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Seite:Sponsel Grünes Gewölbe Band 1.pdf/39

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in Frage kamen und erfüllt wurden, welche geschichtlichen und kulturellen Zusammenhänge mit ihnen verbunden sind, der wird an vielen nur mit stumpfen Augen vorübergehen oder er wird taub sein für das, was diese Dinge ihm neben dem, was er sieht, noch zu sagen haben, und er wird natürlich auch viele tatsächlich vorhandene Schönheit nicht bemerken. Der Kenner und Liebhaber aber und der in den Kulturen der Vergangenheit bewanderte Beschauer blickt da in eine Welt voll Leben und Tätigkeit, die seine nachfühlende Phantasie immer von neuem fesseln und anregen muß, er sieht die Dinge noch mit anderen Augen, als mit den bloß leiblichen Augen. Viele dieser Werke sind auch nicht bloß für das leibliche Auge geschaffen. Die Wissenschaft von alledem, was er da noch mit geistigen Augen sieht, bereitet ihm nicht geringere Anregung und Befriedigung, zumal sie verbunden ist mit ästhetischem Genuß.

Aus diesen Gesichtspunkten gewähren uns also diejenigen Werke, die nicht allein aus Gold oder Silber hergestellt sind, oft weit umfassenderes und vielseitigeres Interesse. Es verlohnt sich, das Charakteristische davon hervorzuheben, nicht nur aus der Zeit der Renaissance, sondern auch ihrer Vorzeit. Vieles davon erschließt sich nicht jedermann, es wendet sich oft sogar an eine bestimmte Gruppe von Kunstkennern, es hat etwas Exklusives, die Menge abweisendes, läßt nur den zum vollen Genuß gelangen, der in diesen Dingen zu Hause ist, den Museumsgelehrten, den Sammler, den in gleicher Arbeit tätigen Kunsthandwerker, manchmal auch den Kunsthändler. Und doch staunt auch die Menge diese Dinge an, es sieht aber nur die Kostbarkeit, die Seltenheit, erhitzt ihre Phantasie durch die Vorstellung ungeheurer Reichtümer, um mit stumpfen Sinnen an den Schönheitswerten verständnislos vorüberzugehen. Das ist das Merkwürdige, der Laie und der Kenner wird von ihnen in gleicher Weise angezogen – aber aus verschiedenen, weit voneinander entfernten Beweggründen. Wer indessen den Inhalt des Grünen Gewölbes nur als Luxusunsinn verwirft, gewappnet mit dem Theorem von der Schönheit der Zweckmäßigkeit, dieser Halbgebildete verrät die Schranke, die ihn von dem Verständnis für seinen Inhalt fernhält. Mag er auch über den Standpunkt der Menge sich erhoben haben, seinem Geschmackssinn fehlen die feineren Organe, um die in diesen Dingen liegenden Reize auf sich wirken zu lassen, es fehlt ihm aber auch der historische Sinn, der das Entstehen dieser Werke aus verschwundenen Kulturen zu begreifen sucht.