Seite:WalserGiftmörderin.pdf/9

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

ein Papier, auf welches man schreiben könne, was man wolle; ein solcher Mensch aber, der keine Religion und kein Gewissen habe, sinke immer tiefer etc. Als sie beim Arzt Stockar in Frenkendorf das für ihren Mann bestellte Gift holen wollte, trug sie ein Gebetbuch (Kirchenbuch?) unterm Arm und ging unmittelbar darauf zur Kirche, da es eben Sonntag war. Eimal im Verhör befragt, ob ihr Etwas im Gefängnisse mangle, verlangte sie, daß man ihr die Stunden der Andacht, den Zollikofer und ihre Brille von Hause kommen lasse, weil sie bereits schwache Augen habe. Ein andermal bekannte sie mit Weinen, daß sie der Händel mit ihrem Manne wegen seit 2 Jahren nicht mehr kommunizirt habe. Aus dem Gefängnisse schrieb sie mit Bleistift einen Brief an ihre lieben Söhne zu Hause, worin sie dieselben zu Gebet und Glauben an Jesum den Erlöser ermahnte und sie beauftragte, keine Theilung vorzunehmen, bis ihre Sache ausgemacht sei. Auch besitzt sie einen schönen Vorrath von geistlichen Liederversen, die sie bei Gelegenheit aus dem Gedächtnisse hersagt.

Welch ein Widerspruch zwischen Wort und That! Wie oft mußte nicht schon die Religion der schlechten Gesinnung Schild sein! Man traue ja den Wortgottesreutern nicht! Auch der Teufel nahm Bibelsprüche in den Mund, als er den Heiland zum Abfall bewegen wollte.



Empfohlene Zitierweise:
Johann Ulrich Walser: Die Giftmörderin. J. U. Walser, Arlesheim 1840, Seite 5. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:WalserGiftm%C3%B6rderin.pdf/9&oldid=- (Version vom 9.6.2017)