischen Leben

Textdaten
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Titel: Silliya’s Rache. Thatsache aus dem englisch-indischen Leben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 722-724
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Silliya’s Rache.
Thatsache aus dem englisch-indischen Leben.

Ich lernte vor einiger Zeit einen Franzosen kennen, der die besten beiden deutschen Raucher in der Kunst, Taback zu vertilgen, übertraf. (So erzählt ein Engländer in Chambers’ Edinburgh-Journal.) Er war ein Künstler und Flüchtling und lebte im englischen Indien, als ich seine Bekanntschaft machte. Dort war er Jahre lang als Ccpist alter indischer Denkmäler und Inschriften für ein französisches Kunstinstitut beschäftigt, später traf ich ihn auf englischem Boden, wo er nie recht mit der Sprache über seine englisch-indischen Erfahrungen herauswollte, am wenigsten neuerdings, da er auf Grund dieser Erfahrungen ganz anderer Meinung über die indische National-Revolution war, als die meisten Engländer. Doch neulich Abends, als ihm die Pfeife besonders gut schmeckte und er mir sein Vertrauen zeigen wollte, während wir Beide vor der Kamingluth saßen, ging er ’mal ordentlich auf das sonst gemiedene Thema ein und erzählte mir mit der folgenden Einleitung folgendes Erlebniß.

„Sie bieten ein seltsames Studium, diese Hindu’s und ihre Nabobs, Herrscher, Brahmanen, Kasten und religiösen Ceremonieen. Die Natur hatte nie die Absicht, diese beiden Racen, Hindu’s und Engländer, in einem und demselben Lande zu dulden. Selbst wenn sie beiderseits den guten Willen hätten, sich mit einander zu verständigen, wär’ es eine absolute Unmöglichkeit. Dieser orientalische und der anglo-sächsische Charakter sind die beiden entgegengesetzten Pole der Menschheit. Deshalb hat die englische Herrschaft in Indien kein moralisches Resultat gehabt. Sie hat die Eingebornen mit europäischem Handel und Wandel vertraut gemacht und bis zu einem gewissen Grade auch mit europäischer Wissenschaft, aber der Hindu und der Muselmann bleiben eben so weit von den Britten, als die alten Bewohner Indiens.“

