Seite:Therese Stählin - Auf daß sie alle eins seien.pdf/102

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

dem größten Widerspruch der Welt, lösen sich alle Widersprüche. Er verwehrt, um zu geben.

 Das sind nur so ein paar Sätze. Aber Du lagst mir dabei so im Sinn, und ich lag mir selber im Sinn mit meinem Himmelkron. Wollt Ihr zu Gott recht ernstlich rufen, daß uns nur Sein Weg gezeigt werden möchte klar und licht, – wir wollen ihn ja gehen.

 Grüße die Schwestern herzlich...
 Gestern kam der Pelzmärtel.

Deine Therese.


An Schwester Selma Trautwein.
Neuendettelsau, 15. November 1892

 Meine liebe Schwester Selma, Dein erster Geburtstag in Lindau! Wie bin ich so dankbar, daß es gut geht! Aber Du weißt, daß fortwährendes Wachen und Beten not tut. Gott schenke Dir ein helles, scharfes Auge, die Dinge zu erkennen, wie sie wirklich sind, und einen starken Mut der Wahrheit und ein liebewarmes Herz.

 ...Ich möchte Euch so das Individualisieren ans Herz und aufs Gewissen legen: nehmt die Menschenseelen besonders, jede besonders, geht auf die Eigenheit ein und sucht der einzelnen zu helfen und zu dienen.

Ich grüße Euch alle herzlich. Deine Mutter.


An Schwester Marie Wörrlein.
Neuendettelsau, 11. Dez. 1892

 Meine liebe Schwester, ich denke noch des Tages, da ich Dich mit unserem lieben seligen Hirten in St. Peter einführte. Er hat Dir damals gesagt, wie für unseren Dienst das tief inwendige Mitfühlen mit dem Elend nötig sei. Wir müßten in unserem Kämmerlein Tränen haben für die Not unserer Brüder. Daran hast Du gewiß oft gedacht. Siehe, und ich meine, das würde die vielbesprochene soziale Frage einfach lösen, wenn die im Unglück seufzenden Menschen das tiefe Mitleid ihrer Brüder zu fühlen bekämen. Eine Gabe kalt und fühllos hinlegen, das ist es nicht, was man begehrt. Das Einstehen füreinander, wie es die Kirche lehrt mit ihrem großen

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Auf daß sie alle eins seien. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1958, Seite 100. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Auf_da%C3%9F_sie_alle_eins_seien.pdf/102&oldid=- (Version vom 14.8.2016)