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feierlich gewarnt, und alle nüchternen und besonnenen Ausleger haben die Warnung verstanden und sich von dem Geiste falscher Prophezei mit nichten dahin die Sache verkehren laßen, daß sie unter dem Schafpelz die Lehre, und unter den Früchten, nach denen man richten soll, die Werke verstanden hätten. Sie haben aus Luc. 6, 45 gelernt, daß des bösen Baumes Art zunächst am Wort und der Lehre erkannt werde, darum an Lehre und Bekenntnis alle, allerdings von Gott erheischte äußere Heiligung des Lebens erst geprüft werden müße. Lehre und Bekenntnis helfen den Menschen recht erkennen; aber äußerlicher Wandel ist trügerisch, da auch Heiden, Juden und Muhamedaner oftmals sich darin auszeichnen, und selbst der Antichristus eine gewisse Art des äußerlichen Lebens zu erheucheln nicht versäumen wird.

 Indes wäre es gerade unsern römischen Gegnern nicht nöthig, sich den Ruhm eines heiligen Lebens anzumaßen und uns das Gegentheil aufzurücken. Denn so ist der Ruhm gemeint. Die Klagen der älteren Zeit über das Leben des römischen hohen und niederen Clerus, der Mönche und Nonnen und des römischen Volkes überhaupt sind noch nicht verstummt. Oft findet man selbst bei den römischen Gemeinden, welche mitten unter Protestanten wohnen, eine Rohheit und Bosheit, durch welche sie in ganzen Gegenden ausgezeichnet sind, da sie doch schon der Gegensatz – unreiner Maßen zwar – erwecken könnte, ihrem Glauben durch äußeres Wohlverhalten Ehre zu machen. Manchmal erweckt auch der Gegensatz Achtsamkeit, und man erkennt zuweilen gerade im Vorhandensein benachbarter Protestanten den Grund und Reiz zu äußerlicher Ehrbarkeit. Von den rein römischen Gegenden und Landen her dringt auch jetzt noch kein sonderlich gutes Gerücht. Wir wollen diesen Punkt nicht sonderlich hervorheben, so sehr wir es vermöchten. – Die protestantischen Particularkirchen brauchen das anlangend die Vergleichung mit den römischen Gemeinden nicht zu scheuen. Wäre die Heiligkeit des äußerlichen Lebens wirklich ein Kennzeichen der wahren Kirche; so würde der Sieg sich leicht auf unsere Seite neigen.

 Wir wißen es wohl, daß unsre Gegner gerne auf den Mann Luther deuten und allen Fleiß anwenden, um ihm ein übles Gerücht