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Max Horkheimer (Hrsg.): Zeitschrift für Sozialforschung, 1. Jg 1932

Und gerade dieses spezifische Ergebnis der theoretischen Forschung Marxens verschwindet aus der ganzen bisherigen Diskussion über das Krisen- und Akkumulationsproblem. Es existiert für R. Luxemburg ebensowenig wie für Otto Bauer, Hilferding oder Bucharin. Sie alle bleiben in ihrer Analyse in der von der Wirklichkeit entfernten Sphäre des Wertschemas stecken, ohne sich darum zu kümmern, daß dieses Schema nur die erste Annäherung an die Wirklichkeit, nicht aber diese Wirklichkeit selbst darstellt. Sie übersehen, daß dieses Schema ohne die weiteren „Mittelglieder" kein geeignetes Mittel für die Erforschung der entwickelten kapitalistischen Produktionsweise und jener konkreten Formen ist, in welchen die Kapitale ,,in ihrer wirklichen Bewegung" sich gegenübertreten. Denn wie Engels richtig im Vorwort zum II. Bande des ,,Kapital“ sagt, „sind die Untersuchungen dieses Buch II . . . nur Vordersatze zum Inhalt des Buch III, das die Schlußergebnisse der Marxschen Darstellung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses auf kapitalistischer Grundlage entwickelt“ (Kapital, II, S. XXIII). Die im II. Bande des „Kapital“ gegebene Darstellung des Reproduktionsprozesses auf Basis der Wertschemata enthält somit nur die Vordersätze einer Beweisführung, deren Schlußsätze erst im III. Bande des ,, Kapital", in der Lehre von der Umwandlung der Wertschemata in Produktionspreisschemata folgen. Erst durch diese Lehre wird die Marxsche Gedankenkette geschlossen und das Annäherungsverfahren, in dem es durch alle Stufen hindurch bei der konkreten Wirklichkeit angelangt ist, beendet. Es ist allerdings eine sonderbare Manier der bisherigen Marxdiskussion, sich nicht an die Totalität der Marxschen Beweisführung auf allen ihren Stufen, sondern bloß an die aus dieser geschlossenen Gedankenkette herausgerissenen „Vordersätze", d. h. an die Wertschemata zu halten. Anstatt, wie die genannten Theoretiker meinen, Marx fortzuentwickeln, kehren sie alle zu jenem Punkte zurück: ,,unverstandenes Verhältnis zwischen Wert und Produktionspreis", an dem die nachricardosche Schule um 1850 stehen geblieben und schließlich gescheitert ist.

Empfohlene Zitierweise:
Max Horkheimer (Hrsg.): Zeitschrift für Sozialforschung, 1. Jg 1932. C. L. Hirschfeld, Leipzig 1932, Seite 84. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zeitschrift_f%C3%BCr_Sozialforschung_Jahrgang_1.pdf/106&oldid=- (Version vom 12.5.2022)