Meine Entgegnung war: „Missionäre, Schulen und Zeit.“

„Gut, meinetwegen,“ antwortete er, „darüber werden wir uns doch nie verständigen, aber ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, die ich gleich im Anfange meines Aufenthaltes in Indien erlebte und die mich über dieses Thema wohl ziemlich aufgeklärt haben wird. Es war in Agra, der alten Hauptstadt persischer Herrscher über Indien, die noch jetzt Spuren ihrer Herrschaft, Baukunst und Cultur trägt, obgleich nach ihnen die mongolischen Kaiser in Delhi und die Engländer in deren Namen (nachdem sie ihnen das Recht dazu abgelistet und abgekauft hatten, ohne zu bezahlen) zusammen schon seit Jahrhunderten herrschten. Das moderne Agra ist noch immer sehr bedeutend, reich an heiligen Plätzen für die Hindu’s und Mohammedaner, Sitz einer englischen Garnison und blühender Gewerbe. Ringsherum ragen die Denkmäler früherer Macht und Pracht, Tempel und Paläste und königliche Grabmonumente empor, meilenweit in der Gegend umher verstreut zwischen Palmenhainen, Dörfern der Eingebornen und englischen Bungalows oder strohgedeckten Villa’s. Ich hatte auf ein Jahr Arbeit unter den Engländern hier, besonders in einer hohen, mächtigen Familie, Namens Jackson. Sie hatte eine sogenannte „starke Position“ unter den Eingebornen von Hindostan. Mr. Jackson war hoher Gerichtsbeamter in der Provinz. Sein Bruder hatte die Stelle eines Directors im Zollhause. Ein Sohn war Officier eines eingebornen Regiments von „Sepoys“, auf deren Menge und Treue die Engländer so lange den Glauben an ihre Fremdherrschaft gründeten. Eine Tochter hatte einen hohen Gerichtsbeamten der ostindischen Compagnie in Calcutta geheirathet. Mit diesen Familieninteressen, so mächtig repräsentirt, und ihren mächtigen Verwandten im alten England waren die Jackson’s gar reiche und mächtige Herrschaften in Indien, wie Sie sich leicht denken können. Sie besaßen ein großes Haus in Agra für Geschäftsangelegenheiten (die höchsten Beamten machten von jeher noch gern „Geschäfte“) und eine ausgedehnte, prächtige Bungalow vor der Stadt an einem Flüßchen mit grossem Garten voll indischer Blumen und vom Süden her beschattet durch hohe Palmen, durch deren schlanke Stämme man weit hinaus über prächtige Ruinen und indische Vegetation Aussichten genoß. Hier lebten sie in einem Luxus, wie ihn nur Anglo-Indier treiben können. Nichts, was übermüthigem Reichthume erreichbar schien, durfte ja fehlen, so daß ihre Liebe für Eleganz und Fülle stets im vollsten Maße befriedigt ward. Die Jackson’s galten als die höchste „Elite“ der Agraer Gesellschaft. Meine Bekanntschaft mit ihnen gründete sich deshalb hauptsächlich auf den Umstand, daß Europäer ohne Uniform dort sehr selten, das Leben einförmig, ihre Portraits und ich als deren Maler nöthig waren. Sie hatten dreißig Jahre in Indien gelebt und hielten sich deshalb für genaue Kenner Indiens und der Hindu’s. Aber sie waren als gut geborne Engländer gekommen und solche geblieben. Sie beurtheilten ihre dienenden Ali’s und Ranu’s und Silliya’s ganz eben so, wie Engländer zu Hause ihre „Bill’s, Dick’s, Tom’s, Jim’s und Jock’s“ nehmen und behandeln. Die hohe Dame des Hauses war sehr geistreich. Sie sprach gern klagend über das schlechte Fleisch in Indien und wunderte sich, warum die Hindu’s immer noch Götzen verehrten, da man ihnen doch gesagt, das sei unrecht. Ihr Sohn, mit rother Uniform und tornisterblondem Backenbart, hatte großen Respect vor letzterem und deshalb auch vor sich selbst. Von der Tochter in Calcutta hatte ich nur gehört, daß sie sehr schön sei und zwei Engel von Kindern, Zwillinge, habe, Abgötter aller Jackson’s. Während ich die Jackson’s malte, hieß es, Mr. Lester, der Schwiegersohn, und die Tochter und die lieben, lieben Kinder würden diesen Winter vor der Regenzeit zu einem Besuch heraufkommen und ich müsse sie malen mit aller Kraft und Schönheit meiner Kunst.

Die Jackson’s hatten natürlich, wie alle Anglo-Indier, eine große Menge dienstbare Geister um sich, lauter Eingeborne und für jede Art von Dienst besondere. (Vgl. „Qui hy?“ in der Gartenlaube Nr. 11. Jahrgang 1857.) Unter ihnen stand in der höchsten Gunst und im intimsten Vertrauen die Kammerjungfer der Dame des Hauses, zugleich auch Ausgeberin und Kleider-Superintendantin. Man nannte sie Silli, wofür Mrs. Jackson in der Eile oft den englischen Namen Sally gebrauchte. Ihr wahrer Hindu-Name war Silliya, eine „Pariah“ oder niedrigste Kaste, aber classisch in ihrer hohen, äußerst schlanken, elastischen Figur und Grazie, aufrechten Haltung und der hellen, bronzenen Farbe in dem feinen Gesicht mit den schwarzen, glänzenden Augen und dem langen, scheinenden Haar – Alles Eigenschaften, durch welche sich die schönsten Brahmanentöchter auszeichnen, wie sie der classischste Dichter Kalidasa in seiner weltberühmten, oft ganz germanisch klingenden „Sakontala“ besang. Sie war etwa siebzehn Jahre alt, schon eine reife Jugend im Osten. Sie hatte eine classische Schönheitsgewalt um sich, aber der kalte, eisige, stechende Zitterglanz in ihren Augen war mir unheimlich und abstoßend, nicht so dem Capitain Jackson, der in seiner Zuversicht und Oberflächlichkeit nur die Reize dieser dienenden Schönheit zu schätzen verstand. Capitain Jackson wohnte in der Nähe seiner indischen Soldaten in Agra und war zugleich wie zu Hause bei seinen Eltern, wo er Silliya oft genug zu sehen Gelegenheit suchte und fand. Sie gleitete leicht und graziös elastisch überall frei im Hause umher, ausbessernd, plättend, stärkend, zuschneidend. Befehle für die Küche auf indisch austheilend, mit der Herrin englisch plaudernd und bald englisch, bald indisch schreibend oder lesend. Die Hausherrin erzählte mit viel Selbstbewußtsein, daß das Mädchen alle diese Geschicklichkeiten und deren Angehörige ihr Glück nur ihnen verdankten, und daß des Mädchens Dankbarkeit und Vertrauen zu derselben grenzenlos seien. Ihre Mutter sei durch Mrs. Jackson vom Suttie (Verbrennung mit der Leiche des Gatten) gerettet worden, obgleich sie deshalb von ihren Glaubensgenossen hernach immer verachtet und genöthigt worden sei, sich im heiligen, sühnenden Flusse Dschumna zu ersäufen; ihre Brüder seien von den Jackson’s unterstützt worden, sich selber zu ernähren, nachdem die Compagnie sie von ihrem Grund und Boden getrieben. Silli oder Silliya selbst sei durch Jackson’s Vermittelung in eine indische Schule gekommen, wo sie Englisch und Christenthum gelernt habe, so daß sie sich wohl noch werde taufen lassen. Des Mädchens Dankbarkeit für alle diese Wohlthaten sei unerschöpflich.

