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Dieses beginnt ganz wie die feierlichen lateinischen Urkunden Karls IV. mit der Invokationsformel, dem Titel des Kaisers und den Worten Ad perpetuam rei memoriam. Dann folgt die Arenga, welche mit Betrachtungen über die Nachteile der Zwietracht für ein Reich beginnt. Die Anfangsworte: Omne regnum in se ipsum divisum desolabitur; nam principes eius facti sunt socii furum, sind auch denjenigen Deutschen, welche niemals die Goldene Bulle gelesen haben, wohlbekannt aus Goethes Wahrheit und Dichtung. Der Dichter erzählt im vierten Buche, wie er als Knabe oft bei dem Schöffen von Olenschlager gewesen sei, als dieser seine auch uns noch so wertvolle Neue Erläuterung der Güldenen Bulle verfaßte. Er habe seine Gewohnheit, die Anfangsworte bedeutender Schriftwerke auswendig zu lernen, auch auf die Goldene Bulle angewandt und so den belehrten Herrn oft überrascht, indem er jene Worte deklamierte. Der kluge Mann habe dann bedenklich den Kopf geschüttelt und gesagt: „was müssen das für Zeiten gewesen sein, in welchen der Kaiser auf einer großen Reichsversammlung seinen Fürsten dergleichen Worte ins Gesicht publizieren ließ.“ Olenschlagers Bedenken würden wohl weniger stark gewesen sein, wenn er beachtet hätte, daß diese Worte nichts waren, als ein Zitat aus der Bibel; wie denn auch die folgenden Sätze in gleicher Weise aus Bibelzitaten zusammengestellt sind. Das ist längst bekannt, aber auch in neuerer Zeit nicht immer genügend beachtet worden.[1]

Auf die Bibelstellen folgen weitere Betrachtungen über das durch Zwiespalt (divisio) angerichtete Unheil: Lucifers Sturz, Adams Vertreibung aus dem Paradies durch den „neidischen Satan“, Trojas Zerstörung infolge der Untreue Helenas und

Roms Zerrüttung in dem Bürgerkriege zwischen Cäsar und


  1. So von Friedjung, Kaiser Karl IV., S. 88, wo er mit dem Eingang der Goldenen Bulle eine Stelle aus Lupolds von Bebenburg Klagegedicht über den Zustand des Reiches zusammenstellt, dann aber bemerkt: „da indessen, wenn ich nicht irre, beide Stellen sich auf einen Bibelvers beziehen, so verliert diese Zusammenstellung einen großen Teil ihrer Beweiskraft.“ F. hätte sich leicht Gewißheit verschaffen können durch einen Blick in eine Bibelkonkordanz. Die hier und in den folgenden Sätzen ausgeschriebenen oder benutzten Bibelstellen sind folgende: Deut. 28, 29. Job 5, 14 12, 25. Is. 1, 23; 19, 14; 50, 10. Matth. 15, 14. Luc. 11, 17. Joh. 11, 10. Apoc. 2, 5.
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Karl Zeumer: Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV. (Teil 1). Weimar: Hermann Böhlaus Nachfolger, 1908, Seite 11. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zeumer_Die_Goldene_Bulle.pdf/29&oldid=3412958 (Version vom 1.8.2018)