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THEKLA.
(Wallenstein.)


Unter den Frauencharakteren des grossen Dichters erweckt vielleicht keiner eine so tiefe innere Rührung als der Thekla’s, den er mit allem Zauber seiner Poesie, mit aller Pracht und Glut seiner Sprache zu schmücken gewusst hat. Der blendende Reichthum der letztern ist so gross, er nimmt unser Mitgefühl für die herrliche Gestalt so gefangen, dass wir selten dazu kommen, uns Rechenschaft über ihre einzelnen Eigenschaften zu geben, ja dass wir in jenem kühlern Alter, wo man über so viele Illusionen der Jugend nicht nur, sondern leider auch bisweilen über ihre echte und gerechte Begeisterung lächeln zu dürfen glaubt, oft sogar diesen Charakter unwahr finden und an ihm mäkeln. Freilich hätte man recht, wenn Tugend und Ehre, Aufopferungslust, Liebe und Hochsinn auch unnütze Jugendillusionen wären, statt wirkliche und hohe Güter, die unser ganzes Herz, unsere ganze Existenz auszufüllen vermögen, – wenn der nicht entsetzlich arm würde, der anfängt an ihrer Existenz zu zweifeln, sie für blosse Phrasen zu halten.

Wenn der Dichter in seinem grossartigen Werke alle mit Schuld beladen sein lässt und doch die einzigen Unschuldigen, Max und Thekla, diese jugendschönen und reinen Gestalten, als die ersten Opfer in diesem Conflicte unversöhnlicher und egoistischer Naturen fallen lässt, so ist die Wirkung davon eine um so tragischere und ergreifendere, als wir die Nothwendigkeit und Unvermeidlichkeit ihres Untergangs vollständig voraussehen, die gerade durch diese Reinheit, durch dieses Unvermögen, mit irgendeiner moralischen Ueberzeugung, mit irgendeinem Gebot der Pflicht und Ehre zu markten, herbeigeführt wird.

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Friedrich Pecht: Schiller-Galerie. F. A. Brockhaus, Leipzig 1859, Seite 177. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Schiller-Galerie.pdf/202&oldid=- (Version vom 1.8.2018)