Mr. Lester wurde mit Familie im Beginn des Winters, d. h. der erträglich warmen Jahreszeit vor Beginn der Regengüsse [723] erwartet. Und da er Mittel und Macht hatte, bequem zu Wasser oder in Palanquins oder Tragsänften zu reisen, wurden die Lieben vor Beginn der jährlichen Sündfluthen bestimmt und sicher erwartet. Inzwischen erweiterte sich die Bestellung bei mir zu der Aufgabe, die ganze Jackson’sche Familie mit den lieben Zwillings-Kindeskindern als große Gruppe zu malen, für welche der Moment der Ankunft der dramatischste und geeignetste sein werde. Ich mußte deshalb, um die Ankunftsscene zu sehen, im Jackson’schen Hause wohnen. Aber der Moment der erwarteten Ankunft ging vorüber, ohne daß Gäste in ihren Palanquins entdeckt wurden, Gegen Abend begann es zu sündfluthen und zu donnern und blitzen, wie das nur in Indien möglich ist. Noch keine Ankunft. Die Vorbereitungen waren luxuriös und prächtig, aber die Jackson’s trösteten sich während des furchtbarsten Gewittersturmes, daß ihre Lieben unterwegs in einem alten indischen Grab-Monumente oder einer Ruine Schutz gefunden haben und etwas später kommen würden. So wurde es Nacht und Mondschein am aufgeklärten Himmel. Ich zog mich in meine Privatzimmer zurück, die mir angewiesen waren, da ich während der ganzen Zeit, welche zur Vollendung der Familiengruppe gehören würde, an Ort und Stelle bleiben sollte. Mein Atelier und meine Schlafstube lagen neben einander in einem Ballsaale, in einem Gartenflügel des Gebäudes. Die früheren Bewohner hatten Bälle gegeben, aber die Jackson’s, hoch, reservirt und ruhig, gaben keine Bälle und hatten deshalb den Saal durch indische Matten-Tapeten zu mehreren Zimmern zertheilt. Zwei davon gehörten mir, ein drittes, für das kühlste gehalten, neben den meinigen, war zur Schlafstube für die angebeteten Zwillinge bestimmt worden. Diese Wände von Matten sind sehr hübsch, sehr billig, aber auch sehr scharföhrig. Man hört jeden Laut im Zimmer daneben und kann leicht durch kleine Ritzen, die sich in ziemlicher Menge bilden, wenn das Geflecht trocken wird, zum Nachbar hineinsehen. Ich stand an diesem Abende, als die Gäste erwartet wurden, dicht neben einer solchen geritzten Wand, Farben reibend. Es war Alles still um mich, mäuschenstill, so daß ich, einhaltend, plötzlich das seltsamste Gezisch odes Gewisper oder beides aus dem Nebenzimmer vernahm. Ich bin in Frankreich geboren und da gab’s eine Ritze in der Wand dicht vor meinen Augen, daraus folgt, daß ich hindurchsah. Und was? Niemanden als Silliya ganz allein, durch und durch naß, als ob sie eben durch das offene Fenster hereingeschlüpft wäre, mit einem Körbchen voll Gras, aus weichem sie sorgfältig einen grünen Ball herauswickelte und ihn bedächtig unter das weiße Kissen des Zwillingsbettes drückte. Was das für eine häusliche Vorsorge sein könnte, die sie so verstohlen und schweigsam zu treffen für gut befand, konnte ich um so weniger begreifen, als sie sich nun sofort leise, wie ein Schatten, und geschwind, wie ein im Fluge hereinscheinender Strahl, wieder zum Fenster hinausschwang. Es regnete wieder draußen und die Gäste kamen nicht. Die Jackson’s trösteten sich, daß ihre Lieben irgendwo unterwegs eingekehrt seien, und gingen zu Bett. Aber die trockene Jahreszeit macht nicht nur Ritzen in Matten-Wände, sondern auch in Dächer. Just über meinem Bette hatte der Sommer ein Loch für den gießenden Winter in’s Dach gesprengt und Bett und Zimmer bis zur Unbewohnlichkeit eingeweicht. Mrs. Jackson, davon unterrichtet, hatte mir für die Nacht einstweilen die Zwillingskinderstube angewiesen. In ihr saß ich, als schon Alles zu Bett und ruhig war, und ich meine Schlaflosigkeit durch Briefschreiben auszufüllen suchte. Ein leises Geräusch neben mir erschreckte mich. Vor mir stand Silliya aufrecht und ruhig. Mit fester, klarer Stimme sagte sie: „Sahib, in Ihrem Bett muß sich eine Cobra versteckt haben. Ich roch sie, als ich hier vorbei ging. Meine Familie versteht die Schlangenbeschwörungskunst. Was geben Sie mir, wenn ich sie herausnehme?“

