Seite:Wilhelm Löhe - Evangelien-Postille Aufl 3.pdf/63

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

Am Sonntage nach dem Beschneidungsfeste des HErrn.

Evang. Matth. 2, 13–23.
13. Da sie aber hinweg gezogen waren, siehe, da erschien der Engel des HErrn dem Joseph im Traum und sprach: Stehe auf und nimm das Kindlein und seine Mutter zu dir, und fleuch in Aegyptenland und bleibe allda, bis ich dir sage; denn es ist vorhanden, daß Herodes das Kindlein suche, dasselbe umzubringen. 14. Und er stand auf und nahm das Kindlein und seine Mutter zu sich, bei der Nacht, und entwich in Aegyptenland; 15. Und blieb allda, bis nach dem Tode Herodis, auf daß erfüllet würde, das der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: Aus Aegypten habe ich meinen Sohn gerufen. 16. Da Herodes nun sah, daß er von den Weisen betrogen war, ward er sehr zornig, und schickte aus und ließ alle Kinder zu Bethlehem tödten und an ihren ganzen Grenzen, die da zweijährig und drunter waren, nach der Zeit, die er mit Fleiß von den Weisen erlernet hatte. 17. Da ist erfüllet, das gesagt ist von dem Propheten Jeremia, der da spricht: 18. Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehöret, viel Klagens, Weinens und Heulens; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten laßen, denn es war aus mit ihnen. 19. Da aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des HErrn dem Joseph im Traum in Aegyptenland, 20. und sprach: Stehe auf und nimm das Kindlein und seine Mutter zu dir, und zeuch hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kinde nach dem Leben standen. 21. Und er stand auf und nahm das Kindlein und seine Mutter zu sich, und kam in das Land Israel. 22. Da er aber hörete, daß Archelaus im jüdischen Lande König war, anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich dahin zu kommen. Und im Traum empfieng er Befehl von GOtt und zog in die Oerter des galiläischen Landes; 23. Und kam und wohnete in der Stadt, die da heißt Nazareth, auf daß erfüllet würde, das da gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazarenus heißen.

 DAs Hervorstechende in diesem so eben gelesenen Evangelium ist ohne Zweifel das große Unglück der Stadt Bethlehem. − Zwar haben einige versucht, Bethlehems Unglück nur als ein kleines darzustellen. Sie fanden bei den nichtchristlichen Schriftstellern des Altertums keine Erwähnung davon und konnten sich das, so manche Erklärung sich denken läßt, doch auf keine andere Weise erklären, als durch die Annahme, der ganze Vorfall habe sich durch seine Unbedeutenheit der Aufmerksamkeit jener Schriftsteller entzogen, bei denen man doch außerdem glaubte eine Erwähnung desselben erwarten zu dürfen. Allein das ist denn doch einmal unverkennbar, daß die Darstellung des heiligen Matthäus nur auf eine schwere Unthat Herodis und auf ein großes Unglück Bethlehems paßt. Und nicht minder gewis ist es, daß die weißagende Stelle von der weinenden Rahel, die sich über Abführung ihrer Nachkommen in die Gefangenschaft nicht trösten laßen will, auf den bethlehemitischen Kindermord nicht ausgelegt worden wäre, wenn dieser sich mit jener alttestamentlichen Trauer Rahels nur übertriebener Weise vergleichen ließ. Matthäus wollte Bethlehems Unglück als groß darstellen − und würde, hätte er übertrieben (daß ich ja so unehrerbietige Worte an heiliger Stätte gebrauche), das Urtheil so vieler Leser, in deren Hände sein Bericht kam, und welche die Geschichte noch wißen oder leicht erfahren konnten, zu scheuen gehabt haben. − Wollen wir nun auch alten Ueberlieferungen bei den Aethiopiern und Griechen, nach welchen vierzehntausend Kinder umgekommen sein sollen, keinen Glauben beimeßen; so war doch Bethlehem damals gewis bedeutender als jetzt, wo man etwa sechs hundert waffenfähige Männer darin zählt. Josephus, der Geschichtschreiber der Juden, erzählt, daß zu jener Zeit in dem reich bevölkerten Galiläa allein zwei hundert und vier Städte und Flecken

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 052. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/63&oldid=- (Version vom 22.8.2016)