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 Dem HErrn hat es von Anfang her gefallen, seine Wahrheit durch Menschen auszubreiten, seine Kirche durch die Kirche zu mehren, sie nicht blos zu einer Versammlung der Gläubigen, die es sind, sondern auch zu einem Versammlungsorte für diejenigen zu machen, welche erst glauben sollten und sollen. Das ist wahr! Aber das soll die armen Diener Gottes nicht trunken machen, das soll sie demüthigen, da es ja die Kirche mit nichts verdient hat, eine Trägerin seligmachender Gnadenmittel zu sein. Womit sie andere selig macht, dadurch wird sie ja selber selig. So hell und schön die Kirche immer sei, weit über ihr schwebt ja doch ihr festes prophetisches, ihr apostolisches Wort, ihr helles Licht, in welchem der HErr selber kommt, zu erleuchten alle, die in die Welt kommen. Der HErr erleuchte nur fernerhin Sein gnädiges Angesicht über uns durch Sein Wort, so wollen wir gerne thun, was etliche vergeßen, vom Worte zeugen und uns vor ihm beugen, – mit Aug und Sinn an Seinem lichten, klaren Worte hangen, bis ER kommt.


8. Das helle Wort kann die Tradition entbehren.


 Nachdem man einmal die Lehre von der Klarheit und Gemeinverständlichkeit der h. Schrift in allem, was zum ewigen Leben nöthig ist, behauptet hat, ist es von keinem großen Belang, zu erforschen, ob es eine Tradition oder mündliche Ueberlieferung nicht aufgeschriebener, apostolischer Worte gebe. Daß die h. Schrift den ganzen Kreiß seligmachender Lehre vollständig und klar beschreibe und uns auch nicht in einem einzigen wichtigen Stücke im Unklaren laße, bedarf keines Beweises, zumal wir zum voraus mit Gewisheit versichern können, daß für einen etwaigen Mangel der h. Schrift die Tradition gewis keinen sichern Ersatz böte. Ist aber das der Fall, so könnte durch Tradition entweder nur dasselbe oder anderes, als in der Schrift steht, den Menschen mitgetheilt werden. Wäre es dasselbe, so wäre es überflüßig; wäre es etwas anderes, so wäre es nicht blos überflüßig, sondern auch alles Mistrauens und bei offenbarem Widerspruch gegen