„Wie kam sie in mein Bett?“ frug ich, ohne aufzusehen und mit der Miene, als ob ich weiter schriebe, obgleich meine Feder Cobra-Windungen machte; denn ich dachte an den grünen Ball und die Vision, die ich vorher durch die Wandritzc gesehen hatte. Ich wußte, daß diese Cobra’s zu den giftigsten Schlangen gehören, dachte mir aber auch, daß sie nicht nur zum Unterkopfkissen bestimmt worden sein möchte.

„Ich weiß nicht,“ antwortete Silliya ganz unschuldig, und damit stand mein Entschluß fest, obwohl nicht der besten Politik entnommen.

„Ich gebe Ihnen eine halbe Rupie,“ sagte ich, und Silliya trat mit einem beifälligem Kopfnicken sofort an’s Bett, nahm den grünen Ball, noch ganz so zusammengewickelt, wie vorher, ohne Hast und Furcht mit den Händen in ihre Schürze und gleitete ruhig hinaus in den Garten.

Nach einer halben Stunde war sie wieder da.

„Nun Sahib,“ sagte sie, „ist die Cobra wieder zu Hause bei ihren Freundinnen und hat versprochen, sich nie wieder Ihrem Bette zu nähern.“

„Sehr wohl, Silli,“ antwortete ich, indem ich zwischen sie und die Thür trat. „Ich habe Ihnen eine halbe Rupie versprochen. Ich will sie Ihnen geben, wenn Sie mir sagen, warum Sie selbst diese giftigste Schlange in das für unschuldige Kinder bestimmte Bett versteckten? Ich verspreche Ihnen auch, der Familie hier nichts eher zu sagen, als bis Sie zwei Tage sicher aus dem Hause sind. Wo nicht, mach’ ich diesen Augenblick Lärm und erzähle Alles.“

Sie sah sich blitzschnell um, und da sie merkte, daß ich auf ihren Fluchtversuch vorbereitet sei, ergab sie sich mit dem fixen, steinernen Gesicht jener Morgenländer in ihr Schicksal und antwortete in der ruhigsten, sichersten Weise:

„Sahib, die Schlange verbarg ich dort, damit sie die geliebtesten Schätze dieser Familie, die Kinder des Richters von Calcutta, tödte. Meine Mutter schickte mir diese Schlange, damit ich Rache nähme an dieser Familie für alle Schmach, die sie der meinigen angethan. Ihnen gesteh ich gern Alles, denn Sie kommen nicht von England. Mein Vater war ein Brahmine und ein Semindar (Grundbesitzer), der seine Ländereien von unserm alten Nachbar Gußruu in allem Recht erbte, aber Sahib Lester, Richter in Calcutta, nahm ihm alle diese Güter, blos mit der Behauptung, daß diese Güter der Compagnie gehören.

