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geachtet hätte, nun aber voll Verlangens wäre, selig zu werden. Du selbst wünschtest ihn durch dein Amt zur Seligkeit zu fördern. Was thätest du? Würdest du nun anfangen, die ganze Glaubenslehre vor des Kranken Ohren zu entwickeln? Würdest du auf vollständiges Lernen und Erkennen dringen? Du hättest ja keine Zeit und der Kranke weder Zeit, noch Kraft. Du würdest mit Nicolaus Hunnius in seiner Epitome credendorum p. 225 den Grundsatz festhalten: „Das Wort, aus welchem der Glaube ohne Mittel entspringt, ist die Lehre von der allgemeinen Gnade Gottes und dem allgemeinen Verdienst des HErrn Christi“; du würdest also diese Lehre predigen, Buße und Evangelium würdest du predigen. Und wenn es dir gelänge, deinen Kranken zur Erkenntnis der Sünde und zum Verlangen nach dem Heile Gottes in Christo, ich will gar nicht sagen: „zum Vertrauen auf Christi Verdienst“ zubringen, – und er stürbe dir in solchem Zustande; so würdest du hoffnungsvoll in die Hände klatschen und ihn selig preisen. Und was hätte ihn dann selig gemacht? Ein Tropfen Wahrheit, ein wenig Buße, ein wenig Zuflucht zu dem, der des Tropfens Quelle und eine Fülle aller armen, verlangenden Seelen ist. – So werden also auch in der Kirche, welcher du angehörst, manche, oder ists unrecht, zu sagen: „die allermeisten“ durch Stücke der Wahrheit selig. Denn auch die vollkommenste Erkenntnis auf Erden ist doch nur Stückwerk. – Nun sind es, Gott Lob! noch Hauptstücke der Wahrheit, welche auch sonst verderbten Kirchengemeinschaften übrig sind: das Gesetz, der Glaube, das Vater unser, die Taufe, die Absolution, das h. Mahl, so manch edles Stück der h. Schrift etc. finden sich hie und da, und ebendamit die Möglichkeit, zur Buße und zum seligmachenden Glauben zu gelangen. Der Geist des HErrn ist ja allmächtig; sollte es Ihm unmöglich sein, den von Ihm beabsichtigten Eindruck der Gebote, des Glaubens, der übrigen unverderbten Stücke aus Gottes Wort, den Segen der Taufe, die Erhörung des Vaterunsers zu erreichen? Schwer ist es, im Nebel fremder Gemeinschaften den Weg zum Leben zu finden; aber möglich bleibts doch und Beispiele und Belege dazu aus der Geschichte der Völker und Seelen wird der jüngste Tag genug liefern.