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den Millionen, deren jeder Christum ganz und völlig und mit Ihm Himmel und Erde hat!


2. Die Gemeinschaft der Kirche ist Eine hier und dort.


 Daß ich nicht allein bin, daß ich nicht alleine walle, daß mit mir zugleich eine Gemeine Gottes durch das Jammerthal pilgert, ist mir ein so erfreuender, heimatlicher Gedanke. Mitten in der öden Wüste dieses Lebens kann mir schon dieser Gedanke alles Leid in Vergeßenheit bringen. Nun aber ist die Gemeinschaft der Heiligen kein bloßer Gedanke, sondern unumstößliche Gewisheit. Ich weiß aus Gottes Munde, daß ich nicht allein bin, daß ich „zum Hause Gottes walle unter Haufen, die da feiern.“ Ob ich sie kenne, diese Haufen, ob ich die einzelnen Pilgrime mit Namen nennen kann oder nicht, was liegt daran? „Der HErr kennt die Seinen,“ und aus Seinem Munde weiß ichs, daß ihrer eine große Schaar ist aus allen Geschlechtern. Wie sollte ich Ihm nicht trauen? Ja, meine Augen liefern mir den Nachweis zu dem, was ich aus Gottes Munde weiß. Denn ich sehe ja um mich her in näheren und ferneren Kreißen so manche Menschen, welche ich für Gottes Kinder zu halten gute Gründe habe. Ich weiß es freilich nicht mit göttlicher Gewisheit, aber mit einer fast zuversichtlichen Wahrscheinlichkeit, daß der und jener unter meinen Freunden ein ewig gewonnenes Gotteskind ist.

 Des freue ich mich oft von Herzen, aber leider, meine Freude bleibt auch nicht ohne Schmerz. Denn der Tod zehntet unter den mir theuern Seelen. Wie Lichter verlöschen, verlischt einer um den andern in der leuchtenden Schaar meiner Freunde, die verlaßenen Stellen bezeichnen dunkle Flecke, und selten tritt ein anderer Stern an die verlaßene dunkle Stelle. Das wirkt Schmerz und Sehnsucht!

 Doch ich vergeße nicht, daß nur meinen Augen entschwunden, nur auf höhere, mir entlegenere Stellen des göttlichen Reiches vorgerückt sind die Brüder, die ich meine, – und was ich so schmerzlich empfinde, ist nur der selige Fortschritt der Zeit meiner Brüder zur schönen Ewigkeit,