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gelangen, dass wir es grösstenteils mit Kunsterzählungen, nicht mit sorgfältig den Erzählern nachgeschriebenen Stücken zu tun haben. Man müsste zwar in Betracht der damaligen, in Europa wohl überall gleichen Auffassung der kritischen Sammelmethode im vorhinein auf der Hut sein, wenn man ältere Sammlungen – gleichgültig welcher Herkunft – zur modernen literarischen Forschung benützen wollte; man muss jedoch trotzdem ganze Bände vergilbter Briefe durchsehen, unerquickliche Polemiken jener Zeit aufmerksam durchlesen und Haufen von alten Zeitungen durchstöbern, um schliesslich zu der festen Überzeugung zu gelangen, dass z. Beispiel die bei Wollner wohl ohne Absicht fehlenden Sammlungen von Malý, Krolmus oder Mikšíček vollkommen wertlose Kompilationen aus einem höchst verdächtigen, bis jetzt nicht näher bekannten Materiale seien, dass die reizenden Erzählungen in den 7 Bändchen von Božena Němcová zwar – besonders vom 3. Bande an – nach den dem Volke abgelauschten Märchen manchmal wirklich höchst künstlerisch gebildet sind, jedoch viel deutlicher die Individualität der Schriftstellerin als jene des Volkes zeigen, dass endlich selbst die von Erben gesammelten und mit Anmerkungen über ihre Herkunft versehenen prosaischen Märchen wundervoll erzählt, jedoch von dem Autor aus verschiedenen Varianten zusammengesetzt und mit eigenen Worten und individuell stilisiert wiedergegeben werden. Die Sammlungen von Němcová und Erben besitzen also vor den obenerwähnten den Vorzug, dass sie ein Kunstwerk sind, was man von der in den fünfziger Jahren an beginnenden, mit jeder Auflage umfangreicheren und auch verdächtigeren Sammlung von »z Radostova«, welche schon durch ihren Stil sich selbst als ein wissenschaftlich wertloses Machwerk kennzeichnet, nicht sagen kann.

Es bleibt somit aus der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts keine einzige Märchensammlung aus Böhmen, welche man als eine treue Wiedergabe des Volksgeistes bezeichnen könnte; und von der späteren Zeit lässt sich leider kaum viel Günstigeres berichten. Die künstlerische Bearbeitung lässt nach, die wissenschaftliche Verwertung tritt erst viel später ein. Sammlungen, wie diejenigen von Hraše, welche gleichzeitig der Kinder- und Gelehrtenwelt dienen wollen, verfehlen nach beiden Richtungen hin vollkommen ihren Zweck und vereinzelte Versuche, die weniger als mittelmässige Volkslektüre durch populäre Ausgaben von angeblich treu dem Volke nacherzählten Stücken (wie z. B. die von Popelka

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Václav Tille: Das čechoslavische Märchen. Crosman & Svoboda, Prag 1907, Seite 135. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Tille_Das_%C4%8Dechoslavische_M%C3%A4rchen.djvu/4&oldid=- (Version vom 1.8.2018)