Seite:Wilhelm Löhe - Drei Bücher von der Kirche.pdf/18

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

unverändert durch die Zeiten gehen, bis er sich an jenem großen Tage in das hochberühmte Meer der ewigen Seligkeit vollends ergießen wird. Und gleichwie Eines Stromes Waßer einerlei Tropfen haben, so sind alle Kinder des großen Stromes, der da Kirche heißt, zu allen Zeiten von einerlei Art gewesen und werden es sein. Aller Menschen Geschlechter sind von einerlei Blut entsproßen und darum Eines Geblütes; so sind auch alle Kinder der Kirche von Anfang her Eines Geistes theilhaftig, Eines geistlichen Geschlechtes. Bin ich in meiner Zeit ein Tropfen des großen Stromes, ein Glied der Kirche, so bin ich ein Bruder der Väter vor mir und der Kinder nach mir. Es ist kein Unterschied zwischen dem ersten und dem letztgeborenen Kinde der Kirche, als die Zeit, und die vergeht, so daß hernachmals gar keiner mehr übrig bleibt. Wir alle zusammen vom Anfang bis zum Ende sind Eine heilige und selige Gemeine Gottes, des Allerhöchsten. Und um diesen Gedanken in seiner vollen Wahrheit und Freude zu ergreifen, fehlt uns nichts, als daß er in uns lebe und wir in ihm.

.

 Wenn die Kirche, der wir angehören, erst drei Jahrhunderte zählte, so müßte man sie schon darum eilenden Fußes verlaßen. Sie wäre dann zu jung, eine neue Kirche. Und neu und falsch (ich wiederhole) ist einerlei in diesen Dingen. Aber es ist nicht wahr, sie ist nicht neu. Gleich einer schönen, wunderbaren Blume sproßt die Kirche durch alle Zeiten herauf; aus einer Blüthe kam von Anfang her immer wieder der Stengel einer neuen, der vorigen gleichartigen, herrlichen Blüthe und eine neue Blüthe selber. Zu verschiedenen Zeiten verschiedene Blüthen Einer Blume, – das sind die verschiedenen Gestaltungen der Einen wahren Kirche in der Zeit. Der Einen, durch alle Zeiten perennirenden Blume jüngster Blüthenstengel trieb vor drei Jahrhunderten, und nun eben harrt die Welt, die Blüthe dieses Stengels sich in voller Schönheit entfalten zu sehen. Wenn dann auch Neid wider das Kleinod und Wunder der Erde sich erhebt, was liegt dran? Sie ist ja doch, was sie durch Gottes Gnade ist, die ächte Blüthe des Einen alten, niemals alternden Gewächses, der frischeste Beweis der einen, niemals alternden Kraft der Einen Kirche Gottes. – Wie lang es