Seite:Wilhelm Löhe - Evangelien-Postille Aufl 3.pdf/200

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

hat, welcher dem unsern ähnlich war, − und wir können, wenn wir den richtigen Unterschied machen, von dem Leibe JEsu, wie ihn Seine Jünger sahen, ganz wohl Schlüße auf unsern dereinstigen Leib machen. Auch unser Leib wird ein wahrhaftiger sein und kein Scheinkörper: wir werden in ihm wandeln und handeln sicherlich nicht weniger leiblich als hier. Denn der rechte, von Gott gewollte Leib ist nicht der Leib unsers Falles und Todes, sondern der ewige, und sein Thun wird das rechte leibliche Thun sein. Auch unser Leib wird in dem Raume sein, wie Christi Leib nach der Auferstehung; aber, wenn schon unser Leib nicht so unabhängig vom Raume sein wird, wie der Leib des HErrn, so werden wir doch in einer ganz andern Weise wie bisher des Raumes Meister sein, und unser Kommen, Bleiben, Gehen wird nach der Aehnlichkeit des auferstandenen Leibes JEsu geschehen. Jetzt faßen wir das nicht, und so manches Licht uns aus solchen Betrachtungen kommt, es bleibt uns doch auch noch vieles dunkel; unsre Erkenntnis ist wie eine lichte Wolke, die, obschon sie voll Lichtes ist, dennoch schattet. Dennoch aber wißen wir damit genug, um uns der Auferstehung Christi und unsrer eigenen kommenden Auferstehung zu freuen und alle unsre Sehnsucht, allen unsern Fleiß dahin zu kehren, daß wir die Auferstehung der Gerechten nicht versäumen, sondern viel lieber unser ganzes Leben für ein „Entgegenkommen“ zur Auferstehung erkennen dürfen. Erreichen wir sie, dann werden wir nicht bloß alles im Lichte sehen, was uns hier vom Zustand verklärter Leiber dunkel bleiben muß, sondern wir werden es im Licht erfahren, an uns selbst erfahren, werden sein und leben und wandeln wie unser HErr und mit Ihm. Dann wird es zwar keine Emmausgänge mehr geben, aber seligere Gänge, aus und ein zu den Thoren Seiner hochberühmten Stadt. Wer kann hier seinen Mund aufthun und erzählen? Zwar die Schrift schweigt nicht, ihre Worte vom Leben in der Ewigkeit sind reich und herrlich. Aber wer will die Weißagung auslegen, ehe sie erfüllt ist? Wer das Land der ewigen Zukunft schildern oder rühmen, als wäre es bereits unser? Genug, daß wir dorthin gehen, daß wir den Hafen durch des HErrn Hilfe ohne Schiffbruch erreichen werden, daß unsre Stadt und unsre Wohnung schon bereitet ist − und daß der Tag immer näher kommt, wo es allgemeine Ostern werden und der HErr in Millionen Gliedern Seines Leibes wieder auferstehen wird! Das stehe uns fest, das versiegle uns der Geist des HErrn, wenn wir nun sterben werden, und wenn uns aller Boden unter den Füßen weicht, dann sei uns das gewis, daß wir auferstehen werden, wie unser HErr, und daß wir bis zum Tage der Auferstehung gleich dem Schächer der Seele nach in Seinem Paradiese wohnen werden. Zu solchem Glauben, welcher den Tod überwindet, helfe uns der Fürst des Lebens nach Seiner Gnade! Amen.




Am Sonntage Quasimodogeniti.

Evang. Joh. 20, 19–31.
19. Am Abend aber desselbigen Sabbaths, da die Jünger versammelt und die Thüren verschloßen waren, aus Furcht vor den Juden, kam JEsus und trat mitten ein und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! 20. Und als Er das sagte, zeigte Er ihnen die Hände und Seine Seite. Da wurden die Jünger froh, daß sie den HErrn sahen. 21. Da sprach JEsus abermal zu ihnen: Friede sei mit euch! Gleichwie Mich der Vater gesandt hat, so sende Ich euch. 22. Und da Er das sagte, blies Er sie an und spricht zu ihnen: Nehmet hin den heiligen Geist! 23. Welchen ihr die Sünden erlaßet, denen sind sie erlaßen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. 24. Thomas aber, der Zwölfen einer, der da heißt Zwilling, war nicht bei ihnen, da JEsus kam. 25. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den HErrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Es sei denn, daß ich in Seinen Händen sehe die Nägelmale, und lege meine Finger in die Nägelmale, und lege meine Hand in Seine Seite, will ich es nicht glauben. 26. Und über acht Tage waren abermal Seine Jünger drinnen und Thomas mit ihnen. Kommt JEsus, da die Thüren verschloßen waren,
Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 189. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/200&oldid=- (Version vom 28.8.2016)