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„Wie kann das sein, daß zur Zeit der Apostel schon der letzte Befehl des HErrn (Gehet hin etc.) in Erfüllung gegangen ist?“ während man um des Neins willen, das im Herzen ruht, untüchtig wird, des Apostels Worte ganz einfach zu nehmen, – während man da die Worte zu drehen und an ihnen zu mäkeln und eine hyperbolische Bedeutung unterzulegen anfängt; sehen im Gegentheil die Bekenner der Lehre von der allgemeinen Gnade in Pauli Worten eine Bestätigung ihrer Lehre; sie finden in seinen Worten weiter nichts, als eine concrete Anwendung der abstracten Lehre. Ja, sie wißen Pauli Sinn gegen die Verdreher desselben in folgender Weise ganz wohl zu vertheidigen:

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 1. Thess. 4, 15 ff. spricht Paulus ganz einfach die Hoffnung aus, mit dem damaligen Geschlechte von Menschen die Wiederkunft des HErrn zu erleben. Wenn man nun gleich dagegen einwenden wollte: „Paulus kann hier nur gesprochen haben, wie einer, dessen Beruf es ist, auf seinen HErrn zu warten; denn Christus hat vor seiner Auffahrt ein Wort gesprochen, das Paulus gewis auch wußte: „Es gebührt euch nicht, zu wißen Zeit oder Stunde;“ so muß man doch auch die Antwort entgegennehmen: So wenig man wißen konnte, daß die Stunde Christi zu Pauli Zeit kommen würde, eben so wenig konnte man sagen: sie kommt nicht. Und eine Möglichkeit, daß die Stunde zu Zeiten Pauli kommen konnte, liegt doch mindestens in den Worten des Apostels. Liegt aber diese Möglichkeit darin, so mußte der h. Paulus in den von ihm Röm. 11, 25. wiederholten Worten des HErrn: „Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis daß der Heiden Zeit erfüllet wird“ (Luc. 21, 24.) – und in jenen andern: „Es wird gepredigt werden das Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zu einem Zeugnis über alle Völker, und dann wird das Ende kommen“ (Matth. 24, 14.) kein Hindernis für seine Hoffnung sehen. Das aber heißt jeden Falls nichts anders, als: er muß es für möglich erachtet haben, daß noch zu seinen Zeiten das Evangelium und seine Berufung zu allen Völkern und Menschen komme. Er hat also für möglich gehalten, was etliche jetzt noch nicht für möglich halten; – und daß ers nicht auf Wunderwegen der Allmacht