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Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

Antwort auf diese Frage ist genug vorhanden, überall im neuen Testamente, besonders auch in unserm Texte. JEsu sollst du Barmherzigkeit erweisen, und Er erscheint dir in allen Seinen dürftigen Brüdern. Wir wollen einmal annehmen, daß der Ausdruck „JEsu Brüder“ hier im engsten Sinne genommen sei, daß nur Menschen darunter verstanden seien, welche im Glauben an Christo hangen. Wir wollen annehmen, daß bei allen denen, welche Christo angehören, die untrüglichen Früchte und Zeugnisse ihres Lebens untrüglich zu Tage stehen und daß wir das sichere, untrügliche Auge haben, allezeit die Frommen von den Bösen zu unterscheiden. Wir wollen einen strengen Satz aufstellen, und nur diejenigen zu den Christen rechnen, welche neben dem reinen vollen Bekenntnis der Wahrheit einen Wandel führen, der vor Menschengericht in nichts dem Bekenntnis widerspricht, d. i. die Glaubensgenoßen im engsten Sinn. Hätten wir nun also die Zahl der Brüder JEsu recht klein gemacht und uns besonnen, wer unter den uns bekannten Menschen in dies kurze Verzeichnis und Register der Brüder JEsu zu setzen sei; so würde sichs nun fragen, ob wir denn gegen die kleine Anzahl von uns erkannter, frommer Brüder JEsu dauernde Barmherzigkeit geübt haben? – Aber nun nennt ja der HErr nicht bloß die Seine Brüder, welche zu einer gewißen Zeit Seine Brüder gewesen sind, sondern auch die, welche es hernachmals wurden oder werden konnten. Ja, es scheint sogar, als wenn Er, was die Pflicht der Barmherzigkeit anlangt, alle die, welche Menschen, wie Er, und von Ihm zu Seinem Reiche berufen waren, in unserm Texte Seine Brüder nennete. Es stehen alle Völker vor Ihm und ohne Unterschied spricht Er von Seinen geringsten Brüdern also, als wären auch die verkommensten Heidenseelen zu diesen geringsten Brüdern zu rechnen gewesen. Denn auf irdische Geringheit und Größe sieht doch Er nicht, und der Seinen, die an Ihn glauben, dürfte doch kaum einer gering genannt werden; so mögen wohl die Gläubigen und Heiligen an jenem Tage Seine hohen, auserwählten, die andern aber − mit Einschluß derer, die verloren werden, Seine geringen und geringsten Brüder genannt werden. Es wäre also, was die Barmherzigkeit anlangt, der Brudername weit auszudehnen. Wenn wir uns nun nach einer solchen Deutung richten, wie steht es dann mit unserer barmherzigen Liebe? Wie fällt unsere Antwort? Wohin stellt uns unser Gewißen, zur Rechten oder zur Linken, unter die Schafe oder unter die Böcke? Haben wir am Ende dieses Kirchenjahrs zu jubilieren oder zu weinen? − Und ob wir die Grenze weder engerten wie zuerst, noch weiterten wie zuletzt, ob wir dem Brudernamen irgend eine dazwischen liegende Deutung gäben: wie wir ihn nehmen wollen, es wird uns immer Ursache genug bleiben, an unsere Brust zu schlagen und zu sprechen: „Geh nicht ins Gericht mit Deinen Knechten, denn vor Dir ist kein Lebendiger gerecht!“


 Ach schon die Ueberlegungen, welche wir vorgenommen haben, können uns demüthigen! Aber laßet uns weiter gehen, laßt uns unsere Herzen nicht schonen, laßt uns ferner uns erniedrigen durch Betrachtung unserer Niedrigkeit und Bosheit, bis unser Stolz zerbricht und, wenn es in uns stockfinstere Nacht wird, der Morgenstern der Gnade, der Vorbote eines neuen Lebens über uns aufgeht!

 Wenn wir lebenslänglich Barmherzigkeit geübt haben, dennoch sind wir des göttlichen Wohlgefallens am Gerichtstage nicht sicher. Sehet einmal auf die Schafe JEsu in unserm Texte. Gewis werden Seine Schafe Barmherzigkeit zu Seiner Ehre üben, gewis werden ihre Werke der Barmherzigkeit Dankopfer für Seine Barmherzigkeit sein, gewis werden sie auf ihre Werke nicht weiter bauen als zum Zeugnis ihrer Liebe, ihres Dankes, ihres Glaubens. Aber so viel werden sie doch hoffentlich von ihren Werken sagen dürfen, daß sie Werke haben, daß sie mit denselben des Königs Ehre meinten, danken wollten und Glauben beweisen? − Und doch entschwindet ihnen vor dem Lichte des Angesichtes JEsu auch dies, und, vorausgesetzt, daß Er, was sie thun, als Ihm gethan erkennen werde, können sie zwar Seine Huld und Gnade faßen, aber das nicht, daß sie in den armen Brüdern, die sie liebten, Ihm, dem Herrlichen, einen Gottesdienst geleistet haben sollen. „HErr, wann haben wir Dich hungrig gesehen, rufen sie? wann durstig? wann einen Gast? wann nacket? wann krank? wann gefangen?“ Aus ist aller Ruhm. Es sind Menschen, die der HErr rühmt, − sie sind und leben in einer Zeit, an einem Orte, unter Umständen, wo unedle Bescheidenheit, wie alle Lüge, verschwindet, wo die Wahrheit allein redet: und siehe, sie sehen Ihn, ihren HErrn, Seine Herrlichkeit,

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 153. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/492&oldid=- (Version vom 31.7.2016)