Unter uns Brahminen war es stets Sitte, nur eine Tochter zu erziehen[1], um sie hernach, unserer Kaste gemäß, mit glänzenden Festlichleiten zu verheirathen. Aber Sahib Jackson erschreckte die Unserigen so durch sein Gesetz, daß alle Mädchen aufwuchsen. Als meines Vaters Seele geschieden war, entschloß sich meine Mutter unserer alten, heiligen Sitte gemäß zum Suttie, damit unsere Familie Ehre habe auf Erden und jenseits; aber ein predigender Jackson erschreckte sie so, als der Scheiterhaufen schon fertig war, daß sie das Leben vorzog. Nun sehen Sie, was diese weißen Schweine, die Alles essen, für Schande auf mein Volk und meinen Stand gebracht haben. Mein Vater verlor durch den Verlust seines Landes die Mittel zu den Opfern und so auch seine Würde in den Tempeln. Ohne Erbtheil wurden meine Brüder genöthigt, unter ihren Stand zu sinken und Stellungen unter diesen Schweinen anzunehmen. Für uns fünf Schwestern waren auch keine Hochzeitsfeste und Mitgaben möglich, weshalb sie sich alle in niedere Kasten verheirathen mußten, und ich bin eine Pariah, trinkend aus gemeinen Gefäßen und einhergehend mit unverschleiertem Gesicht. Meine Mutter war so verachtet unter ihren Nachbaren und in den heiligen Plätzen, daß sie nicht mehr leben mochte und sich in den Dschumna stürzte, sich opfernd der Göttin Durga, welche selbst Befleckte nicht verstößt. Durch die Gunst dieser Göttin hat sie die Wandelung in eine Schlange erreicht. Mutter sandte mir diese Cobra, daß ich meine Familie räche an diesen Lesters und Jackson’s, die nichts als Rupien anbeten und nichts Göttliches. – Nun Sahib, meine halbe Rupie, denn ich habe die Cobra weggenommen und die Wahrheit gesprochen.“ –

Sie nahm ihr Geld und gleitete ruhig von dannen. Am Morgen war sie verschwunden und aller Nachforschungen ungeachtet nie wieder zu entdecken.

Ein Freund, dem ich vor Verlauf der zwei versprochenen Tage von diesem Ereigniß erzählte, warnte mich ernstlich, den Jackson’s etwas davon zu sagen; sie würden’s nicht glauben, Verdacht gegen mich hegen, da ich durch Wandritzen geguckt und die Sache nicht augenblicklich anzeigt habe etc. Ich solle nur einen anonymen Brief mit verstellter Handschrift an die Jackson’s senden und darin die [724] Sache mittheilen. Der Brief wurde gesandt, aber die Jackson’s ließen nie etwas von dessen Inhalt hören.

Die Dame des Hauses bedauerte sehr die Flucht ihrer treuen, geschickten, dankbaren Dienerin. Mr. Jackson beschäftigte alle indische und englische Polizei, sie aufzufinden, aber vergebens. Warum sie gekommen war, meinetwegen die Cobra zu entfernen, war mir unerklärlich gewesen, da ich ihr nie sehr traulich und sie mir stets mit steiniger Kälte begegnet war. Ein Kaufmann in Agra, von dem ich reichlich kaufte und dem ich just eine hübsche Rechnung schuldig war, ergab sich als ihr Bruder. Diese Rechnung mochte mein Leben gerettet haben.

Ich malte die Jackson’s als Familiengruppe mit den lichten Mittelpunkten der Zwillingskinder. Später sah ich Silliya bei einer religiösen Festlichkeit als Bajadere in Delhi tanzen.

Den folgenden Sommer schrieb mir ein Freund in Calcutta, daß die lieblichen Zwillinge in Folge eines Cobra-Bisses im Garten des väterlichen Landhauses bei Calcutta beide gestorben seien.“



  1. Die anderen werden in der Geburt umgebracht, eine „Sitte“, der die Engländer recht- und pflichtmäßig mit aller Strenge entgegentraten, aber ohne sittliche Motive und Erfolge, da sie in anderer Weise stets auf das Großartigste raubten, plünderten und erbschlichen. Vergleiche die Geschichte der ersten Eroberer Indiens, Lord Clive’s und Warren Hastings’, von Macaulay (übersetzt), und die Geschichte Indiens von Harriet Martineau.