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TAFEL 44
SPIEGELRAHMEN IN DEM ARCHITEKTONISCHEN AUFBAU
EINES WANDEPITAPHS MIT REICHEM GETRIEBENEN
FIGURENSCHMUCK UND SCHWEIFWERK-ORNAMENT
SOWIE MIT HINTERMALTEN GLASMEDAILLONS BESETZT.
DIE FIGUREN VERKÖRPERN DEN TRAUM DES PROPHETEN
DANIEL VON DEM EWIGEN REICH. ARBEIT DES WARBURGER
MEISTERS ANTON EISENHOIT, VOLLENDET 1592



Wandspiegel in reich ausgestatteter silbervergoldeter Umrahmung mit silbervergoldetem Deckel (auf Tafel 45). Die Umrahmung ist nach der Art gleichzeitiger Wandepitaphien architektonisch gegliedert. Der Spiegel steht, in schmalem Rahmen von zwei freistehenden Säulen flankiert, zwischen zwei nach beiden Seiten verlängerten Gesimsen, die an den Enden auf Schneckenwindungen von Figuren besetzt sind. Zwischen den Gesimsen ist seitlich von den Säulen noch je ein Nischenanbau für zwei stehende Krieger. Über dem Kranzgesims ein spitzgiebeliger Aufbau, unter dem Gurtgesims ein Gehänge in Dreiecksform, das durch einen schmalen Sockelsims in zwei Zonen geteilt ist.

Die reiche figurale Ausstattung des Spiegels enthält eine Allegorie auf das Traumgesicht des Propheten Daniel von den vier weltlichen Monarchien und dem darauffolgenden ewigen Reich des heiligen Volkes des Höchsten. Auf der untersten spitzendigenden Zone des Gehänges weist vor einer Landschaft die aus einzelnen getriebenen Figuren gebildete Gruppe des Parisurteils auf die Veranlassung zum Krieg unter den Staaten, sie ist umrahmt von reichem spitzendigenden Roll- und Schweifwerk wie auch alle übrigen Felder. Die Zone darüber, unter dem in der Mitte im Bogen vorstehenden Gurtgesims, versinnlicht vor einer von zwei Nischen flankierten Halle mit ihren Freifiguren in drei Gestalten in Fesseln den Staat, Gesetz (?) und seinen Frieden und deren Schutz durch die Caritas, d. i. die christliche Liebe und die Fides, den Glauben, verbürgt von den Gestalten in den Nischen: nach den Beischriften Lex und Fides, hier also Gesetz und Gesetzestreue.

Das Bild des Spiegeldeckels erweitert diesen Gedankeninhalt und zeigt den Geist der Zeit auf der gefesselten Erdkugel sitzend zwischen der am Boden liegenden Lüge und dem in Wolken thronenden Verkünder der Wahrheit. Rechts und links von dem auf der Erde sitzenden geflügelten Genius der Zeit (Saturn?) stehen Krieg und Friede (?) oder Wut und Sanftmut (?). Alle drei den Verkünder der Wahrheit anflehend. Dahinter in der Landschaft rechts die Zerstörung des sündigen apokalyptischen Babels, links das von der Sonne bestrahlte himmlische Jerusalem. In dem Inventar der Kunstkammer von 1610 heißt es, der Spiegel stelle vor die Prophezeihung Danielis von den vier Monarchien auch des Römischen Reiches (Deutscher Nation). Darauf war sicher auch die Absicht seines Verfertigers gerichtet. Doch ist der Zusammenhang damit nur lose. Die vier antiken Monarchien werden personifiziert in den beiden berittenen Kriegern auf dem Kranzgesims und den beiden stehenden Kriegern auf dem Gurtgesims. Das bei Daniel darauffolgende ewige Reich wird als