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Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

 Den Blick auf die heilige Familie gerichtet, liebe Brüder! Es ist Nacht. Da ruht die heilige Mutter und an ihrer Brust das Augenmerk Gottes und aller Engel. Herodes zürnt, er dürstet nach dem Blute des neugeborenen Königs: es ist zwischen dem Herrn und dem Tode nur ein Schritt. Aber es ist alles versehen. Der alles sieht und hört, hat Engel genug, die allzumal Diener sind derer, welche ererben sollen die Seligkeit, geschweige also des Herzogs unsrer Seligkeit. Die höchsten Engel, die allzeit des Vaters Angesicht schauen, wachen über den Kindern, also am liebsten über dem Kinde, welches Gottes Sohn und ihr eigener ewiger König ist. Eine heilige unüberwindliche Wacht ist um das Bettlein her, zahlreicher, stärker, wachsamer ist sie, als die, welche gezogenen Schwertes um Salomos Bette stand um der Furcht willen in der Nacht (Hohesl. 3, 8.). Wie Maria mit dem Kinde, so schläft auch in frommer Liebe zu JEsu der treue Eleaser, der Pflegevater JEsu, der heilige Joseph. Die Engel kennen ihn und seine wache Seele vernimmt auch im Schlafe ihre freundliche Zusprache. Gewarnt von einem Engel Gottes erwacht er und entführt dem Wütherich eilends die Beute, über die ihm keine Macht gegeben werden soll. Es ist eine weite Reise bis in Aegyptenland; Joseph war nie dort; die Wege waren nicht sicher, wie bei uns; es gieng durch unwirthbare Gegenden; man reist dort nicht gern allein. Aber Joseph geht allein, findet den Weg, findet Unterkunft, bleibt verborgen mit seinem Schatze, ist wohlversorgt, hat bei Myrrhen, Gold und Weihrauch, wird zur rechten Zeit von Engeln wieder heimgemahnt, kommt wieder, meidet das Land, wo Archelaus herrscht, und bringt das Kind und dessen Mutter nach Nazareth in Sicherheit. Eine Kette von gnädigen Führungen und glücklichen Fügungen, eine Reihe von Bewahrungen, aus denen augenscheinlich hervorgieng, daß dies Kindlein unter einem großen Schutz stand. Jacob nannte auf seinem Heimweg Einen Ort Mahanaim, weil er Engelheere sah; wo aber Christus war, da war überall Mahanaim, − auch verborgen und nicht immer offenbar, Engel trugen Ihn überall auf ihren Händen, daß Er Seinen Fuß an keinen Stein stieße, − Gott selbst geleitete Ihn hinein in Aegyptenland und aus Egypten hat Er Seinen Sohn gerufen. Wahrlich, da gieng eine unsichtbare Herrlichkeit himmlischen Glückes neben dem sichtbaren Unglück her: Glück und Unglück geleiteten JEsum nach Aegyptenland − das Glück aber war weit größer als das Unglück.

 Oder ists nicht so? Das Kind ist gering, arm, scheinbar verlaßen − und hat doch die beste Mutter, den frömmsten Pfleger, viele und die heiligsten, weisesten, gewaltigsten Diener und ein Vateraug und Herz im Himmel, das nicht schläft noch schlummert. Gieng es diesem heiligen JEsus doch immer so, so lange Er hier auf Erden war. Mit Seinen Jahren wächst Seine Last, Seine Arbeit, Sein Leid, bis Er endlich gar in die unbegreiflichen Todesleiden kommt und scheinbar darin untersinkt: immer steigendes, namenloses Unglück ist Sein Theil und wer hat gelitten, was Er, wie Er gelitten hat?! Aber − es ist doch wahr: das Leid starb, die Freude überwog und erwies sich als unsterblich. Ist Er nicht erstanden von den Feßeln des Todes und der Hölle? Hat Er sich nicht gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe? Ist Er nicht aus dem Gerichte genommen? Wer kann Seines Lebens Länge ausreden? Sein Leben war eine mühselige Wallfahrt, aber Er hat Seinen Platz gefunden in der Ruhe des wonnevollen Heiligtums! Für Ihn ist Wehe, Leid und Klage eine Unmöglichkeit geworden − und die Freuden Seines Vaters sind Sein ewiges Theil.

 Und wie bei Ihm, so ist es bei den Seinen. Das sieh an den Kindlein von Bethlehem. Das sind die Gespielen des HErrn JEsus Christus: Er vergißt sie nicht. Es sind Seine Altersgenoßen; die hat Er im Auge. Er kann nicht zugleich mit ihnen ins Paradies gehen; vor Ihm liegt noch ein ganzer Lebenslauf voll Thuns und Leidens zum Heile der Menschenkinder. Aber Er gibt ihnen die Seligkeit voraus. Haben sie um Seinetwillen das Leben eingebüßt, so werden sie es auch um Seinetwillen in einem unaussprechlich größeren Maße gefunden haben. Sind alle Kindlein des Bundes selig, die frühe sterben: warum nicht diese, deren Todesursache in so naher Berührung mit dem Ursächer alles Lebens und aller Seligkeit stand? Nicht allein selig, auch herrlich werden sie sein. Kinder können ja nicht anders Märtyrer JEsu werden, als auf die Weise, wie die Kinder von Bethlehem. Wenn zum Martyrium durchaus bewußter Glaube vorhanden sein müßte, so gäbe es keine Märtyrer, die es als Säuglinge geworden. Wie immer Säuglinge Märtyrer werden konnten, wurden es die Kinder von Bethlehem. So werden sie auch Märtyrerkronen empfangen haben,

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Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 057. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/68&oldid=- (Version vom 22.8.2016)